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Wie Politik durch Kooperation stärker werden kann

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Als Verhaltensökonomen arbeiten Matthias Sutter und Martin Kocher schon lange zusammen. Mit Vertrauen und ohne sich auf Kosten des anderen auszuruhen. Nun haben die beiden ein Buch darüber geschrieben, wie uns Zusammenarbeit und Vertrauen stärken. Und wie man damit auch in Politik und Klimaschutz weiterkommt.

Schwarztee oder Grüntee? Diese Frage steht am Beginn des Buchs „Gemeinsam stark“ von Martin Kocher und Matthias Sutter. Bei dem einen oder anderen Aufgussgetränk hatten die beiden Verhaltensökonomen an der Uni Innsbruck Forschungs­projekte ausgeheckt. Die Wege trennten sich beruflich: Schwarzteetrinker Kocher wurde IHS-Chef, ­Wirtschafts-und Arbeitsminister und Nationalbank-Gouverneur, Grünteetrinker Sutter war Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Köln und leitet heute das Max-Planck-Institut in Bonn zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. Zwischen dem aktuellen Job und dem Ministeramt Kochers fand man Zeit für ein Buch, das sich ihrer Forschungsarbeit widmet: Vertrauen und ­Kooperation.

Positive Erkenntnis: Gemeinsam kommt man weiter als allein. Das Vertrauen dafür wächst von Kindesbeinen an mit den (positiven) Erfahrungen. Aber: In jeder Gruppe, in jedem System gibt es Menschen, Institutionen, Staaten, die als Trittbrettfahrer die anderen für sich arbeiten lassen. Dagegen, auch das zeigt die Forschung, wirken Strafen besser als Belohnungen.

Wie wirken sich die Erkenntnisse über Kooperation beim Kampf gegen die Klimakrise aus? Wie schafft man Vertrauen in die Politik? News traf die beiden Wissenschaftler zum Gespräch bei Schwarztee und Grüntee.

Sie haben ein Buch darüber geschrieben, dass man gemeinsam mehr erreicht. Dennoch ist heute oft vom „Recht des Stärkeren“ und einer Gesellschaft von Egoisten die Rede. Welche Folgen hat das?

Kocher: Man sollte aktuelle Ereignisse nicht überinterpretieren, was die langfristigen Vorteile von Kooperation betrifft. Es ist völlig klar, dass wir Menschen gemeinsam stärker sind, auch wenn das nicht immer leicht ist und es auch Konflikte gibt. Viele Ziele – in der Familie, im Management, im Klimaschutz – kann man nur gemeinsam erreichen.

Sutter: Selbst die Starken werden stärker, wenn sie zusammenarbeiten. Wenn wir Kooperationen aufkündigen, verlieren alle.

Sie beschreiben das Phänomen der Trittbrettfahrer: Wie viele solcher Menschen hält das System aus? Bei Gruppenarbeiten reicht einer, um das Ergebnis runterzuziehen.

Kocher: So ist es. Aber auch die kann man mit den richtigen Maßnahmen zur Kooperation bringen. Man muss aber sagen: Alle Menschen verhalten sich manchmal kooperativ und manchmal egoistisch.

Sutter: In großen Gemeinschaften ist es schwierig zu identifizieren, wer Trittbrettfahrer ist und wer nicht. Das ist der Vorteil kleinerer Gruppen: Da sieht man rasch, wer mitzieht. Für die anderen muss man sich Regeln überlegen. Wenn Leute auch mit freundlicher Aufmunterung in einer Gruppe nicht kooperativ werden, ist Trennung oft die einzige Lösung.

Man würde ja hoffen, dass Belohnung und gutes Zureden funktionieren. In Wahrheit wirken Strafen besser.

Sutter: Belohnung braucht man ständig und sie muss immer größer werden. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und denkt sich schnell, das steht mir zu. Hinter der Bestrafung hingegen steht nichts anderes als die soziale Norm, dass wir kooperativ miteinander umgehen. Wenn die Leute das tun, kommt es ja gar nicht zu einer Situation, die eine Strafe verlangt.

Kocher: Theoretisch gesprochen: Eine funktionierende Strafe ist abschreckend, ohne je eingesetzt werden zu müssen.

