Theater von

"Wir leben in der Endzeit"

Theater - "Wir leben in der Endzeit" © Bild: News/Michael Mazohl

Eine starbesetzte russische Untergangskomödie ruft bedrängende Assoziationen zur Gegenwart auf. Michael Maertens, Nicholas Ofczarek und Peter Simonischek über den Ruck nach rechts, die "Burg" unter Martin Kušej und die Unsinkbarkeit des Theaters

Besetzungen auf dieser Höhe würden am ausgehungerten deutschen Theater als Luxus jenseits der Realität geführt. Die "Burg" prunkt mit einer Premiere, die besser nicht besetzbar wäre - und deren Protagonisten etwas zu sagen haben.

Ostrowskijs Stück lässt sich auf eine aktuelle Formel bringen: Wer Geld hat, schafft an. Befinden wir uns nicht wieder in dieser zaristischen Endzeit?
Ofczarek: Wir merken schon, dass wir uns in einer Endzeit befinden. Das System des Kapitalismus pervertiert immer mehr, und wir sind alle Teil dieses Systems. Das ist für die Menschheit alles andere als eine zukunftsträchtige Lösung.
Simonischek: Und seit der Globalisierung ist ein Ausstieg daraus nur über eine gewaltige Katastrophe denkbar. Sobald heute jemand Maßnahmen gegen das Unrecht ergreift, warten die anderen nur darauf, aus dieser Maßnahme zusätzlich Profit zu ziehen. Ein aussichtsloses Spiel.

Spielen Sie Ostrowskijs Stück in der Gegenwart?
Ofczarek: Nein, ganz im 19. Jahrhundert. Das gibt es tatsächlich noch. Aktuell ist das Thema so oder so.
Maertens: Wir begeben uns auf die Suche, wie man dieses Stück 1880 gespielt hätte. Oder zumindest experimentieren wir in diese Richtung.
Simonischek: Ich habe nämlich nur ganz selten erlebt, dass es funktioniert, wenn man ein zweihundert Jahre altes Stück in die Gegenwart holt. Es wird dann höchstens anachronistisch.

Ihr Regisseur Alvis Hermanis hat in Hamburg eine Regie zurückgelegt, weil ihm das Haus zu flüchtlingsfreundlich agiert hat. Seither gibt es ihn an mehreren Bühnen nicht mehr. Hatten Sie keine Bedenken, mit ihm zu arbeiten?
Ofczarek: Und an anderen arbeitet er weiter. Seine Entscheidung war damals radikal, andererseits hat sich seither die Presse auch allzu gerne auf jede seiner Äußerungen gestürzt, ohne den Kontext darzustellen. Wie dem auch sei: Es ist jedem Schauspieler überlassen, wie er mit den politischen Einstellungen seines Regisseurs umgeht
Maertens: Und jedem Intendanten.
Simonischek: Wir geben die Antwort: Wir sind dabei.
Ofczarek: und ich interessiere mich für den Künstler, mit ihm will ich arbeiten.

»Eine Koalition mit der FPÖ wäre für die SPÖ eine Katastrophe«
© News/Michael Mazohl Michael Meartens über politische Grundstandards

Herr Maertens, Sie kämpfen in Gestalt des Postbeamten Karandyschew für das Gute. Welche Aussichten hat dieser Kampf?
Maertens: Vorwiegend kämpft dieser Karandyschew doch für sich selbst! Er ist in Wahrheit ein egoistischer Charakter, aber auch ein verzweifelt Liebender. Dieses Stück erzählt nicht nur von Politik und Geld, es lässt einen auch über die Liebe nachdenken. Wobei es erstaunlich ist, dass bei einem Stück aus der Mitte des 19. Jahrhunderts eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt steht. Das macht es sogar zu einem feministischen Stück. Diese Frau ist von Raubtieren umgeben, die alle etwas von ihr wollen. Alle Herzen sind wund, jeder Bauch ist durchwühlt, weil alle eine große Sehnsucht haben.

Erinnern Sie diese gierigen Getriebenen auch an Donald Trump?
Ofczarek: Ja, Trump ist die pervertierte Ausformung des Kapitalismus.

