ABO

WU Wien bilanziert Kulturhauptstadt Bad Ischl Salzkammergut 2024

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min
Artikelbild

©IMAGO / Volker Preußer

Jeder Euro brachte 4,28 Euro gesellschaftlichen Mehrwert

Als Bad Ischl und 22 weitere Gemeinden im Salzkammergut 2024 den Titel Kulturhauptstadt Europas trugen, war das nicht nur ein Kulturprogramm, sondern auch ein Testlauf für ein Modell jenseits der Metropolen. Die Region war die erste inneralpine, ländlich geprägte Kulturhauptstadt Europas. Genau diese Ausgangslage macht die nun veröffentlichte Wirkungsanalyse der Wirtschaftsuniversität Wien interessant: Sie fragt nicht nur nach Besucherzahlen, sondern nach dem gesellschaftlichen Mehrwert, den das Kulturjahr ausgelöst hat.

Was die Studie misst und was nicht

Das Forschungsteam am WU Zentrum für Nonprofit Organisationen und Social Impact hat eine Teil SROI Analyse vorgenommen. SROI steht für Social Return on Investment und beziffert gesellschaftliche Wirkungen, die in Geldwerte übersetzt werden. Im Fokus stehen kurz bis mittelfristige Effekte, also das, was unmittelbar nach dem Kulturhauptstadtjahr messbar ist. Eine langfristige Legacy, etwa dauerhafte Strukturveränderungen, ist laut Studie nur begrenzt abbildbar.

30,3 Millionen Euro Einsatz, 129,7 Millionen Euro Wirkung

Der finanzielle Input der Kulturhauptstadt lag bei rund 30,3 Millionen Euro, im europäischen Vergleich ein eher kleines Budget. Dem stellt die Studie 51 quantifizierte und monetarisierte Wirkungen gegenüber, die zusammen 129,7 Millionen Euro ergeben. Unterm Strich entspricht das einem SROI Wert von 4,28, also 4,28 Euro gesellschaftlicher Gegenwert pro investiertem Euro.

Finanziert wurde das Vorhaben unter anderem durch Bund, Länder, Gemeinden, Tourismusverbände sowie den Melina Mercouri Preis der EU. Die Studie wurde von der WU Wien unter Leitung von Christian Grünhaus durchgeführt und von der Kulturhauptstadtgesellschaft und öffentlichen Stellen mitfinanziert.

Viel Output, noch mehr Erwartungen

Der Output des Jahres ist beeindruckend, auch in nüchternen Zahlen: 314 Projekte wurden realisiert, darunter 117 assoziierte, rund 2.800 Projektbeteiligte und Künstlerinnen und Künstler waren eingebunden. Gezählt wurden 800.935 Besuche, traditionelle Großfeste wie Narzissenfest oder Glöcklerläufe sind dabei nicht enthalten. Von den im Bewerbungsbuch angekündigten Projekten wurden 65 Prozent umgesetzt, ein im Vergleich zu früheren Kulturhauptstädten hoher Wert.

Die Besucherstruktur verdeutlicht zugleich die besondere Lage einer Tourismusregion: Ein großer Teil entfiel auf Tagestouristinnen und Tagestouristen, ein kleinerer Anteil auf Nächtigungsgäste und die regionale Bevölkerung.

Wer profitiert am stärksten: die Region selbst

Am höchsten fällt der monetarisierte Mehrwert bei der regionalen Bevölkerung aus. Die Studie beziffert ihn auf über 42 Millionen Euro. Dahinter stehen Effekte wie ein gestärktes regionales Gemeinschaftsgefühl, mehr Interesse an Kunst und Kultur, Unterhaltungswert und ein verbesserter Zugang zu kulturellen Angeboten. Gleichzeitig werden auch negative Wirkungen genannt, etwa Enttäuschung über zu geringe Einbindung und gesellschaftliche Konflikte. Insgesamt überwiegen laut Analyse die positiven Effekte deutlich.

Auch Projektbeteiligte und Kunstschaffende profitierten messbar, etwa durch Sichtbarkeit, Experimentierräume, Kooperationen und teils stabilisierende Einkommenseffekte. Die regionale Kulturszene erhält Impulse durch mehr Diversität und Aufmerksamkeit, bewertet die Aktivitäten in Befragungen aber teils zurückhaltend. Das deutet auf ungenutztes Potenzial und strukturelle Reibungen im kulturellen Ökosystem hin.

Tourismus: Mehrwert ja, aber nicht ohne Nebenwirkungen

Touristinnen und Touristen erzielten laut Studie einen Mehrwert von rund 29 Millionen Euro, getragen durch Unterhaltung, Bildungsimpulse und ein stärkeres Bewusstsein für europäische Werte. Negative Effekte wie höhere Nächtigungskosten werden als eher marginal beschrieben. Tourismusbetriebe profitierten vor allem finanziell durch zusätzliche Gäste, zugleich wurden Impulse für nachhaltigeren Tourismus und eine breitere Gästemischung sichtbar.

Entscheidend ist dabei ein Befund, der über Bad Ischl hinausweist: Rund zwei Drittel des geschaffenen gesellschaftlichen Mehrwerts verbleiben in der Region. Für die kulturpolitische Debatte über ländliche Räume ist das ein starkes Argument, denn es widerspricht dem reflexhaften Eindruck, Großformate würden vor allem Außenwirkung erzeugen und wenig vor Ort verändern.

Kultur als Motor, aber kein konfliktfreier

Gerade im Salzkammergut, einer Region mit starker Identität und ohnehin dichtem Kulturangebot, ist der Spielraum für künstlerische Neuerungen begrenzt. Die Studie beschreibt damit auch das Grundproblem kulturgetriebener Regionalentwicklung: Kultur kann Räume öffnen, Debatten anstoßen und Zugehörigkeit stärken, sie kann aber ebenso Polarisierung auslösen, wenn sich Teile der Bevölkerung übergangen fühlen.

Für die Verantwortlichen ist die Analyse deshalb weniger Schlussstrich als Arbeitsgrundlage. Die Empfehlung einer späteren Ergänzung, die langfristige Wirkungen stärker erfasst, liegt nahe. Denn ob aus Projekten dauerhaft Strukturen werden, entscheidet sich nicht im Kulturjahr selbst, sondern in den Jahren danach.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab 20,63€
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER