Interview von

Semino Rossi: "Die
Sonne scheint für jeden"

Semino Rossi © Bild: imago images / Overstreet

Vor über 30 Jahren verließ Semino Rossi seine argentinische Heimat und fand sowohl sein musikalisches, als auch sein privates Glück in Österreich. Mit News.at spricht der Sänger über seine neue Latino-Tour, die Konkurrenz in der Schlagerbranche und das Erfolgsrezept seiner glücklichen Ehe.

Wie kommt ein Argentinier eigentlich ausgerechnet nach Österreich?
Mit dem Flugzeug (lacht). Ich bin vor vielen Jahren hierhergekommen. Ich habe lange Zeit in meiner Heimat Argentinien, in der Stadt Rosario, wo ich aufgewachsen bin, und in Buenos Aires, versucht, es als Musiker zu schaffen. Aber ich habe nicht gefunden, was ich möchte und mich 1985 dazu entschlossen, nach Spanien zu gehen. Es war ein langer Weg, ich habe viele Jahre auf der Straße gesungen, in verschiedenen Hotels und habe eine lange Reise durch ganz Europa gemacht. Zufällig bin ich in der Schweiz gelandet, dort war eine Gruppe aus Paraguay. Die drei Musiker haben in Innsbruck gelebt und zum mir gesagt: "Komm nach Österreich, vielleicht hast du dort Chancen, etwas mit der Musik zu erreichen." Genau deswegen bin ich hierhergekommen.
Ich habe 20 Jahre lang in Hotels gesungen, in der Wintersaison in Österreich, in der Sommersaison in Spanien. Vor 15 Jahren bei der Geburtstagsparty einer Mexikanerin habe ich wie immer auf Spanisch gesungen. Da ist der damalige Direktor von Koch Music (heute Universal, Anm.) auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, auf Deutsch zu singen. Ich habe gesagt, dass ich es probieren möchte und Gott sei Dank habe ich es geschafft.

War es anfangs schwierig, auf Deutsch zu singen? Haben Sie die Sprache durch das Singen gelernt? Haben Sie die Texte überhaupt verstanden?
Ich habe früher immer Spanisch gesungen und nur minimal Deutsch gesprochen. Wenn ich die deutschen Texte bekommen habe, habe ich sie auf Spanisch übersetzt, weil ich wissen wollte, worum es geht. Ich hatte einen Vocalcoach, der mir beigebracht hat, wie man die Wörter ausspricht. Ich war mir bewusst, was ich gesungen habe. Das Gefühl ist das gleiche, am Anfang war es ein bisschen schwierig für mich, für die erste CD habe ich fast ein Jahr gebraucht. Die "T"s am Ende eines Wortes waren für mich zum Beispiel schwierig auszusprechen. Aber ich bin froh, dass ich diesen Weg gemacht habe, sonst wäre ich heute nicht hier, wo ich bin.

Wie kann es gelingen, so gefühlvoll wie Sie in einer Sprache zu singen, die nicht die Muttersprache ist?
Ich glaube, die Musik ist eine Sprache. Ein Vergleich: Schwimmen ist Schwimmen. In Russland und Österreich und Japan. Und Singen ist das gleiche. Du musst den Mut haben, eine andere Sprache zu lernen, aber das Gefühl, wenn ich ein Lied singe, ist das gleiche, egal ob ich Deutsch, Italienisch, Spanisch oder Russisch singe. Am Anfang war die deutsche Sprache schwierig für mich, aber singen kann ich, egal in welcher Sprache, denn singen hat nichts mit der Sprache zu tun.

