Der Ruf nach Diplomatie als Alternative zum Krieg geht vollkommen ins Leere: Diplomatie ist kein Selbstzweck, sondern wie der Krieg ein Mittel zum Zweck der Erreichung politischer Ziele. Dass Diplomatie gut wäre und Krieg böse, ist ein Märchen, das in Österreich besonders beliebt ist.
Rund um den vierten Jahrestag des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine, der am 24. Februar 2022 mit der Vollinvasion der russischen Streitkräfte begann, fragen sich viele, warum denn die Diplomatie versagt habe.
Hätte man auf Diplomatie statt auf Konfrontation gesetzt, so eine weit verbreitete Einschätzung, hätte man diesen Krieg und damit den Tod von fast einer halben Million Soldaten (bis zu 140.000 auf ukrainischer, bis zu 350.000 auf russischer Seite) verhindern können.
Kein Selbstzweck
Die Vorstellung, dass Diplomatie die Alternative zum Krieg wäre, dass man entweder diplomatisch agiert oder militärisch, dass also Diplomatie per se der Sphäre des Friedens angehöre und der Krieg erst beginnt, wenn die Diplomatie endet, ist weit verbreitet. Man legt das auch gern auf den berühmten Satz von Clausewitz („Vom Kriege“, 1932) um: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“
In diesem Kontext geht man davon aus, dass der Krieg beginnt, wenn die Politik versagt und nicht mehr weiterkann, und mit ihr die Diplomatie als Teil der Politik in Abgrenzung zum Krieg. Alles daran ist falsch, vor allem die zugrundeliegende Vorstellung, dass der Krieg eine Art Selbstzweck sei, etwas, das sich verselbstständigt, wenn die Politik und mit ihr die Diplomatie nicht mehr weiterweiß.
Diplomatie ist Krieg
Den Fall, dass sich der Krieg von Politik und Diplomatie loslöst und verselbstständigt, beschreibt Clausewitz zwar auch – er spricht in einem solchen Fall vom absoluten oder „totalen Krieg“, in dem es keine Grenzen mehr gibt und nur noch die Naturgesetze der Gewalt gelten –, hält das aber für eine Art theoretisch-mathematisches Modell, das in der Realität fast nicht eintritt. Wenn doch, kommt es zum Genozid, wie in Ruanda 1994.
Krieg ist also kein Selbstzweck, sondern eines der Mittel, das Politik zur Erreichung ihrer Ziele einsetzt. Das zweite Mittel ist die Diplomatie, die damit zwar immer an die Politik gebunden ist, aber eben nicht an den Frieden. Das aktuelle Beispiel des Ukrainekriegs zeigt das sehr deutlich: Selbstverständlich agieren die Russen nicht nur militärisch, sondern auch diplomatisch, massiv sogar.
Die Diplomatie ist sogar eine wesentliche Komponente ihrer Kriegsführung, von der Rede des Präsidenten am Vorabend der Invasion bis zu den russischen Forderungen in den unterschiedlichsten Verhandlungsformaten. Und selbstverständlich agierten und agieren auch die beteiligten Mächte des sogenannten Westens diplomatisch, sie haben es immer getan und tun es nach wie vor.
Intellektueller Kurzschluss
Dass in den westlichen Öffentlichkeiten der intellektuelle Kurzschluss „Diplomatie ist gleich Frieden“, „Nicht-Diplomatie ist gleich Krieg“ ein beherrschendes Denkmuster darstellt, ist einer der wesentlichen Gründe für die Schieflage so vieler Debatten. Diplomatie an sich kann keinen Krieg verhindern und auch keinen Krieg beenden, Diplomatie ist wie der Krieg ein Mittel zum Zweck, zur Erreichung politischer Ziele.
Ob man diese Ziele für legitim hält oder nicht, ist eine ganz andere Frage, wie auch die Frage, ob man Krieg als ein legitimes Mittel für die Erreichung politischer Ziele ansieht. Nun wäre es naheliegend, den Krieg als legitimes Mittel zur Erhaltung staatlicher Souveränität und einer demokratischen Rechtsordnung zu sehen, die Freiheit und Menschenrechte garantiert. Aber auch das ist nicht mehr selbstverständlich, was man an der sinkenden Wehrbereitschaft in vielen westlichen Ländern sieht.
Es wäre an der Zeit, die Diplomatie zu entzaubern. Diplomaten waren von Beginn an diejenigen, die sich im Auftrag der Regierenden darum kümmerten, das, was an politischen Zielen und an Mitteln, diese Ziele zu erreichen, vorgegeben wurde, in Rechtsakte umzusetzen. Das schloss den Krieg als Mittel zur Erreichung politischer Ziele immer ein, zum Beispiel in Form einer Kriegserklärung.
Dass Diplomaten Friedensengel wären, ist ein österreichisches Märchen
Diplomatie kommt von Diplom, und das Agieren mit Diplomen, also schriftlich festgelegten politischen Willenserklärungen, ist das Geschäft der Diplomaten. Als Wort kommt das Diplom vom griechischen „diploun“, was so viel wie „falten“ heißt: Man faltete und versiegelte die Urkunden, mit denen man den politischen Verkehr organisierte, damit sie nicht unterwegs von den Falschen gelesen werden.
Dass Diplomaten Friedensengel wären, während Politiker und Generäle die finsteren Fürsten des Kriegs darstellen und es also so etwas wie eine Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse gäbe, in der auf der einen Seite die friedensbewegten Diplomaten und auf der anderen Seite die blutrünstigen Politikerkrieger stehen, ist ein Märchen. Es konnte seine Wirkung nur entfalten, weil Staaten, die weder über militärisches Drohpotenzial noch wirtschaftliche Macht verfügten, das Hin- und Herschicken von friedensheischenden Depeschen als einziges Mittel zur Verfügung hatten.
Wer nichts hat als Diplomatie, kann nur versuchen, moralisch zu gewinnen. Das bietet in einer moralsüchtigen Öffentlichkeit einige Chancen der positiven Selbstdarstellung, ist aber realpolitisch vollkommen bedeutungslos. Österreich und sein seit Jahrzehnten laufender Versuch, sich als diplomatische Großmacht darzustellen, ist eines der weltbesten Beispiele dafür.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

