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Como 1907: Wie sich ein Fußballclub neu erfindet

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16 min

Como-Trainer Cesc Fabregas

©Jonathan Moscrop / Getty Images

Der FC Como zieht die Stars an: Keira Knightley, Hugh Grant, Adrien Brody – sie alle winken von der Tribüne. Denn seit eine der reichsten Unternehmerfamilien Indonesiens den einst unbedeutenden Provinzklub übernommen hat, jubeln hier Filmstars statt Ultras. Aus dem kleinen Verein ist eine große Bühne geworden – und eine Marke.

Von Christine Steffen, erstmals erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung

Ein Zwerg zwischen Riesen

Demütig kann nur sein, wer das Verlieren kennt. Como gerät an diesem wolkigen Januar-Samstag in der zweiten Halbzeit nach der Führung gegen Atalanta Bergamo in Rückstand. Das Publikum nimmt es stoisch. Man kennt seinen Platz: Como ist im vergangenen Frühling aufgestiegen, Atalanta ist ein Spitzenklub, der um die Meisterschaft mitspielt. Ein unterhaltsamer Nachmittag war es trotzdem; bis vor Kurzem war undenkbar, dass über 10.000 Leute im Stadio Giuseppe Sinigaglia Fahnen schwenken, „forza“ und „merda“ schreien würden. Die Begeisterung ist frisch und unverwüstlich.

Der FC Como war immer ein Zwerg, der seinen Platz suchte zwischen den Riesen Inter und Milan und den Turiner Klubs Juve und Torino. Dreimal ist der Verein in den vergangenen zehn Jahren pleitegegangen, zuletzt 2017. Als 2019 die indonesischen Brüder Budi und Bambang Hartono Como um ein paar Hunderttausend Euro kauften, dümpelte er in der vierthöchsten Liga. Die Hartonos haben in den 60er-Jahren mit der Produktion von Nelkenzigaretten begonnen, heute gehören sie zu den reichsten Männern Indonesiens mit einem Vielfältigen Imperium. Forbes schätzt ihr Vermögen auf gut 45 Milliarden Dollar. Kein Klubbesitzer in Italien ist reicher. Und kein Besitzer interessiert sich weniger für Fußball.

Kein Egotrip reicher Besitzer

Mit dem Projekt betraut ist der Präsident Mirwan Suwarso. Der 54-Jährige stand vor vielen Jahren schon einmal einem Fußballklub vor. Das war in Indonesien. Als er dort keine Entwicklungsmöglichkeit sah, ging er in die Unterhaltung, arbeitete als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor, bevor er Werbeverantwortlicher des Hartono-Konzerns wurde und dessen Streamingportal leitete.

Suwarso ist kurz vor dem Spiel gegen Atalanta aus London eingeflogen, wo er die Hälfte der Zeit lebt. Von seinem Büro in der Haupttribüne aus sieht man, wie sich das Stadion füllt, laute Bässe setzen ein, und es herrscht flirrende Vorfreude: Suwarso ist müde, er musste früh raus, ein perfekter Verkäufer des Projekts ist er trotzdem. Como, sagt er, sei kein Egotrip der reichen Besitzer, es gehe nicht um Eitelkeit, sondern um etwas viel Profaneres: die Möglichkeit, Business zu machen.

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Aufstieg. Als die indonesischen Brüder Budi und Bambang Hartono im Jahr 2019 Como für ein paar Hunderttausend Euro kauften, dümpelte er in der vierten Liga. Heute sitzt bei einem Match die ganze Hartono-Familie im Stadion.