Sie starten demnächst Ihre "Unplugged Latino-Tour", singen dabei hauptsächlich auf Spanisch. Weshalb haben Sie so lange damit gewartet?
Vielleicht, weil ich es mir jetzt leisten kann. Damals lag die volle Konzentration auf der deutschen Sprache, auf Schlager, bei meinen Tourneen habe ich 80 Prozent Deutsch und 20 Prozent Spanisch gesungen. Heute biete ich meinem Publikum 80 Prozent Spanisch und 20 Prozent Deutsch. Wirtschaftlich ist es vielleicht nicht das Beste für mich, weil ich in kleinere Theater gehe, aber für mein Herz und meine Seele bin ich Millionär nach dieser Tour.
Es gibt einfach Dinge, die dein Herz und deine Seele seit vielen Jahren fordern. Und du solltest etwas machen, was deine Seele sagt, nicht dein Kopf, denn der Kopf wird zu sehr von außen beeinflusst. Mein Herz hat mir gesagt, dass ich einmal auf eine Latino-Tour gehen muss und jetzt ist es so weit. Ich habe 56 Jahre gewartet. Ich habe zwölf fantastische Musiker aus verschiedenen Ländern, sieben kommen aus Kuba, es sind Spanier, Italiener, Österreicher dabei. Alle haben so eine Lust, lateinamerikanische Musik zu machen.

Singen Sie auf der Tour neue Lieder auf Spanisch oder Hits, die das Publikum bereits kennt?
Wir werden Hits singen, die das Publikum schon kennt, wie "Besame Mucho", "Guantanamera" oder "Bamboleo", aber ich werde auch Lieder neu interpretieren. Auf der neuen CD erscheint zum Beispiel auch "Amoi seg ma uns wieder" von Andreas Gabalier auf spanisch. Das werde ich auf Tour auch schon singen. Und auch meine eigenen Hits wie "Aber dich gibt’s nur einmal für mich" in einer Salsa-Version singen, in deutscher Sprache. Ich kann garantieren, dass es kein langweiliger Abend wird. Die Leute können mitmachen, wir werden gemeinsam singen, ein bisschen tanzen, die Konzentration soll aber – deshalb unplugged – nur auf der Musik liegen. Es gibt kein Feuerwerk, keine Pyrotechnik, dafür schönes Licht, einen super Sound und großartige Musiker. Auch ein ein Weltmeister-Tanzpaar aus Argentinien ist mit dabei, das für die Leute Tango tanzen wird. Mein bester Freund Umberto wird Tango singen. Es ist eine schöne Mischung, ich glaube, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Moderieren werde ich wie immer auf Deutsch.

»Ich werde auch 'Amoi seg ma uns wieder' von Andreas Gabalier auf Spanisch singen«
Semino Rossi und Andreas Gabalier
© imago/STAR-MEDIA Gute Freunde: Semino Rossi und Andreas Gabalier

Sie haben erwähnt, dass sie ein Lied von Andreas Gabalier interpretieren werden. Wie ist denn Ihr Verhältnis zu ihm und zu anderen Kollegen aus der Schlagerbranche?
Klar, jeder von uns hat wenig Zeit, weil wir so viel zu tun haben, aber ich kann sagen, dass ich ein Freund von Andreas Gabalier bin. Auch von Andy Borg oder den Amigos. Von Andrea Berg. Von Florian Silbereisen, Nik P., DJ Ötzi. Immer wenn wir uns treffen, ist das eine Freude. Wir sitzen zusammen, tauschen uns aus. Aber wir sind uns bewusst, dass wir dann wieder unsere eigenen Wege gehen. Wir haben unsere privaten Nummern und wenn wir etwas brauchen, haben wir immer füreinander Zeit.

Man kann von der Schlagerbranche also tatsächlich als großer Familie sprechen, ist das nicht nur ein Klischee?
Ich sage immer: "Die Sonne scheint für jeden." In der Schlagerszene sehen wir uns nicht als so große Konkurrenz, obwohl es viele Sänger gibt. Aber das war immer so. Die Sonne scheint trotzdem. Hier, in Afrika, in Argentinien, in Amerika, in Saudi-Arabien. Überall. Ich sehe keine Konkurrenz, es sind Kollegen. Und du als Sänger kannst davon leben. Egal wie viele Leute wir sind, die Vielfalt macht die Branche interessant. Es ist auch interessant, was mit den ganzen jungen Leuten passiert. Andreas Gabalier, Helene Fischer, Vanessa Mai, Beatrice Egli – sie bringen eine neue Energie in die Branche.

