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Papst Leo XIV. abseits des Protokolls

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Ein persönliches Treffen fern der Öffentlichkeit zeigt einen Papst, der zuhört, erzählt und politische Klarheit nicht scheut.

Das kann nicht wahr sein, dachte ich. Tatsächlich geschafft. Du bist der erste Journalist deutscher Sprache, der eine Audienz bei Papst Leo XIV. bekommt. Seit seiner Wahl am 8. Mai habe ich um ein persönliches Gespräch mit dem Papst gebeten und mich darauf eingerichtet, dass es viele Jahre dauern könnte, bis ein solches, wenn auch sehr kurzes, Gespräch zustande käme.

Papst Johannes Paul II. hat mich im Jahr 2004 mit meiner Familie zu einer Privataudienz im Apostolischen Palast eingeladen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon 17 Jahre im Vatikan gearbeitet, den Papst mehrfach im Flugzeug gesprochen, aber auf die Privataudienz lange warten müssen.

Papst Benedikt XVI. habe ich ebenfalls in seinem Dienstflugzeug gesprochen, er hat mich nach seiner Abdankung im Castel Gandolfo empfangen, aber nie zu einer privaten Audienz eingeladen.

Papst Franziskus war der erste Papst, der meine Handynummer haben wollte und mich auch direkt angerufen hat. Auch ihn hatte ich mehrfach in der Mensa des Gästehauses im Vatikan und häufig in seinem Dienstflugzeug gesehen. Doch auch dieses Vertrauensverhältnis aufzubauen, hat viele Jahre gedauert. Aber nur acht Monate nach der Wahl eines neuen Papstes eine, wenn auch kurze, Privataudienz zu bekommen, war sensationell.

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19. Dezember 2025: Papst Leo XIV. empfängt seinen Biografen, den Bestsellerautor Andreas Englisch

„Geh zum Bob“

Ich habe mich über ein halbes Jahr für die Recherchen an meinem Buch über Papst Leo XIV. täglich mit Robert Francis Prevost befasst, um zu verstehen: Wer ist dieser 267. Papst der katholischen Kirche?

Ich habe mit seinem Bruder John im Kloster der Augustiner ein längeres Gespräch geführt und er hat den jungen Bob geschildert, der nie wie seine beiden Brüder Cowboy und Indianer spielte, sondern das Bügelbrett seiner Mutter aufbaute und dann so tat, als würde er eine Messe zelebrieren, dabei gab es Bonbons anstelle der Hostien.

Mit Bedauern erzählte er, dass der Bob ja schon mit 14 Jahren das Elternhaus verlassen hat. Seine Studienkameraden im Saint Augustine Seminary in Michigan haben mir über „Bob“ Prevost erzählt, dass es in seiner Zeit im Internat keinen Zweifel gegeben hat, dass er Augustiner Bettelmönch werden wollte und plante, dem Orden als Lehrer zu dienen. Mathematik mochte er und das Lehrer-Leben kannte er von seinen Eltern und schätzte es. Seine Mitschüler im Internat hatten schon alle schwachen Schüler zu ihm geschickt: „Hast du etwas nicht verstanden, geh zum Bob.“

Auf lebensbedrohlicher Mission

Robert Francis Prevost hat 1981 sein ewiges Ordensgelübde abgelegt und wurde im Jahr 1982 in Rom zum Priester geweiht, ging in die USA zurück, und dann kam der entscheidende Punkt. Er ließ sich von seinem Orden in die Mission schicken, nach Chulucanas in Peru, zwischen 1985 und 1987. Wie gefährlich das war, zeigte sich später, als im Jahr 1991 drei Priester, zwei Polen und ein Italiener, von den Terroristen des „Sendiero Luminoso“ hingerichtet wurden.

Auch er wurde mit dem Tode bedroht. Seine Eltern besuchten ihn damals, vor allem der Vater war sehr besorgt. Hatte Bob keine Angst? Ich habe nirgendwo einen Hinweis gefunden, wie der Papst darüber damals dachte. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, diese Frage mit dem einzigen Mann zu klären, der sicher eine Antwort wusste, mit dem Papst selber.

