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"Der Zilk" fehlt ihr immer noch

Nach dem Tod ihres Mannes lernte Dagmar Koller sich selbst zu retten - heute, mit 80, will sie neu durchstarten

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    Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin Dagmar Koller im Jahr 1970

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    Auch in luftigen Höhen macht sie eine gute Figur. Dagi zu Gast bei "Stars in der Manege" 1977

Vor wenigen Tagen feierte Dagmar Koller ihren 80. Geburtstag. News traf die Junggebliebene kurz davor - und erahnte ihr Geheimnis: Sie begegnet dem Leben mit Freude, Disziplin und Mut zu immer neuen Aufgaben.

Die Absätze der High Heels messen eindrucksvolle zehn Zentimeter. Dagmar Koller dreht sich darin mit eleganter Leichtigkeit. Beim Fotoshooting sitzt jede Pose, und das Strahlen der zierlichen blonden Frau zeigt: Sie ist für die Bühne geboren. "Das war mein erklärtes Ziel", wird sie später davon erzählen, wie der Weg auf die Theaterbühnen sie aus einer Kindheit in bescheidenen Verhältnissen ins Rampenlicht und rund um die Welt führte. Wenn sie lächelt, wird ihre Zufriedenheit spürbar - mit sich und diesem Leben.

An die Zahl 80 muss sie sich erst gewöhnen. Die sei ein Schock gewesen, sagt sie, denn in den vergangenen Jahren hat die Umtriebige keinen Gedanken daran verschwendet: Urlaube in Sansibar, Zeit im Ferienhaus in Portugal und Unternehmungen mit Freunden hielten sie ständig beschäftigt. "Ich fühle mich noch immer herrlich, nur die Zahl 80 ist so hässlich. Mit 79 hab ich zum ersten Mal begonnen, darüber nachzudenken. Da ist mir erst aufgefallen: Oh Gott, jetzt geht's aber schnell", bringt sie ihre Gefühle zum runden Geburtstag auf den Punkt. Er bringt sie auch dazu, zu hinterfragen, ob der goldene Mantel, der beim Fotoshooting ihren Glamour unterstreicht, denn noch getragen werden kann. Ein paar Abendkleider, die ihr zu frech erschienen, hat sie schon aussortiert. Dabei bewundern gerade weitaus jüngere Generationen Kollers Stil und Esprit: Am Weg zur News-Redaktion muss sie für zahlreiche Selfies posieren. Danach bemerken alle, Koller sei am Foto die viel besser Aussehende.

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Tägliche Turnübungen

Beim Gespräch nascht sie Weintrauben. Die Salzstangerln bleiben unangetastet. Nur ein kleiner Schluck Prosecco darf es zum Anstoßen auf das Wiegenfest mit den Redakteuren sein. Dass sie auf ihre Figur achtet, ist unübersehbar. Dafür wird auch heute noch jeden Tag trainiert. "Ich steige nie aus dem Bett, ohne Turnübungen gemacht zu haben. Es sind nicht mehr so viele wie früher, aber ich trainiere jeden Tag. Nur übertreiben darf man nicht, man muss auf den Körper hören, wie beim Alkohol."

Wenn Dagmar Koller aus ihrem Leben erzählt, wird klar, wie dessen Schule sie bis heute prägt und zur beeindruckenden Fitness beiträgt. Sie kam in Klagenfurt als Tochter einer Dolmetscherin und eines Künstlers zur Welt und besuchte schon mit fünf eine Ballettschule. Die Eltern wurden geschieden, das war sie gerade 13. Im selben Jahr zog sie alleine nach Wien, um an der Akademie für darstellende Kunst Tanz, Gesang und Schauspielerei zu studieren.

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Sangesgrößen wie Hilde Güden, Franco Corelli oder Helge Rosvaenge waren die Stars der Zeit und wurden von der Mutter verehrt. Als Koller später mit Giuseppe Di Stefano in "Land des Lächelns" auf der Volksopernbühne stand, saß die Mama fast jeden Tag im Publikum. "Meine Mutter war Alleinerzieherin und wahnsinnig streng", erzählt Koller. "Mein Bruder und ich sollten vor allem Sprachen lernen, das war ihr wichtig. Und sie hat mich gewarnt, dass dieser Beruf sehr hart sein kann." Kollers drei Jahre älterer Bruder Sigmar ist Architekt und lebt seit den 60er-Jahren in den USA. Der Kontakt ist trotzdem eng: Eben verbrachten die Geschwister erst gemeinsame Sommertage in Kollers Haus in Portugal, das seit Jahrzehnten ihr geliebter Rückzugsort ist. Nur hingefallen ist sie diesmal blöderweise, sagt sie. "Ich bin auf mein Knie gestürzt, weil ich mit meinem Bruder gewettet habe, wer eine Strecke von neun Kilometern schneller geht, und schon bin ich dagelegen", so Koller.

