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2nd Opinion: Verstehen Sie doch, wir sind pleite

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Michael Fleischhacker

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Das Chaos, in dem sich das Land und die Welt derzeit befinden, lässt sich weder schönreden noch schnell beseitigen. Denn wenn die Dinge nicht mehr bleiben können, wie sie gewesen sind, haben wir nur zwei Möglichkeiten: So tun, als ob wir es nicht bemerken würden, oder uns mit den Dingen ändern.

Wenn die Dinge nicht bleiben können, wie sie waren, gibt es für uns Menschen eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir tun so, als würden wir das nicht bemerken, oder wir ändern uns mit den Dingen mit. Die erste Strategie erlaubt uns, noch eine Weile unser gewohntes Leben zu leben, bevor es richtig kracht. Die zweite gibt uns die Chance, um den Preis eines kurzfristigen Aufwands auf längere Sicht mit den Umständen zurechtzukommen. Dass die Dinge nicht bleiben können, wie sie waren, erleben wir gar nicht so selten, im Großen wie im Kleinen.

Im Kleinen sind wir meistens ziemlich adaptiv, im Großen sperrt es sich schon eher. Schicksalsschläge wie Krankheiten, Unfälle und Verluste unterschiedlicher Art können uns, wie man so sagt, schnell am falschen Fuß erwischen. Und natürlich bestehen bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Voraussetzungen für den Umgang mit aufgezwungenen Änderungen der Umstände. Nicht jeder ist gleich adaptiv und resilient, und nicht selten kommt zum Umstand, dass wir kein Glück haben, auch noch Pech dazu. Was allerdings kaum je hilft, ist ausdauerndes Klagen darüber, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie einmal war.

Jammern hilft selten

Unsere politischen Angelegenheiten sind, auch wenn das gelegentlich bestritten wird, die Summe unserer persönlichen Erfahrungen, und die Grundsätze, nach denen wir unser Leben ordnen und verstehen, entfalten auch in politischen Zusammenhängen ihre Wirkung. Und da schauen wir derzeit einfach nicht besonders gut aus.

Es ist zwar nicht erst seit gestern offenkundig, dass die Dinge nicht bleiben können, wie sie waren, aber wir haben noch keinen wirklichen Plan, wie wir damit umgehen. Vielleicht erinnern Sie sich, wie nach der letzten österreichischen Nationalratswahl alle führenden Politiker denselben Spruch auf den Lippen geführt haben: „Weiter wie bisher ist keine Option“.

Weiter wie bisher ist keine Option, also lasst uns weitermachen wie bisher

Man hat sich dann für eine Dreierkoalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS entschieden, was tatsächlich neu war. Inhaltlich allerdings scheint die Devise zu lauten: Weiter wie bisher ist keine Option, also lasst uns weitermachen wie bisher.

Das Ergebnis ist dann zum Beispiel eine Senkung der Mehrwertsteuer auf einen schwer zu definierenden Teil der Grundnahrungsmittel, gegenfinanziert durch Abgaben, von denen nicht leicht zu sagen ist, wer sie wofür in welcher Höhe zu entrichten hat. Das Nichtergebnis wird als schlagender Beweis dafür präsentiert, dass der Aufschwung längst begonnen hat und das Land einer glänzenden Zukunft entgegensieht.

Die Welt hat andere Sorgen

Das ist ob der offensichtlichen Realitätsverkennung der Regierenden zwar ein bisschen beängstigend, aber es ist auch ein bisschen wurscht, weil es sich um Österreich handelt und die Welt derzeit wirklich andere Sorgen hat.

Die Weltsorgen konzentrieren sich derzeit vor allem auf den amerikanischen Präsidenten. Donald Trump will sich Grönland einverleiben, droht Staaten, die sich nicht an seinem Gaza-Friedensrat beteiligen wollen, mit irrwitzigen Sonderzöllen und ist überhaupt drauf und dran, die Säulen jener Weltordnung einzureißen, von der wir glauben, dass sie die Grundlage des Friedens und des Wohlstands sind, dessen sich vor allem die europäischen Gesellschaften jetzt seit einigen Jahrzehnte erfreuen durften.

Abgesehen davon, dass die Europäer einige Jahrzehnte lang Europa mit der Welt verwechselt haben – dass fünf Prozent der Weltbevölkerung sich im Schatten der amerikanischen Militärmacht einen Lenz machen konnten, ist eigentlich kein Beweis für eine stabile Weltordnung, sondern für eine funktionierende Illusion: Jetzt ist es halt vorbei damit.

Politische Katastrophe auf zwei Beinen

Was mir beunruhigend erscheint, ist die Tatsache, dass jetzt viele, denen klar wird, dass die Dinge nicht bleiben können, wie sie waren, vorschlagen, dass doch die UNO wieder eine größere Rolle spielen und das Prinzip der Multilateralität garantieren solle. Bloß: Die UNO war ein Instrument des Kalten Kriegs, Russland, die USA, China und sogar der französische Operettenpräsident haben einen festen Sitz im Weltsicherheitsrat, der amtierende Generalsekretär ist eine politische Katastrophe auf zwei Beinen, und überhaupt: Die Vereinten Nationen kann man getrost vergessen.

Dass eine alte Ordnung vollständig in sich zusammenbrechen muss, damit Neues entstehen und prosperieren kann, ist eine Erfahrung, die viele Menschen in ihrem persönlichen Leben schon gemacht haben. Dennoch oder gerade deswegen löst die öffentliche Feststellung, dass die Dinge nicht bleiben können, wie sie gewesen sind, Unbehagen aus, nicht selten auch Angst oder sogar Panik.

Fair enough, möchte man sagen. Manche von uns erinnern sich noch an den Sommer 1987, als der Chef der Verstaatlichten Industrie in Österreich (ÖIAG), Hugo Michael Sekyra in Kapfenberg den aufgebrachten Arbeitern der Verstaatlichten zurief: „Wir sind pleite, verstehen Sie doch, wir sind pleite!“

Es ist natürlich kein Trost, dass es immer ein bisschen schlimmer wird, bevor es wieder besser werden kann, aber es ist nun einmal die Situation, in der wir uns befinden. Weder die Sehnsucht nach dem, was nie gewesen ist, wird daran etwas ändern, noch die besonders absurde Idee einer Verpflichtung zur Zuversicht.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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