Treffen nach Dienstschluss

In äußerste Aufregung hat mich allein schon die Uhrzeit versetzt. 17 Uhr. Das bedeutete, dass der Papst mich nicht in die unterste Kategorie aller päpstlichen Empfänge eingeordnet hat, die Meetings am Rande der Generalaudienz. Es ist üblich, dass berühmte Schauspieler, Sportler wie der Tennisstar Jannik Sinner oder auch Schauspieler wie Robert de Niro am Rande der Generalaudienzen des Papstes, ihm für einen Augenblick die Hand geben dürfen, eine Art Mini-Privataudienz.

Viele sind darüber schon überglücklich, weil sie dann ein Foto mit dem Papst bekommen, dem sie ihr Werk, ein Buch oder einen Film überreichen können. Aber eine solche Einladung bedeutet, dass sich die Betreffenden um 8:30 Uhr auf dem Petersplatz oder in der Audienzhalle einfinden müssen, an einem Mittwoch. Meine Einladung betraf einen Freitag und 17 Uhr. Das konnte es also nicht sein.

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Ungebrochen beliebt: Am Ende der Generalaudienz am 4. Februar trifft Papst Leo XIV. Gläubige am Petersplatz in Rom

Lourdes-Grotte dachte ich, es ist im Park. Ich habe das mit Papst Benedikt XVI. erlebt, der am Nachmittag nach seinem Mittagsschlaf zur Lourdes-Grotte in den Vatikanischen Gärten spazierte. Gäste wurden dann zu einem kurzen Treffen gegen 17 Uhr eingeladen, an einer Stelle im Park.

Der Papst unterbrach dann seinen Spaziergang, unterhielt sich an einem bestimmten Treffpunkt in der Nähe der Grotte mit dem Besucher, es kam zu einem kurzen Gruß. Dann spazierte der Papst weiter.

17 Uhr passte allerdings auch zum Dienstschluss im Vatikan. Dann ging der Papst vom Apostolischen Palast, wo er gearbeitet hat, zu seiner Wohnung im Palast des Dikasteriums* für die Glaubenslehre. Der Weg, den der Papst zurücklegt, wird abgesperrt. Sobald er den Innenhof des Palasts des Dikasteriums der Glaubenslehre betrat, traf er sich kurz mit Gästen, die eingeladen worden waren, dort zu warten.

Wenn der Papst außerhalb des Vatikans Besuche absolviert, kommt er mit dem Wagen in den Hof, grüßt kurz die Gäste, die dort stehen und geht dann hoch in seine Wohnung. Diese kurzen Audienzen sind in Wirklichkeit eine ziemliche Zumutung. Der Papst ist müde, wenn er endlich in den Hof des Palasts gefahren wird. Dann noch Gäste kurz empfangen zu müssen, ist eine ziemlich Last. Ich dachte: 17 Uhr und Freitag, dann ist es entweder im Innenhof und du wirst vor einem müden Papst stehen oder an der Lourdes-Grotte im Park.

Hier wohnt der Papst

Ich bereitete mich auf das Treffen vor, überlegte, welchen Anzug ich anziehen sollte, warnte meine Frau und meinen Sohn, dass es ein Treffen geben würde. Dann bekam ich einen weiteren Anruf. „Komm in die Bar Savelli, gegenüber dem Palast der Glaubenskongregation.“

„Also wird es ein kurzes Treffen im Innenhof der Glaubenskongregation geben“, dachte ich.

„Bist du aufgeregt?“, fragte mein Mittelsmann im Vatikan. Allerdings war ich das.