Sie haben im ORF grandios Häupl und Niko Pelinka imitiert. Wäre Trump nicht eine Herausforderung?
Ofczarek: Danke, kein Bedarf, obwohl, schwer zu imitieren ist er nicht, und politischer Satiriker ist der Job der Stunde in den USA. Dabei bleibt einem aber das Lachen im Hals stecken, denn er macht die Welt täglich gefährlicher. Jetzt will er das Atomabkommen mit dem Iran kündigen, und wie er mit Nordkorea kommuniziert
Simonischek: Trump hat das Amt mit der meisten Macht weltweit. Erstaunlich ist nur, dass man für diesen Job nichts erlernt haben muss. Das hat uns die Demokratie eingebrockt. Ich hoffe, dass uns die Demokratie das auch wieder auslöffelt.

Nun bringt uns die Demokratie möglicherweise eine schwarz-blaue Regierung. Wäre die eine Katastrophe?
Ofczarek: Die war schon einmal eine Katastrophe, das scheinen nur sehr viele vergessen zu haben. Gegen sehr viele Regierungsmitglieder von damals sind Gerichtsverfahren anhängig. Manche sind schon eingesessen, manche tragen eine Fußfessel. Unglaublich, wie das in der schnelllebigen Zeit vergessen wird.
Maertens: Wir in Deutschland empfinden es als Katastrophe, dass die AfD mit fast 13 Prozent im Parlament sitzt. Als Gast fände ich es auch als Katastrophe, wenn die FPÖ, eine extrem rechtspopulistische Partei mit Personen von eigenartiger Vergangenheit, mitregiert.
Simonischek: Man kann das aber auch pragmatisch sehen: Wo die Mehrheiten sind, sind sie. Ich bin jahrelang nur zur Wahl gegangen, um etwas zu verhindern. Aber ewig hält das auch nicht. Wenn immer blöder gestritten wird, ist das Einzige, auf das man sich einigen kann, der böse, blaue Bube.
Ofczarek: Wobei man sagen muss, dass in gewissen Positionen die Liste Kurz jetzt schon extremer ist als die FPÖ unter Herrn Strache. Das muss man wertfrei feststellen.
Simonischek: Ja, Strache hat deutlich Kreide gefressen. Aber man hat mit der ständigen Ausgrenzung der FPÖ dieser Partei auch einen unglaublichen Gefallen getan.
Maertens: Ich bin als Sozialdemokrat in Deutschland aufgewachsen. Und ich habe mich darüber gefreut, dass die SPD nun in der Opposition ist. Insofern kann ich mir vorstellen, dass es der SPÖ ganz gut täte, wenn sie nach so langer Zeit in der Regierung aus der Opposition gegen Programme ankämpft, die ihr nicht gefallen.
Simonischek: Wenn man mit so dreckigen Methoden arbeitet wie die SPÖ, darf man außerdem über die Folgen nicht überrascht sein.
Ofczarek: Ich bezweifle allerdings, dass im Wahlkampf nur die SPÖ mit solchen Methoden gearbeitet hat.

Und dass die SPÖ mit der FPÖ koalieren könnte?
Maertens: Wäre eine katastrophale, unmögliche, machtgierige Fehlentscheidung der SPÖ. Alles was dieser Partei jetzt nützen würde, wäre die Opposition und ein grundlegender Neuanfang.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bis zur Pension spiele«
© News/Michael Mazohl Nicholas Ofczarek über Selbstverschleiß beim Hochleistungssport auf der Bühne

Wäre Kurz für Sie parodierenswert, Herr Ofczarek? Gerhard Haderer nennt ihn sogar ein Gottesgeschenk.
Ofczarek: Nein, ich kann da im Moment gar nicht hinschauen. Die österreichische Innenpolitik wird immer flacher, und dieser Wahlkampf war völlig inhaltsfern. Es fielen nur Schlagworte.
Simonischek: Es ging nur darum, den anderen anzupatzen.
Maertens: Ich war als Piefke ein bisschen verstört: Ich habe eine Samstagabend-Show mit Sebastian Kurz gesehen, eine politische Sendung, die als Quiz-Show verpackt war! Man stellte Bürgern Fragen wie: Wer war Kurz' erste Freundin? Und das während einer Auseinandersetzung, von der die Zukunft des Landes abhängt. Ich war schockiert.
Simonischek: Schon bei der Wahl zum Bundespräsidenten haben die Kandidaten "Hänschen klein" im Auto gesungen.
Ofczarek: Ja, wir leben in einer Zeit, wo die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt.