 © Emilio Andreoli / Getty Images

Was Business in diesem Fall ist, umschreibt er so: ein Ökosystem, in dem einander Fußball und Tourismus gegenseitig befruchten. Das Vorbild sind die Themenparks von Disney. Im Zentrum steht der Fußballklub, um ihn herum soll sich eine ganze Industrie entwickeln. Dazu gehören heute drei Modelinien, aus der Zusammenarbeit mit Adidas sind hippe Hoodies und legere Bomberjacken entstanden. Koffer mit dem Como-Logo wurden auch schon bei Harrods in London verkauft. Geplant sind Soccer-Camps, in denen die Kids trainieren, während die Eltern beim Wine-Tasting sind oder auf einer privaten Bootstour auf dem Comer See.

Es gibt Lizenzverträge mit Uber und diverse Kollaborationen mit Luxushotels und Geschäften in der Stadt. Das lokale Bier La Comasca, das mit Seide gefiltert wird, ist ebenfalls ein Projekt von Suwarso. Es zeigt, wie geschickt der Indonesier die Fäden zwischen Tradition und Geschäft zu spannen weiß. Die Stadt war im 17. Jahrhundert eine Metropole der europäischen Seidenindustrie, später war sie eines der bedeutendsten Zentren für bedruckte Seide.

Die Transformation, die Suwarso anstrebt, ist schwindelerregend, die Strategie kühn. Die traditionellen Einnahmequellen wie Einnahmen an Spieltagen und Übertragungsrechte sollen zwar einen Teil des Budgets decken. Doch rentieren sollen sich auch die Nebenzweige – Como will sich als eine der führenden Destinationen für Fußballtourismus etablieren. Wie der Klub sich dafür inszenieren muss, wissen die Verantwortlichen: Jede Emotion wird während einer Partie von einem vielköpfigen Team dokumentiert und auf Social Media in die Welt geschickt. Wird ein neuer Spieler vorgestellt, erkennt man im Hintergrund hölzerne Bücherregale, das Licht ist gedimmt, es ist die gediegene Atmosphäre einer alten Villa am See.

George Clooney war noch nicht da Geht der Plan auf, soll das Imperium in ein paar Jahren einen Wert von einer Milliarde Dollar haben. Geld verbrennen, wie es die meisten Klubs tun, ist keine Option, die Hartonos sind keine Fantasten. Vorerst wird aber im großen Stil investiert. Das italienische Finanzportal Calcio e Finanza hat ausgerechnet, dass die Brüder seit der Übernahme 2019 gut 130 Millionen Euro in den Fußballbetrieb investiert haben.

Die hochfliegenden Pläne rechtfertigt Suwarso mit der einzigartigen Lage des Klubs: „Man kann in jedes Fußballteam der Welt investieren. Aber man kriegt keinen See direkt neben dem Stadion. Was wir haben, ist die Sexyness von Italien, die Sexyness des Comer Sees und von George Clooney, der hier lebt. Wir haben einfach Glück.“ Der See ist sein Star, mit ihm und dem Stadion in Gehdistanz zum Zentrum will er punkten. Und natürlich mit Clooney. Der Schauspieler und Regisseur, der seit Jahrzehnten eine Villa in Laglio hat, wird in Como immer als Beleg für die Attraktivität der Region genannt. Dass er bis jetzt keine Spiele im Sinigaglia besucht, ist verschmerzbar. In den letzten Monaten jubelten Hugh Grant, Andrew Garfield, Kate Beckinsale, Adrien Brody, Michael Fassbender oder Keira Knightley werbewirksam auf der Ehrentribüne.

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Werbewirksames Jubeln. Michael Fassbender und Keira Knightley

 © Jacopo M. Raule / Getty Images for Como 1907

Como hat mit dem spanischen Welt- und Europameister Cesc Fàbregas einen Trainer mit beeindruckender Vergangenheit, im Kader stehen Spieler mit großen Namen: Pepe Reina, Dele Alli, Andrea Belotti, neben ihnen spielen junge Talente wie der Argentinier Nico Paz. Nachwuchschef ist der französische Weltmeister Raphaël Varane, sein Kollege Thierry Henry hält Anteile am Klub. Doch sie werden überstrahlt von den Stars auf den Rängen. Ihre Bilder gingen um die Welt – unbezahlbare Publicity und ein Coup des bestens vernetzten Präsidenten. Sie versinnbildlichen die Strategie: Der Klub wird mit Projekten wie dem Bier lokal verankert, die Ausstrahlung jedoch soll international sein. Como 1907 ist heute, was man eine Brand nennt: eine schnell wachsende Unterhaltungsmaschine mit dem Fußball als Treibstoff.