Von meiner Wohnung in Trastevere bis zum Palast der Glaubenskongregation sind es mit dem Auto keine 20 Minuten. Ich dachte darüber nach, was passieren würde, wenn ich einen Unfall bauen und von der Polizei aufgehalten werden würde. Also beschloss ich, mit der Familie mit dem Taxi zu fahren. In der ­Savelli Bar bat ich meine Familie, nichts mehr zu trinken. Ich wollte nicht mit Kaffeeflecken im Palast der Glaubenskongregation auftauchen und auch nicht er­leben, dass, während wir dort auf den Papst warten, irgendwer aus meiner Familie erst einmal aufs Klo müsste. Im Innenhof der Glaubenskongregation wartete der Privatsekretär des Papstes. Edgard grüßte uns höflich. „Der Papst ist noch nicht da. Geht doch hoch in die Kapelle, dort ist es wärmer“, sagte er.

Ich kenne den Palast seit den frühen 90er-Jahren, als Kardinal Joseph Ratzinger hier als Präfekt lebte. Seinen Nachfolger William Levada habe ich auch hier interviewt.

In der Kapelle sah ich das Bild über dem Eingang, es zeigt Petrus und seinen Bruder Andreas im Sturm. Mein Namensvetter, dachte ich, vielleicht ist das ein gutes Omen. Ein Schweizergardist, nicht in der bunten Uniform, sondern im dunkelblauen Anzug mit dem Symbol der Schweizergardisten auf dem Revers, sagte: „Es ist soweit.“

Wir gehen jetzt nach unten, dachte ich, in den Innenhof, wo der Papst vorfahren, aussteigen und uns kurz grüßen wird, dann ist auch nach ein paar Minuten alles vorbei. Doch der Schweizergardist ging mit uns die Treppe hinauf.

Der Papst öffnet selbst

„Sie sind eingeladen in dem privaten Appartement des Papstes“, sagte er. „Eine ziemliche Ehre für Sie.“

„Unfassbar“, dachte ich. Ich war mir sicher, jetzt bald im Eingang der Papstwohnung das Bild einer lächelnden Ordensfrau zu sehen, die die Tür öffnen würde. Im Haushalt von Papst Benedikt XVI. hatten vier Schwestern, sogenannte Memores Domini, gearbeitet.

So war das auch bei allen bedeutenden Kardinälen. Ordensfrauen öffneten die Tür der Wohnung und führten den Gast dann in den Salon, wo man zu warten hatte, bis der wichtige Kirchenmann kam. Aber es war keine Ordensfrau, die die Tür aufzog. Es war der Papst. Leo XIV. stand dort mit einem Lächeln und sagte lachend: „Mister Englisch, I think he speaks English.“ Dann führte er uns hinein. An der Garderobe lagen Hustenbonbons. Der Raum, in den der Papst uns führte, war klein, etwa 15 Quadratmeter. Ein rotes Sofa und ein roter Ledersessel standen dort sowie ein Tisch mit Stühlen.

„Setzen wir uns doch an den Tisch“, sagte der Papst. „Sie wollen sicher über Ihr Buch über mich sprechen.“

„Stimmt“, sagte ich, „ich habe viele Monate damit zugebracht, zu versuchen, sie zu verstehen.“ Vatikan-Journalisten sind daran gewöhnt, auf die Uhr zu schauen, sobald ein Gespräch mit einem Papst beginnt. Hunderte Male habe ich das getan, wenn sich die Tür zu einem Vieraugengespräch zwischen einem meiner Päpste und einem Staatsgast schloss. In der Regel dauerte jedes Gespräch hinter verschlossenen Türen 15 Minuten.

Wenn es länger dauerte, bedeutet es, dass es ein ernstes Problem in dem betreffenden Land gab. Ich schaute auf die Uhr: 17:23. Ich hätte nie gedacht, dass es bereits 18:31 Uhr sein würde, als wir schließlich aufstanden, um Fotos zu machen und dann zu gehen.

Bis zu dem Augenblick, als das Gespräch begann, hatte ich immer den Verdacht gehegt, dass Papst Leo XIV. ein in­trovertierter Mann sei. Viele, mit denen ich gesprochen hatte, lobten seine Fähigkeit zuzuhören. War das ein Mann, der wenig zu sagen hat? Doch es kam völlig anders. Er sprach voller Charme, antwortete auf alle Fragen. Ich verstand, dass er wollte, dass der Wortlaut von dem, was er sagen würde, geheim bleiben sollte. „Natürlich können Sie sagen, dass Sie hier waren, aber es tut mir leid, Interviews muss ich mit dem Presseamt immer erst absprechen“, entschuldigte er sich.

