Diese Kerns von

"Bei uns fliegen auch die Fetzen"

Diese Kerns - "Bei uns fliegen auch die Fetzen" © Bild: Michael Mazohl News

Christian Kern ist Regierungschef, seine Frau Eveline Steinberger-Kern erfolgreiche Managerin. Nun geben die beiden erstmals gemeinsam ein Interview - und sprechen darüber, wie es funktionieren kann, in einem Umfeld voller Machtkämpfe und Missgunst privat glücklich zu sein

Frau Steinberger-Kern, als Ihr Mann zum Vorstand des Verbund-Konzerns avancierte, sind Sie freiwillig aus dem Unternehmen ausgeschieden. Hatten Sie da nicht das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen?
Steinberger: Neue Herausforderungen zu suchen, liegt in meinem Naturell. Wir haben das beide nie als Verzicht gesehen, wir haben immer versucht, einander Freiräume zu lassen. Ich glaube, das ist auch, was unsere Beziehung ausmacht, dass jeder sich in beruflicher Hinsicht verwirklichen soll. Außerdem haben wir uns ja im Verbund kennengelernt - aber Family-Business, das wollten wir nie.

Das ist ja moralisch löblich. Aber wie wirkt sich das auf der persönlichen Ebene aus, wenn man dem Partner zuliebe auf etwas verzichtet?
Kern: Ich denke, in jeder glücklichen Beziehung sind wechselseitige Rücksichtnahmen notwendig. Wir hatten ja beide immer wieder Jobangebote aus dem Ausland, die wir zwar diskutierten, aber letztendlich aus Rücksichtnahme gegenüber dem Partner ablehnten.
Steinberger: Zurückstecken musste ich nie. Wir haben uns immer wunderbar ergänzt, auch die Auswahl der beruflichen Stationen hat immer wieder zueinandergepasst.
Kern: Ich glaube, das Wichtigste an unserer Beziehung ist der Stellenwert, den sie für uns Keiner setzt egoistische Prioritäten.
Steinberger: Es geht darum, gut organisiert zu sein und sich immer wieder hinzusetzen und die nächsten zwei, drei Wochen durchzuplanen.

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Also straffes Beziehungsmanagement?
Kern: Eveline bereitet diese Sommerferien so vor wie die NASA eine Weltraummission. Es geht hier ja nicht nur um uns beide, sondern auch um die Kinder. Aber das ist eine Herausforderung, die jede Familie zu bewerkstelligen hat: Wenn einmal die Schule anruft, weil dein Kind krank ist, spielt es keine Rolle, ob man Managerin oder Bundeskanzler ist, dann haben wir dasselbe Problem wie jeder andere auch.
Steinberger: Für den Sommer war ja ursprünglich nicht viel mehr Urlaub geplant, als sich jetzt ausgeht, dafür aber weniger Wahlkampf. Aber wenn man mit einem Politiker verheiratet ist, ist man darauf vorbereitet, dass Unvorhersehbares passiert, da war ich nie naiv.

Besteht in einer durchorganisierten Beziehung nicht die Gefahr der Fadesse und Routine, ist da überhaupt noch Platz für Spontanität?
Kern: Ich habe mit meiner Frau nicht einen einzigen Moment erlebt, der fad oder routinisiert war.
Steinberger: Ich glaube, für uns beide sagen zu können, dass wir die große Liebe gefunden haben -und wenn das der Fall ist, lacht man viel miteinander, unternimmt viel miteinander, natürlich gibt es ab und an Diskussionen, und es fliegen die Fetzen, aber das muss eine Liebe aushalten. Ich glaube schon, dass wir etwas Besonderes aneinander haben.

»Ich denke, ich bin die Temperamentvollere in der Beziehung«

Eveline Steinberger-Kern

Wie ist das, wenn bei Ihnen die Fetzen fliegen?
Kern: Es handelt sich eher um Fetzerln.
Steinberger: Ich denke, ich bin die Temperamentvollere in der Beziehung.
Kern: Stimmt, ich rege mich wirklich ungern auf, aber das heißt ja nicht, dass mir die Dinge egal sind, ganz im Gegenteil. Das Wichtigste ist, dass wir uns jeden Tag über die banalsten Dinge amüsieren können. Das gemeinsame Lachen verbindet, glaube ich, schon sehr.

