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Herzstück des vielfach umstrittenen Renaturierungsgesetzes ist das Ziel, 20 Prozent der Flächen möglichst in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen. Würde diese Zielgröße in Bezug auf Europas Wälder, Moore, Agrarflächen, Flüsse oder Feuchtgebiete zumindest zu 90 Prozent erreicht, schlagen laut Berechnungen der EU-Kommission bis zum Jahr 2070 in etwa 154 Milliarden Euro zu Buche. Diese große Zahl erscheint allerdings deutlich kleiner, wenn man sich vor Augen hält, dass die Schätzungen der Folgekosten des Unterlassens von Renaturierung im vorgesehenen Maßstab satte 1.860 Mrd. Euro betragen könnten. Möglichst funktionierende Umwelt schützt nämlich nachweislich vor Schäden etwa durch Feuer oder Überschwemmungen, verringert die Gesundheitsausgaben und stabilisiert Ökosysteme und das wirtschaftliche System.
Ein in funktionierende Ökosysteme investierter Euro zahle sich in etwa achtfach aus, zitieren Wissenschafterinnen und Wissenschafter rund um den Erstautor des am Donnerstag vorgestellten Papiers, Thomas Elmqvist von der Universität Stockholm, EU-Analysen. Der Direktor des Umweltprogrammes der EASAC, deren Geschäftsstelle in Wien angesiedelt ist und der auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) angehört, verwies darauf, dass bis Ende des Sommers alle EU-Mitgliedsstaaten ihre Umsetzungspläne vorlegen müssen. Das politische Aufregerthema "Renaturierung" komme also wieder. Leider vernehme man vielfach etwa seitens NGOs, dass manche Staaten das Thema "nicht sehr ernst nehmen" und sich mit ihren Plänen eher am unteren Rand der Vorgaben orientieren, meinte Elmqvist.
Das sei angesichts des "katastrophalen Verlusts von 'Naturkapital'" erstaunlich. Mittlerweile machen der Mensch und seine Nutztiere 95 Prozent der Landbiomasse auf dem Planeten aus, Mitte des 19. Jahrhunderts hielten Wildtiere noch einen Anteil von geschätzt 50 Prozent. Diese massive Schieflage müsse wieder etwas ausgeglichen werden. Leider wurde das Thema zuletzt vielerorts zum politischen Kampfbegriff hochstilisiert. Bei der Renaturierung handle es sich aber um ein "wichtiges Investment". Es gehe nicht etwa um das Nachbauen von historischen Landschaften und ihren einstigen Funktionen, sondern darum, vielfältigeres Leben wieder zu ermöglichen.
Man stecke aber in einer wirtschaftlichen Zwickmühle, die heftige Reaktionen begünstige: Wer Natur ausbeutet, macht auf individueller Ebene viel Profit. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit. Renaturierung wiederum kostet dem Landeigentümer Geld, bringt aber der Allgemeinheit etwas. Hier müsse die Politik und Gesellschaft klug regulierend eingreifen. Wie genau, dafür gebe es leider kein Patentrezept, so der Wissenschafter.
Klar sei, dass der Umgang mit den Böden und die Landwirtschaft in Europa große Probleme mitverursachen: Man verliere nutzbare Erde, damit kommen Wasserspeicherkapazitäten und Speicherkapazitäten für CO2 und letztlich Biodiversität abhanden. Es brauche ein Umdenken in Richtung "präventive Renaturierung", die auch Naturkatastrophen entgegenwirkt. Ohne geeignete natürliche Wasserspeicher werden beispielsweise bekanntlich Hochwasser verheerender. In der Diskussion müsse man daher mehr herausstreichen, dass es hier nicht um neue Regulierung sondern um neue Möglichkeiten gehe. Die Rechnung dürften jedenfalls nicht nur Landbesitzer zahlen. Im Bemühen um gerechte Umsetzungsmodelle könne die Wissenschaft helfen.
Mit dem neuen Papier wollen die wissenschaftlichen Akademien aus 28 Ländern nun in den Dialog mit den jeweils zuständigen Ministerinnen und Ministern treten, hieß es. "Wir sind aktuell in einer sehr kritischen Zeit", betonte Fiona Regan von der Dublin City University. Auch in Irland verlaufe die Diskussion kontrovers - in Österreich kann man dazu ein sehr ähnlich klingendes Lied singen. Es gebe aber "echte Lösungen", die man auch wissenschaftlich nachvollziehbar darlegen könne, so Regan, die sich mehr Aufmerksamkeit für gelungene Projekte wünschte.
Service: EASAC-Stellungnahme: https://doi.org/10.1553/EASAC_Commentaries_NRR_2025
