Musik von

"Erfolg ist wie eine Droge"

Musik - "Erfolg ist wie eine Droge" © Bild: News/Matt Observe

Die beiden Kabarettisten Pizzera und Jaus sind in der Popwelt angekommen. Ihre Herzensballade "Mama" treibt Müttern österreichweit Tränen in die Augen. Ihr erstes Album "Unerhört solide" ist eben erschienen, die Tour fast ausverkauft. Dem Erfolg trauen die beiden trotzdem nicht

Die Mama ist eine fesche Rothaarige, die sagt, was sie sich denkt. Nein, weinen hat sie nicht müssen, als sie die Herzensballade "Mama" gehört hat. Im Gegenteil. "Lachen hab ich müssen! Weil es so ganz typisch beschreibt, wie der Otto ist: Ruft hundert Mal nicht zurück, und die ständig wechselnden Freundinnen sind auch total aus dem Leben gegriffen", sagt die Frau, die neben Pizzeras Mama im Hit besungen wird. Das Lied treibt österreichweit Müttern seit vier Monaten Tränen in die Augen und weicht nicht aus den Charts. Es ist Paul Pizzeras und Otto Jaus' gesungenes Dankeschön für die bedingungslose Aufopferung der Mütter und ihre Liebe. Vor allem an Elternsprechtagen oder wenn Sackerln mit Verbotenem unter dem Bett zu finden waren. "Weil du für mi, bevorst mi niederglegt host, gsungan host. Gaunz egal, wie bled i wor, nie auf mi gspunnan host", heißt es darin. Zuletzt schwören die beiden, für die Mamas da zu sein, "wenn di dei Kroft valosst". Stoff, der ans Herz geht.

Er ist das Markenzeichen von Pizzera und Jaus, das ihnen half, fünf Singles gleichzeitig in den Top-75-Charts zu platzieren und zwei Amadeus-Awards zu gewinnen. Das Duo vertont Gefühle, die jeder kennt, und schafft in seinen Mundart-Popsongs einprägsame Bilder. Um das Verlassenwerden von einer, die man auf Händen tragen wollte, singen sie im Nummer-eins-Hit "Jedermann". "Liebe mocht ned blind, sondern nur die Augn gschwoin", heißt es da. Die Erkenntnis ist mittlerweile im heimischen Alltagswortschatz angestammt. In "Wir gewinnt" erzählen sie davon, sich für eine Beziehung nicht verbiegen zu dürfen. "Hauptsätze, Absätze" beschreibt humorvoll das Treffen zweier Selbstdarsteller, und "Eine ins Leben" soll Mut machen, seinen Weg zu gehen, egal, wie der aussieht -Szenen aus dem Leben, die jeder nachvollziehen und über die jeder schmunzeln kann.

Besser reden als raufen

Das Lachen ist ja eigentlich das Metier der beiden. Vor vier Jahren trafen sie sich, als beide mit ihren Solokabarettprogrammen bei der Langen Nacht des Kabaretts in Leoben auftraten. "Sehr verraucht war es. Wir haben beide so viel tschicken müssen, weil wir so nervös waren", erzählt Pizzera. Und auch, dass sie einander auf Anhieb sympathisch waren und gemeinsam was auf die Beine stellen wollten. Bei anderen sterben solche Verabredungen auf der To-do- Liste einen langsamen Tod. Bei ihnen war es der Startschuss zur Erfolgsgeschichte. Gerade erschien ihr erstes Album, "Unerhört solide". Die gleichnamige Tournee mit 60 Auftritten startet am 15.9., bis auf fünf Termine ist sie seit Monaten ausverkauft.

