Bei der Wehrpflicht neu rücken Fragen von Fairness und Lebenszeit in den Mittelpunkt. Es wird verhandelt, was der Staat seinen Bürgern zumuten darf. Dass diese Fragen bei Frauen nie gestellt wurden, war kein Zufall. Es war eine politische Entscheidung – mit Folgen.
Politik ist einfach. In diesen Tagen. Denn es läuft. Sportlich. Und damit irgendwie auch politisch. In Österreich scheint das eine mit dem anderen untrennbar verbunden. Das sorgt für schöne Bilder. Heute Olympia. Morgen Fußball-Weltmeisterschaft. Und immer schwingt die Hoffnung mit: ein bisschen Aufschwung. Ein Ruck. Ein paar Goldmedaillen hier – und schon sind jene Rankings vergessen, in denen das Land zuletzt eher nicht so gut abschneidet. Wirtschaftswachstum. Schuldenquote. Standortqualität.
Zu hoffen ist das. Zu glauben eher nicht. Also wird inszeniert. Der Kanzler, der Vizekanzler und der Wirtschaftsminister fluten seit Tagen genau mit diesen Bildern ihre Social-Media-Accounts. Alle drei. Quasi die Bestbesetzung, die dieses Land zu bieten hat. Im rot-weiß-roten Gleichschritt. Im Zieleinlauf von Cortina d’Ampezzo. Mit Gold- und Silbergewinnern. Vor den Olympischen Ringen. Mit Ex-Olympioniken. Vor dem Fanshop. Pardon: dem offiziellen Ausrüstershop des Olympiateams. „@alphatauri sieht nicht nur gut aus“, schreibt der Wirtschaftsminister. Und rührt gleich auch noch die Werbetrommel. Eindecken könne man sich hier, lässt er wissen, mit „Outfits“ und einer „exklusiven Fan-Kollektion“. Das Firmenlogo ist sicherheitshalber auch zu sehen.
Politik ohne Bilder
Man kann das machen. Man muss es nicht. Denn draußen, jenseits der Winteridylle, stehen auch Entscheidungen an. Sie taugen nicht für hübsche Social-Media-Posts – haben aber Tragweite. Die Verlängerung der Wehrpflicht steht im Raum. Und mit ihr das Wegducken der Politik. Eine Grundsatzfrage staatlicher Verantwortung wird an „das Volk“ delegiert – nicht aus Überzeugung, sondern aus politischer Bequemlichkeit.
Ganz davon abgesehen: Wer diesen verlängerten Dienst leisten soll, bleibt offen. Nur 14 Prozent wären bereit, Österreich im Ernstfall zu verteidigen. Rund 16 Prozent eines Jahrgangs rücken heute noch beim Bundesheer ein. Die Mehrheit wählt den Zivildienst – der nun gleich mitverlängert werden soll. Aus Gründen einer eigentümlichen Gerechtigkeitslogik. Denn wo kämen wir hin, wenn der eine Dienst am Staat kürzer wäre als der andere?
Statt Klarheit jetzt gibt es eine Befragung irgendwann. Über was auch immer. Statt Führung ein Ausweichen. Auffällig ist dieser Tage vor allem eines: Wie laut und wie plötzlich darüber gesprochen wird, wie man den Wenigen den Dienst im Bundesheer schmackhaft machen kann. Monetäre Wertschätzung. Bonus für das Pensionskonto. Die richtigen Rahmenbedingungen. Flächendeckend bitte. Man müsse etwas bieten, heißt es, damit der Dienst nicht als reine Belastung wahrgenommen werde, die obendrein das Lebenseinkommen schmälert. Das ist bemerkenswert. Und entlarvend dafür, wessen Lebenszeit mehr zählt.
Ungleiche Maßstäbe
Denn plötzlich gilt als problematisch, was für andere seit Jahrzehnten als selbstverständlich hingenommen wird: dass Menschen aus dem Erwerbsleben herausgenommen werden. Dass Karrieren unterbrochen werden. Dass Einkommen später beginnen. Dass Lebensentwürfe warten müssen. Frauen kennen das. Für sie galt Zumutbarkeit immer als selbstverständlich. Also jene, die kleine Steuerzahler in die Welt setzen. Jene, die Angehörige pflegen.
Frauen wissen, was es bedeutet, wenn Rahmenbedingungen fehlen, weil sie politisch nie Priorität hatten
Sie wissen, was es bedeutet, wenn Rahmenbedingungen fehlen, weil sie selten Priorität hatten. Wenn Betreuung nicht verfügbar ist. Wenn Erwerbsarbeit und Sorgearbeit kollidieren. Wenn Einschnitte einfach hingenommen werden müssen. Ohne Bonus. Ohne Attraktivierung. Ohne Debatte. Dass diese Fragen politisch lange nicht gestellt wurden, hat längst Folgen. Die Fertilitätsrate liegt in Österreich bei etwa 1,3 Kindern pro Frau. Historischer Tiefstand. Es sterben mehr Menschen als geboren werden. Das Bevölkerungswachstum kommt längst nicht mehr aus den Familien, sondern aus der Zuwanderung. Österreich ist damit kein Sonderfall. Auch Deutschland liegt unter jener Schwelle, die international als „extrem niedrig“ gilt. Das hat Folgen. Für das Pensionssystem. Für das Gesundheitssystem. Für die Tragfähigkeit des Sozialstaats. Probleme, die sich nicht mit bunten Bildern kompensieren lassen.
Das passiert nicht zufällig. Und es passiert auch nicht, weil Frauen plötzlich keine Kinder mehr wollen. Es passiert, weil Rahmenbedingungen fehlen. Weil Betreuung lückenhaft ist. Weil Erwerbsarbeit und Sorgearbeit schlecht vereinbar sind. Karenzzeiten bremsen Karrieren, drücken Einkommen, schmälern Pensionen. Weil Einschnitte über Jahre privatisiert wurden – und stillschweigend akzeptiert. Während man jetzt sehr genau rechnet, wenn junge Männer ein paar Monate länger im Job fehlen könnten, hat man diese Rechnung bei Frauen jahrzehntelang nicht aufgemacht.
Wer über Wehrpflicht spricht, spricht über Fairness. Über Verantwortung. Über gleiches Recht. Doch diese Maßstäbe dürfen nicht nur dann gelten, wenn Einschnitte Männer betreffen. Rahmenbedingungen sind veränderbar. Politisch gewollt war es bislang nicht.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.

