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Leitartikel: Latein – oder die Angst vor echter Bildungsreform

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Kathrin Gulnerits

©Bild: Matt Observe

Die Reduktion von Wochenstunden für das Fach Latein entfacht eine Grundsatzdebatte. Doch hinter der Empörung über Stundenpläne verbirgt sich ein tieferer Konflikt: Was soll Schule leisten – und für wen? Warum wir lieber über Symptome streiten und Systemfragen meiden.

Aus der Sicht eines Headhunters bringe ich für eine solide Karriere viel mit: Ich komme nicht aus privilegierten Verhältnissen, habe Leistungssport betrieben und gelernt, mich zu quälen – auch unter nicht ganz idealen Bedingungen. Aus der Sicht mancher Bildungswächter bin ich dennoch ein Defizitfall. Ich war in einer hierzulande gern als „unsäglich“ etikettierten Gesamtschule. Ich hatte Russisch statt Französisch – und vor allem: kein Latein.

Man sollte meinen, das sei eine biografische Fußnote. Nicht der Rede wert. Die Karriere hat schließlich auch so funktioniert. Derzeit wirkt es aber eher wie ein kulturelles Defizit. Denn die vom Bildungsminister geplante Reduktion von drei auf zwei Wochenstunden Latein genügt, um eine Debatte auf honoriger Ebene zu entfachen, als stünde die geistige Statik der Republik zur Disposition. Warum eigentlich?

Ist Latein wirklich die Sollbruchstelle unseres Bildungssystems?

Geht es tatsächlich um zwei Wochenstunden? Oder um das, wofür Latein steht – um Bildungsverständnis, Leistungsanspruch, kulturelles Erbe? Ja, es gibt gute Gründe für das Fach. Latein ist wichtig für manche. Prägend für andere. Aber ist das wirklich die Sollbruchstelle unseres Bildungssystems?

In einem Land, in dem jedes fünfte Kind in die Volksschule kommt, ohne ausreichend Deutsch zu sprechen, um dem Unterricht folgen zu können? Mehr als 60 Prozent dieser Kinder sind hier geboren. Mit 15 oder 16 Jahren liegen Jugendliche mit Migrationshintergrund im Schnitt zwei bis drei Lernjahre zurück – auch sie mehrheitlich hier geboren. Das sind keine Randphänomene, sondern strukturelle Kennzahlen. Das ist kein Problem ‚der anderen‘. Es sind Probleme, die uns am Ende alle betreffen. Ökonomisch, gesellschaftlich, demokratiepolitisch.

Verschobene Perspektive

Eine Bildungsdiskussion, die sich bei solchen Befunden in Nebenschauplätzen verliert, verschiebt die Perspektive und blendet Systemfragen aus: Wie früh fördern wir? Wie lange lernen Kinder gemeinsam? Wie konsequent wird bei Lernrückständen nachgearbeitet? Welches Ziel verfolgen wir überhaupt? Mittelmaß? Besser als andere zu sein? Oder Hauptsache besser als Deutschland zu sein, das mit ähnlichen Problemen kämpft?

Statt diese Fragen zu priorisieren, dominieren Detaildebatten. Vielleicht auch, weil sich an ihnen eine grundsätzliche Sorge entzündet: die Sorge, dass mit jeder vermeintlich kleinen Veränderung auch der Leistungsanspruch insgesamt erodiert. Diese Sorge ist nicht trivial. Bildung ist natürlich auch eine Identitätsfrage. Und doch verstellen die berechtigten Sorgen den Blick.

Der Bildungsminister, der durchaus Willen zur Veränderung erkennen lässt, diagnostiziert richtig: „Schule bereitet heutzutage unsere Kinder und Jugendlichen nicht auf das Leben vor.“ Aber auch er weiß: Stundenpläne lassen sich schneller verändern als Strukturen, die ein System an neue Herausforderungen anpassen. Eine Reform der Schularchitektur braucht Zeit – und politischen Atem. Das begünstigt Symptombekämpfung.

Wir und die anderen

Und dennoch: Im Bildungsministerium wird derzeit ein Modellprojekt vorbereitet, das die Volksschule von vier auf sechs Jahre verlängern soll. Das wäre ein echter Systemeingriff: zwei Jahre mehr Entwicklungszeit, bevor Kinder getrennt und Bildungswege festgelegt werden. Man kann diesen Ansatz kritisieren – oder seine Dimension erkennen. Man kann argumentieren, dass frühe Differenzierung Leistung schützt und Exzellenz ermöglicht. Man kann aber ebenso fragen, ob sie nicht soziale Unterschiede verfestigt.

Hier lohnt der Blick nach Estland – trotz anderer Größe und historischer Voraussetzungen. Dort hängt Bildungserfolg deutlich weniger vom Elternhaus ab. Kinder besuchen früh gut ausgestattete Kindergärten, lernen gemeinsam bis Klasse neun. Auf die Frage, wie man Zehnjährige nach „Begabung“ sortieren könne, reagieren estnische Schulleiter mit Unverständnis.

Wie soll man in diesem Alter wissen, was in einem Kind steckt – und auf welcher Grundlage entscheidet man, wer gefördert und wer aussortiert wird? Und noch etwas ist anders. Verantwortung. Erreicht ein Kind ein Lernziel nicht, wird mit dem Lehrer nachgearbeitet. Förderung ist Pflicht, nicht Option. Das Ergebnis: Spitzenplätze bei PISA. Kein Zufall, sondern Ausdruck einer strategisch verstandenen Bildungspolitik.

Vielleicht erfüllt das Bildungssystem genau die Funktion, die wir ihm stillschweigend zugedacht haben

Unsere Debatten kreisen um Symptome. Wir blähen eine Stundenverschiebung auf, nur um am Ende alles beim Alten zu belassen. Wieder einmal lassen wir eine Chance zur Veränderung verstreichen. Nicht aus Zufall. Sondern weil echte Reformen bestehende Gewichte verschieben würden.

Entscheidende Fragen bleiben ausgespart: Sind wir bereit, frühe Unterschiede systematisch auszugleichen – oder akzeptieren wir ihre Fortschreibung? Ist Förderung Pflicht – oder pädagogisches Wohlwollen bzw. eine Frage der finanziellen Möglichkeiten der Eltern? Ist leistungsabhängige Selektion mehr als eine soziale Vorentscheidung? Vielleicht erfüllt das Bildungssystem genau die Funktion, die wir ihm stillschweigend zugedacht haben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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