Anmerken würde man ihr das lädierte Knie nicht. "Die Koller", wie sie mit liebevollem Respekt gerne genannt wird, ist hart im Nehmen. Auch das hat der Beruf sie gelehrt. Ihre Bühnenkarriere hob schnell ab, war aber hart erarbeitet. Wenn Koller vom Auftritt in der Carnegie Hall mit gerade mal 21 Jahren erzählt, sieht man ihr heute noch die Freude darüber an. "Die Bühne war mein erklärtes Ziel, dort wollte ich hin -auch um diesem bescheidenen Leben zu entfliehen. Mein Traum war, die Irma la Douce zu spielen, das war tatsächlich meine erste große Hauptrolle an der Seite von Hans-Joachim Kulenkampff. Dafür habe ich wahnsinnig hart gearbeitet", erinnert sie sich.

Der Durchbruch glückte ihr Mitte der 60er-Jahre als chinesische Prinzessin Mi in Lehárs "Land des Lächelns". Koller spielte an Theatern in Bern und Berlin, auch mit Hans Moser in Salzburg in Raimunds "Der Bauer als Millionär". Im Musical-und Operettenfach feierte sie ihre größten Erfolge, unter anderem in "Kiss me, Kate" oder "My Fair Lady"; die Aldonza in "Der Mann von La Mancha" wurde zur Rolle ihres Lebens. Tourneen führten sie nach Israel, Japan und Amerika.

Zu ihren Erinnerung gehört auch, dass Neider den Weg säumten: Manche glaubten nicht an das Können der schönen, jungen Blondine. "Als ich die Aldonza gespielt habe, mit Josef Meinrad im ,Mann von La Mancha', haben viele gesagt:,Das kann die nie!' Aber ich habe es bewiesen. Ohne zu proben. Das Leben ist unglaublich, aber man muss immer alles geben."

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Liebevolle Psychotricks

Die Bühne und das Publikum haben Dagmar Koller immer viel Kraft gegeben, sagt sie. "Erfolg kann schon wie eine Droge sein. Wenn nach dem Schlussapplaus beim Bühnenausgang jeden Tag 40 Leute warten, gibt einem das einerseits Kraft und andererseits auch Verantwortung: nämlich jeden Tag sein Bestes zu geben." - Was sie damals gelernt hat, ist bis heute Kollers Jungbrunnen: der Anspruch, stets sein Bestes zu geben, die Disziplin, dafür an eigenen Grenzen zu kratzen, und der Wille, das Leben wohlwollend zu betrachten.

Das Leben stellte ihr auch herausfordernde Aufgaben: die größte, als ihr Gatte und Lebensmensch, der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, 1993 Opfer eines Briefbombenattentats wurde. Koller war damals Anfang fünfzig, das Paar seit 15 Jahren glücklich verheiratet. Fortan war sie für ihn da - vom Schuhezubinden bis zum Spenden Mut machender Worte. "Ich war bis zu seinem Tod 2008 immer da. Natürlich hat das Kraft gekostet. Aber es war so schön, zu sehen, wie ich ihn unterstützen kann: Ich habe ihm einen Handschuh von Hermes geschenkt, für seine ,Pranke', wie er die Hand liebevoll genannt hat, und dazu passend eine Krawatte", so Koller über ihre psychologischen Tricks in der schweren Zeit. "Mit solch kleinen Dingen habe ich ihm geholfen, drüberzustehen."

Nach dem Tod des Lebensmenschen, den sie bis heute "Zilk" nennt, brauchte sie vier Jahre, um ins Leben zurückzufinden. Koller lebte sehr zurückgezogen. "Schade um diese Jahre", sagt sie heute. "Denn die sind vorbei." Damals habe sie gelernt, sich selbst zu retten, erklärt sie, auch wenn sie sehr lange gebraucht habe, um sich bewusst zu machen, dass er nicht mehr zurückkommt. "Man muss auf die Beine kommen. Das habe ich mir auch jetzt gesagt: Wenn der 80. Geburtstag kommt, starte noch mal durch. Ich habe das Gefühl, dass nun noch einmal ein neues Leben beginnt. Man muss sich Aufgaben stellen, auch wenn der Körper einem hin und wieder Grenzen aufzeigt."