Leo XIV. bietet Trump die Stirn

Da saß er also der Mann, von dem viele im Vatikan glaubten, dass er der Anti-Trump-Papst sein würde. Während der Vorbereitung des Konklaves im April 2025 hatten mehrere Kardinäle mir erklärt, dass sie auf einen Papst hofften, der Trump die Stirn bieten würde.

Nach der Entführung von Nicolas Maduro am 3. Januar 2026 sollte Papst Leo XIV. als erster amerikanischer Papst der Geschichte zum ersten Mal sich offen gegen einen US-Präsidenten stellen.

Leo XIV. erklärte, dass Donald Trump das Selbstbestimmungsrecht Venezuelas nicht verletzen dürfe. Die US-Bischöfe ermunterte Papst Leo XIV., sich weiterhin gegen die Aktionen der ICE-Behörde des US-Ministeriums für Innere Sicherheit zu stellen. Der Papst erinnerte im Januar 2026, nach den tödlichen Schüssen der ICE-Agenten in Minnesota an jene Stelle im Matthäus-Evangelium, an der Jesus sagt: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“

Prevost kennt die „Wunden der Welt“

Als er noch Chef des Augustinerordens war, hat Robert Francis Prevost Scherze über Donald Trump gemacht. Dass die Politik Trumps mit seiner Haltung nicht in Einklang zu bringen ist, lässt der Papst klar durchblicken. Das liegt auch daran, dass er der erste Papst der Geschichte ist, der das Leiden in den ärmsten Ländern der Welt wirklich kennt, auch die Armut der Priester.

Ich habe mit den Augustinern aus Nigeria in seinem Kloster gesprochen sowie mit Augustinermönchen aus dem Kongo und Peru. Robert Prevost war oft in dem Kloster der Brüder in Nigeria und in Kinshasa im Kongo. In Peru hat er als Bischof in Chiclayo gearbeitet. Er wusste ganz genau, dass Priester in Afrika, in Lateinamerika, in Indien oder Indonesien mit einem Einkommen von unter 50 Dollar im Monat leben müssen. Um nicht zu verhungern, sind sie gezwungen, Nebenjobs anzunehmen. Sie haben es mit Katholiken zu tun, die an die bösen Geister ihrer Ahnen glauben, und müssen aus reiner Not auch schon mal gegen Bargeld Geister aus den Hütten durch Exorzismen vertreiben.

Prevost weiß, dass viele Priester mit Frauen zusammenleben, und er weiß auch, dass es Priester gibt, die zwei Frauen haben. Diesem Papst würde niemand etwas darüber vormachen können, wie es wirklich in der katholischen Kirche auf der Welt aussieht.

Eines geht aus seinen Erzählungen aus den langen Jahren als Missionar hervor. Ein Stück von diesem Papst wird immer wieder in Gedanken auf die holprigen Straßen der Anden zurückkehren, zu den Armen und zu seinem Papst Franziskus, der vor allem an ihm schätzte, dass er die „Wunden der Menschen kennt“, den „Stallgeruch der Herde“, ihre Verzweiflung und ihre Armut.

Natürlich erinnerte er sich an die Morddrohungen gegen ihn, als er als junger Mann in Peru angekommen war. Von dem mulmigen Gefühl, das er hatte, wenn ein Unbekannter an die Kirchentür geklopft hat, erzählt er. Ein Mann ohne Angst sei er nicht gewesen. Vor allem sein Vater hatte die tatsächliche Bedrohung aber vermutlich besser erkannt als er selber.

