Eigenes Geld gegen Mega-Inflation: Wörgl gedenkt Wirtschaftsexperiment "Freigeld"
- 1932 wurde in Tiroler Ort eigenes Geld eingeführt
- Nationalbank verbot Versuch bereits ein Jahr später
Mit zahlreichen Veranstaltungen gedenkt die Tiroler Stadt Wörgl in diesem Jahr des Wirtschaftsexperimentes "Freigeld". 1932, in den Zeiten der großen weltweiten Wirtschaftskrisen, ist in Wörgl das Projekt des "Freigeldes" abseits des offiziellen Schilling mit Erfolg eingeführt worden. Wirtschaftswissenschafter auf der ganzen Welt diskutieren heute noch die Auswirkungen. Mit einem großen Kulturprogramm wird heuer dem 75. Jubiläum gedacht.
Wörgl im Jahr 1932: 1.500 Menschen in der Region, darunter 400 aus Wörgl, das damals 4.500 Einwohner zählte, waren arbeitslos. Die Gemeindekassa war leer, konnte nicht einmal den 1,3 Millionen Schilling-Kredit für die Bürgerschule bedienen.
Während aus der benachbarten Region Wildschönau zahlreiche Familien nach Brasilien auswanderten und dort Dreizehnlinden gründeten, wurde der damalige Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger kreativ: Arbeit war genug vorhanden, nur das Geld fehlte, um diese zu bezahlen. Also druckten die Wörgler ihr eigenes Geld.
Das heißt, die Wörgler Notstandshilfe gab Arbeitswertbestätigungen aus, nach der Idee des Schwundgeldes des Ökonomen Silvio Gsell. Statt einer permanenten Abwertung und galoppierender Inflation - wie damals in der Weltwirtschaft, verlor dieses "Geld" nur ein Prozent im Monat, konnte aber durch "Nachkleben" seinen Wert behalten.
Im Juni 1932 begann die Wörgler Gemeinde mit Bauprogrammen. Die Arbeiter wurden mit "Arbeitswertscheinen" (Freigeld) entlohnt, kauften damit in Wörgler Geschäften ein, womit über Steuern Geld an die Gemeinde zurückfloss. Rund 102.000 damaliger Schilling wurden in Infrastruktur (Straßenasphaltierung, Kanalbauarbeiten, Errichtung einer Sprungschanze) investiert.
In den 13,5 Monaten des Währungsexperiments wurden in Wörgl rund 100 Menschen beschäftigt, die Zahl der Arbeitslosen ging um 16 Prozent zurück, während sie im gleichen Zeitraum in Österreich um 19 Prozent stieg. Doch der Erfolg der Wörgler Geldreform mit einem raschen Umlauf der regional gültigen Gutscheinwährung wurde rasch gestoppt: Die Nationalbank verbot 1933 das Experiment.
Obwohl Wörgl damit für weltweites Echo sorgte: Der französische Ministerpräsident a. D. Edouard Daladier kam 1934 nach Wörgl, um sich vor Ort zu erkunden. Am 10. März 1933 wurde das Tiroler Projekt gar im amerikanischen Senat diskutiert.
Anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums wird dem "Freigeld" heuer in Wörgler ein Kulturjahr gewidmet. Es gibt Theateraufführungen, eigene Kompositionen unter anderem des Tiroler Musikers Werner Pirchner. Als großes weithin sichtbares Zeichen wurde heute, am 1. Mai (Tag der Arbeit), die acht Meter hohe Skulptur des Künstlers Alois Schild aufgestellt, die bezeichnenderweise bis zum 31. Oktober (Weltspartag) stehen bleiben wird. (apa)
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