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Ramazan Demir: Der Imam, der gegen Hassprediger kämpft

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Ramazan Demir

©Matt Observe

Der Wiener Imam Ramazan Demir warnt vor salafistischer Propaganda. Auf TikTok setzt er als „DerImamRamazan“ ein Gegennarrativ für Jugendliche – trotz massiver Anfeindungen. Warum er weitermacht, erklärt er im Interview.

Ramazan Demir ist Imam und Religionslehrer. Aus seinen Jahren als Gefängnisseelsorger weiß er um die Gefährlichkeit der salafistischen Szene. Als ihm klar wurde, wie stark Social Media hier muslimische Kinder und Jugendliche beeinflussen, beschloss er, auf TikTok für ein Gegennarrativ zu sorgen. Das freut nicht alle: Er ist mit massiven Anfeindungen konfrontiert. Kurz vor dem Jahreswechsel wurde er auf YouTube und TikTok zu Freiwild erklärt.

Seit dem Frühjahr 2025 versuchen Sie, der islamistischen Hasspredigerszene auf Social Media mit dem TikTok-Kanal „DerImamRamazan“ etwas entgegenzusetzen. Was war der Moment, in dem Ihnen klar wurde: Hier muss man etwas tun?

Mein Sohn, damals neun Jahre alt, kam zu mir und sagte: „Meine Freunde haben TikTok und ich will auch TikTok.“ Ich sagte: „Nein, du bist noch nicht einmal zehn.“ Ich hatte da schon das Buch „Allahs mächtige Influencer“ von Stefan Kaltenbrunner und Clemens Neuhold gelesen. Nach dem Gespräch mit meinem Sohn habe ich mir TikTok selbst angesehen und mir wurde klar, wie jung die Kinder sind, die dort schon in Berührung mit Hasspredigern kommen. Ich wusste, dass diese Prediger auf TikTok präsent sind, aber nicht wie stark sie sind. Ich wusste auch nicht, dass 90 Prozent von ihnen die neo-salafistische Ideologie weitergeben.

Wie erkennt man diese neo-salafistische Ideologie in TikTok-Videos?

Es gibt mehrere Indizien. Ein No-Go ist, wenn jemand die ganze Zeit nur von „wir“ und „ihr“ spricht. Wir leben hier in einer gemeinsamen Gesellschaft. Ein weiteres No-Go ist eine scharfe Schwarz-Weiß-Zeichnung, Dinge sind nur erlaubt oder verboten, dazwischen gibt es nichts. Inhaltlich gibt es Aussagen wie „Demokratie und Islam sind nicht vereinbar“, „Wählen gehen ist haram, also verboten“ oder „Musik ist generell haram“. Das sind Statements, die dafür sorgen, dass sich die Jugendlichen mit der Zeit von der Gesellschaft abwenden und diese Gesellschaft als Feindbild sehen. Das ist brandgefährlich.

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Ramazan Demir im Interview über Hassprediger im Netz

 © Bild: Matt Observe
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Können Sie diese Szene der deutschsprachigen Hassprediger etwas umreißen?

Es sind vorrangig Männer, die teilweise sogar einen langen Bart und Takke, eine islamische Kopfbedeckung, tragen. In Bezug auf den Islam haben sie aber Halb- und Falschwissen. Keiner dieser Influencer mit großer Reichweite hat den Islam studiert. Man fragt sie „Wie bist du Imam geworden?“ und erhält Antworten wie „Eines Tages war der Imam nicht da und dann habe ich vorgebetet.“ Viele von ihnen sind auch arbeitslos und können daher viel Zeit in ihre Kanäle investieren.

Und dann gibt es in dieser Szene auch jene, die mit Spendensammlungen den Supermuslim spielen, dafür von den Jugendlichen Anerkennung in Form von Likes, aber eben auch Geld bekommen, und dann Spendenbetrug begehen. Solche Leute missbrauchen ihre Follower auch noch. Zuletzt gab es da in Deutschland den Fall des Influencers Abdelhamid, der für Gaza gesammelt, einen Teil des Geldes aber für sich behalten hat. Er wurde inzwischen auch von einem deutschen Gericht wegen Spendenbetrugs verurteilt. Ein anderes Beispiel ist Hanna Hansen, ihr bürgerlicher Name ist Viktoria Stadtlander. Sie war Model, arbeitete als DJane und war Kickboxerin. Sie ist zum Islam konvertiert, hat ihn aber nicht studiert. Sie hat im Leben wohl viele Traumata erlitten, und wenn man sich ihre Videos ansieht, spürt man ihren Hass auf die Gesellschaft. Und den gibt sie nun an andere Muslime weiter.

Wie viele solcher Influencer gibt es, wie viele Follower haben sie?

