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Forscher: Raumgerechtigkeit ist das Zukunftsthema der Städte

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Stadt- und Regionalforscher Martin Heintel
©Anna Stöcher, APA
In Sachen künftiger Klimafitness von Großstädten gilt Paris als Vorzeigemodell. Wie radikal Bürgermeisterin Anne Hidalgo seit 2014 in der Seine-Metropole die Autos zurückdrängte und die Entsiegelung vorantrieb, findet weltweit Beachtung. "Auch zu uns kommen regelmäßig Delegationen, um sich Anregungen zu holen, wie die Transformation der Bestandsstadt vorangetrieben werden kann", sagt Stadtforscher Martin Heintel, der seit 16 Jahren in Wien-Neubau auf Bezirksebene aktiv ist.

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In seinem Büro am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien bekommt der 58-Jährige die Veränderungen und Herausforderungen in der "Bestandsstadt" hautnah mit. Sein Blick aus dem Fenster trifft vorwiegend auf Asphalt, die Raumtemperatur kann im Sommer schon mal 37 Grad betragen, und der Umbau der Universitätsstraße hat zwar etwas mehr Bäume und großzügigere Radwege, aber keine Grüngleise für die Straßenbahnen gebracht. Die Situation rund um das Neue Institutsgebäude erinnere an die Klimapolitik der Stadt insgesamt: gute Ansätze in die richtige Richtung, aber Halbherzigkeit in der Ausführung.

Dass es auch anders geht, dokumentiert der Wissenschafter als Herausgeber eines kürzlich erschienenen Buches: In "Wien7_Neubau: Stadtplanung, Stadtentwicklung und Stadtlabor" wird die Entwicklung des siebenten Wiener Gemeindebezirks zu einem lebenswerteren Stadtteil dokumentiert. "Wenn man die Leute fragt, in welcher Umgebung sie leben wollen, dann heißt es häufig: Schön wäre ein fließender Bach mit etwas Wald samt Tieren, und die Kinder sollen auf der Straße leben und spielen können", weiß Heintel.

So sieht freilich auch der siebente Bezirk nicht aus, aber dass er sich ein kleines Stück weit in Richtung dieser Utopie entwickelt hat, daran hat auch Heintel seinen Anteil - als langjähriger Bezirksrat und Vorsitzender der Bezirksentwicklungs- und Wirtschaftskommission. Als solcher lege er Wert auf evidenzbasierte Planung, schildert er. Aus detaillierten Erhebungen wisse man etwa: "Wir haben genug Parkplätze." Die öffentlichen und privaten Stellplätze des Bezirks reichten völlig aus. Nachhaltige Politik bedeute keine Mobilitätsfeindlichkeit.

Wenn der Geograph Besuchern die Transformation "seines" Bezirks vor Augen führen möchte, führe er sie an vier Orte, die für vier Etappen stünden, erzählt er. Den Anfang mache er in der Zieglergasse, die vor sieben Jahren zur "ersten grünen Meile Wiens" umgebaut worden sei. Die Lösung mit einseitig gepflanzten Bäumen, zwischen denen Autos parken können, sei jedoch als mutlos kritisiert worden. In der Zollergasse habe man daraufhin die Neuplanung der Stadt, die ohne einen einzigen Baum ausgekommen wäre, durch Pflanzung einer Baumreihe in der Straßenmitte völlig auf den Kopf gestellt.

In der Bernardgasse sei danach durch Verzicht auf 152 Stellplätze die erste Straßenfläche Wiens ohne ruhenden Verkehr entstanden, erzählt Heintel. "Die Zufriedenheit ist extrem hoch." Die vierte Etappe harrt indes noch der Umsetzung: Aus der Agenda 21 sei die Idee eines Parkverbundes entstanden, in dem sich Biodiversität und Mikroleben entfalten könne: "das grüne Band". Projekte wie diese gebe es zur Genüge, es brauche dafür neben budgetären Mitteln vor allem entsprechenden politischen Willen der Stadtverwaltung.

"Der Druck aus der Bevölkerung hat stark zugenommen. Da ist Fahrt aufgenommen worden", ist sich der Wissenschafter und Bezirkspolitiker sicher. "Die Bevölkerung ist wesentlich weiter als die Politik." In Paris seien zahlreiche Straßen begrünt und den Fußgängern und Radfahrern übergeben worden, in Wien müsse man hoffen, dass bei der Neugestaltung von Gürtel und Zweierlinie nicht erneut der Autoverkehr im alles dominierenden Zentrum stehe.

"Raumgerechtigkeit ist auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Stadtentwicklung ein ganz wichtiges Thema: Wie kann man den öffentlichen Raum gestalten und fair aufteilen, dass unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen ihre Bedürfnisse befriedigen können und vulnerable Gruppen besonders geschützt werden?", so Heintel. "An Bedeutung gewinnen werden sicher auch die Themen Sicherheit und Gesundheit, auf die Hidalgo stark setzt. Und auch auf den Erhalt der Lebendigkeit der Erdgeschoßzonen muss man sehr aufpassen."

Das Buch über Wien-Neubau macht in seiner Mischung aus Wissenschaftlichkeit und Erfahrungsbericht, Rückschau auf Gelungenes und Utopie für die Zukunft, Hoffnung, dass die Anpassung von Großstädten auf sich rasch ändernde Bedingungen bewältigbar ist. An sich sei Wien dabei gar nicht so schlecht unterwegs, meint Heintel. Und was braucht Wien, um Paris zu werden? "Mehr Mut und Konsequenz!"

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Martin Heintel (Hg.): "Wien7_Neubau: Stadtplanung, Stadtentwicklung und Stadtlabor", Böhlau, 375 Seiten, zahlr. farbige und s/w-Abb., 52 Euro, ISBN: 978-3-205-22141-8)

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Anna Stöcher

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