Peter Simonischek von

"Ich hätte für Dieter Wedel
eine fette Ohrfeige gehabt"

Peter Simonischek - "Ich hätte für Dieter Wedel
eine fette Ohrfeige gehabt" © Bild: Stefanie LOOS / AFP

Die Theater-Ikone wird immer mehr zum Filmstar – zuletzt feierte das Publikum Peter Simonischek bei der Berlinale. Und auch sonst macht der 71-jährige Wellen: Im News-Interview nimmt er kein Blatt vor den Mund, weder was Politik noch die #metoo-Debatte anbelangt.

Sie waren jahrzehntelang hauptsächlich als Bühnenschauspieler bekannt, seit dem oscarnominierten „Toni Erdmann“ sind Sie sozusagen Filmstar für das anspruchsvolle Publikum, jetzt werden Sie bei der Berlinale für „Der Dolmetscher“ bejubelt - wie gefällt Ihnen der neue Status?
Peter Simonischek: Es tut gut, ja. Ich hatte großes Glück mit diesem „Toni Erdmann“. Dass das Buch bei mir gelandet ist, dass ich mir nicht zu schade war, zum Casting zu fahren, obwohl wir eigentlich schon auf Urlaub fahren wollten … wir sind dann halt ein paar Tage später gestartet. So viele Sachen müssen da zusammenspielen.

Wären Ihnen auch Filmpreise wichtig?
Ach, mit den Preisen ist das immer so eine Sache. Man kommt im besten Fall nach Los Angeles und glaubt, das ist irgendwie das El Dorado, wo man unbedingt hinwill, man hat ja schon seit der Schauspielschule Hollywood-Scherze gemacht. Aber wenn man einmal in der Hofburg auf einem Ball war … das ist schon ganz etwas anderes. Da könnten die da drüben sich alle zehn Finger abschlecken drüben, wenn sie sowas hätten.

In „Der Dolmetscher“ gehts um die Geschichte zweier älterer Herren und ihrer Vergangenheitsbewältigung. Ein – leider – zunehmend aktuelles Thema.
Mein Großvater hat mich damals mit 10 Jahren in einen Film mitgenommen, den die Amerikaner über die Befreiung von Auschwitz gedreht haben. Und so etwas vergisst man sein Lebtag nicht mehr. Und man möchte glauben, die Menschen haben daraus gelernt. Aber wenn man jetzt die Typen vom IS sieht, wie sie da stehen, einen abgeschnittenen Kopf in der Hand und dazu die Zigarette lässig im Mund … das sind einfach so undenkbare, wahnsinnige, aktuelle Gräueltaten. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass es so etwas heute noch gibt.

Woher kommt diese Grausamkeit?
Aus uns! Aus uns!! Ich finde ja die Art unserer Aufarbeitung der NS-Zeit nach wie vor problematisch. Vor allem eine Sache stört mich immer wieder: Dass man von „Monstern“ redet und von „Bestien“. Damit wir selber nichts damit zu tun haben müssen. Aber es sind Menschen, die das gemacht haben. Und wenn man Christ ist, muss man sogar akzeptieren: Die Täter, das waren und sind meine Brüder.

Dabei sehen sich gerade die Österreicher immer noch gerne hauptsächlich als Opfer.
Ja, und das haben wir dem Herrn Waldheim zu verdanken, dass dieser Deckel endlich aufgegangen ist, und man jetzt tief in den Abgrund schauen kann.

Haben Sie Sorge, was die gegenwärtige politische Lage in Österreich betrifft?
Ich bin kein hysterischer Mensch, deshalb sage ich: Jetzt schauen wir uns das einmal genau an. Wir werden genau schauen, was die mit dem ORF machen, da habe ich schon die Petition unterschrieben. Wenn das auch nur ansatzweise in dieselbe Richtung geht wie das, was jetzt in Ungarn passiert, dann werden wir laut „Feuer!“ schreien. Laut.