© News/Matt Observe "Ein Faustkampf zwischen uns wäre schlecht. Ich mache Bikram Yoga, Pauli boxt" - Otto Jaus

Der Erfolg ist den beiden ein bisschen unheimlich. Man merkt es, wenn sie vor der Albumpräsentation vor dem Lokal nervös auf und ab tigern. Sich wundern, wie viele Kameras und Journalisten wegen ihnen aufmarschiert sind. Noch schnell eine rauchen. Wie damals in Leoben. Immerhin haben die beiden gemeinsam auf der Bühne keine Routine. Ihr erstes gemeinsames Album entstand an den freien Tagen, die beide auf ihren Solotourneen als Kabarettisten übrig hatten. Und einmal waren sie zehn Tage zum Liederschreiben in der "toskanischen Pampa"."Damals haben wir uns den Respekt vorm Talent des anderen abgewöhnt. Das war gut fürs Liederschreiben. Ich hab mich am Anfang nie in Pauls Text einmischen getraut", sagt Jaus. "Ja, wir haben uns zuerst mit Samthandschuhen angefasst. Jetzt sind wir so weit, dass wir uns alles sagen können." Das sei aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede auch besser so, witzeln beide. "Ein Faustkampf würde schlecht ausgehen. Der Pauli geht boxen, ich mach Bikram Yoga und Pilates", sagt Jaus. Gemeinsame Auftritte können sie an einer Hand abzählen. Zur ausverkauften Tour sagt Pizzera dann auch: "Das sind Vorschusslorbeeren. Die Erwartungshaltung ist groß. Wir werden uns zerreißen, um ihr gerecht zu werden."

Erfolge für viele Leben

Dabei könnten der 29-jährige Pizzera und der 34-jährige Jaus die Sache durchaus großkotziger angehen. Ihre Biografien hatten schon vor der Musikkarriere Gewicht. So spielte sich Paul Pizzera aus dem steirischen Deutschlandsberg binnen vier Jahren vom Kellner und Germanistikstudent zum Stadionrocker unter den Kabarettisten. "Ich komme aus einer sehr lieben, aber sehr angepassten Familie - dasselbe zu machen wie die Eltern, war der Horror für mich", sagt er. Sein Wortwitz im steirischen Dialekt, seine oft bitterbösen Pop-Gstanzln über die Verfehlungen von Eltern ("Der allerbeste Sommer") oder Oma ("Essen bei Oma") nahmen das Publikum im Sturm. Binnen drei Jahren spielte er österreichweit vor über 150.000 Menschen und gewann drei Kabarettpreise. "Wie der Paul mit Sprache umgeht, ist ein Wahnsinn", schwärmt Otto Jaus über den "Bruder im Herzen"."Der hat das im Blut und schiebt manchmal einfach so Reime raus, die Geniestreiche sind. Da kann ich viel lernen."

Pizzera huldigt dagegen Jaus' musikalischem Können und Talent. "Was Otto kann, lerne ich in diesem Leben nicht mehr. Und er führt mich mit stoischer Ruhe und Geduld an Aufgaben heran, zweite Stimme und so, die ich nie gelernt habe." Jaus glänzt als perfekte Ergänzung zu Pizzeras Wortkunst als musikalisches Multitalent. Seine Kindheit verbrachte er bei den Wiener Sängerknaben. Er studierte am Konservatorium der Stadt Wien Schauspiel, Gesang und Tanz und an der Royal Academy of Music in London. Danach stand er in "Jesus Christ Superstar", der "Dreigroschenoper" oder in "Fame" auf der Bühne sowie im Kabarett Simpl. Er war in der Operette "Die Zirkusprinzessin" zu hören und spielte in Michael Niavaranis Komödie "Romeo & Julia". Für sein erstes Kabarettprogramm wurde er beim Österreichischen Kabarettpreis mit dem Förderpreis ausgezeichnet.

