Ausbildung von

Lehre vs. Studium:
Was sich bezahlt macht

Warum die Gehaltsunterschiede teils verschwinden können - Experten erklären die Lage

Ausbildung - Lehre vs. Studium:
Was sich bezahlt macht © Bild: iStockphoto.com/Andrew Rich

Ein Dachdecker verdient bis zu rund 1.700 Euro netto im Monat, ein Studienabsolvent verdient in der Elektro- und Elektronikindustrie im ersten Jahr im Job rund 1.800 Euro netto - zahlt sich ein Studium überhaupt noch aus? Und welche Trends bestimmen den Arbeitsmarkt der Zukunft?

1. Lehrling vs. Student - Einstiegsgehälter im Vergleich

Die Einstiegsgehälter können je nach Beruf beträchtlich differieren, das gilt für Lehrabsolventen wie für Studienabsolventen:

Die schlechtbezahltesten Jobs

Am wenigsten verdienen Lehrlinge, die sich zum Immobilienkaufmann/-frau ausbilden lassen. Sie erhalten laut AMS-Gehaltskompass ein Einstiegsgehalt um die 1.100 Euro netto im Monat - allerdings können sie das durch leistungsorientierte Prämien aufbessern. Ähnlich gering fällt der Lohn in der Bekleidungserzeugung (Bekleidungsfertiger, Textilgestalter und Handschuhmacher) mit rund 1.120 Euro netto aus. Bürokaufleute, Gastronomiefachkräfte und Köche verdienen anfangs rund 1.200 Euro netto. Frisöre verdienen bis zu 1.300 Euro netto im Monat.

Auch unter den Absolventen einer höheren Ausbildung wie Universität oder Fachhochschule fallen manche Einstiegsgehälter eher mager aus: Dolmetscher und Übersetzer verdienen laut AMS-Gehaltskompass anfangs rund 1.340 bis 1.450 Euro netto. Informationsmanager im Tourismus (Informatik) und Tourismusberater erhalten rund 1.350 bis - 1.470 Euro netto. Content-Manager, die für den Inhalt einer Website zuständig sind, verdienen bis zu rund 1.470 Euro netto, E-Logistiker und Lagerlogistiker bis zu 1.490 Euro netto und eine Fotoredakteurin rund 1.500 Euro netto.

Die Besserverdiener

Zu den Besserverdienern - Einstiegsgehälter laut AMS-Gehaltskompass - unter den Lehrlingen zählen: Dachdecker und Maurer mit bis zu rund 1.700 Euro netto oder ein Gleisbauer mit rund 1.600 bis 1.700 Euro netto. Ebenfalls im obersten Gehaltssegment vertreten sind Bauberufe wie Brunnen- und Grundbauer, Fertigteilhausbauer,Schalungsbauer und Tiefbauer. Sie erhalten ein Anfangsgehalt von bis zu rund 1.700 Euro netto. Auf Platz eins der bestbezahlten Lehrberufe steht jedoch der Pflasterer mit einem Einstiegslohn von rund 1.660 bis 1.800 Euro netto.

Am besten verdienen nach Angaben des AMS zu Beginn folgende Studienabsolventen:

Ärzte mit bis zu rund 2.220 Euro, Maschinenbautechniker mit bis zu 2.260 Euro netto, IT-Projektleiter mit bis zu rund 2.380 Euro netto, Bauingenieure, Bautechniker, Tiefbautechniker und Umweltbautechniker mit rund 2.200 bis 2.400 Euro netto, IT-Qualitätsmanager mit rund 2.340 bis 2.530 Euro netto.

2. Was am Arbeitsmarkt gefragt ist

Differenzen lassen sich klar erkennen: Allerdings ist im akademischen Bereich in vielen Berufen ausschlaggebend, ob bereits facheinschlägige Berufserfahrung vorhanden ist oder nicht. Im letzteren Fall steigen Studienabsolventen meist auf Mindestkollektivvertragsbasis ins Berufsleben ein - das gilt auch für die sonst gut bezahlte technische Berufssparte. Doch nähern sich Uni-Absolventen- und Lehrlingsgehälter in Österreich tatsächlich an?

"Die Unterschiede innerhalb der beiden Ausbildungsgruppen sind größer als zwischen den Gruppen", sagt Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Universität Wien. Man kann also in beiden Gruppen sehr viel oder sehr wenig erreichen. Diejenigen, die eine akademische Ausbildung abschließen, verdienen im Durchschnitt mehr als Lehrabsolventen - abhängig von Ausbildungstyp und Studienrichtung.