Welches der Kern-Klischees nervt Sie denn am meisten?
Steinberger: Keines, ich lache so gerne über die Sachen, die da so über dich kursieren, Christian, ich hoffe, du verzeihst. Ich glaube, das macht uns auch aus, dass wir da drüberstehen.
Kern: Es wird ja so viel Unsinn behauptet. Am Anfang habe ich mich noch gewundert, mittlerweile nehme ich es zur Kenntnis. Diese Kommunikationsmechanismen sind so stille-Post-artig, keiner war dabei, keiner weiß was Genaues, aber alle haben eine fixe Meinung.

Aber Sie kennen den politischen Betrieb ja bereits von früher, hat sich denn da so groß was geändert?
Kern: Doch, doch. Es ist schneller geworden, es geht rund um die Uhr. Außerdem geht es viel mehr ins Private: Die Spekulationen über meine Anzüge sind ja das Bizarrste überhaupt. Kreisky, Vranitzky waren Maßanzugträger, da wurde das zur Kenntnis genommen. Ich kaufe mein Zeug von der Stange und schaue, dass ich passabel reinpasse, und es ist ein Riesenthema. Wir sind in einer massiven Populismusspirale, die von Politik und Medien gleichermaßen befeuert wird, wo es um den Run auf die beste Pointe geht.

Sollte der ideale Sozialdemokrat nur Anzüge aus dem Secondhandladen tragen?
Steinberger: Spielt das wirklich eine große Rolle? Ist es nicht vor allem wichtig, dass man sich in dem wohlfühlt, was man trägt? So verstehen wir beide jedenfalls Mode. Und das sieht man dann eben auch in Auftreten und Ausstrahlung.

Beraten Sie ihn modisch?
Steinberger: Ich darf manchmal eine Krawatte aussuchen.
Kern: Der Rest ist ja nicht so schwierig, entweder ich kaufe den Anzug in Dunkelblau oder in Grau - und basta.

Was schätzen Sie aneinander am meisten, was nervt Sie aneinander am meisten?
Steinberger: Ich schätze seine Leidenschaft und seinen Humor. Was mich nervt: Wenn du mich am Wochenende um 6.30 Uhr früh fragst, ob wir joggen gehen. Um 7.30 Uhr wäre ich für deine Frage empfänglicher.
Kern: Am meisten schätze ich ihren Humor, ihr Herz, ihre Intelligenz - aber unverzeihlich war, wie sie unserer Tochter eine Rapid-Kappe gekauft hat, obwohl die sich gar nicht für Fußball interessiert - großes Thema, das geht gar nicht.

»Meine Leidenschaft? ich habe eine tolle Briefmarkensammlung«

Christian Kern

Worin besteht denn seine Leidenschaft?
Kern: Ich habe eine tolle Briefmarkensammlung (lacht).
Steinberger: Er ist ein leidenschaftlicher Familienmensch, ein liebevoller Vater, der da ist, wenn man ihn braucht.

Wenn Normalos abends heimkommen, schieben sie den Berufsfrust des Tages auf ihren Chef. Wen machen Sie denn für Ihren Frust haftbar?
Steinberger: Mit Berufsfrust kann ich nicht dienen. In meinem Büro steht: "Spaß ist der wichtigste Erfolgsfaktor." Am Anfang war das als Motivation gedacht, aber es ist wirklich so.

Nun unterstelle ich, dass der Kanzler und SPÖ-Chef schon ab und zu gefrustet ist. Wie verarbeiten Sie das, ohne dass die Partnerschaft leidet?
Kern: Frust? Natürlich hast du in dem Job immer einen enormen Druck, aber wenn du dann den Frust zu sehr an dich heranlässt, dann kannst du auf Dauer nicht deine Leistung bringen. Zunächst hatte ich einmal eine Phase, wo ich mich gewundert habe, welche Verhaltensmechanismen in der Politik Platz greifen. Das war aber eigentlich weniger Frust als Erstaunen - darüber, dass viele Dinge, die da abgehen, vom bisherigen Leben so weit entfernt waren, dass man sich erst daran gewöhnen musste.

Aber wie schafft man es denn ganz konkret, den Druck nicht an sich herankommen zu lassen?
Steinberger: Wir reden schon darüber, was tagsüber so gelaufen ist, dann gehen wir auch manchmal gemeinsam Laufen. Sport zu betreiben hilft immer. Die politische Sphäre im Jahr 2017 ist massiv hyperemotionalisiert - dabei bräuchte die Demokratie dringend Versachlichung.

