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Franz Klammer: Ein
Leben wie aus Gold

Menschen - Franz Klammer: Ein
Leben wie aus Gold © Bild: Ricardo Herrgott

Je schneller es abwärts ging, desto glücklicher wurde er: Abfahrtslegende Franz Klammer wird 65 – und verrät freimütig die Geheimnisse eines tiefenentspannten Lebens. Und wie es jedem von uns gelingen könnte, sich ein kleines Stück von seinem Glück abzuschneiden.

Franz Klammer überschlägt die Beine und lässt die Birkenstock-Sandale lässig vom wippenden Fuß baumeln. Die Legende hat es sich daheim im Wohnzimmer bequem gemacht, krault English Setter George, lehnt sich im Fauteuil zurück und beginnt zu erzählen. „Im Grunde genommen“, sagt Klammer, „bin ich wohl einer der glücklichsten Menschen in diesem Land.“

Sein Aufstieg – eine endlose Abfahrt. 1976 holte er bei den olympischen Heimspielen von Innsbruck die Goldmedaille in der Speeddisziplin, insgesamt 26 Weltcupsiege errang er, zudem gewann er fünfmal den Abfahrtsweltcup. So oft wie keiner vor ihm. So oft wie keiner nach ihm. Doch diesen Druck, gewinnen zu müssen, verspürte er nie. Diesen Windmühlenkampf gegen eine übersteigerte öffentliche Erwartungshaltung, an dem am Ende des Tages so ­viele Spitzensportler zerbrechen, führte er nie. Einfach, weil er keine Lust dazu hatte. Und weil er, obwohl aus bescheidensten Verhältnissen stammend, eigentlich stets nur das machte, wozu er Lust hatte. Und zum Kaffeekochen hat er ganz offensichtlich keine Lust, hatte er nie. „Meine Frau ist nicht da, und ich habe keine Ahnung, wie diese Maschine funktioniert“, bekennt er offen und lächelt selbstironisch.

„Ich habe eigentlich nie einen Beruf gelernt, vor meiner Skikarriere war ich Holzknecht“, erzählt er. Und heute? Ist Franz Klammers Job einfach nur, Franz Klammer zu sein: als Testimonial für Kärnten, als Skitourenführer für betuchte Manager, als Sportkoordinator für eine Privatbank, als Botschafter der Vereinten Nationen, als Akademiemitglied für die Verleihung eines Sport-Awards in Monte Carlo.

Und: Seit etwa zwei Monaten ist er auch Opa – im Wohnzimmer steht eine Babywiege, seine ältere Tochter und das Enkerl, die in Tirol wohnen, sind regelmäßig in der am Stadtrand von Wien gelegenen Casa Klammer zu Gast. „Der Kleine beschert mir noch eine weitere, neue Freude.“

Am 3. Dezember wurde Franz Klammer 65 Jahre alt – und spricht ganz offen über die Geheimnisse eines tiefenentspannten Lebens. Und darüber, wie auch wir uns ein Stück von seinem Glück abschneiden könnten. Im Grunde genommen sind es keine hochtrabenden Erkenntnisse, sondern ganz einfache Dinge, die in der Hektik unseres Alltags allzu oft in Vergessenheit geraten.

© Ricardo Herrgott „Erfolg kann nur aus Spaß an der Sache entstehen, nicht aus Selbstverliebtheit“

Glück der Bescheidenheit

Seine frühen Jahre verbrachte Franz ­Klammer am Bergbauernhof seiner Eltern in Mooswald, Kärnten. Als der Teenager nach seinen ersten Erfolgen populär wurde, besuchten ihn Fernsehteams daheim und filmten ihn bei der Holzarbeit, beim Traktorfahren. Bilder eines bescheidenen, um nicht zu sagen ärmlichen, Lebens.

Armut auf der Alm und trotzdem eine schöne Kindheit – Herr Klammer, wie würden Sie heute jemandem, der vom Mindestlohn leben muss, erklären, dass Sie damals glücklich waren?

