Mit einer Doppelstrategie versucht der ÖVP-Chef, aus dem Umfragetief zu kommen. Dabei riskiert er jedoch, Freiheitliche nur noch stärker zu machen.
Analyse der Woche
Bisher hat sich ÖVP-Chef Christian Stocker darauf konzentriert, als Kanzler zurückhaltend und besonnen zu wirken. Zunehmend weicht er davon jedoch ab.
Kein Wunder: In Anbetracht von Umfragewerten, die seine Partei auf Bundesebene weit hinter der FPÖ sehen und die in Ländern wie Oberösterreich Befürchtungen nähren, dass man den Posten des Landeshauptmanns an die Blauen verlieren könnte, muss er reagieren. Aber wie?
Helle Köpfe und finstere Gestalten
Stocker setzt auf eine Doppelstrategie. Zum einen bemüht er sich, Härte in der Migrationspolitik zu zeigen. Zitat: Wer sich gegen „unsere Ordnung“ stelle, habe Österreich „freiwillig oder zwangsweise“ zu verlassen. Begründung: „Wir brauchen in unserem Land die hellsten Köpfe und keine finsteren Gestalten.“
Es ist ein Spiel mit dem Feuer: „Finstere Gestalten“ ist eine so offene Formulierung, dass man sich alle Personen darunter vorstellen kann, die einem nicht gefallen; aufgrund von Wesenszügen oder Äußerlichkeiten etwa. Insofern ist sie dazu angetan, üble Stimmungen zu legitimieren. Außerdem bestätigt und stärkt sie Kickl: Derlei passt eher zu ihm. Er ist hier der „Schmied“, der immer auch bei den Schlussfolgerungen am weitesten geht. Stichwort Massenabschiebungen.
Nächstes Risiko: Wehrdienst-Volksbefragung
Parallel dazu bemüht sich Stocker, Akzente auf anderen Feldern zu setzen. Zum Beispiel durch die Ankündigung der Wehrdienst-Volksbefragung. Selbst hier aber riskiert er viel: Nicht nur, dass er erst eine Fragestellung finden sowie SPÖ und NEOS dafür gewinnen muss.
Er eröffnet Kickl eine Chance: Dieser macht keinen Hehl daraus, die Befragung in eine Neutralitätsabstimmung umfunktionieren zu wollen. Wissend, dass sich viele Menschen gerade in Zeiten wie diesen nach vermeintlich guten alten Verhältnissen zurücksehnen. Und dass ihm Stocker dabei „hilft“, weil er es verabsäumt, eine offene Auseinandersetzung mit den militärischen Bedrohungen von heute zu betreiben und so ein Problembewusstsein zu schaffen – was die Voraussetzung dafür wäre, dass sich eine breitere Öffentlichkeit bei der Befragung nicht von Emotionen oder Illusionen, sondern von sachlichen Erwägungen leiten lässt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