»In der Schlagerszene sehen wir uns nicht als große Konkurrenz«

Wie sieht Ihr eigenes Publikum aus?
Das junge Publikum merkt, dass Schlager auch eine schöne Musik ist, nicht nur Pop oder Rock. Das merke ich auch bei meinen Konzerten. Ich habe nichts dagegen, ich höre selber die unterschiedlichsten Musikrichtungen, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass die Schlagerbranche unterschätzt wird. Es gibt – in Österreich sowieso und in Deutschland auch – keine andere Art von Musik, die mehr CDs verkauft als Schlager.

Sind Sie sich da auch Ihrer Verantwortung Ihren Fans gegenüber bewusst?
Es ist mir eine große Freude und Ehre, dass ich auf einer Bühne singen darf. Vielleicht ist es meine Aufgabe in dieser Welt, dass die Fans bei mir in diesen zwei, drei Stunden ihre Probleme vergessen können, die jeder von uns hat. Und dass ich sie mit meiner Musik berühren kann. Ich habe das große Glück, eine tolle Fangemeinde zu haben. Viele Leute haben sich getroffen aufgrund der Musik von Semino Rossi, haben sogar geheiratet. Viele sagen mir, dass sie meine Musik bei ihrer Hochzeit gespielt haben, oder auch bei der Beerdigung der lieben Omi, die sich ein Lied gewünscht hat. Das ist eine Freude und eine Ehre für mich, dass meine Lieder Gefühle von Menschen verbindet.

Sie sind schon sehr lange mit Ihrer Ehefrau Gabi verheiratet. Was ist das Geheimnis einer funktionierenden Ehe? Es gab ja zuletzt auch bei Prominenten wieder viele Trennungen, Florian Silbereisen und Helene Fischer etwa …
… oder Thomas Gottschalk, der hat sich auch getrennt. Ich glaube, das wichtigste ist, seinen Partner so zu akzeptieren, wie er ist. Jeder von uns hat seine Persönlichkeit, jeder von uns ist unterschiedlich. Meine Frau beispielsweise liebt die Berge. Ich liebe die Berge auch, aber ich schaffe es nicht, fünf Stunden lang auf einem Weg zu gehen. Deshalb habe ich gesagt: "Gabi, ich begleite dich die erste Etappe und warte dann mit einem Kaiserschmarrn und wenn du zurückkommst, gehen wir beide wieder nach unten."
Zusammen zu sein, verheiratet zu sein, bedeutet, wir haben eine Verbindung, aber wir sind nicht aneinander gekettet. Es ist vielmehr ein Gummi, hat mir einmal ein Pfarrer in Argentinien gesagt. Es sollte flexibel sein. Wenn ein Partner gern Tennis spielt, bedeutet das nicht, dass der andere mit ihm Tennis spielen muss. Ich glaube, wir sollten die andere Person so akzeptieren, wie sie ist. Liebe sollte bedingungslos sein. Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist. Punkt, Ende. Du bist so und ich akzeptiere dich genau so. Das ist vielleicht das Geheimnis.

»Liebe sollte bedingungslos sein«
© imago/APress Semino Rossi mit seiner Ehefrau Gabi

Sie werden demnächst zum ersten Mal Großvater und haben sich äußerlich ein wenig verändert.
Ich möchte ein cooler Opa sein. Ich bin jetzt 56 und fühle mich total wohl mit diesem Alter. Ich befinde mich in einer der schönsten Zeiten meines Lebens, ich werde das Geschenk bekommen, Opa zu sein, ein Enkelkind zu bekommen. Meine Frau wird die Hebamme sein von diesem wunderschönen Augenblick, meine kleine Tochter – das ist sie für mich immer noch mit 28 – wird Mama.
Ich war im September in Argentinien, weil ich dort vor einigen Jahren für Indio-Kinder in der Nähe der Iguazu-Wasserfälle eine Schule gebaut hatte, die ich gerade besucht habe, als ich einen Anruf von meiner Tochter Laura bekam, die sagte: "Papi, du wirst Opa!" Ich habe so geweint, mich so gefreut. Ich habe mir gedacht, nach dieser Nachricht muss etwas passieren. Ich habe mir spontan einen Ohrring stechen lassen, habe es sogar gefilmt. Unser erstes Enkelkind wird in etwa zwei Wochen zur Welt kommen, wenn er größer ist, wird er den Film sehen und verstehen.
Opa bedeutet nicht alt zu sein, Opa sein bedeutet, viel Erfahrung zu haben. Opa bedeutet, zum zweiten Mal Papa zu sein. Opa bedeutet für mich eine weitere Chance. Ich werde Schokolade mit ihm essen, singen und vielleicht auch irgendwann mit ihm bis zwei Uhr in der Nacht Fernsehen gucken.

