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2nd Opinion: Krieg und Frieden

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Michael Fleischhacker

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Der Krieg in der Ukraine dauert seit vier Jahren, der Friede in Gaza bleibt eine Illusion, auch wenn Donald Trumps „Friedensrat“ dieser Tage zum ersten Mal tagt. Man hat den Eindruck, dass mit der Rückkehr des Krieges auch George Orwell und sein Roman „1984“ retour sind.

Ich glaube, dass in meiner Generation jeder, der über ein gewisses Maß an Selbstbescheidung verfügt, Hemmungen hat, in einer prinzipiellen Weise über Krieg und Frieden zu sprechen.

Nicht nur, weil er sofort an Tolstojs Opus Magnum und seine beeindruckend-niederschmetternde Größe denkt, sondern auch, weil es sich um Begriffe handelt, die mit unserer Realität nichts zu tun hatten. Frieden war Normalität, Krieg war unvorstellbar, worüber hätte man da reden sollen?

Die Rückkehr des Krieges nach Europa

Klar, es gab den Jugoslawien-Krieg, dessen Anfänge ich sogar als Reporter in Slowenien und Kroatien erlebt habe. Aber in den Augen der Welt handelte es sich dabei um einen „Bürgerkrieg“, irgendwelche südslawischen Stämme, die plötzlich nicht mehr in einem gemeinsamen Staat leben wollten. Die Golfkriege waren weit weg, man hörte, es gehe um Öl oder Menschenrechte.

Als nach 9/11 die Amerikaner Afghanistan angriffen, erklärten die Schlauberger unter uns, dass doch schon Churchill, der als junger Mann gegen die Paschtunen gekämpft hatte, der Ansicht war, man könne dort nur Schlachten gewinnen, aber niemals das Land befrieden. Als wir uns mit dem zweiten Irak-Krieg den Islamischen Staat eingehandelt haben, kam uns der Krieg in Form von islamistischen Anschlägen näher. Aber die eigentliche Rückkehr des Krieges verbinden wir hier in Europa mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine, der sich kommende Woche zum vierten Mal jährt.

Der Krieg ist da

Jetzt ist er da, der Krieg, er hat sich in unseren Köpfen festgefressen, trotz seiner geografischen Nähe aber nicht als Realität, sondern vor allem als Option. Die Deutschen nehmen tausend Milliarden Euro Schulden auf, um wieder kriegstüchtig zu werden und nennen das „Sondervermögen“.

Es scheint mit der Rückkehr des Krieges überhaupt eine Rückkehr des Orwell-Zeitalters angebrochen zu sein. „Krieg ist Frieden“ war eine der drei Parolen der Partei in seinem Roman „1984“, der Große Bruder regierte über die totale Umdeutung der Bedeutungen (die beiden anderen Parolen, „Freiheit ist Sklaverei“ und “Unwissenheit ist Stärke“ haben sich inzwischen im öffentlichen Diskurs ja auch weitgehend durchgesetzt).

Der falsche Glaube an den „ewigen Friede“

Als 1989 der Kalte Krieg ohne Blutvergießen zu Ende ging, dachten viele, dass mit dem „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama, 1992) auch der „ewige Friede“ (Immanuel Kant, 1795) angebrochen sei, aber es dauerte nicht viel länger als das größenwahnsinnige Jahrzehnt der 90er-Jahre, bis sich die Ernüchterung langsam Bahn brach. Das erste Vierteljahrhundert des neuen Jahrtausends war eine ziemliche Rosskur in Sachen Reality-Check.

Es ist sicher kein Zufall, dass die 1990er-Jahre auch die Zeit waren, in denen es dem New Yorker Immobilienunternehmer Donald Trump durch Manöver, die sich ohne eine gewisse Neigung zum Größenwahn und die Bereitschaft zur Selbstkarikatur nicht erklären lassen, gelang, die drohende Pleite seines Imperiums abzuwenden.

Von da an war Donald Trump in den Augen von Donald Trump nicht mehr zu stoppen. Wenn dieser Tage in Washington der „Friedensrat“ tagt, den er für die Umsetzung seines „Friedensplans“ für Gaza ins Leben gerufen hat, der aber perspektivisch als UNO-Ersatz unter amerikanischer Führung konzipiert ist, sind wir der Welt von „1984“ wieder einen Schritt nähergekommen.

Was heißt Krieg und was ist Frieden?

Wir werden uns mit der Frage wieder etwas genauer beschäftigen müssen, wenn wir verstehen wollen, was sich da in immer enger werdenden konzentrischen Kreisen rund um die österreichische Insel der Seligen abspielt. Sobald wir das tun, bemerken wir, dass die Erregungsmaschine der digitalen Medien bereits ganze Arbeit geleistet hat: Der öffentliche Diskurs wird von Kriegsbegeisterung und Friedensnaivität dominiert, auch in der Debatte um den Ukraine-Krieg, dessen Ausbruch sich in der kommenden Woche zum vierten Mal jährt.

Es ist nur der mehrjährigen Abnutzung der Begriffe und der allgemeinen Ermüdung zu verdanken, dass man inzwischen über mögliche territoriale Zugeständnisse an den russischen Aggressor reden kann, ohne als mutmaßlicher KGB-Agent in Gewahrsam genommen zu werden.

Der Deutsche träumt vom Seelenfrieden, der Amerikaner versucht, einen Pakt zu schließen

Wie immer hilft auch in diesem Fall die Etymologie: Während das deutsche Wort „Frieden“ einen sehr illusorischen Charakter besetzt, weil es in die Bedeutungsfamilie der Freundschaft, der wechselseitigen Liebe und Sorge eingebettet ist, wohnt das englische „Peace“, das sich vom lateinischen „Pax“ herleitet, im Haus der Verträge und Vereinbarungen, des Eigennutzes und der Pragmatik.

Der Deutsche träumt vom Seelenfrieden, der Amerikaner versucht, einen Pakt zu schließen, der ihm nutzt. Viel mehr muss man über das transatlantische Verhältnis eigentlich nicht wissen. Und der Österreicher ist in dieser Hinsicht ein Deutscher, der nach ein paar Vierterln zu glauben beginnt, er könnte auch ein Amerikaner sein. Nach zwei Flaschen würde er vermutlich zu überlegen beginnen, ob man die Frage „Deutscher oder Amerikaner?“ nicht auch einer Volksbefragung unterziehen könnte.

Was die unmittelbaren politischen Aufgaben betrifft, so fürchte ich, dass die alte römische Maxime immer noch Gültigkeit hat: „Si vis pacem, para bellum“. Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: redaktion@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.

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