von
Außergewöhnlich ist das Buch vor allem deswegen, weil Birnbacher die Figuren nicht denunziert, sondern ihnen empathisch jeden Raum gibt, sich in ihrer Eigenwilligkeit und ihrer spezifischen Wahrnehmungswelt darzustellen. Der Fokus wechselt dabei immer wieder zwischen dem kleinen Oswald, der von allen Oz genannt wird, und dem entgegen allen Prognosen und der Einschätzung seiner Lehrerin, "unbeschulbar" zu sein, in der Abschlussklasse der Volksschule ein Notendurchschnitt gelingt, der locker für den Übertritt ins Gymnasium reichen würde, und seiner Mutter Ann. Diese würde sehr gerne wieder mal lockerer und lustiger sein, muss aber bei jeder kleinen Gelegenheit große Anstrengungen unternehmen, um nicht auf eine emotionale schiefe Bahn zu gelangen, an deren Ende unweigerlich ein Schreianfall stehen würde.
Birnbacher springt mit großer Leichtigkeit zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Mutter und Sohn, in der die große Liebe zwischen ihnen genauso spürbar wird wie ihre langjährige Erfahrung mit Stress- und Ausnahmesituationen. Beide haben ein klares Bewusstsein dafür, einander ähnlicher zu sein als ihnen lieb ist. Gleichzeitig spüren sie: Die Front, die die beiden immer wieder unwillkürlich gegen den Rest der Welt bilden, ist ein Schutz, aber auch ein Panzer, der sie härter macht, als es zuträglich ist.
Fast genauso unkonventionell sind die anderen Figuren in dieser Familienaufstellung. Die im Innergebirg lebende Zilly-Oma scheint zwar an der Seite eines Nachbarn, der aufgrund seiner Herkunft immer nur "der Leipziger" genannt wird, einen zweiten Frühling zu erleben, erhält aber auch eine Krebsdiagnose, die sie aus der Bahn wirft. Kommt zu der natürlichen Eigenwilligkeit auch noch Verwirrtheit hinzu, wird es problematisch. Deswegen entwickelt sich der erste Ferientag, der ohnedies schon mit einem dunklen Schatten begonnen hat, von dem Oz seiner Mama noch gar nicht erzählt hat, ganz anders als geplant.
Ann muss mit ihrem Sohn in die Berge, wo ihre Mutter offenbar abgängig ist, anstatt ihn ins Feriencamp in den Sauwald zu bringen. In der Einschicht finden sie nicht nur die halb nackte Oma, die mit entrückten Ritualen offenbar eins mit der Natur zu werden versucht, sondern auch die Tante, Anns Schwester Nell, die nur für diesen Notfall gewillt war, ihre Waldviertler Bauernhof-Kommune kurzfristig zu verlassen und wieder in näheren Kontakt zu ihrer Familie zu treten.
Ab hier setzt Birnbacher auf eine rasantere Plot-Entwicklung, was interessante Konstellationen ergibt. Normalerweise führt der innere Überdruck, mit dem Ann in ganz normalen Lebenssituationen agiert, zu Konflikten. Nun zeigt sich: Je chaotischer das Außen, desto unauffälliger ist ihre innere Unruhe. "Warum ist sie so ruhig? Endlich befindet sie sich in einer Lage, die so angespannt ist, dass Ann sich entspannen kann."
Birnbacher lässt dann ihre Figuren Handlungen begehen, von denen sie ahnen, dass sie schlecht ausgehen könnten, und lässt die Leserinnen und Leser mitzittern, wenn Oz mit seiner anarchischen und unberechenbaren Tante zum Feriencamp aufbricht, während seine Mama die verwirrte Oma betreut. Sie lässt aber auch ein echtes Unwetter heraufziehen, das bald das ganze Land in einen Ausnahmezustand versetzt.
Ganz kann die Autorin einen nicht davon überzeugen, dass es diese äußere Dramatik wirklich braucht, zumal sie auch einen Handlungsstrang einfach fallen lässt. Das Schicksal der Tante in den angekündigten Hochwasserfluten geht einfach unter - dafür arrangiert sie eine dramatische Heimlotsung des Buben sowie eine Rettung der Oma vor dem befürchteten Erdrutsch, die aus einer Slapstick-Komödie stammen könnte.
Der zunächst irritierende Titel des Buches hat sich da schon längst erklärt. "Sie wollen uns erzählen - wie wir sind und wie wir zu sein haben", könnte man ihn ergänzen. Es geht in diesem Buch auch darum, die Herrschaft über das eigene Narrativ zu erhalten, um die eigene Lebenserzählung selbstbestimmt weiterschreiben zu können. "Unsere Fähigkeit, zu erzählen, ermächtigt uns über die Art und Weise, wie wir Krisen erleben und verarbeiten", sagt Birnbacher in einem Verlagsinterview. "Erzählungen entscheiden darüber, ob es Hoffnung gibt. Und in diesem Buch gibt es viele Krisen, aber auch Hoffnung - wie in der Gegenwart auch."
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Birgit Birnbacher: "Sie wollen uns erzählen", Zsolnay Verlag, 224 Seiten, 24,70 Euro, Buchpräsentation: Dienstag, 17.3., 19.30 Uhr, Salzburger Literaturforum Leselampe, Salzburg, Strubergasse 23)
