Martin Moder: Von der Fruchtfliege zum Science Buster

Martin Moder hat die besondere Gabe, komplexe wissenschaftliche Themen so zu erklären, dass sie jeder versteht. Heute ist der promovierte Molekularbiologe und Science-Slam-Europameister aus dem Team der "Science Busters" nicht mehr wegzudenken. In seinem Youtube-Kanal "M.E.G.A." kämpft er unermüdlich gegen Fake News rund um Corona an. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Wissenschaftskommunikators erster Güte? Und was beschäftigt ihn abseits von Genen und Viren?

von "Selfie", fotografiert im Stift Göttweig, von Martin Moder, Molekularbiologe, bekannter "Science Buster", und Buchautor zur Verfügung gestellt. © Bild: APA/OTS/Martin Moder

Steckbrief Martin Moder

  • Name: Martin Moder
  • Geboren am: 10.1.1988 in Wien
  • Sternzeichen: Steinbock
  • Wohnt in: Mödling bei Wien
  • Ausbildung: Bachelorstudium Biologie an der Uni Wien mit Schwerpunkt der Mikrobiologie und Genetik, Masterstudium Molekularbiologie am Institut für Molekulare Biotechnologie Wien, Doktorat am Zentrum für Molekulare Medizin Wien
  • Beruf: Molekularbiologe am Zentrum für Molekulare Medizin in Wien, Wissenschaftskabarettist bei den Science Busters und Autor
  • Familienstand: vergeben

Wie viele Menschen kennen Sie, die ihre berufliche Laufbahn als Fruchtfliege begonnen haben? Zugegeben, Martin Moders Karriere hat ihren Anfang schon vor seinem legendären Auftritt als Drosophila melanogaster genommen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt aber zeichnete sich ab, in welche Richtung es für den promovierten Molekularbiologen einmal gehen sollte.

1988 in Wien geboren, widmete sich Martin Moder schon in frühen Jahren - wenn man so will - wissenschaftlichen Experimenten. Im Vorwort seines Buchs "Treffen sich zwei Moleküle im Labor"* schildert er, wie er als Kind seine Finger in Omas Fleischwolf steckte, während seine Schwester den Einschaltknopf betätigte. "Meine Mutter erzählt die Geschichte gerne, wenn sie klarmachen will, wie doof ich war", gesteht er im Gespräch mit Sven Preger. Heute ist von der offenen Fleischwunde nichts mehr zu sehen. Spuren hinterließ sie dennoch, weckte das Erlebnis, so schmerzhaft es gewesen sein musste, bei Martin Moder doch das Interesse für die menschliche Biologie. Insofern verwundert es kaum, dass sich Moder später dazu entschloss, dieses Fachgebiet zu studieren.

Als Fruchtfliege aufs Gewinnerpodest

"Das war am Anfang ein bisschen frustrierend", erzählt er im "Deutschland Funk"-Podcast weiter, weil das Studium natürlich weit mehr Bereiche abdeckt als jenen, für den er schon damals brannte. "Ich wollte nur Gene manipulieren und irgendwelche molekularen Dinge herausfinden." Spätestens aber, als er merkte, "wie absolut cool dieses Zeitalter ist, um Molekularbiologe zu sein", ist das letzte bisschen Frustration der Leidenschaft gewichen. "Was wir jetzt machen, hätte vor fünf Jahren noch utopisch gewirkt", sagt er, bezogen auf die Möglichkeiten der Genmanipulation, im 2016 aufgenommenen Podcast. Damals forschte er im Zuge seiner Dissertation an seltenen Erbkrankheiten.

»Bis dahin wusste ich nur: Ich will ein Fliegenkostüm basteln und als Fliege herumlaufen«

Zu dem Zeitpunkt konnte er sich eine universitäre Laufbahn durchaus vorstellen. Es sollte aber anders kommen. Als er mit seinem Mountainbike in Mödling unterwegs war und - wie auch sonst immer - einem Podcast lauschte, hörte er zum ersten Mal von Science Slams. Er blieb stehen, setzte sich auf einen Heuballen und recherchierte, "ob es sowas auch in Österreich gibt". Und siehe da: Es gab sowas. "In ein paar Wochen" in Graz. Also rief er seinen Vater an, um ihn zu fragen, ob er Draht daheim habe. "Bis dahin wusste ich nur: Ich will ein Fliegenkostüm basteln und als Fliege herumlaufen." Das war im Jahr 2013. Martin Moder gewann den Wettbewerb. Im Jahr darauf holte er sich in Kopenhangen den Titel des Science-Slam-Europameisters.