Klimawandel ist die Königsklasse eines sozialen Dilemmas

Martin Kocher
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Paradebeispiel eines Problems, das man nur gemeinsam lösen kann, ist die Klimakrise. Aber es gibt kaum ein Feld, wo die Leute frustrierter sind: Die einen, weil zu wenig passiert, weil sie das Gefühl haben, dass sie als Einzige fürs Klima Verzicht üben. Die anderen, weil sie meinen, dass man ihnen zu viel abverlangt.

Kocher: Der Klimawandel ist eines der drängendsten Probleme und sehr schwierig zu lösen, weil er global wirkt, es aber unterschiedlich starke Betroffenheit in Teilen der Welt gibt und keine zentrale übergeordnete Autorität, die Trittbrettfahrer sanktionieren könnte. Man ist auf freiwillige Kooperation angewiesen. Die Königsklasse eines sozialen Dilemmas. Eine Schwierigkeit ist, dass Menschen glauben, ihr individueller Beitrag alleine wäre entscheidend. Dieser ist wichtig, aber es geht darum, dass wir es schaffen, dass alle etwas beitragen und dass die Anreize für alle richtig sind. Internationale Verträge haben bisher nicht so gut funktioniert, wie wir es bräuchten, um der Erderwärmung entgegenzuwirken.

Woran liegt das? Sind die Ziele zu abstrakt, wie etwa das 2-Grad-Ziel?

Sutter: Kooperation funktioniert besser, wenn die Anreize größer sind und wenn man durch sie mehr gewinnen kann. Vor etwa 20 Jahren gab es in Europa die Idee, wir könnten Vorreiter in der Klimapolitik werden, wenn wir die richtigen Technologien entwickeln und Marktführer werden. Dann ist man umgeschwenkt: Wir werden Klimaführer, indem wir verbieten. Die Haltung davor war viel attraktiver für Kooperation, denn Unternehmen, die neue Technologien entwickelten, profitierten davon, genauso wie ihre Arbeitnehmer. Am Ende des Tages ist es so: Es muss sich rechnen. Da ist Europa mit dem Green Deal falsch abgebogen. Den Menschen muss klar sein, wir profitieren von Maßnahmen, wir leiden nicht darunter. Wie es funktionieren kann, sieht man beim Ozonloch und dem Verbot von FCKW. Da war man sehr erfolgreich.

Das war ein vergleichsweise überschaubares Problem: FCKW konnte man gut ersetzen.

Sutter: Dass man das Problem relativ leicht identifizieren konnte, macht viel aus. Das läuft im Moment anders. Was schadet dem Klima? Das Methan der Rinderhaltung? Das CO2 des Diesels? Man muss Verursacher identifizieren und klar handeln. Wir haben eine CO2-Besteuerung, aber warum man andere Schadstoffe nicht besteuert, obwohl sie ein substanzieller Faktor in der Klimaerwärmung sind, das ist nicht klar.

Kocher: Dazu kommt, dass das Problem der Trittbrettfahrer in der Klimapolitik besonders groß ist. Wenn der Eindruck entsteht, dass sich manche Staaten, obwohl sie es sich leisten könnten, zurücklehnen und nicht mitmachen, ist es schwer, internationale Abkommen national umzusetzen. Erfolgversprechender wäre die Idee eines Klimaklubs. Wenn sich erst einmal ein Teil der Staaten zusammentut und sich gegenseitig Vorteile zusagt, wenn vereinbarte Klimamaßnahmen national umgesetzt werden, ist das leichter durchzuhalten als Abkommen, die weltweit geschlossen werden, aber bei denen sich manche dann doch aus der Verantwortung stehlen.

Sutter: Wenn wir darauf warten, dass noch der allerletzte Staat beim Klimaschutz mitmacht, dauert das wahrscheinlich bis zum St. Nimmerleinstag.

Den wirtschaftlichen Nutzen des Technologievorsprungs hat Europa ziehen lassen. Verbote gibt es in der Klimapolitik in Wirklichkeit kaum.

Kocher: Europäische Länder haben immer noch die meisten Patente pro Kopf in der Klimatechnologie. Es ist nicht so, dass der wissenschaftliche Fortschritt nicht da wäre. Aber die Erzählung, dass es wirtschaftliche Chancen gibt, Möglichkeiten, die man eröffnen sollte und nicht einschränken, ist ein bisschen verloren gegangen.

Das Lamento über das Verbrenner-Aus ist lauter als das Werben um technologischen Fortschritt. Ist die Debatte entgleist?

Kocher: Entgleist ist ein bisschen zu drastisch. Aber diese Debatte war auf jeden Fall schädlich. Zuerst wurde das Verbrenner-Aus gefeiert. Dann hat man gesagt, eigentlich ist es ja kein Aus. Dann hat man das Aus, das keines war, zurückgenommen. In der öffentlichen Wahrnehmung war das ein Hin und Her. Das führt dazu, dass Unternehmensinvestitionen zurückgestellt werden. Auch Haushalte verschieben den Kauf von Autos, weil sie nicht wissen, was nun die Technologie der Zukunft ist. Die positive Fortschrittserzählung fehlt. Es war ein Streit um des Kaisers Bart: Dass wir neue Technologien in der Mobilität brauchen, wissen alle. Aber man hat sich in das Datum und eine Bezeichnung verbissen.

Ihre Forschung zeigt, dass Menschen selbst gesetzte Regeln leichter akzeptieren. Der Klimarat in Österreich hat weitreichendere Maßnahmen vorgeschlagen als die Politik. Hätte man auf ihn mehr hören sollen?

Kocher: Ich sehe das zwiespältig. Ich finde es gut, wenn es möglichst viele Möglichkeiten für die Zivilgesellschaft gibt, sich einzubringen. Aber letztlich werden Entscheidungen in einer Demokratie von gewählten Volksvertreterinnen und -vertretern getroffen, und das sollte auch so bleiben.

Sutter: In Deutschland ging die Debatte ja so weit, dass solche Räte gesetzgebende Kraft haben sollten. Das ist ein Problem, wenn da niemand sitzt, der demokratisch legitimiert ist, weil das dann auch die Legitimation von Klimamaßnahmen unterminieren würde. All das ist aber kein Widerspruch zur Erkenntnis, dass es Mitbestimmung und Teilnahme an demokratischen Prozessen braucht.

Worauf ich hinaus wollte: Menschen aus der Zivilgesellschaft halten strengere Regeln in der Klimapolitik für möglich. Die Politik nicht.

Sutter: Da sagt der experimentelle Ökonom sofort: Reden ist billig, tun ist teuer. Es gibt Studien, wonach Menschen einen substanziellen Betrag ihres Einkommens für Klimaschutzmaßnahmen verwenden würden. Daran glaube ich in keinster Weise, denn das sind hypothetische Befragungen. Es gibt einem ein gutes Gefühl zu sagen, man würde die Welt retten. Aber noch niemand hat gesehen, dass diese hypothetisch versprochenen Beträge tatsächlich in den Klimaschutz fließen.

Kocher: Die Forschung ist eindeutig: Partizipation spielt eine große Rolle als Motivator, um schwierige Ziele zu erreichen und einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen, der dann auch zu einer gewissen moralischen Sanktion führt, für diejenigen, die sich nicht an ihn halten.

Wenn ich mich von der Politik nicht vertreten fühle, glaube ich immer, dass ich Verlierer bin

Matthias Sutter
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Wie erreicht man also, dass Menschen beim Klima kooperieren?

Kocher: Ich glaube, dass sehr viel möglich ist, wenn alle überzeugt sind, dass jeder einen fairen Beitrag leistet, und dass am richtigen Ziel gearbeitet wird. Das sieht man auch am Ehrenamt, wo wir in Österreich Millionen Menschen haben, die bereit sind, ihre Zeit und Arbeitskraft weitgehend ohne monetäre Entschädigung einzubringen, um zu helfen.