Die Szene ist groß und es braucht viel Zeit, sich durch diese Accounts durchzuschauen. Ich habe in den vergangenen Monaten persönlich zehn Personen analysiert, die viel Anerkennung bekommen. Auf TikTok ist nicht so sehr die Anzahl der Follower relevant, sondern von wie vielen Personen die einzelnen Videos angesehen werden. Um einen Influencer herum gibt es immer noch viele andere Seiten und Profile, die seine Inhalte teilen. Der Algorithmus verstärkt das dann insofern weiter, als wenn jemand eines dieser Videos angeklickt hat, er immer mehr davon eingeblendet bekommt. So verteilen sich diese Inhalte enorm. Es gibt Videos von deutschsprachigen neo-salafistischen Hasspredigern mit Millionen Views.

Einige mit sehr großer Reichweite haben mich auch schon direkt angegriffen. Da gibt es zum Beispiel einen Ibrahim El Azzazi. Er hat mir in einem seiner Videos direkt gedroht, indem er mich aufgefordert hat, einen meiner Clips von TikTok herunterzunehmen. Durch ihn unter anderen soll sich übrigens der Attentäter von Villach radikalisiert haben. Das wird dann also auch gefährlich für mich, ich lebe hier, ich habe Familie. Meine Arbeit ist mir wichtig, ich möchte auch weiterhin Jugendliche erreichen, aber natürlich will ich weiterleben.

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Bedrohung: Neo-Salafisten bezeichnen Demir als Kafir (Ungläubiger) und machen ihn damit zur Zielscheibe

 © Matt Observe

Wer fühlt sich von diesen Hasspredigern besonders angesprochen?

Sie erreichen vor allem Jugendliche, die auf der Suche nach Identität sind. Das müssen nicht einmal Muslime sein. Diese Neo-Salafisten erreichen auch Deutsche und Österreicher, die mit dem Islam gar nichts zu tun haben und dann – ich möchte dezidiert sagen, nicht zum Islam, sondern zu dieser Ideologie – konvertieren. Viele der Videos sind sehr emotional, andere lustig. Und es wird Jugendsprache verwendet. Da muss ich auch sagen: Wir Muslime im deutschsprachigen Raum haben da sehr viel verschlafen. Wir haben TikTok den Extremisten überlassen. Genau deshalb versuche ich ja auch, da etwas dagegenzusetzen.

Wir haben TikTok den Extremisten überlassen.

Ramazan Demir

Wie sind die Auswirkungen dieser TikTok-Prediger im Alltag?

Ich bin auch Religionslehrer, habe aber viele Jahre nicht unterrichtet. Vor zwei Jahren habe ich beschlossen, wieder für ein paar Stunden pro Woche in die Schule zu gehen, auch um mir ein Bild zu machen, ob und was sich verändert hat. Ich komme in meine erste Stunde und möchte mit dem Thema Zivilcourage einsteigen. Dazu habe ich ein kurzes Video darüber, was Zivilcourage im Islam bedeutet, mitgebracht. Ist starte den Film, es ist Musik zu hören und sofort sagen Schüler, Herr Lehrer, da ist Musik, das ist haram. Ich war geschockt. Ich hatte acht Jahre lang nicht unterrichtet und nun meinen die Schüler, jede Musik ist haram. Ich habe sie gefragt: „Woher habt ihr das?“ Sie haben mir die Namen von Influencern genannt.

Und dann habe ich das Thema Musik zum Thema gemacht, aber nicht vorwurfs-, sondern liebevoll, aufklärerisch und vor allem theologisch fundiert. Es geht darum aufzuzeigen, dass Musik gut für die Seele und nur Musik, die negative Inhalte transportiert, haram ist. Aber ja, es gibt Probleme: Jugendliche meinen, sogar Zeichnen sei haram. All das schwappt von Social Media in die Welt der Kids und radikalisiert sie. Deshalb müssen wir sie sowohl auf Social Media, aber eben auch in der Schule und vor allem im Religionsunterricht an der Hand nehmen und aufklären.

Sie haben genau zum Thema Musik mehrere TikTok-Clips gemacht und arbeiten dabei stark mit dem Mittel der Differenzierung. Haben Sie den Eindruck, dass Sie damit zu den Jugendlichen durchdringen?

