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Nach dem Ausfall der beschädigten Druschba-Ölpipeline in der Ukraine forderten Ungarn und die Slowakei JANAF nämlich auf, russisches Öl über den Seeweg zu transportieren. Kroatien hat sich bereit erklärt zu helfen. Das Unternehmen, das mehrheitlich dem kroatischen Staat gehört, weigert sich jedoch unter Verweis auf EU- und US-Sanktionen, russisches Rohöl durch die Adria-Pipeline zu pumpen. Der ungarische Mineralölkonzern MOL wandte sich deswegen an die EU-Kommission. Ungarn und die Slowakei argumentieren, dass die Ausnahme von den EU-Sanktionen für russisches Öl für ihre beiden Länder nach Ausfall der Druschba-Pipeline auch in diesem Fall gilt. Einen Streit gibt es außerdem über die Transitgebühren für den Öltransport.
Ungarn habe ein starkes Interesse, russisches Öl zu bekommen, weil die Lieferungen immer günstiger waren - auch schon vor Kriegsbeginn in der Ukraine, sagte Johannes Benigni von der Energieberatungsfirma JBC Vienna im Gespräch mit der APA. "Man kann sich denken, dass Ungarn von Russland jetzt noch einen größeren Preisabschlag herausholen konnte und deswegen ist das für sie ökonomisch rational." Russisches oder anderes Rohöl über den Seeweg zu importieren, würde die Kosten weiter erhöhen. Allein die Versicherungsprämien für die Schifffahrt "seien durch die Decke gegangen".
Einen Energiestreit zwischen Ungarn und Kroatien gebe es schon lange, nämlich seitdem die MOL 2009 die Führung in der kroatischen Ölgesellschaft INA übernommen habe, ergänzte der Westbalkan-Experte Vedran Džihić gegenüber der APA. Der aktuelle Streit habe aber auch eine politische Dimension. Džihić nennt ein historisches Spannungsverhältnis zwischen Ungarn und Kroatien. Budapest habe aus Zagreber Sicht dominantes Verhalten gezeigt und Versuche unternommen, Kroatien für sich zu vereinnahmen. Hinzu komme ein geopolitisches Spannungsverhältnis. Kroatien positioniere sich in Bezug auf die Ukraine und auf den russischen Angriffskrieg klar und im europäischen Konsens, während Ungarn hier eine andere, russlandfreundliche Haltung einnehme.
Nun bleibe abzuwarten, wie sich die EU-Kommission äußere. In diesem Zusammenhang gab der Politologe des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (OIIP) zu bedenken, dass der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković in Brüssel und vor allem bei der Europäischen Volkspartei (EVP) sehr hoch angesehen sei. Plenković habe eine sehr gute Arbeitsbeziehung zu Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Kroatien und Österreich gehören beide der Gruppe "Freunde des Westbalkan" an, die sich um eine rasche EU-Erweiterung der sechs Westbalkanländer bemüht. Derzeit gibt es neun offizielle EU-Beitrittskandidaten mit unterschiedlichen Verhandlungsstadien: Neben den Westbalkanstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien gehören Georgien, die Republik Moldau, die Türkei und die Ukraine dazu. Der Kosovo wird als potenzielles Kandidatenland geführt. Montenegro und Albanien gelten in ihrer EU-Integration am weitesten fortgeschritten.
Anders als Österreich hat Kroatien allerdings historisch bedingte "Animositäten", wie Džihić weiter erklärte. Diese könnten im Beitrittsprozess dreier Westbalkanländer zu Schwierigkeiten führen: "Aus der heutigen Sicht gibt es nicht nur keine Unterstützung aus Kroatien für den serbischen Beitritt, sondern eine ganz klare Ablehnung - in der Öffentlichkeit und auch politisch." Der Experte verwies auf große historische Konfliktlinien seit dem 19. Jahrhundert zwischen den beiden Ländern, die in den 1990er-Jahren einen blutigen Krieg ausgefochten haben. Sowohl die serbische Politik von Präsident Aleksandar Vučić als auch die konservative kroatische HDZ-Regierung von Plenković machten derzeit einen "Renationalisierungsprozess" durch. Es sei eine neue nationalistische Politik, "wo man auch an einigen Ecken und Enden Revisionismus betreibt", so Džihić.