© News/Matt Observe Otto Jaus mit seiner Mama und Freundin Eva Maria Frank

Am Weg zum Kabarettisten musste Jaus, der ausgebildete Tenor, mehr Hürden überwinden als Pizzera. Der Steirer sagt, für die Mama war alles okay, was er tat, solange er glücklich war. "Es ist so schön, wenn man als Kind nicht sein muss, sondern darf." Jaus, der Niederösterreicher, erzählt dagegen, der Papa hat geglaubt, der Bua nimmt Drogen, als der sagte: "Ich werde Musiker." Und seine Mama erinnert sich nur ungern an Ottos Zeit beim Musical und im Simpl. "Ich habe ja Klassik studiert und bin mit Oper aufgewachsen. Das war der Horror für mich", gesteht Frau Jaus. Und betont gleich, wie wunderbar das Soloprogramm des Sohnes war, weil er darin Beethoven und Mozart zerlegte, und wie unglaublich gut das kommende Programm des Duos ist. "Da sind Doppelconférencen dabei, die mich an Farkas und Waldbrunn erinnern." Man merkt, wie stolz sie auf den Sohn ist.

Es braucht starke Frauen

Dass Pizzera und Jaus ihrer steilen Karriere skeptisch begegnen, ist möglicherweise Teil ihres Erfolges. Es bewahrt davor, abzuheben, nachlässig zu werden, weiterhin alles zu wollen. "Wenn du vor dem Erfolg nicht glücklich warst, bist du es nachher auch nicht", sagt Otto Jaus dazu. Und er beschreibt, dass es zwar geil ist, Nummer eins zu sein mit seinem Hit, aber auch irgendwie nicht. "Jeder Traum, der in Erfüllung geht, ist weg. Das macht dich teilweise auch fertig."

Als emotionale Achterbahn beschreibt Pizzera das Leben als Bühnenkünstler - ohne dabei wehleidig zu sein. "Ich höre oft, wie glücklich ich sein muss, weil ich vor 2.000 Leuten gespielt habe und die Stimmung gekocht hat. Ja eh, aber manchmal bin ich trotzdem nicht gut drauf. Wenn ich den Geschirrspüler ausräume, applaudiert mir auch keiner. Und ich kann nicht permanent dankbar sein." Pizzera begegnet Erfolg mit einer emotionalen Hornhaut. "Erfolg ist wie eine Droge, die sehr schnell glücklich macht und genauso unglücklich. Je mehr man Erfolg nicht als Konstante, sondern als Momentaufnahme sieht, desto gesünder ist es", sagt er.

© News/Matt Observe Wenn ich von einer Tournee heimkomme, muss mich meine Freundin resozialisieren" - Paul Pizzera

Paul Pizzera weiß, wovon er spricht - und seine Freundin auch. Die Volksschullehrerin müsse ihn erst wieder resozialisieren, wenn er von einer Tour heimkommt, auf der er ständig umgarnt und beklatscht wurde, erzählt er. "Damit ich wieder weiß, dass nicht alles geht. Wie ein Kind, das von den Großeltern heimkommt und glaubt, es darf alles. Ich könnte nicht mit mir zusammen sein."

Für eine Beziehung mit einem Künstler braucht es schon eine starke Frau, da sind sich die beiden einig. Die Frau an Otto Jaus' Seite, die Schauspielerin Eva Maria Frank, ist auch so eine. "Die beste Beziehung, die ich je hatte", sagt sie. "Ich schätze sehr, dass sie das alles mitmacht", sagt er und erzählt, wie er von einer Tour heimkam und sich drei Tage allein nur für sich wünschte. "Ich wollte keinen Menschen sehen. Das kann die Partnerin schon leicht schnell falsch verstehen. Hut ab vor ihr."

Hört man Pizzera und Jaus so reden, glaubt man ihnen auch, wenn sie am neuen Album, an das Publikum gerichtet, singen: "Ihr kriegt unsere ganze Liebe."

Neue CD

Schmähführen mit Tiefgang zu eingängigen Popmelodien ist wie schon auf den Singles das Rezept der ersten CD, "Unerhört solide"

Tour

Am 15.9. startet die "Unerhört solide"-Tournee. Von den 60 Terminen sind fast alle seit Monaten ausverkauft. Restkarten gibt es z. B. für Wien (Stadthalle, 24.2.2018), Wiener Neustadt (Arena Nova, 11.5.2018) oder Graz (1.6.2018)