Kommen wir zurück zum Theater. 2019 übernimmt Martin Kušej die "Burg". Hat er mit Ihnen gesprochen?
Maertens: Wir haben alle drei noch nichts von ihm gehört. Aber er kennt uns ja, wir werden sicher noch reden. Jetzt ist hier mal diese Spielzeit, diese Premiere wichtig.
Simonischek: Er war vor langer Zeit zwei Jahre mein Chef als Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele. Seither habe ich nicht mehr mit ihm geredet. Wozu auch? Ich bin ja nicht an seinem Münchner Theater, und ich weiß gar nicht, ob ich dann noch hier bin, wenn er kommt.

Aber einem Direktor müsste doch äußerst mulmig werden beim Gedanken, drei Schauspieler wie Sie nicht mehr zur Verfügung zu haben.
Ofczarek: Das denken Sie sich vielleicht so.

In einem Interview hat Kušej davon gesprochen, dass er viel von der Suppe namens Burgtheater wegschütten will. Bis heute ist umstritten, ob nicht doch das Ensemble gemeint war.
Maertens: Es wäre sehr unklug, wenn er neunzig Prozent entlassen würde. Allein von der Generation über Sechzig bekommt er Hochkaräter wie an keinem anderen Haus. Das sind Weltdinosaurier! Dass man als regieführender Intendant drei oder vier Schauspieler mitnimmt, gehört dazu. Stellen Sie sich vor, Voss, Dene, Kirchner wären seinerzeit nicht mit Peymann gekommen!
Simonischek: Wenn man alles auf die Goldwaage legt, was man gehört hat Es wird doch so viel Unsinn geredet.
Ofczarek: Er sagt, er ist falsch zitiert worden. Aber ganz wertfrei gesagt: Es gibt verschiedene Denkschulen. Sicher ist, dass ein Intendant das Theater verändern und neue Inputs liefern soll. Zu diesem Zweck könnte man so viele wie möglich entlassen, um ein neues Ensemble zu bringen. Das wäre denkbar, denn alles ist möglich. Aber das Burgtheater hat schon ein verdammt starkes Ensemble, das permanent neue, verschiedene Ensembles von anderen Theatern integriert hat. Das war immer so, und ich sehe den Sinn nicht, hier alle hinauszuschmeißen. Das Ensemble, so wie es hier ist, hat mit dem Haus zuletzt immerhin eine große Krise bewältigt. Von dem abgesehen: Wir sind alle erfolgreiche Schauspieler, man muss sich um uns keine Sorgen machen.

Sie selbst waren schon an Kušejs Münchner Theater und sind weggegangen, weil ihnen die Doppelbelastung zu viel wurde. Hat das zwischen Ihnen keine Verstimmungen verursacht?
Ofczarek: Nicht, dass ich wüsste.

Würden Sie gerne bleiben?
Maertens: Ich würde sehr gerne in diesem Ensemble bleiben. Das hat viel mit dem Haus zu tun, aber auch mit den Menschen.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, ohne Theater zu leben?
Ofczarek: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bis zu meiner Pension Theater mache. Schauspielerei ist Hochleistungssport. So etwas betreibt man nicht bis ins Alter.
Simonischek: So, wie du sie betreibst, auf jeden Fall.

Hat es Sie schon einmal umgeworfen?
Ofczarek: Schon ein paarmal. Aber so, wie ich den Beruf ausübe, ist es wohl auch übertrieben. Vielleicht mache ich einmal etwas ganz anderes.
Maertens: Du hast offensichtlich mit dem Schauspielunterricht etwas entdeckt, was dir große Freude bereitet?
Ofczarek: Ja, es ist schon wichtig, dass man in Zeiten wie diesen eine Art Berufsethos weitergibt.

»Als Internatskind bin ich Härte gewohnt - das hält mich im Ensemble«
© News/Michael Mazohl Peter Simonischek über die ewige Bildung ans Theater