Durchaus. Vor allem aber biete ich damit ein Gegennarrativ. Es ist auch schon ein Fortschritt, wenn Jugendliche erkennen, der sagt das, der etwas anderes, jetzt denke ich einmal darüber nach. Aber natürlich bräuchte es viel mehr solcher Videos. Wenn man derzeit nach „Islam“ auf TikTok sucht, findet man auf Deutsch vorwiegend neo-salafistische Inhalte. Was die Arbeit auf TikTok zudem erschwert: Diese Hassprediger arbeiten ja auf den verschiedensten Ebenen. Sie versuchen auch zu verhindern, dass andere Positionen vertreten sind, indem sie Accounts melden. Es gibt aber auch die Form der Gegenvideos. Da nimmt jemand einen Clip von mir und kommentiert diesen. Da werde ich dann als „Ungläubiger“ abgestempelt. Auch das ist für mich sehr gefährlich.

Stichwort Bedrohung: Sie haben bereits angesprochen, dass Sie von Hasspredigern angefeindet werden. Reichen die Bedrohungen auch in Ihren Alltag?

Ja leider. Ich bekomme zum Beispiel Nachrichten wie „Du Mushrik, deine Toten werde ich ficken“. Mushrik ist ein Abtrünniger. Dieser Begriff legitimiert nach der Lesart dieser Hassprediger implizit Gewaltanwendung. Solche Nachrichten kommen auch als private Messages. Kurz vor Silvester ist es nun nochmals eskaliert: Da hat der inzwischen von Deutschland nach Marokko abgeschobene Influencer Abdelattif auf YouTube ein Video veröffentlicht, mit dem er mich zur Zielscheibe für Salafisten gemacht hat. „Ich hasse dich, du arbeitest für den Geheimdienst!“, sagt er darin. Ein anderer Extremist hat auf meinem Account kommentiert: „Deine Besitztümer und alles ist halal für jeden Muslim!“ Das heißt, ich darf getötet werden und mein Besitz darf mir genommen werden. Ich werde damit zum Freiwild erklärt.

Hassprediger erreichen vor allem Jugendliche, die auf der Suche nach Identität sind. Das müssen nicht einmal Muslime sein.

Ramazan Demir

Wie gehen Sie damit um? Und wollen Sie Ihre Arbeit auf TikTok, die ja noch dazu ehrenamtlich ist, dennoch fortsetzen?

Ich würde lügen, wenn ich sage, ich habe keine Angst. Ich bin ja auch im realen Leben mit unguten Momenten konfrontiert. Es ist eine schwierige Situation, ich muss ja auch an meine Familie denken. Dennoch möchte ich aktuell noch weitermachen, auch weil es auf der anderen Seite die positiven Reaktionen gibt. Das bekomme ich vor allem über die islamischen Religionslehrer mit.

Stichwort Religionslehrer: An der Kirchlichen Pädagogischen Hoch­schule Wien/Niederösterreich sind Sie für die Fortbildung von islamischen Religionslehrern zuständig. Welche Rolle spielen sie im Kampf gegen die Hasspredigerszene?

Eine sehr wichtige. Es gibt österreichweit mehr als 600 Islam-Lehrer und -Lehrerinnen, im Herbst 2025 haben wir hier bereits 350 mit Fortbildungen im Bereich Prävention auf Social Media erreicht. Diesen Jänner gibt es hier Fortbildungen für weitere 100 Pädagogen. Was aber ebenso wichtig ist, ist, die Eltern zu erreichen. Das ist uns bis jetzt noch nicht gelungen. Die Eltern muss man dafür sensibilisieren, womit ihre Kinder auf Social Media konfrontiert sind, dass sie dort Salafisten folgen. Insgesamt braucht es hier ein starkes Bündnis mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft, damit man die Mainstream-Muslime abholt und mit ihnen Projekte initiiert, die Jugendliche in der Schule, in Jugendzentren, in Moscheen erreichen.

Was müsste auf staatlicher Ebene im Kampf gegen diese Hasspredigerszene passieren?

Das Wichtigste wäre, die Accounts dieser Neo-Salafisten auf Social Media zu sperren. Hier sagt man mir, dass es eine gesamteuropäische Lösung braucht. Ich kann hier nur warnen, dass uns da die Zeit wegläuft. Wichtig wären aber auch mehr Mittel für die Gegenarbeit auf Social Media – es bräuchte etwa Geld, um Accounts mit Gegennarrativen zu pushen, aber auch, um mehr Inhalte zu produzieren. Und, ich habe ja auch viele Jahre als Gefängnisimam gearbeitet und weiß um die Gefährlichkeit dieser bereits verurteilten Täter: Es bräuchte mehr Mittel für Gefängnisseelsorge.

© Matt Observe

Steckbrief

Ramazan Demir

geb. 1986 in Ludwigshafen/Deutschland, ist ein in Wien lebender Imam und Religionspädagoge. An der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich ist er Fortbildungsleiter für muslimische Religionslehrer. Als „DerImamRamazan“ engagiert er sich auf TikTok für eine differenzierte Darstellung islamischer Positionen

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.

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