„Wir haben nicht gewusst, was es alles zu kaufen gibt, und haben uns so über die Dinge, an denen wir nicht teilhaben konnten, gar keine großen Gedanken gemacht. Wir haben nicht stets auf das geschaut, was wir nicht haben konnten, sondern aus dem, was da war, das Beste gemacht. Die Eltern haben mir beigebracht, dass man im Leben etwas leisten muss – nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch für das Selbstwertgefühl, für das Gefühl: Du bist was wert. Mit fünf Jahren habe ich bereits die Rösser unseres Pfluges geführt, das hat mir Spaß gemacht. Wir haben nie Hunger gelitten, hatten stets genug zu essen. Aber oft hat mir die Mutter ihren letzten Schilling mitgegeben, damit ich mir bei den Nachwuchsskibewerben einen Almdudler kaufen konnte. Heute weiß ich, dass Überfluss nicht glücklich macht. Doch mit schlechtem Material, das ich mir am Anfang noch mit dem Bruder geteilt habe, schneller zu fahren als die anderen – das hat mich glücklich gemacht.“

© Ricardo Herrgott Klammers ganz privates Idyll: das Wohnzimmer im Haus am Wiener Stadtrand, der Kamin – und English Setter George, der dem Herrchen kaum von der Seite weicht

Glück des Vertrauens

Franz Klammer war während der Zeit seiner sportlichen Höchstleistungen, zumindest in Österreich, ein alpiner Popstar. Natürlich habe es damals Groupies gegeben, sagt er, auch wenn man sie noch nicht so nannte. Und natürlich hätte es für den Draufgänger und Mädchenschwarm Versuchungen und Möglichkeiten gegeben. Doch Franz Klammer ist, ganz atypischer Promi, seit fast 40 Jahren mit seiner Eva verheiratet – harmonisch und skandalfrei.

Herr Klammer, wie würden Sie heute jemandem, der kurz vor der Scheidung steht, erklären, wie eine gute Ehe funk­tioniert?

„Meine Frau war und ist die Intellektuelle aus der Großstadt, ich bin der Sportler vom Land. Ich habe nie versucht, eine ­begeisterte Sportlerin aus ihr zu machen, und auch sie hat mich so sein lassen, wie ich bin. Wir haben nie versucht, die Persönlichkeit des anderen zu verändern – dadurch entsteht Vertrauen. Denn wenn man jemanden zu ändern versucht, ohne dass der Wunsch von diesem Menschen selbst ausgeht, ist man danach mit dem Resultat sicher nicht glücklich. Sie war da und hat unsere beiden Kinder erzogen – und ihnen auch von klein auf immer erklärt, warum der Papa oft wochen- und monatelang weg ist. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein. Und wenn ich einmal sechs Wochen in Amerika war und sie wollte einen Tag nach meiner Rückkehr mit mir ins Theater, habe ich ihr gesagt: ,Klar, natürlich.‘ Und es war kein Opfer, ich habe es gerne gemacht.“

Glück der Lockerheit

Hinaufgejubelt und kulthaft verehrt, runtergemacht und gnadenlos durch den ­medialen Kakao gezogen: Auch ein Franz Klammer hatte in seiner Karriere Tiefen und Durchhänger, auch ihm klebte ab und zu das Pech an den Skiern wie patziger Neuschnee. Doch davon ließ sich der Langzeitexperte für den schnellsten Weg nach unten selbst nie runterziehen. „Er ist ein sonniger, nicht gezüchteter Rennfahrertyp“, beschrieb sein Ex-Coach Charly Kahr die stabile Hochdrucklage im weißen Land der Klammer’schen Seele. Denn auch wenn das Sportidol permanent unter Erwartungsdruck stand, blieb es äußerlich, aber auch innerlich fast immer locker.

Herr Klammer, wie würden Sie heute einem gnadenlos erfolgsgetriebenen Manager erklären, worauf man achten muss, damit einen der Jobstress nicht auffrisst?

„‚Du bist der Allerbeste, du bist super‘: Menschen, die sich so was einreden, um sich selbst zu pushen, kann ich nicht allzu ernst nehmen. Erfolg kann nur aus Spaß an der Sache entstehen, nicht aus Selbstverliebtheit. Klar muss man sich seinen Erfolg jeden Tag aufs Neue erkämpfen, so ist nun einmal das Leben. Aber glücklich macht er einen nur, wenn man dabei seine Lockerheit nicht verliert, wenn man nicht zulässt, dass der positive Stress zu negativem Stress wird. Gut, wenn ich damals bei den Olympischen Spielen in Innsbruck nicht gewonnen hätte, wäre das – so ehrlich muss ich schon sein – eine Riesenenttäuschung für mich gewesen. Aber ich hätte rasch damit umgehen können. Denn eine Abfahrt genau so zu fahren, wie man es selbst möchte oder wie man es selbst für richtig hält, ist eine riesige Freiheit, und es lohnt sich in jedem Fall, dafür Einsatz­bereitschaft zu zeigen. Und was den Druck angeht: Mit dem verhält es sich wie mit einem Bogen, den man nicht immer voll anspannen darf, denn sonst zerbricht er. Vor dem Rennen war ich stets voll konzentriert – aber nach dem Rennen, am Samstagabend, habe ich es auch so richtig ­krachen lassen und das Leben genossen.“