Auf kroatischer Seite führt der Experte das Konzert des nationalistischen Sängers Thompson als Beispiel an. Der Sänger lockte mit faschistischen und antiserbischen Sprüchen etwa 500.000 Menschen zu einem Konzert im vergangenen Juli. Auch Plenković ließ sich mit Thompson fotografieren. Auf der anderen Seite habe sich Serbien unter Vučić stark autokratisiert und setze auf einen bisweilen sehr aggressiven Nationalismus, in dem die Kroaten als zentrale Gegner Serbiens dargestellt würden. Kürzlich hat etwa das serbische Außenministerium eine Reisewarnung für Kroatien ausgesprochen, berichtete Džihić. Ohne einen Versöhnungs- und Wiederannäherungsprozess zwischen den beiden Staaten kann sich Džihić keine Zustimmung Kroatiens zu einem serbischen Beitritt vorstellen.
Auch in Bosnien-Herzegowina spielt Zagreb laut Džihić keine konstruktive Rolle. Offiziell macht sich die kroatische Regierung für einen EU-Beitritt des Landes stark. Dies werde aber gleichzeitig verknüpft mit der Forderung nach sogenannter legitimer Repräsentation des kroatischen Volkes im Rahmen des Staatsgebildes, das aus zwei relativ autonomen Gebietseinheiten besteht. Kroatien hätte gern mehr Rechte für die kroatische Bevölkerungsgruppe in der bosniakisch-kroatischen Entität und liebäugle zugleich mit einer dritten kroatischen Entität. Dies stoße den Bosniaken und pro-bosnischen Kräften im Land "sauer auf", erklärte Džihić. Diese "Ethno-Territorialisierung" widerspreche "im Kern aber auch den Prinzipien und Werten der Europäischen Union".
Spannungen gebe es außerdem zwischen Kroatien und Montenegro. Hierbei gehe es um einige stritte Fragen: Die Prevlaka-Halbinsel und den Zugang zur Bucht von Kotor. Hinzu kämen kroatische Reparationsforderungen rund um das berüchtigte Lager Morinj, in das 1991 Zivilisten und Verteidiger der Gegend von Dubrovnik gebracht und in dem Kriegsverbrechen verübt wurden. In der Regierung in Podgorica säße auch eine revisionistische serbische Partei, die mit Vučić eng verbunden sei, die mit einer 2025 vom Parlament in Podgorica verabschiedeten Resolution zum Konzentrationslager Jasenovac aus dem Zweiten Weltkrieg für heftigen rhetorischen Schlagabtausch zwischen Zagreb und Podgorica gesorgte hatte. Zuletzt gab es wieder Anzeichen der Annäherung. Allerdings bleibt nach Ansicht von Džihić offen, ob Kroatien einem montenegrinischen EU-Beitritt so leicht zustimmen wird können und wollen.
Österreich unterstützt das Modell der "graduellen Integration" der EU-Beitrittsanwärter. Durch schrittweisen Zugang zum Binnenmarkt und anderen Politikbereichen sollen die Kandidaten näher an Europa gebunden werden. Das Konzept der graduellen Erweiterung werde am Westbalkan jedoch differenziert gesehen, erläuterte Džihić.
Während Montenegro eine volle Mitgliedschaft mit allen Rechten und Pflichten anstrebe, hätte sich der albanische Premier Edi Rama gemeinsam mit Serbiens Präsident Vučić unlängst für ein Nachdenken über eine graduelle Integration ausgesprochen. Bosnien-Herzegowina wiederum sei "politisch blockiert". Vor den allgemeinen Wahlen im Oktober 2026 werde sich vermutlich in Sachen EU-Integration nichts tun. In Nordmazedonien andererseits sei "die Frustration über die EU in den letzten Jahren schon enorm angestiegen", weil das Land trotz von der EU geforderten Namenswechsels noch immer auf seinem Weg Richtung Brüssel blockiert wird. Der Kosovo sei überhaupt in der schwierigsten Position. Abgesehen von innenpolitischen Turbulenzen sei das Land weiterhin von fünf EU-Staaten nicht anerkannt. Und diese fünf würden den Kosovo auch nicht in nächster Zukunft anerkennen, meinte Džihić.
Unabhängig davon werde die Entwicklung rund um die EU-Annäherung der Ukraine entscheidend sein. Nach einer beschleunigten Mitgliedschaft der Ukraine sehe es derzeit nicht aus, sagte der Experte. Zudem gebe es in der Frage der EU-Erweiterung nicht nur unter den Kandidatenländern, sondern auch innerhalb der EU-27 divergierende Meinungen. "Hier braucht es einen Vergewisserungsprozess innerhalb der Europäischen Union, wo durchaus auch Österreich einen Beitrag leisten kann. Es braucht in diesem Getriebe der EU-Erweiterungsdebatten einen neuen Push."
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) am Freitag, 06. März 2026, anl. eines Sicherheitsupdates des Außenministeriums zur aktuellen Situation im Nahen Osten in Wien.