Herr Maertens, Sie waren in der Direktion Hartmann der meistbeschäftigte Schauspieler des Hauses. Täusche ich mich, dass Sie sich ein wenig zurückgezogen haben?
Maertens: Das stimmt. Sieben Produktionen gleichzeitig spiele ich sicher nicht mehr. Ich behaupte auch immer, ohne die Bühne leben zu können. Aber dann komme ich auf die erste Leseprobe, und es kommt das Gefühl der Dankbarkeit, dass ich an diesem Haus mit so tollen Leuten und in so exponierter Position arbeiten darf. Nein, ich leide nicht an dem Beruf, er macht mir Freude. Hart ist es schon. Man müsste uns eigentlich schützen, wie ein Schriftsteller auch geschützt ist. Wenn der einen großen Roman geschrieben hat, zieht er sich zwei, drei Jahre zurück und sammelt Kräfte für Neues. Das heißt nicht, dass man nicht spielen soll. Aber eine Pause bis zur nächsten Premiere sollte doch sein.
Simonischek: Ich könnte mir nie vorstellen, etwas anderes zu machen. Je älter ich werde, desto schwieriger wird das. Ich merke schon, wie gewisse Lebensbereiche an mir vorbeirauschen. Als ich jung war, konnte ich meine Steuererklärung noch selber machen - wobei allerdings noch nicht so viel zu erklären war. Jetzt bekäme ich dabei die Panik. Also bleibt das Theater. Ich habe den Beruf von jungen Jahren an durchgezogen, weil ich ein Internatskind bin und Härte und Disziplin aufbringen musste. Das ist sicher der Grund dafür, dass ich immer in einem Ensemble war. Für mich ist die Schauspielerei nicht das häufig propagierte Einzelkämpfertum jeder gegen jeden. Ich habe diese Erfahrung auch nie gemacht. Weil ich mit Leuten, auf die das zuträfe, gar nicht auf die Bühne ginge.
Ofczarek: Ja, da hast du recht: Die Burg erzieht schon ihre Kinder. Hier herrscht ein gewisser Respekt voreinander.

Wie geht es dem Theater überhaupt? Treffen die vielen Totsagungen zu?
Maertens: Es geht ihm zumindest nicht sehr viel schlechter als Ende der Achtzigerjahre. Eine Identitätskrise hat es immer, aber das macht die Sache ja auch spannend.
Ofczarek: Ich war kürzlich auf einer Vernissage, da fragte eine Kunsthistorikerin, ob die Malerei noch zeitgemäß sei. Das ist eine ebenso wahnsinnige Frage wie die nach dem Sterben des Theaters. Theater wird immer zeitgemäß sein. Es findet im Moment statt, dann ist es Schall und Rauch. Die nächste Vorstellung kann schon wieder ganz anders sein, und das soll sie auch. Das kann uns keiner wegnehmen.


Das Stück: Schlechte Partie

Die Groteske des Russen Alexander Ostrowskij (1823-1886) führt in die Verfallsjahre des Zarenreichs und seiner von Geld-und Genussgier getriebenen Kreaturen. In der Regie von Alvis Hermanis spielen neben Maertens, Ofczarek und Simonischek Dörte Lyssewski, Martin Reinke u. a. Premiere war am 21. Oktober im Burgtheater

Peter Simonischek wurde 1946 in Graz geboren, reüssierte unter Peter Stein an der Berliner Schaubühne. Seit 1999 an der "Burg". Seine Frau ist die Schauspielerin Brigitte Karner, Sohn Max spielt an der "Burg". Nach dem Oscar-Kandidaten "Toni Erdmann" sind zwei weitere Filme fertig: "Kursk" von Thomas Vinterberg mit Colin Firth und Max von Sydow und die Nazi-Tragödie "Der Dolmetscher".

Nicholas Ofczarek wurde 1971 in Wien geboren, beide Eltern waren Opernsänger. In den Neunzigerjahren holte ihn Claus Peymann an die "Burg", die er seither prägt. Legendär sind seine ORF-Auftritte ("Braunschlag", "Altes Geld", Parodien von Häupl bis Merkel). 2010 bis 2012 war er der "Jedermann". Seine Frau Tamara Metelka leitet das Reinhardt-Seminar. Pläne: Pay-TV-Krimiserie "Der Zauberer" nach Clemens Setz.

Michael Maertens wurde 1963 in eine traditionsreiche Hamburger Theaterfamilie geboren und ist seit 2002 einer der wichtigsten Schauspieler des Burgtheaters, kommt aber auch Verpflichtungen an anderen Spitzenbühnen nach. Er ist mit Kollegin Mavie Hörbiger verheiratet, den beiden Kindern zuliebe drehte er vier "Bibi und Tina"-Filme. Im Dezember hat er an der "Burg" mit einem Stück von Ewald Palmetshofer Premiere.