Was betrachten Sie, abgesehen von Ihren viel diskutierten Anzügen, als Luxus?
Kern: Der perfekte Überdrüberluxus ist, wenn ich es am Sonntagvormittag schaffe, frühstücken zu gehen und dabei eine Stunde Zeitung zu lesen. Ich bin ein Zeitungsliebhaber. Klingt vielleicht komisch für einen Politiker.
Steinberger: Ab und zu mit einer Freundin ins Kino zu gehen.
Kern: Ich erfahre dann, wie der Film war, dann kann ich auch irgendwie mitreden.

Sie haben sich beide aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet, gelten beide als sehr ehrgeizig: Ist es auch eine gewisse Kompromisslosigkeit und Härte gegenüber sich selbst, die Sie verbindet?
Kern: Nein, das ist eine Fehlannahme. Ich sehe das ja auch bei Eveline ganz stark: Wenn du so ein Pensum hast und solche Herausforderungen wie sie, dann kann man die nicht aus Härte gegenüber sich selbst bewerkstelligen - du musst von dem, was du tust, total überzeugt sein. Um mit Steve Jobs zu sprechen: "You've got to find what you love." Ich weiß nicht, wie du das empfindest?
Steinberger: Nur mit Härte und Disziplin kommt man nicht weit. Ich habe von meinen Eltern, meinen Geschwistern so viel Liebe mitbekommen. Wir mussten damals natürlich schauen, dass wir mit den Ressourcen auskommen, speziell meine Eltern. Wenn man dann zurückblickt und sieht, was sie mir trotz einfacher Verhältnisse ermöglichten, dann ist das auch irgendwo etwas, was ich zurückgeben möchte. Das ist Teil meines Antriebs, dass ich immer einen gewissen Ehrgeiz hatte, das wertzuschätzen. Aber all das führt nicht automatisch zum Erfolg. Am Ende gehört natürlich auch Glück dazu.
Kern: Das ist hundertprozentig so, Glück ist ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Das heißt, Sie schätzen Ihr Glück, materiell abgesichert zu sein und ausfüllende Jobs zu haben, vielleicht höher ein als Menschen, die das schon immer hatten?
Steinberger: Das kann man unter Umständen so sehen, ja.
Kern: Man kennt das Gegenteil, das ist eine wichtige Lebenserfahrung. Man weiß ganz genau, dass die Schulterklopfer und der Glamour in Wahrheit nicht das Entscheidende sind. Aber du hast da was Richtiges gesagt: Wir hatten beide Elternhäuser, die materiell sehr bescheiden waren, dafür war die Förderung der Kinder umso liebevoller. Mein Vater hat mich jeden Samstag auf den Fußballplatz gebracht, die Mutter hat geschaut, dass in der Schule alles ordentlich läuft. Da war keine Drohung, keine Repression. Das ist auch nicht der Stil, wie wir unsere Kinder erziehen.

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Erziehen Sie Ihre neunjährige Tochter antiautoritär?
Steinberger: Nein, antiautoritäre Erziehungsstile pflegen wir beide nicht. Das Wichtigste ist, unsere Tochter zu fördern, sie so zu erziehen, dass sie selbstständig mitdenkt und kritisch hinterfragt. Uns ist wichtig, dass sie ihren eigenen Weg macht. Ein Beispiel: Sie ist naturwissenschaftlich sehr interessiert, das fördern wir natürlich.
Kern: Ich glaube, sie verhandelt weniger gerne mit dir als mit mir (lacht). Wir haben erst gestern intensiv über den Wert des Teilens anhand einer Laugenbrezel diskutiert. Primär geht es uns aber nicht um die naturwissenschaftliche Förderung, sondern um den Charakter: Wie hat man sich als soziales Wesen zu verhalten, was bedeuten Freunde oder Familie? Da ist eine einzelne Laugenbrezel ein gutes Demonstrationsobjekt.

Plagt Sie manchmal das Gefühl, nicht genug für Ihre Tochter da zu sein?
Kern: Das ist das Trostloseste, wenn Leute am Ende ihrer Karriere sagen: "Es ist zwar wirklich gut gelaufen, aber ich habe meine Kinder nicht groß werden gesehen." Diesen Satz finde ich immer besonders bedrückend und denke mir: "Du hast etwas falsch gemacht, und zwar so richtig." Es geht ja nicht um die Zahl der Stunden, sondern darum, wie du sie verbringst. Ich glaube, wir leben sehr intensiv und nicht nebeneinander her -das ist die Kompensation dafür, dass wir weniger Zeit miteinander haben. Da braucht man nicht herumzureden, wir machen keine Nine-to-five-Jobs.
Steinberger: Man hat ja mittlerweile auch aus dem Ausland andere Möglichkeiten, Facetime-Telefonieren ist etwas, was meine Tochter und ich uns angewöhnt haben, wenn ich etwa in meiner Firma in Israel bin.

