Die kulturelle Konterrevolution, die von den Vereinigten Staaten aus die Welt erfasst hat, stößt auch in konservativen Milieus, die eigentlich mit Extremismus fremdeln, auf überraschendes Wohlwollen. Das ist eine Folge der Umdeutung des Konservativen zum Rechtsextremen, das die Linke erfolgreich betrieben hat.
Die wichtigste Österreich-Nachricht auf einer angeblich gut frequentierten Website war dieser Tage die Tatsache, dass in einem bestimmten Wiener Kaffeehaus noch immer alle gedruckten Zeitungen aufliegen, die man sich wünschen kann. Auf dieser Website hat sich, wie auf vielen anderen, auch die Praxis durchgesetzt, die Nutzer nicht mit Informationen zu versorgen, sondern mit Fragen wie: „Lieben Sie ihren Partner noch?“ Während meiner Lehrjahre im Buchstabengewerbe hätte man uns mit dem Ende unserer journalistischen Nochnichtexistenz bedroht, hätten wir es je gewagt, einen Titel als Frage zu formulieren.
Die Menschen, sagte man uns, würden das Geld, mit dem sie die Zeitung zumindest zu einem Drittel finanzieren, nicht dafür ausgeben, dass sie Fragen gestellt bekommen, sondern für nachvollziehbare und mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringende Antworten auf ihre relevanten Fragen. Seit die Nutzer nicht mehr zahlen, kann man sie viel leichter mit Fragen belästigen, angeblich mögen sie das sogar, weil man sie damit „ernst nimmt“. Die Idee, jedem auf Augenhöhe zu begegnen, der es objektiv nicht nur nicht ist, sondern gar nicht sein kann – und es möglicherweise nicht einmal sein will –, gehört zu den Grundpfeilern des spätmodernen Zeitgeists.
Egalitärer Zeitgeist
Das führt so weit, dass man auch in Bildungsinstitutionen den Unterschied zwischen Lehrenden und Lernenden möglichst weitgehend einebnen will, zum Beispiel durch die Vermeidung von Begriffen, mit denen die Hörerinnenschaft nichts anfangen kann. Fremdwörter: sehr böse. Die Konsequenzen erleben wir jeden Tag in den Sozialen Medien und den übrigen Schwundstufen der öffentlichen Kommunikation.
Diskriminieren bedeutet unterscheiden, und das tut, wer denkt
Wer das nicht richtig findet, wird konservativ genannt, und zwar zurecht: Auf Unterschieden zu bestehen, wo ihre Negierung ganz offensichtlich nicht der Realität geschuldet ist, sondern einer egalistischen Ideologie, gehört tatsächlich zum Kern des Konservativen. Und es ist selbstverständlich diskriminierend, wie übrigens jedes Denken: Diskriminieren bedeutet unterscheiden, und das tut, wer denkt.
Weil aber konservativ „rechts“ bedeutet und „rechts“ inzwischen synonym mit „rechtsextrem“ verwendet wird – seit Millionen Deutsche an „Demos gegen Rechts“ teilgenommen haben, ist in dieser Hinsicht alles klar –, ist jemand, der gerne zwischen Oben und Unten, zwischen Lehrerinnen und Schülern, zwischen Mein und Dein, vielleicht sogar zwischen Inländern und Ausländern unterschieden haben möchte, ein Fall für die Rechtsextremismusdatei.
Die Schuldfrage
Kaum jemand möchte das gerne und deshalb hat sich weltweit ein konservatives Milieu gebildet, das sich für kulturkämpferische Signale von rechts empfänglich zeigt. Wenn Sie sich fragen, warum so oft in eigentlich damit gar nichts zu tun habenden Kontexten auf Kampfbegriffe wie „Genderwahn“ und „Identitätspolitik“ verwiesen wird, auf Denunziationsportale gegenüber Andersdenkenden und auf die Einschränkung der Meinungsfreiheit: Das wird getan, um die vielen Menschen anzusprechen, die mit der brachialen Variante des amerikanischen Kulturkampfs nichts anfangen können, wie sie Donald Trump mit seinen menschenverachtenden ICE-Migrantenjägern in die Straßen der großen Städte getragen hat. Auch das, wird ihnen rhetorisch signalisiert, ist ein Teil unseres Kampfs gegen die linke Bevormundung, mit der man Euch Konservative während der letzten Jahrzehnte drangsaliert hat.
Gegen diese Analyse wird gern eingewendet, dass es nicht nur besonders mies, aber auch nicht zutreffend sei, damit gewissermaßen zu behaupten, dass eigentlich die Linken am Rechtsextremismus im Allgemeinen und an Trump im Besonderen schuld seien. Nehmen wir an, es wäre tatsächlich die Absicht, das zu tun: Wäre die Erklärung wirklich so falsch? Wenn es wahr ist, was die Mehrheit der Gesellschaftsbeobachter und -erklärer sagt, dass wir nämlich in einer Phase der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung leben, wäre Folgendes sehr plausibel: Dass die verbale Radikalisierung der Linken die Extreme der Rechten fördert und umgekehrt die Radikalisierung der Rechten die Extreme der Linken. Es wäre dann so – und ich würde sagen: Es ist auch so –, dass auch der zunehmende Extremismus der Linken die Schuld der Rechten ist. Bloß würde der zweite Teil dieser Analyse nicht problematisiert, sondern höchstens als eine Binsenweisheit abgetan.
Anschlag auf intellektuelle und moralische Integrität
Alle diese Umdeutungsversuche werden in einem konservativen, aber mit allen Formen des Extremismus fremdelnden Milieu als Anschlag auf ihre intellektuelle und moralische Integrität wahrgenommen. Und das ist eine nicht unwesentliche Voraussetzung dafür, dass die kulturelle Konterrevolution, die man in den Vereinigten Staaten genauso beobachten kann wie in vielen europäischen Ländern, sogar in Asien und Afrika, über ihren harten ideologischen Kern hinaus in konservativen Kreisen mit einem Wohlwollen aufgenommen wird, das sie gar nicht verdient hat.
Man nennt dieses Phänomen „Reaktanz“ und wir haben es während der Pandemie in einem globalen Großversuch beobachten können: Menschen, die mit ihren Wahrnehmungen und Haltungen nicht akzeptiert, sondern als Extremisten denunziert werden, neigen dazu, Extremisten aus Trotz stärker zu tolerieren, als das eigentlich ihrer Haltung entspricht.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.