So spricht der Papst privat

Seine Stimme fiel mir sofort zu Beginn des Gesprächs auf. Ich habe seit Jahrzehnten mit ranghohen Kirchenmännern zu tun. Viele von ihnen scheinen, was ihre Stimmlage angeht, die Kirche nie zu verlassen. Sie sprechen auch während privater Unterhaltungen salbungsvoll, leise, in einem Kirchenton, als müssten sie die Antwort auf die Frage: „Soll ich Ihnen meinen Regenschirm borgen?“ in einer Stimmlage vortragen, als würden sie aus dem Evangelium vorlesen. Sie signalisieren mit ihrer Stimme, dass sie niemals etwas sagen würden, was auch nur im Ansatz witzig sei.

Papst Leo ist völlig anders. Aus den Gottesdiensten im Petersdom kenne ich seine feierliche Stimme. Doch die des privaten, entspannten Papstes klingt vollkommen anders. Er sprüht vor Wortwitz, nimmt sich selber auf den Arm. Seine Worte haben überhaupt nichts Frömmelndes. Er spricht wie ein jung gebliebener Amerikaner in einem freundschaftlichen Ton. Seine Stimme erinnert mich an die Journalisten-Kollegen, mit denen ich vor Jahren im Doria Pamphili-Park in Rom Baseball spielte. Die klingt wie: Hey, wir versuchen doch alle, irgendwie gut miteinander auszukommen. Es ist schön, dass du da bist.

Johannes Paul II. hatte oft etwas Ermahnendes in der Stimme. Aus seiner Sicht wurde niemand, auch er selbst nicht, dem gerecht, was Gott erwarten konnte. Joseph Ratzinger merkte man im Gespräch etwas an, was ihn auszeichnete. Sein ganzes Leben lang hat er äußert selten von sich aus eine Freundschaft gesucht. Er war sich selber genug. Außerdem hat er Journalisten misstraut, das war deutlich zu spüren. Franziskus hatte etwas sehr Gewinnendes. Ich hatte oft das Gefühl, dass er versuchte, mich von irgendetwas zu überzeugen. Er konnte aber auch sehr aufbrausend sein.

Papst Leo XIV. hat nichts von alldem. Das Gespräch wirkte auf mich völlig unbelastet, als würden wir uns schon lange kennen. Er plauderte über sein ganzes Leben, seine Liebe zu seiner Familie, aber natürlich auch über seine Wahl zum Papst. Ich hatte nie das Gefühl, dass er mich als Bittsteller sah. Im Gegenteil. Er schien Freude daran zu haben, von seinem Leben zu erzählen: Ich hatte immer das Gefühl, als versuche er alles, um mich die Tatsache vergessen zu lassen, dass er meiner Familie in Wirklichkeit einen unglaublichen Gefallen erwies mit diesem Empfang. Natürlich war Gott in diesem Gespräch präsent. Ich konnte aus seinen Worten deutlich heraushören, dass er ein unendliches Vertrauen darin hat, in Gottes Hand zu sein, egal, in welcher Situation seines Lebens.

Ich halte ihn für den ersten Papst seit mehr als 100 Jahren, der den Vatikan wirklich gut kennt.

Leo XIV. – der Vatikan-Kenner

Ein Punkt fiel mir besonders auf. Ich halte ihn für den ersten Papst seit mehr als 100 Jahren, der den Vatikan wirklich gut kennt. Alle Bemerkungen über seinen Stadtstaat ließen klar erkennen, dass er weiß, was hier läuft, auch wenn er einen Großteil seines Lebens nicht in Rom verbracht hat.

Papst Franziskus hatte keine Ahnung, wie der Vatikan funktioniert und Jahre gebraucht, um sich einzuarbeiten. Robert Francis Prevost hat zwölf Jahre dem Augustinerorden als Generalprior vorgestanden und sich im Vatikan um den ganz normalen Alltag kümmern müssen. Er hat zum Fußvolk gehört. Ich habe ihn gesehen, als er in der Vatikan Post in der Schlange stand. Ich wusste von Kollegen aus dem Vatikanischen Bauamt, dass sie immer wieder Ärger mit Prevost hatten und es mehrfach zu schwierigen Gesprächen gekommen war, weil er ein Bauprojekt seines Ordens durchsetzen wollte.