»Es kann durchaus dazu kommen, dass ein Geselle mehr verdient als ein Studierter«

"Studenten haben aufgrund ihres Universitätsabschlusses nicht immer automatisch den Anspruch auf eine höhere kollektivvertragliche Einstufung", sagt Gernot Mitter, Arbeitsmarktexperte der Arbeiterkammer (AK). Generell zeichne sich der Trend ab, dass Gehaltseinstufungen nach Kollektivvertrag (KV) immer weniger anhand von Formalqualifikationen getroffen werden. Stattdessen zählt, was der Bewerber wirklich kann. Die praktische Erfahrung wird künftig wichtiger werden. Und in diesem Bereich haben Lehrlinge zumeist einen Vorteil.

Ein Bewerber mit einer formalen Qualifikation allein ist am heutigen Arbeitsmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Diese Zeiten sind vorbei. Früher sei das anders gewesen, weil Formalqualitäten seltener und damit wertvoller gewesen seien, teilt Hopmann mit. Dieser Wandel hat sich schleichend vollzogen, beginnend in den 1960er Jahren. Damals öffneten in Europa die tertiären Bildungseinrichtungen wie Universitäten ihre Tore für breite Teile der Bevölkerung.

Eine Entwicklung dahingehend, dass Studienabsolventen schlechter bezahlt werden als früher, sei jedoch nicht zu erkennen, erklärt AK-Experte Mitter. Bezahlungen über dem Kollektivvertrag seien in Österreich prinzipiell nicht Usus. Und er räumt ein: "Es kann durchaus dazu kommen, dass ein Geselle, der einen am Arbeitsmarkt gefragten Beruf erlernt hat, mehr verdient, als ein Studienabsolvent ohne facheinschlägige Berufserfahrung oder Ausbildung." Diese Überschneidungen seien möglich, es komme ganz auf die Nachfrage und auf die Branche an. So würden beispielsweise Unternehmen in Oberösterreich derzeit gerade verstärkt Facharbeitskräfte in der Automobilindustrie suchen - entsprechend ausgebildete Lehrabsolventen könnten dort auf eine gute Bezahlung hoffen.

"In manchen Lehrberufen sind die Einstiegsgehälter sehr gut", sagt Alfred Freundlinger, Experte für Bildungspolitik der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). Solche gehobenen Einstiegsgehälter für Lehrlinge würden unter anderem die Bereiche Bauwesen und Chemie bieten. Eine Lehre bietet seiner Ansicht nach folgende Vorteile:

  • Bestimmte Lehrberufe bieten gute Einstiegsgehälter.
  • Lehrlinge fangen viel früher an, Geld zu verdienen, als Studenten. "Es braucht schon einige Zeit, bis man diesen Vorsprung wieder aufgeholt hat", sagt Freundlinger.
  • Die Pensionsjahre spielen ebenfalls eine Rolle. Schon die Lehrzeit wird für die spätere Pension angerechnet.

Die Vorteile eines Studiums liegen ebenfalls auf der Hand:

  • Die durchschnittlichen Einstiegsgehälter liegen weiterhin über jenen eines Lehrabsolventen. Das betrifft laut AK-Experte vor allem bestimmte naturwissenschaftliche Studienrichtungen. "Ein Lehrabsolvent wird zum Beispiel kaum den Gehaltsverlauf eines diplomierter Maschinenbauingenieurs erreichen", sagt Mitter.
  • Die theoretische Ausbildung liegt über jenem Niveau, das in Berufsschulen gelehrt wird und ermöglicht so eine bessere Aneignung von wichtigem beruflichem Wissen wie beispielsweise Englischkenntnisse.
  • Die Ausbildung kann Aufstiegschancen in einem Unternehmen begünstigen.

Letzterer Punkt trifft nicht exklusiv für Studierende zu. "Es gibt einige Vorstandsmitglieder, die mit einer Lehre begonnen haben", teilt Mitter mit. Lehrabsolventen hätten heutzutage genauso die Chance sich hochzuarbeiten - insbesondere da in internationalen Unternehmen zunehmend weniger Wert auf Formalqualifikationen gelegt wird, tatsächliches Können und Einsatzbereitschaft sind wichtiger.

109.963 Lehrlinge haben im Jahr 2015 in Lehrbetrieben ihre Ausbildung absolviert. An tertiären Bildungseinrichtungen studierten im Wintersemester 2014/15 laut Statistik Austria 287.188 Österreicher und Österreicherinnen ein ordentliches Studium oder ein Lehrgang-Studium. Das sind mehr als doppelt so viele Studenten wie Lehrlinge. Und die Zahl der Lehrlinge sinkt laut WKO. Das hat zwei Gründe: Erstens spielt die Demografie eine Rolle. Vor allem in ländlichen Bereichen wird die Lehre als Ausbildung gut angenommen, doch genau in diesen Regionen sinkt die Zahl der Jugendlichen durch die Abwanderung in Ballungszentren. Zweitens entscheiden sich immer mehr Jugendliche für weiterführende höhere Schulen, wie AHS oder BHS.

