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Gewichtsdecken bei Schlafstörungen: Medizinische Evidenz und Kosten

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Tiefendruckstimulation mindert Insomnie und Stress. Studien belegen Wirksamkeit. Infos zu ÖGK-Kostenübernahme und Anwendung in Österreich.

Die therapeutische Nutzung von Gewichtsdecken – in der Fachsprache als Therapiedecken oder sensorische Decken bezeichnet – gewinnt in der österreichischen Schlafmedizin an Bedeutung. Das Konzept basiert auf der Tiefendruckstimulation (Deep Pressure Stimulation, DPS). Dabei wird ein fester, gleichmäßiger Druck auf die Körperoberfläche ausgeübt, der mechanische Reize in beruhigende Nervenimpulse übersetzt.

Neurobiologische Wirkung auf das Nervensystem

Die physikalische Einwirkung schwerer Decken zielt unmittelbar auf das autonome Nervensystem ab. Wissenschaftliche Daten belegen eine Verschiebung der Aktivität vom Sympathikus (Stresszustand) zum Parasympathikus (Erholungszustand).  

Dieser Prozess wird durch spezifische hormonelle Veränderungen gesteuert:

  • Serotonin und Melatonin: Der sanfte Druck regt die Produktion von Serotonin an, das als Vorstufe für das Schlafhormon Melatonin dient. Dies verkürzt die Einschlaflatenz und stabilisiert den Schlaf-Wach-Rhythmus.  

  • Cortisol: Untersuchungen zeigen eine Absenkung des Stresshormons Cortisol durch die Anwendung von Tiefendruck.  

  • Oxytocin: Das Gefühl der Umarmung fördert die Freisetzung von Oxytocin, was angstlösend wirkt und das Sicherheitsgefühl stärkt.  

Klinische Studien: Signifikante Verbesserung bei Insomnie

Die Wirksamkeit von Gewichtsdecken ist insbesondere für Patienten mit psychiatrischen Begleiterkrankungen gut dokumentiert.

Die Karolinska-Studie (Schweden)

In einer kontrollierten Untersuchung am Universitätsklinikum Karolinska in Stockholm wurden 199 Patienten mit Schlafstörungen analysiert.  

  • Methodik: Die Probanden nutzten über vier Wochen entweder eine 8 kg schwere Decke oder eine leichte Kontrolldecke (1,5 kg).  

  • Ergebnis: Die Gewichtsdecken-Gruppe wies signifikant bessere Werte auf der Bewertungsskala Insomnia Severity Index (ISI) auf (P < 0,001) mit einer hohen Effektstärke (Cohen's d = 1,90).  

  • Langzeitfolge: 92 % der Nutzer berichteten auch nach einem Jahr von anhaltenden positiven Effekten. 78 % erreichten eine klinisch relevante Besserung der Symptomatik.  

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 © istock Deagreez

Anwendung bei Depressionen und chronischen Schmerzen

Eine Crossover-Studie mit depressiven Teilnehmern ergab eine durchschnittliche Verlängerung der nächtlichen Schlafdauer um knapp 13 Minuten bei Nutzung einer 7 kg schweren Decke. Zudem deuten Daten darauf hin, dass schwerere Decken bei chronischen Schmerzzuständen eine größere Linderung bewirken als leichte Modelle.  

Einsatz bei ADHS, Autismus und Demenz

In der Ergotherapie werden Gewichtsdecken heuer verstärkt zur Behandlung sensorischer Reizverarbeitungsstörungen eingesetzt.  

  • ADHS: Eine schwedische Studie aus dem Jänner 2023 belegt, dass Gewichtsdecken bei Kindern die Einschlaflatenz verkürzen und die Emotionsregulation am Tag verbessern. Eine Registerstudie stellte zudem eine Korrelation mit verringertem Schlafmedikamenten-Verbrauch fest.  

  • Autismus (ASD): Der Tiefendruck stärkt die Körperwahrnehmung (Propriozeption) und reduziert das Bedürfnis nach selbststimulierenden Bewegungen.  

  • Demenz: In der geriatrischen Pflege reduzieren Gewichtsdecken agitiertes Verhalten, wie anhaltendes Schreien oder unruhigen Wandertrieb.

Rechtliche Einordnung und Kostenübernahme in Österreich

In Österreich gelten Gewichtsdecken, sofern sie mit medizinischer Zweckbestimmung vertrieben werden, als Medizinprodukte der Klasse I gemäß dem Medizinproduktegesetz (MPG 2021).  

Erstattung durch die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK)

Eine Kostenübernahme durch die ÖGK ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich, da die Decken als Heilbehelfe oder Hilfsmittel eingestuft werden können.  

  • Ärztliche Verordnung: Notwendig ist eine Verordnung durch einen Facharzt (z. B. für Psychiatrie oder Pädiatrie).  

  • Bewilligung: Da Therapiedecken oft nicht in den Standardtarifen geregelt sind, muss vorab eine Bewilligung beim Medizinischen Dienst der ÖGK eingeholt werden.  

  • Selbstbehalt: Versicherte tragen in der Regel 10 % der Kosten selbst. Der Mindestselbstbehalt beträgt heuer (Stand 2026) 46,20 EUR.  

  • Befreiung: Kinder unter 15 Jahren sowie bezieher erhöhter Familienbeihilfe sind vom Selbstbehalt befreit.  

Kontraindikationen

Bei folgenden Vorerkrankungen ist vor der Anwendung ein Arzt zu konsultieren:

  • Atemwegserkrankungen (Asthma, COPD).  

  • Unbehandelte Schlafapnoe.  

  • Schwere Herz-Kreislauf-Probleme oder Durchblutungsstörungen.

  • Fortgeschrittene neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder RLS.  

Materialien in Österreich

Neben Modellen mit Glasperlen- oder Tonfüllung werden in Österreich auch Naturprodukte angeboten, beispielsweise Decken mit Bio-Hirseschalen-Füllung (z. B. von allnatura).

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