Glück der Verantwortung

Franz Klammer gesteht ganz offen, dass er für die Zeit nach seiner aktiven Wintersportkarriere nie einen Plan B hatte und sich auch nie schillernde Zukunftsszena­rien ausmalte. Er habe zeit seines Lebens ausschließlich im Jetzt gelebt und erst dann Entscheidungen getroffen, wenn es eine neue Lebenssituation erforderte. Was aber nicht heißt, dass er aus zurückliegenden Fehlern nicht seine Lehren gezogen hätte. „Ein Einstieg in die Modebranche erwies sich als nicht erfolgreich“, wird eine von Klammers fundamentalen Bruch­landungen auf Wikipedia elegant umschrieben. Anders formuliert: Die Bekleidungslinie, die er gemeinsam mit Geschäftspartnern lancierte, floppte spektakulär, und der Skikaiser selbst verlor dabei viel, viel Geld – aber nicht seine positive Lebenseinstellung.

Herr Klammer, wie würden Sie heute einem Pleitier erklären, wie man sich möglichst rasch wieder aufrappelt?

„Ich hatte meine Kreativität verloren, weil wir unsere Produkte von Anfang an weltweit vertreiben wollten und uns viel zu sehr anpassten, um nur ja überall zu punkten. Das war eine falsche Entscheidung – wir hätten uns zunächst um den heimischen Markt kümmern müssen, ­vielleicht dazu noch um Bayern und die Schweiz. Aber wir haben Geld ausgegeben, das wir nicht hatten – weil ich dachte, ich hätte echte Experten an der Angel. Als ich sah, dass das nicht so war, konnte ich nur noch die Reißleine ziehen. Aber ich habe daraus gelernt, dass man Niederlagen viel schneller verarbeitet, wenn man sie nicht auf andere abschiebt, sondern sich selbst in die Verantwortung nimmt. Dass man zu den Entscheidungen steht, die man ja letztendlich selbst getroffen hat. Um dich weiterzuentwickeln, musst du ehrlich zu dir selbst sein.“

Glück des Rückzugs

Egal ob beim Charity-Golf auf tiefgrünen Rasenteppichen, auf den roten Society-­Carpets für Reich und Schön oder im Schneeweiß der Kitzbüheler VIP-Tribüne – Franz Klammer gibt nie den blasierten Star, obwohl ihn der ungebrochene Trubel um seine Person eigentlich längst schon maßlos nerven müsste. Der Mann ist Teil der österreichischen Zeitgeschichte, Symbol des Wiedererstarkens einer kleinen Nation – wie vor ihm Sailer und Schranz und nach ihm Maier und Hirscher – und somit seit fast schon einem halben Jahrhundert nationales Eigentum. Kaum wo unerkannt und dennoch kaum wo schlecht drauf, breites Lachen als Markenzeichen.

Herr Klammer, wie würden Sie einem Hollywoodstar von heute erklären, wie man dem Fluch der eigenen Bekanntheit entgeht?

„Im Grunde habe ich ein einfaches Naturell und nicht das Bedürfnis, mich über soziale Medien mitzuteilen. Ob ich gerne ausgehe? Jein – wenn der Rahmen passt, ist es nett, Gott und die Welt zu treffen, aber ich brauche die Öffentlichkeit nicht. Und warum ich auswärts selten schlecht drauf bin, ist leicht erklärt: Wenn ich schlecht drauf bin, bleibe ich einfach daheim.“

Franz Klammer überschlägt die Beine und lässt die Birkenstock-Sandale lässig vom wippenden Fuß baumeln. Das Leben kann ja so einfach sein – wenn man es sich nicht allzu kompliziert macht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 48/2018