Die Aufregung über die Abwesenheit des Kanzlers und anderer politischer Repräsentanten am Opernball mag wie eine Randnotiz wirken. Tatsächlich erzählt sie aber viel über Symbolik und Verantwortung in Zeiten wachsender Unsicherheit.
Es war eine Diskussion auf Social Media. Überschaubare Tragweite, geringes Haltbarkeitsdatum. Emotional überspitzt und dem Augenblick geschuldet. Noch dazu in der Woche aller Wochen, am Tag aller Tage: dem Opernball. Eine Debatte, die viel darüber erzählt, worüber dieses Land gerne spricht – und worüber weniger: über Traditionen leichter als über die Zumutungen der Gegenwart.
Also reden wir über den Opernball. Prunk und Gloria für wenige Privilegierte, die Jahr für Jahr das Glück haben, eine Karte für gutes Geld zu ergattern. Bestenfalls natürlich eine Loge. Unter sich sein – ein Ritual, das in diesem Land besonders zelebriert wird. Beobachtet von 1,5 Millionen vor den Bildschirmen, die sich das Defilee der oberen Zehntausend nicht entgehen lassen wollten. Traumquote für den ORF.
Des Kanzlers verpasste Gelegenheit
Strategisch unklug also, dass sich der Kanzler nicht hat blicken lassen. Ein Millionenpublikum bekommt man schließlich nicht allzu oft auf dem Silbertablett präsentiert. Er ließ die Gelegenheit ziehen. Aus Gründen. Das sorgte für Unverständnis und Kritik.
Schließlich bringe der Opernball, wo „Hochkultur auf Unternehmergeist“ und „Walzer auf nationale und internationale Wirtschaft“ trifft, Wertschöpfung. Hier würden „Türen geöffnet, Geschäfte angebahnt, Business-Freundschaften vertieft“, heißt es. Daher sei es unverständlich, „dass die Regierung ihrem eigenen Staatsball fernbleibt, anstatt mitzuhelfen, Investoren zu motivieren“.
Der Ball der Bälle sei vor allem Arbeit, heißt es auch. Das Gedränge! Die vielen wichtigen Leute! Die Gespräche! Wirtschaft. Politik. Wer mit wem? Darf man Zweifel haben? Auch mit Blick auf die Gesamtverfasstheit des Landes? Und die, die da waren? Hatten – je nach Sichtweise – den falschen Staatsgast dabei. Das falsche Kleid an. Oder waren überhaupt am falschen Platz.
Gleichschritt statt Dreivierteltakt
Der Kanzler war bei einem außerordentlichen Treffen der EU-Chefs. Ein Treffen, bei dem es darum ging, Europas Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Man stelle sich vor, er wäre ferngeblieben, weil Dreivierteltakt statt Gleichschritt in EU-Fragen auf seiner Prioritätenliste ganz oben gestanden wäre. Undenkbar. Der Walzer im schönsten Ballsaal der Welt ist ein Aushängeschild. Ein TV-Ereignis. Tradition. In vielerlei Hinsicht einzigartig. Von außen betrachtet ist er aber auch eine Nebensächlichkeit – jedenfalls in Zeiten wie diesen. So hoch kann man den Staatsball, der eigentlich ein Künstlerball sein will, gar nicht hängen.
Nachhaltige Investitionen entstehen vor allem aus verlässlichen Rahmenbedingungen, Reformbereitschaft und Planungssicherheit. Ein Abend mit Blitzlicht und Small Talk kann Kontakte ermöglichen. Ersetzen kann er Standortpolitik nicht. Wäre der Opernball tatsächlich der Door-Opener der Extraklasse, dann bitte monatlich so einen Ball. Im Walzertakt und beschwingt an die Spitze all jener Rankings, die mehr über die Wirtschaftskraft des Landes aussagen als das medial gepushte Ranking der schönsten Ballroben.
Der 'Urlaub von der Weltgeschichte' ist vorbei. Für Europa. Und auch für Österreich
Diagnose und Warnung
Symbolik hat natürlich ihren Platz. Verantwortung aber auch. Beides auseinanderzuhalten, ist nicht immer einfach. Und doch lohnt sich ein Perspektivenwechsel. Ein Tag nach dem Ball. Ein anderes Parkett. Keine Roben, keine Logen. Sicherheitskonferenz in München. Der österreichische Kanzler war ebenfalls dabei, als sich dort die Tonlage spürbar veränderte. „Der Urlaub von der Weltgeschichte“ sei vorbei. Mit diesen Worten hat der deutsche Kanzler die Europäer aus dem Schlaf gerissen.
Ein Satz, der Diagnose und Warnung zugleich ist: Wenn die Vereinigten Staaten nicht mehr verlässlicher Schutzgarant sind, dann müssten Deutschland und Europa lernen, sich in einer von Machtpolitik geprägten Welt zu behaupten. Auch für Österreich stellt sich diese Frage. Wenngleich anders als für Deutschland. Aber sie stellt sich. Denn auch Österreichs Neutralität sollte den Blick auf die europäische Realität nicht verstellen. Es fiel aber auch ein Halbsatz mit mehr Sprengkraft als manche Grundsatzrede: Merz erwähnte beinahe beiläufig, dass er mit Emmanuel Macron über eine europäische Abschreckung mit Atomwaffen spreche. Strategische Bequemlichkeit war gestern: „Merz lässt gefährlichen Geist aus der Flasche“, schreiben deutsche Medien.
Während in München über Abschreckung, Macht und Eigenständigkeit gesprochen wird, postet Österreichs Wirtschaftsminister: „Große Chance für Österreich. Europa investiert Milliarden in Sicherheit. Das eröffnet wirtschaftliches Potenzial für unseren Standort.“ Auch das ist eine Perspektive. Hier das berechtigte Schielen auf Aufträge. Dort die damit einhergehende Debatte über sicherheitspolitische Verantwortung. Beides gehört zur Realität europäischer Politik.
Vielleicht liegt genau darin der Kern dieser Tage: Hier die Empörung darüber, wer im Ballsaal fehlt. Dort die Frage, ob Europa im Ernstfall alleinstehen kann. Der „Urlaub von der Weltgeschichte“ ist vorbei. Für Europa. Und auch für Österreich. Unter eigenen Vorzeichen und mit eigenen Antworten.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.