Romantische Liebe statt Sex

Egal, welche Grenzen der Körper auch zeigen mag, lädiertes Knie hin oder her, ihr Aussehen betreffend ist Dagmar Koller bis heute "sehr streng" mit sich. "Bevor ich aus dem Hause gehe, muss mich der Blick in den Spiegel überzeugen. Natürlich merke ich jetzt, dass ich Falten bekomme, aber die gehören zu mir und meinem Leben. Da war viel Freude und auch viel Schmerz."

"Der Zilk" fehlt ihr immer noch, sagt sie. Doch liebe Freunde begleiten sie heute durchs Leben, "sonst wäre es trostlos". Dazu gehören zwei Lebensfreundinnen, die ihr besonders ans Herz gewachsen sind. "Mit Frauen kann man mehr lachen als mit Männern", findet Koller. Dennoch ist sie für die Männer in ihrem Leben dankbar und die Liebe, die sie erfahren durfte. Hat das Leben sie etwas über die Liebe gelehrt? Koller denkt kurz nach. "Richtige Liebe ist selten dauerhaft. Meine großen Lieben waren alle kurz -bis auf den Zilk, und den hat mir der Tod genommen", sagt sie dann. Sie war aber auch sehr wählerisch, wie sie betont. "Ich habe auf Tournee gelebt wie eine Klosterfrau. Wir geben dem Sexleben heute ohnehin viel zu viel Bedeutung. Ich bin eine Verfechterin der romantischen Liebe."

Welche überbordende Bedeutung Sexthemen in der Gesellschaft bekommen können, hat Koller vor drei Jahren höchstpersönlich erfahren. Über eine Affäre wurde damals getuschelt, als sie sich öffentlich wiederholt mit dem deutlich jüngeren Video-und Grafikkünstler Michael Balgavy zeigte. "Der ist noch immer ein lieber Freund! Mir war es immer egal, was die Leute reden, aber für ihn war das nicht lustig, wenn einem eine Affäre nachgesagt wird mit einer Frau, die 39 Jahre älter ist. Aber das Getuschel hat mit der Zeit aufgehört." Nichts, was es da zu bereuen gäbe. Die Rolle der Tabubrecherin, in die sie gerne gedrängt wird, mag sie ohnehin nicht.

Der große Verzicht

Spricht man von den großen Dingen im Leben, ist es der Verzicht auf Kinder, den sie bedauert. Dagmar Koller liebt Kinder. "So ein fescher Bursch! In welche Klasse gehst du denn?", plauderte sie auch in der Redaktion gleich mit einem Jungen, der ihr begegnete. "Das ist schade, dass ich keine Kinder habe, aber ich habe viele Nichten und Neffen", sagt sie dann und erklärt, wie das früher neben der Karriere einfach kein Thema war. "Ich habe ja immer für mich alleine und sparsam gelebt, und von einem Mann wollte ich nie abhängig sein."

Wenn Koller dankbar und fröhlich auf ihr Leben blickt, liegt das auch an ihrer unerschütterlichen-Begabung, positiv zu denken. "Es geht nicht immer nach oben im Leben, und da hilft es, positiv zu denken", sagt sie dazu. "Das Leben ist das Einzige, das man vom Herrgott geschenkt bekommt. Man muss nehmen was einem guttut. Negative Gedanken stehen einem nur im Weg." Nicht, dass es für Dagmar Koller keine bewölkten Tage gibt. Doch für die hat sie ein Rezept.

"Gehen Sie unter Menschen!" Koller spricht dann schon mal im Burggarten eine Mutter an, die ihrem Kleinen gerade die Rosen erklärt."Sie sind aber eine tolle Mutti!', sage ich, und schon hat man ein nettes Gespräch." Einen dünn angezogenen Mann, der die Blumen gießt, fragte sie, ob er sich nicht verkühlen würde. Nun weiß sie, wie der Garten gegossen werden muss, damit er besonders schön blüht. "Gehen Sie raus, reden Sie mit Menschen, es gibt so viele interessante Leute", sagt die Grande Dame. Nein, da ist kein Hadern mit Dingen, die das Alter vielleicht mühsam macht oder gar unmöglich. "Weil ich das Gefühl habe, dass ich mehr erreicht habe, als ich je gehofft habe. Das Leben hat mich so belohnt,all meine Wünsche erfüllt, dadurch wird man bescheiden. Ich kann heute sagen: Was vorbei ist, ist vorbei." Und dann schaut sie wieder nach vorne, in ihr neues Leben ab 80, da wartet eine Reise nach Indien und nach Dallas - und jeden Tag ein neuer Wunsch.