20 Jahre nach dem Pflegeskandal in Lainz:
So wurden die 42 Patienten getötet

Patienten sind auf verschiedene Arten getötet worden Wie und warum die grausamen Taten aufgeflogen sind

20 Jahre nach dem Pflegeskandal in Lainz:
So wurden die 42 Patienten getötet © Bild: APA/Jäger

Injektionen mit Überdosen Insulin oder - ebenso "elegant" - mit Kalziumchlorid, Verabreichung von herzlähmenden Mitteln, Einflößen von Wasser - alles Tötungsarten, wie sie in Krimis nach dem Motto "Das perfekte Verbrechen" vorkommen könnten. Die Mordserie am Krankenhaus Lainz hat gezeigt, dass der Horror durchaus Realität werden kann - und nicht nur in Österreich, sondern auch auf der ganzen Welt schon des Öfteren Realität wurde. Am 7. April 1989 flogen 42 Tötungen an der 1. Medizinischen Abteilung des Krankenhauses Lainz in Wien auf. Anlässlich der geplanten Verfilmung blickt NEWS.at zurück auf die Chronologie des Lainz-Skandals.

Die Patienten sind auf verschiedene Arten getötet worden. Dies vor allem deshalb, damit man die Todesfälle möglichst lange gegenüber der Ärzteschaft verschleiern konnte. Gesundheitsstadtrat Alois Stacher erklärte damals, es habe von Seiten der Patienten oder deren Angehörigen keinerlei Beschwerden über Schwestern oder die Behandlung auf der Station in der 1. Medizinischen Abteilung gegeben. Den mutmaßlichen Täterinnen sei es "sichtlich gelungen, Methoden anzuwenden, die klinisch kaum oder überhaupt nicht auffällig beziehungsweise nachweisbar sind".

"Mir ist beim Tippen der Haftbefehle schlecht geworden" - das sagte am 11. April jenes Jahres die Wiener Journalrichterin Dr. Klothilde Eckbrecht-Dürckheim. Da stand Österreich schon tagelang im Banne der unglaublichen Verbrechen von Waltraud Wagner, Irene Leidolf, Maria Gruber und Stefanija Mayer im Pavillon V des traditionsreichen Wiener Spitals.

Chronologie
7. April 1989: Wiens damaliger Gesundheitsstadtrat Alois Stacher kommt an jenem Freitag gegen 16.00 Uhr von einem Termin in sein Büro am Schottenring. Da liegen zwei Zettel. Stacher einige Tage später in einem ersten großen Interview gegenüber der APA: "Ich sollte Polizeipräsident (Günther) Bögl und Prim. (Franz X.) Pesendorfer anrufen. Unmittelbar nach meinem Gespräch mit dem Polizeipräsidenten sind ich und ein Mitarbeiter ins Polizeipräsidium hinübergelaufen."

Der Grund für die Hast: Zu Mittag hatten im Wiener Sicherheitsbüro die Stationsgehilfinnen Waltraud Wagner und Irene Leidolf die ersten Geständnisse abgelegt. Später folgen die Festnahmen von Gruber und Mayer; letztere war zunächst nur als Zeugin einvernommen worden. Eine gebürtige Chilenin - sie war von den anderen aus Rachsucht belastet worden - schied später als Verdächtige aus.

Auffliegen der Taten
Was die grauenhaften Taten auffliegen hatte lassen: Am 1. April 1989 - rund sechs Jahre nach dem Beginn der Verbrechen - hatten Wagner und Mayer dem 80jährigen Nicht-Diabetiker Franz Kohout Insulin gespritzt. Nachdem Prim. Pesendorfer und sein Team nach ersten Anhaltspunkten im Frühjahr 1988 immer häufiger Verdachtsmomenten über die missbräuchliche Gabe von Beruhigungsmitteln (Rohypnol, Valium, Dominal forte) nachgegangen waren - von Tötungsdelikten war keine Rede -, hatten die Täterinnen zum Insulin gegriffen. Das Pech: Der plötzliche Abfall des Blutzuckerspiegels bei Nicht-Diabetikern ist auf jeden Fall verdächtig.

Der Überlebende Kohout am 11. April 1989 im Zimmer C4 der Krankenhausabteilung gegenüber der APA: "Ich kann mich an die Schwester nicht mehr erinnern. Ich bin kein Diabetiker. Ich habe mich nur gewundert, dass ich eine Spritze bekommen sollte. Dann ist mir schwindlig geworden." Glücklich mit dem Leben davongekommen sagte er, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen: "Wenn man so nachdenkt ..."

Ohne Geständnisse kaum aufzuklären
Von medizinischer Seite wäre der Skandal ohne Geständnisse kaum aufzuklären gewesen, sagte der damalige Stadtrat. Er betonte, dass keine Verletzung der Aufsichtspflicht durch Primarius Franz Xaver Pesendorfer, den ehemalige Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung, vorlag. Gerade Pesendorfer habe ihn, Stacher, "auf einen mehr oder weniger vagen Verdacht" angerufen, worauf dann die Polizei eingeschaltet worden sei.

Die Patienten sind seinen Angaben zufolge auf verschiedene Arten - unter anderem mit Überdosen von Insulin - getötet worden. Drei "Todesengel" Waltraud Wagner, Irene Leidolf und Maria Gruber wurden inhaftiert und haben auch Geständnisse abgelegt. Die Motivation für die Taten war laut Ex-Polizeipräsident Günther Bögl zufolge "in etwa mit dem Begriff 'falsch verstandene Sterbehilfe' zusammenzufassen".

Neuer Name
Seit der Mordserie an Patienten Ende der achtziger Jahre gilt der alte Name "Krankenhaus Lainz" als schlecht beleumdet. Der neue Name "Krankenhaus Hietzing" sei gewählt worden, "damit sich die Mitarbeiter beider Standorte gleichermaßen mit der Einrichtung identifizieren können", so der Krankenanstaltenverbund (KAV) damals in einer Pressemitteilung. Eine Umbenennung bereits hinter sich hat das benachbarte Geriatriezentrum: Seit 1994 heißt es nicht mehr "Pflegeheim Lainz", sondern "Geriatriezentrum am Wienerwald". Wirklich durchsetzen konnte sich die neue Bezeichnung allerdings nicht. Die im Jahr 2003 aufgedeckten Missstände wurden als "Pflegeskandal Lainz" bekannt und spielen unter diesem Namen auch im derzeitigen Gemeinderatswahlkampf eine Rolle.

(apa/red)