Aus der Perspektive der Investoren ist nachvollziehbar, dass sie die Kulisse und die mondäne Aura nutzen wollen, um am gehobenen Tourismus zu verdienen. Doch wie gut kommt das an in einer Stadt, in der sich im Sommer Schlangen bilden vor den Restaurants und in der die Straßen außerhalb des verkehrsfreien Zentrums chronisch verstopft sind? Ist die Stadt nicht zu klein für die großen Pläne?

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Jeff Goldblum und Thierry Henry beim Match zwischen Como 1907 und dem Torino FC am 13. April 2025.

 © Jacopo M. Raule / Getty Images for Como 1907

Stadt unter Druck

Barbara Minghetti stammt aus Mailand und lebt seit 30 Jahren in Como. 2022 ist sie für das Centrosinistra zur Bürgermeisterwahl angetreten, unterlag aber im zweiten Wahlgang dem Parteilosen Alessandro Rapinese, nun politisiert sie im Parlament. Minghetti ist Programmdirektorin einer anderen Institution der Stadt, des Teatro Sociale, eines neoklassischen Baus mit Säulenportal, der die Piazza Giuseppe Verdi beherrscht. Leichte Klänge aus dem Theater tragen einen über den Platz, drinnen empfängt einen Werkstatt-Atmosphäre. Minghetti sagt, an Como habe ihr immer das Entspannte gefallen. Man sei zu Fuß unterwegs gewesen oder mit dem Fahrrad, habe eine Schiffstour gemacht. Das sei heute unmöglich, der Andrang sei gewaltig. Sie sei nicht gegen Tourismus, versichert die Direttrice, „aber Como befindet sich an einem speziellen Punkt, man müsste über den Overtourism reden“.

Die Auswirkungen der Touristenströme sind die gleichen wie in anderen Städten: Statt Wohnraum gibt es im Zentrum fast nur noch BnBs und Airbnbs, Traditionsgeschäfte weichen Ketten und hochpreisigen Boutiquen. Schulen und andere kommunale Einrichtungen werden an den Stadtrand verlegt, die Durchmischung leidet. Die Preise steigen, und die Angebote sind auswechselbar. Im Zentrum eine normale Bar mit einem Espresso für 1,20 Euro zu finden, wie in Italien üblich, ist schwierig geworden. Am Ende einer derartigen Entwicklung steht die Verödung der Innenstadt.

Minghetti mag Sport, sie sieht darin Parallelen zum Theater, manchmal geht auch sie ins Sinigaglia. Sie sagt, wie viele andere sei sie glücklich über die Investitionen der Indonesier. Doch ein bisschen erstaunt sie, wie ihre Freundinnen, die sich nie für Fußball interessiert haben, aufgeregt ins Stadion pilgern, wie Fußball plötzlich das Hauptthema ist in Como. Sie sagt, dass es ihr als Bürgerin wichtig wäre, dass sich die Stadt nicht nur über Fußball identifizierte. Die Indonesier seien in einem Moment der Krise und der Neuorientierung gekommen, und sie hätten das Vakuum genutzt, um einen Hype zu kreieren.