»'Papi, du wirst Opa!' Ich habe so geweint, mich so gefreut«
© imago/Photopress Müller Semino Rossi trägt neuerdings Ohrschmuck

Die Stars in der Schlagerbranche nehmen oftmals bestimmte Rollen ein, welche ist Ihre?
Ich bin ein Interpret, ein Sänger. Ich habe das Glück, den besten Beruf der Welt zu haben, viele Kulturen kennenlernen zu können. Ich kenne mehr als 40 Länder auf dieser wunderschönen Welt. Ich bin froh, dass ich singen darf. Wie lange? So lange, wie das Publikum Semino auf der Bühne sehen will, so lange es mir Spaß macht. Ich bin froh, dass ich singen darf, das macht mich total glücklich, denn es ist ein Privileg auf einer Bühne zu sein, wo tausende Menschen sogar dafür bezahlen, um dich zu hören.

Kennt man Sie eigentlich auch in Argentinien als Sänger?
Dort kennt mich kein Schwein. Nein, ganz so ist es auch nicht. Wir haben vor sieben Jahren eine Fanreise mit 400 Fans in den Norden gemacht. Der letzte Ort waren die Iguazu-Wasserfälle. Dort habe ich zusammen mit Andrea Berg und Johnny Logan ein Konzert gegeben. Ich dachte, es kommen 800 Leute und auf einmal waren es 7.800 Leute. Ich habe nicht gewusst, dass in dieser Region – Argentinien, Paraguay, Brasilien – 1,2 Millionen Deutschstämmige leben. Sie haben deutsche Schulen, hören deutsches Radio, das ist die vierte Generation von deutschen Auswanderern nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie kennen meine Musik, sie kennen die Musik von Andrea Berg.

© imago/Christian Schroedter Freunde und Kollegen: Andrea Berg und Semino Rossi

Ich kann mich erinnern, nach der Show von Andrea Berg sagte sie zu mir: "Semino, sie haben alle meine Lieder gesungen!" Ich glaube, im Norden von Argentinien wissen viele Leute, dass es Semino Rossi gibt. Die deutsche Gemeinde sowieso und langsam habe ich auch in Buenos Aires ein paar Anfragen von Radio und Fernsehen. Aber ich muss nicht auf der ganzen Welt berühmt sein. Irgendwann würde ich gerne in Lateinamerika eine große Tour machen, das wäre ein Traum, aber ein Herzenswunsch wird jetzt schon erfüllt, denn bald startet meine Latino-Tour und ich gebe auch Konzerte hier in Österreich.

Semino Rossi - Unplugged-Latino Tour

Termine:
10. Mai 2019: Wien, Stadthalle F, Beginn: 20 Uhr
11. Mai 2019: Villach, Congress, 19.30 Uhr
12. Mai 2019: Graz, Helmut-List Halle, 17 Uhr
13. Mai 2019: Linz, Brucknerhaus, 19.30 Uhr
15. Mai 2019: Innsbruck, Congress Saal, 19.30 Uhr
20. Mai 2019: Bregenz, Schauspielhaus, 19.30 Uhr

Ticket-Infos:
www.oeticket.com
Ticket-Hotline: 0900/9496096
www.wien-ticket.at
Ticket-Hotline: 01/58885 (nur Wien)
www.stadthalle.com
Ticket-Hotline: 01/7999979 (nur Wien)

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