Die Wiener Festwochen: Mozart als Störgeräusch

Zwischen Gerichtstribunalen und anderem Aktionismus scheint die Qualität des Gebotenen beim obwaltenden Festival kein Thema zu sein. Intendant Milo Rau, ein gescheiter Mensch, soll schnell reagieren

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

So ein Opernnarrenleben beginnt fast immer in der Kindheit und endet holzummantelt, oft begleitet von Nebenerwerbspompfüneberern aus dem Staatsopernchor. Mein Opernleben hat seinen Anfang in der Frühpubertät genommen und nähert sich erkennbar einem vergleichbaren Zustand (weil man ja nicht jünger wird). Wenn ich nun von meinen bisher 55 opernvernarrten Jahren überhaupt etwas profitieren konnte, so ist es das: Ich kann im Nachhinein zumindest qualifiziert begründen, warum ich mich geirrt habe (was jedem Kritiker sicher mehrmals pro Jahr unterläuft).

Aber zu einer, einer einzigen Erkenntnis stehe ich inmitten der stürmischen Volatilität, die das Wesen aller Kunst ist: Alles Gelingen und Scheitern der Oper beginnt im Orchestergraben. Die Partitur und ihre Sachwalter – der Dirigent, das Orchester – laden sich das ganze schwebende Weltgebäude, das da Abend für Abend errichtet wird, auf die Flügel. Dann steigen, klar, die Sänger zu und werden gehalten und getragen. Und dann kommt irgendwann das Libretto, mit den bekannten Ausnahmen meist von vergleichsweise bescheidener Inspiration. Aber wenn es Musik in sich trägt, ist es ein geliebtes, jedenfalls unentbehrliches Vehikel. Und zum Schluss kommt die Regie.

Einen Opernregiedilettanten wiederum erkennt man daran, dass er sich im Libretto verbarrikadiert, weil er die Partitur nicht lesen kann und die Musik, die nicht seine Welt ist, nicht hört. Womit ich bei der mich zutiefst ärgernden Festwochenproduktion der Mozart’schen „Clemenza di Tito“ eingetroffen bin.

Der Intendant Milo Rau, ein namhafter Intellektueller, hat das inszeniert. Einen animierenderen Gesprächspartner habe ich lang nicht getroffen. Meinen Fragen nach den Antisemiten, die er in unnötige Gremien eingeladen hat, ist er beredsam begegnet, und unter den Köpfen, die ich hier kürzlich zur Rettung der klassischen Sprachen aufgerufen habe, war er der kundigste. Und jetzt dieser „Titus“, Raus erste Opernregie! Die Salzburger Camerata und der Dirigent Thomas Hengelbrock, so dachte ich, wüssten, was im Umgang mit Mozart zu beachten ist. Aber mit Ausnahme einiger ungestörter Minuten, in denen sich das Unglück ein paar Meter vom Boden wuchtet, konnten sie nichts Erkennbares beitragen.

Warum? Weil die Szene gegen die Musik arbeitet, weil einander beide blockieren und der Regisseur es nicht hört. Rau hat sich versiert in die historischen Umstände der Entstehung des Werks und ihre Abbildung im Libretto eingearbeitet. Er konnte dort wie in der Eprouvette den Römerkaiser Titus Vespasian als Toleranzspekulanten isolieren und das Ganze auf die selbststabilisierenden Maßnahmen der Herrschenden gegen die Französische Revolution hochrechnen. Aber was die Umsetzung des Opernwerks betrifft, hätte mein seliger Deutschprofessor Jelusic ins Klassenbuch eingetragen: „Rau stört.“

Dass er unmotiviert das postkoloniale Unrecht zwischen Südamerika, Französisch-Äquatorialafrika und Wien-Favoriten vor ein Statistentribunal immigrierter Stadtbewohner lädt, ist bloß lästig. Aber dass er die mörderische Arie der Vitellia mit filmischen Monumentalbiografien aller Statisten niedermüllt, weil ihn ein so langes Gesangsstück langweilt und ihm die Zeit für das nächste Schwafelmanifest stiehlt: Das ist barbarisch, primitiv, kunstfeindlich und wird nicht toleriert. Dass er Passagen des Werks umstellt, missbillige ich, halte es aber im Fall der traditionellen Opera seria für notdürftig diskutierbar. Aber solch eine schon demonstrativ drittklassige Sängerbesetzung hat in einem Kulturfestival der zivilisierten Welt nichts verloren (dass das manchem Kritikerkollegen nicht auffällt, weil er sich als Quereinsteiger mit den Grundbegriffen nicht aufhalten konnte, dass einer den namhaften Dirigenten gar ganz zu erwähnen vergaß, wird Gegenstand einer der nächsten Kolumnen sein).

„Demonstrativ“ ist der Ausdruck, den ich gesucht habe: Demonstrativ wird hier Mozart Bescheid gestoßen, dass er sich nicht aufspielen soll, weil jeder auf dem Reumannplatz aufhältige Migrant ganz andere Probleme zu schultern hat als das dreigestrichene C.

Schon Tage davor wurde uns so etwas geboten: Kirill Serebrennikow hat ein szenisch furioses Freiheitsmanifest gebaut. Aber die zugehörigen Barockarien wurden von einer Wirtshausband und einer Kaufhaushammondorgel begleitet. Auch das ist indiskutabel, und Milo Rau soll rasch stabilisierende Maßnahmen einleiten. Zum Beispiel: zwei Antisemiten ausladen und sich mit dem Erlös einen Kammersänger zulegen, einen richtigen. Das wäre ein Anfang, bevor schon wieder das Ende droht.

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