Der FC Como schafft es offensichtlich, Identität anzubieten. „Semm Cumasch“ ist Losung, Schlachtruf und Slogan zugleich, „Wir sind Como“ im Dialekt. Geschickt arbeiten die Investoren mit der Sehnsucht nach dem Wir-Gefühl: Jedes Kind, das in Como geboren wird, Bekommt einen Klub-Strampler geschenkt, die Schulkinder schreiben in vom Verein verteilte Hefte, und in der Stadt kursieren Busse mit dem Mannschaftsfoto und dem Claim „In piedi guerrieri“, „Steht auf, Krieger“. Die Geschäfte, die Klub-Merchandising verkaufen, sind mit Vereinsplaketten ausgestattet, die sie wie Fan-Shops aussehen lassen. Und in ausgewählten Bars übernimmt der Klub bei einem Sieg die Konsumation der Gäste. Man kann das alles ein bisschen viel finden.

Das Stadion: Schön, aber alt

Suwarso sieht seine Initiative naturgemäß nicht als Bedrohung. „Uns ist sehr bewusst, dass wir Besucher sind“, sagt er, „wir akzeptieren die Kultur und fragen die Leute, was sie wollen.“ Keine Frage ist, dass der Verein ein neues Stadion braucht, „das erste Stadion der Welt, in dem der Tourismus vor dem Fußball kommt“, wie Suwarso sagt.

Das Sinigaglia, 1927 eingeweiht und im Besitz der Stadt, erscheint auf Ranglisten der schönsten Stadien der Welt zwar immer weit oben, doch als würdige Kulisse für Keira Knightley taugt es nicht mehr. Nur die Haupttribüne ist überdacht, als während der Partie gegen Atalanta Regen einsetzt, werden auf der Gegentribüne Pelerinen verteilt. Außerdem ist es mit seinen gut 10.000 Plätzen zu klein. Ein neues Projekt existiert, wurde aber noch nicht vorgestellt. Die Kapazität werde bald mitgeteilt, sagt Suwarso, sicher seien es nicht 40.000 Plätze, sondern eine Größe, die der Stadt mit 85.000 Einwohnern entspreche.

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Die Lage mit Blick auf den Comer See mach das Stadio Giuseppe Sinigaglia einzigartig.

Umstritten ist das Projekt, weil es eine heikle Zone der Stadt betrifft. Tatsächlich fragt man sich, wie auf dem engen Platz zwischen See und Durchgangsstraße mitten in Siedlungen eine größere Arena Platz finden soll. Wo sind die Zugänge, wie kann die Sicherheit garantiert werden? Und was bedeutet es für die Anwohner, wenn Tausende Leute in die Stadt drängen, viele davon mit dem Auto? Zumal angekündigt wurde, dass das Stadion nicht nur für Fußball genutzt werden soll.

Das sind Fragen, die Elisabetta Patelli beschäftigen. Sie gehört der Partei Europa Verde an, ist eine stadtbekannte Umweltschützerin und nach Eigendefinition eine „rompiscatole“, eine Nervensäge. Den Fußball sieht sie als trojanisches Pferd für ein größeres Vorhaben, das niemand kenne. Gerüchte machen die Runde, dass die einzige Schule in Zentrumsnähe dem Stadionneubau weichen müsse und dass die Klubbesitzer weitere Immobilien in Como im Auge hätten. „Der Ort verliert seine Identität“, sagt sie. Patelli stört, dass sie mit ihren Fragen allein ist, dass nie ein Projekt vorgestellt wurde und eine öffentliche Diskussion darüber stattgefunden hat.

Der Bürgermeister wisse über alles Bescheid, sagt Suwarso, er werde zu gegebener Zeit informieren. Alessandro Rapinese wolle im Moment keine Stellung nehmen, richtet das Sekretariat auf Anfrage aus. Suwarso weiß, wie heikel das Thema ist, er spricht nun von einer Renovation. Also kein neues Stadion? „Wir werden das Stadion renovieren, aber wir werden nicht nur flicken und neu anstreichen“, sagt er. Den Leuten im Sinigaglia ist diese Diskussion egal. Sie erleben gerade ihr persönliches Märchen. Jetzt, wo die Gegner Juve und Napoli heißen. Der Zwerg, das war einmal.

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