Frau Steinberger-Kern, Ihr Mann hat zuvor schon drei Kinder großgezogen, Sie keines. Macht ihn dieser Erfahrungsunterschied manchmal ein wenig altklug?
Steinberger: Im Gegenteil, gerade am Anfang war ich happy, dass Christian so erfahren war. Die Theorie ist das eine, aber dann zu hundert Prozent für ein kleines, neugeborenes Wesen zuständig zu sein - es war, fantastisch, diese Verantwortung teilen zu können.
Kern: Windelwechseln kriege ich in der Geschwindigkeit eines Reifenwechsels in der Ferraribox hin, das war ein Vorteil. Die Wahrheit aber ist, Kinder zu erziehen, ist die größte Herausforderung, die es gibt, dafür gibt es keine Patentrezepte.

Haben Sie mit der Formulierung "die Frau an seiner Seite" oder "Kanzlergattin" ein Problem?
Steinberger: Die Frau an seiner Seite, damit habe ich überhaupt kein Problem, ich stehe ja zu meinem Mann. Aber Kanzlergattin ist für mich ein Begriff, der doch ein bisschen in die Jahre gekommen ist, da würde ich darum bitten, ein zeitgemäßeres Vokabel zu finden. Darauf reduziert zu werden, finde ich nicht okay, ich definiere mich nicht über den Job meines Mannes.

Werden Sie im Wahlkampf gemeinsam auftreten?
Kern: Nein, das wird nicht passieren. Heute finden die Auseinandersetzungen auf einer Ebene statt, die nicht okay und korrekt ist. Natürlich kommen dann Konkurrenten, die anfangen, die Familie reinzuziehen, das ist eine ganz bewusste Strategie. Wir wissen, wie bösartig manche Leute das heute schon versuchen.

Wenn die Scharmützel rund um Ihren Sohn Niko nicht passiert wären, wäre es eine Möglichkeit gewesen, gemeinsam aufzutreten?
Kern: Aber das betrifft ja Eveline ganz genauso. Entschuldigen Sie, aber da werden bezahlte Spindoktoren engagiert, die in Wien die blödesten Geschichten verbreiten. Das ist ja das Spiel, das da betrieben wird. Bei meinem Sohn ist es ganz deutlich geworden. Da braucht man sich nicht in die Tasche zu lügen - das wird schärfer werden und härter werden.

Wäre es nicht ein Ziel, dass Ihnen nach Ihrem Politengagement eine Frau an die Regierungsspitze nachfolgt?
Kern: Das ist auf jeden Fall mein persönliches Ziel, aber da haben die Wähler das entscheidende Wort.
Steinberger: Aber er arbeitet hart daran, mehr Frauen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu bringen.

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Christian Kern

Der 51-jährige Kern ist seit Mai des Vorjahres Bundeskanzler, einen Monat später wurde er auch SPÖ-Chef. Zuvor war Kern Vorstandsvorsitzender der ÖBB, vor seinem Job bei der Bahn war er Vorstand im Verbund-Konzern. Kern war in einer Arbeiterfamilie in Wien-Simmering aufgewachsen, er ist Vater von drei erwachsenen Kindern aus erster Ehe. Gemeinsam mit seiner nunmehrigen Ehefrau Eveline Steinberger-Kern hat er eine neunjährige Tochter. Kern führt die SPÖ als Spitzenkandidat in die Nationalratswahl.

Eveline Steinberger-Kern

Die 45-jährige Unternehmerin stammt aus dem steirischen St. Johann am Tauern, ihre Mutter war Bäuerin, der Vater bei den ÖBB beschäftigt. Steinberger studierte in Graz Betriebswirtschaftslehre. Später arbeitete sie als Leiterin für strategisches Marketing im Verbund-Konzern, wo sie Christian Kern kennenlernte. Heute ist Steinberger-Kern Start-up-Unternehmerin in der Energiewirtschaft, ihre in Wien und Tel Aviv ansässige Firma The Blue Minds Company schiebt Energiewende-Projekte an.