Beim genau Anschauen kommen halt immer wieder neue „Einzelfälle“ zu Tage …
So wie diese Liederbücher, die angeblich jetzt erst aufgetaucht sind? Es weiß doch jeder, dass die lange bekannt waren, aber genau zum richtigen Zeitpunkt aus der Lade geholt wurden. Und das finde ich schade, dass man mit solchen Kinkerlitzchen so große Show macht. Ich bin Schauspieler – daher weiß ich, dass es auf die richtige Einteilung ankommt. Wenn einer die ganze Zeit auf 180 brüllt, dann hört ihm keiner mehr zu. Das stumpft die Waffen ab – die wir noch brauchen werden!

»Die Demokratie hat uns Trump eingebrockt, sie wird ihn auch wieder entsorgen«

Ist es dann nicht schon zu spät?
Wir sind in einer Demokratie, der vertraue ich. Ich vertraue auch, dass die USA Trump wieder los werden. Die Demokratie hat uns Trump eingebrockt, sie wird ihn auch wieder entsorgen.

Würden Sie sich eigentlich für irgendeine Kampagne, irgendeinen Kandidaten oder eine Partei öffentlich engagieren?
Nein, da hab ich mich immer rausgehalten, ich bin aber von so ziemlich allen Seiten schon gefragt worden. Der einzige, für den ich je mal was gemacht habe, war der Karas fürs Europaparlament. Jetzt sind die vom Kurz gekommen und auch manche andere, aber ich mache das nicht, grundsätzlich. Ich will mich einfach nur nicht so einfach vereinnahmen lassen.

»Gleichberechtigung der Frau – also bitte, wo kommen wir denn da hin, wenn man da noch drüber streiten muss?«

Haben Sie das Frauenvolksbegeheren unterschrieben?
Was ist denn das?

Das Volksbegehren für die Gleichberechtigung der Frauen.
Wann war denn das?

Das läuft parallel zu dem Rauchervolksbegehren.
Müssen wir das tatsächlich noch unterschreiben? Ist das wirklich immer noch ein gesellschaftlicher Streitpunkt, ob die Frauen gleichberechtigt sind und ob sie das gleiche Geld kriegen sollen? Gleichberechtigung der Frau, also bitte, wo kommen wir denn da hin, wenn man da noch drüber streiten muss?

Aber haben Sie am Theater oder bei Film und TV auch schon selber erlebt, dass es da zu Ungleichbehandlungen oder gar Machtmissbrauch kam?
Gut, die ganze MeToo-Geschichte ist ja wieder was anderes. Meine Frau (die Schauspielerin Brigitte Karner, Anm.) hat sich da ja Gott sei Dank auch aus dem Fenster gelehnt, weil die hat grausliche Sachen erlebt, mit dem Dieter Wedel speziell. Aber hallo.

»Wenn der Mann mir begegnet wäre, egal wo, ich wäre hingegangen und hätte ihm eine geknallt«

Sie wissen davon also schon länger?
Ja freilich. Ich hab auch damals schon gesagt, wieso lässt du dir das gefallen? Der Herr Wedel hat ein Mordsglück gehabt …

… aber wieso glauben Sie hat sich Ihre Frau zunächst nicht getraut, das öffentlich zu machen?
Es ging nicht ums Trauen. Sie hat damals gesagt, sie will mit dem Mann nichts mehr zu tun haben, weder im Guten noch im Schlechten. Wenn ich ihm über den Weg gelaufen wäre, dann wäre die ganze Sache ja viel früher aufgeflogen, ich hätte nämlich in meiner Hosentasche eine fette Ohrfeige für ihn bereit gehabt. Wenn der Mann mir begegnet wäre, egal wo, ich wäre hingegangen und hätte ihm eine geknallt. Und damit wäre die Sache dann von selber ins Rollen gekommen, auf alle Fälle. Das hat ja jeder gewusst, wirklich! Meine Agentur schickt seit 20 Jahren keine Kolleginnen zu einer Arbeit mit Wedel, seit 20 Jahren!

© Stefanie LOOS / AFP Peter Simonischek mit seiner Frau Brigitte Karner bei der Berlinale 2018

Ja schade, dass Sie ihn nie getroffen haben. Das hätten wir gerne gesehen! Wahrscheinlich hat er es geahnt und sich vor Ihnen gefürchtet.
Sie werden sich wundern, aber gerade solche Leute haben einen unglaublichen Instinkt, was sich gerade noch ausgeht und was nicht.

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