In seiner Wohnung vertraute er mir sein päpstliches Bauprojekt an. Er hat den Umbau der Wohnungen der päpstlichen Sekretäre angeordnet. Dort will er leben und nicht im pompösen päpstlichen Appartement, das genau darunter liegt und zu dem das weltberühmte Angelus-Fenster* gehört. Das kommt ihm wie ein Museum vor. Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. hatten dort noch gewohnt. Leo XIV. zieht ein Stockwerk darüber ein.

Anpacken statt Unterwerfen

Mich überraschte auch die Energie, die in ihm steckt. Der Wunsch anzupacken. Papst Franziskus hat mir immer wieder gesagt, wie schwer es ihm falle, sein Amt auszuüben, dass es große Hindernisse im Vatikan gäbe. Leo XIV. gab mir das Gefühl, dass Hindernisse nur dazu da sind, beiseitegeräumt zu werden.

Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Papst Leo XIV. war nahezu sein ganzes Leben lang ein Bettelmönch. Ich kenne Bettelmönche, habe mit ihnen in ihren Klöstern zusammengelebt, auch mit dem berühmtesten in Italien, Pater Pietro Lavini. Er hat die Materialien für ein ganzes Kloster zusammengebettelt, das er in den Bergen bei Ascoli Piceno allein in jahrzehntelanger Arbeit baute. Diese Mönche denken, dass ihr ganzes Leben aus Demut und Dankbarkeit besteht, aus Unterwürfigkeit und der Abhängigkeit von denen, die sie mit Almosen versorgen.

Papst Leo XIV. lässt ganz klar erkennen, woran er sein Leben lang als Missionar glaubte: Arme Menschen müssen selber eine Perspektive aufbauen. Robert Francis Prevost hat sich immer dagegen ausgesprochen, dass sich Gemeinden von fremder Hilfe abhängig machen und davor gewarnt. Denn die Gemeinden würden ins Nichts fallen, wenn diese Hilfe ausbliebe.

Manager und Realist

Prevost war stets ein Kirchen-Manager, der sagte: Packt an, verhandelt auf Augenhöhe. Das gilt auch für ihn selbst. Er hat häufig für sich selbst gekocht und da ich in seiner Wohnung keine einzige Ordensfrau traf, sah es für mich so aus, als würde er auch als Papst nicht damit aufhören wollen.

Viele Bettelmönche beklagen immer wieder die Tragödien dieser Welt, Kriege, Hunger Katastrophen und betonen ihre Ohnmacht dem gegenüber.

Papst Leo hat absolut nichts davon. Aus allem, was er sagt, klingt ein klarer Sinn für die Realität. Er beschönigt nichts, in seinen Worten klingt keine Rührseligkeit. Er ist nicht der Typ, der drüber klagt, wie schlecht die Welt ist. Er ist der Typ, der darüber nachdenkt, wie er sie besser machen kann und was dafür realistischerweise möglich ist und was nicht.

Plötzlich bekam ich von einem Mitarbeiter ein Zeichen, dass der Papst noch einen Termin hat. Ich hatte mir für diesen Augenblick überlegt, was ich dann sagen wollte. Ich erzählte Leo XIV. von dem verborgenen Knopf unter dem Tisch im päpstlichen Appartement, das er gerade renovieren lässt. Papst Paul VI. ließ ihn anbringen und nutzte ihn, wenn er ein Gespräch beenden wollte, ohne unhöflich zu sein. Dann drückte er den Knopf und eine Lampe im Nebenzimmer leuchtete auf. Dann wusste der Sekretär, dass er die Gäste hinausbegleiten sollte.

Ein Rosenkranz zum Abschied

Bevor wir gingen, wollte Papst Leo, dass wir noch Fotos mit ihm machen. Dann verschwand er einen Moment und holte Rosenkränze als Geschenk, einen weißen für meine Frau, zwei rote für mich und meinen Sohn. Als wir die Wohnung verließen, winkte er uns nach. „Wir sehen uns in ihrem Dienstflugzeug“, sagte ich. Papst Leo XIV. lachte und sagte. „Okay, Mr. Englisch.“

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.

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