Sutter: Wenn die Politik ein attraktives Angebot macht, machen die Leute mit – siehe Klimaticket. Es gibt Beispiele, wie man mit einfachen Mitteln Leute dazu bringt, etwas zu ändern: Wenn ich zwischen Duschkopf und Schlauch einen Smart Meter einbaue, wo am Display ein Eisbär auf einer Eisscholle sitzt, die immer kleiner wird, je mehr Wasser ich verbrauche, dann bringt das die Leute dazu, bis zu 20 Prozent des Wasserverbrauchs einzusparen. Angesichts des Umstands, dass in deutschen Haushalten zehn Prozent des Energieverbrauchs aufs Duschen zurückgehen, ist das substanziell.

Sie beschreiben die Wechselwirkung von Politik und Vertrauen. Leute, die kein Vertrauen in die Politik haben, fühlen sich bei Reformen als Verlierer, selbst wenn sie profitieren.

Sutter: Arbeitsteams funktionieren besser, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Führungskräften ­vertrauen: dass sie in guter Absicht handeln, dass sie bei wichtigen Entscheidungen Rücksprache halten, dass man Kritik äußern kann, ohne dass einem gleich der „Kopf abgesägt“ wird. Solche Führungskräfte haben einen größeren Spielraum, neue Wege vorzuschlagen. Wenn ich mich von der Politik nicht vertreten fühle, glaube ich immer, dass ich Verlierer bin. Wenn aber jemand eine Reputation aufbaut, im Sinne der großen Mehrheit aller Bürgerinnen und Bürger zu handeln und auch zu tun, was er vorhergesagt hat, dann kann er bei Reformen mehr von den Menschen fordern. Wenn jemand vor der Wahl A sagt und nach der Wahl alles tut, damit es nicht A wird, hilft das nicht.

In einem Unternehmen gibt es allerdings keine Opposition.

Kocher: Zwischen Regierung und Opposition gab es immer Kontroversen. Anders als vor 30, 40 Jahren, als es wohl noch mehr Vertrauen in Politikerinnen und Politiker gab, gibt es heute aber eine andere – vor allem digitale – Medienlandschaft, man kann sich schnell Informationen besorgen, und es entstehen Echokammern. Da ist es für die Politik schwerer, allgemeines Vertrauen aufzubauen. Misstrauen macht es aber schwieriger, Reformen umzusetzen. Und dennoch gibt es Politikerinnen und Politiker, die hohes Vertrauen genießen. Das erfordert eine konsistente Erzählung, wo man hin will, und dass man Vertrauen nicht missbraucht. Aber natürlich ist es so, dass Politik in kurzfristigen Zyklen abläuft. Vor Wahlen werden manchmal Dinge versprochen, die dann in einer Koalition vielleicht nicht eingehalten werden können. Damit sollte man sehr vorsichtig sein, weil man aufgrund des möglichen Vertrauensverlusts den Handlungsspielraum später einschränkt.

Sutter: Ich zitiere Konrad Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, wenn ich gescheiter geworden bin.“ Das hält die Demokratie aus, wenn ein Politiker sagt, aus diesen und jenen Gründen bin ich klüger geworden und mache daher etwas anders. Aber das kann man nicht jeden Tag tun.

Haben Sie einander beim Schreiben als Trittbrettfahrer ertappt?

Beide: Nein!

Was wäre die Strafandrohung, die Sie davon abhält?

Sutter: Er müsste grünen Tee trinken.

Kocher: Und er schwarzen.

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Steckbrief

Martin Kocher

Der Salzburger hat an der Uni Innsbruck Volkswirtschaftslehre studiert und in den Bereichen Verhaltensökonomie, experimentelle Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspsychologie geforscht. Er leitete das Institut für höhere Studien (IHS), war von 2021 bis 2024 Arbeits- und später auch Wirtschaftsminister und ist seit 2025 Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank.

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Steckbrief

Matthias Sutter

Der Vorarlberger hat zunächst in Innsbruck Theologie studiert und danach noch ein Studium der Volkswirtschaftslehre absolviert. Er ist in der Experimentellen Wirtschaftsforschung tätig und beschäftigt sich mit Teamentscheidungen und der Entwicklung des ökonomischen Entscheidungsverhaltens bei Kindern. Er ist Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und lehrt an den Universitäten in Köln und Innsbruck.

Das Buch

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Das Buch

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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