3. Wo die Probleme liegen

Dieses Ungleichgewicht könnte zum Problem werden. Grundsätzlich liegt die Stärke der österreichischen Volkswirtschaft im mittleren Qualifikationssegment, also bei den Fachkräften, und nicht im Bereich der tertiären Ausbildung. "Es ist für die Wirtschaftsentwicklung und die Arbeitsmarktentwicklung wichtig, dass dieses Segment nicht austrocknet", sagt Mitter. Dazu muss sich etwas ändern: Die Ausbildung von Lehrlingen muss attraktiver werden. Die AK fordert bessere Arbeitsbedingungen und eine gute Ausbildung statt einer als Lehre getarnte Niedriglohnbeschäftigung für 15- bis 18-Jährige. Erst dann kann sich das Bild wandeln und die Lehre für Eltern und Jugendliche wieder interessanter werden.

WKO-Experte Freundlinger sieht zwei Hauptprobleme am Arbeitsmarkt:

  1. Die steigende Zahl an AHS-Schülern, die dazu führt, dass sich in Ausbildung befindende Österreicher immer später in den Arbeitsmarkt kommen.
  2. Die Zahl der Abgänge an höheren Schulen – vor allem an Berufsbildenden höhere Schulen. Viele würden eine Schulausbildung beginnen, diese aber dann nicht abschließen.

Und beim Studium? Braucht es dort im Gegenzug mehr Praxis? Nein, sagt Bildungsforscher Hopmann. Das Studium sei eine andere Art von Ausbildung. Jeder müsse das finden, was besser zu ihm passe. Als zentrales Problem sieht er, dass sich die Ausbildungskosten bei einer längeren akademischen Ausbildung nicht mehr hereinspielen lassen. In den USA oder Schweden sei diese Hürde bereits ein wichtiges Thema, in Österreich könnte es künftig eines werden.

»Österreich zählt in puncto Berufseinstieg zu den Top-Ländern Europas«

Bleibt die Frage nach der Branche. Technische und wirtschaftliche Ausbildungen sind laut Experten nach wie vor gefragt. Eine seriöse Prognose, welche beruflichen Qualifikationen in 10 bis 15 Jahren am Arbeitsmarkt gefragt sind, kann jedoch niemand abgeben. Österreich spielt diesbezüglich sein flexibles und vielfältiges Ausbildungsangebot in die Hände. Der Übergang von Ausbildung in den Beruf ist in Österreich sehr gut. "Österreich zählt in puncto Berufseinstieg zu den Top-Ländern Europas", sagt Hopmann.

Fakt ist: Beide Ausbildungsgruppen haben Vor- und Nachteile. Das österreichische Bildungssystem eröffnet etliche Chancen: Lehre mit Matura, eine Zusatzausbildung nach dem Studium - möglich ist vieles. Was in Zukunft zählt ist das Gesamtbild. Der akademische Abschluss verliert international betrachtet an Gewicht. Die USA und Schweden zeigen es vor, Österreich hinkt hinterher, wird aber früher oder später nachziehen. Nicht der Einser-Kandidat bekommt heute den Job, erklärt Hopmann, sondern derjenige, mit dem besten Gesamtpaket - egal ob Studium oder Lehre.

Kommentare

Henry Knuddi

mein vorschlag: nach schule in pension zu gehen, erspart die arbeitslosen - ironie ende

higgs70

Naja, neu ist das Phänomen nicht. Die Verehrung der Praxis auf Kosten von theoretischem Tiefgang wurde von der Wirtschaft gefordert der erste Schritt war das trojanische Pferd der Fachhochschulen und die Unis werden jetzt in diese Richtung umgemodelt. Und mit der Einführung des Bachelor verlassen jetzt viele den tertiären Sektor mit einem Wissensstand den man früher freundlich als "reingeschnuppert" bezeichnet hätte. Das senkt zwar das allgemeine Niveau, erhöht aber die nominelle Alademikerquote, ebenso wie übrigens die Tendenz, alles was nicht bei drei am Baum ist zu akademisieren. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass Bildung allen rundherum wurst ist, und mittlerweile offenbar nur noch die Ausbildung zählt. Ein stückweises Verscherbeln des Humboldtschen
Bildungsgedankens zu Gunsten einer Produktionsmaschinerie für angepasste Fachidioten. Das Paradies ist nahe.

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