Auszeichnungen
2014 ​Science-Slam-Europameister
2018 Kleinkunstpreis Salzburger Stier (mit den Science Busters)
2018 Publikumspreis beim Österreichischen Kabarettpreis (mit den Science Busters)
2021 Heinrich-Treichl-Humanitätspreis des Roten Kreuzes für herausragendes humanitäres Engagement im Laufe der Corona-Pandemie
2021 Als Teil der Initiative #EuropaGegenCovid19: Kaiser-Maximilian-Preis für Europäische Verdienste
2021 LifeScienceXplained-Preis für neue Kommunikation

Auf Pregers Frage, was ihn daran gereizt habe, am Science Slam teilzunehmen, antwortet Moder, dass er es prinzipiell gewohnt sei, auf der Bühne zu stehen. Immerhin spielte er lange in einer Heavy Metal Band. Zudem mache es ihm Spaß, vor einem Publikum über Wissenschaft zu sprechen, was er aus seiner Zeit als Tutor im Besucherlabor "Vienna Open Lab" wisse. Also dachte er sich: "Wie cool wäre es, wenn man die zwei irgendwie kombinieren könnte?" Vom Europafinale als Preis mit nach Hause nahm er übrigens ein goldenes Plastikhirn in einer Dose, das heute in seinem Wohnzimmer "gleich neben einem Einstein, der solarbetrieben ist und mir den Vogel zeigt", steht.

Die Chance, Wissenschaft leicht zu präsentieren, sei "unfassbar befreiend. Niemand dreht dir die Worte im Mund um. Du musst keine Achsen richtig beschriften. Herrlich!", umschreibt Moder die Vorteile der humoristischen Darbietung wissenschaftlicher Erkenntnisse gegenüber Preger. 2016 stand Moder erneut auf der Bühne. Dieses mal mit der "schärfsten Science Boygroup der Milchstraße", wie sich die Science Busters in ihren frühen Jahren bezeichneten. Seither ist der promovierte Molekularbiologe mit dem leicht zerzausten rötlichen Haar, dem durchtrainierten Körper und dem meist ernsten Blick aus der Wissenschaftskabarettgruppe nicht mehr wegzudenken.

© Ingo Pertramer

Warum er oft recht ernst schaue? Weil er sich so besser gefällt. Punktum. Einmal sei er der Aufforderung zu lächeln gefolgt, was er bis heute bereut, wie er in "Frauenfragen - der Podcast mit Mari Lang" verrät. Das war beim Shooting für das Cover seines zweiten Buchs "Genpoolparty"*. Eigentlich wollte er damals schauen, wie er immer schaut, "nämlich ziemlich grantig. Das ist einfach der Wiener in mir, der nie verschwunden ist, glaub ich". Bücher verkaufen sich besser, wenn man lächelt, hielt man ihm entgegen. "Jetzt ist ein Foto von mir drauf, wo ich so dermaßen eing'raucht ausschau." Naja. Da gibt es wohl Schlimmeres.

Unermüdlicher Kampf gegen Fake News

Als es aufgrund der Pandemie ruhiger um die Science Busters wurde - ein Auftritt nach dem anderen musste abgesagt werden -, machte Moder aus der Not eine Tugend und startete kurzerhand den Youtube-Kanal M.E.G.A. Der Auftrag lautet "Make Europa Gscheit Again". "Ich habe mir gedacht, bevor ich gar nicht mehr über Wissenschaft spreche, rede ich über den einen Teil der Wissenschaft, der jetzt gerade so präsent ist", blickt er in einem auf der Homepage der "Vinzenz Gruppe" veröffentlichten Interview zurück. In gewohnt unterhaltsamer Manier räumt Moder hier mit Corona-Mythen auf und klärt Fragen rund um die Impfstoffe. Heute werden seine Videos millionenfach geklickt. Einige davon wurden sogar vom Robert Koch Institut übernommen. Mit einem derartigen Erfolg hat er damals nicht gerechnet.

Sein Erfolgsgeheimnis? Vielleicht zu schauen, welche Dinge einem zusagen, und mehr davon zu machen. "Dann geht man eh meistens schon in eine gute Richtung", so Moder gegenüber Lang. In seinem Fall: komplexe Sachverhalte leicht verständlich und mit einer gehörigen Portion Humor versehen zu erklären. Ob ein derartiger Zugang für einen Wissenschafter angemessen sei, ist ihm, wie er gegenüber Preger deutlich macht, "eigentlich egal. Ich glaube, es ist ein riesengroßer Fehler, wenn Wissenschafter versuchen, ihre Seriosität zu wahren, indem sie sich nicht trauen, Dinge herunterzubrechen. Ich glaube, der schwerste Fehler, den man machen kann, ist, wenn man es schafft, dass die Leute nicht alles verstehen, was man sagt, und daraus ableiten: 'Wissenschaft is nix für mich.'"

»Ich glaube, es ist ein riesengroßer Fehler, wenn Wissenschafter versuchen, ihre Seriosität zu wahren, indem sie sich nicht trauen, Dinge herunterzubrechen«

Dass das Verständnis komplexer wissenschaftlicher Themen keine Altersgrenze kennt, stellt Moder in dem auf ORF 1 ausgestrahlten Wissensmagazin "Fannys Friday" unter Beweis. In seiner wöchentlichen Rubrik widmet er sich etwa der Frage, wie Drachen tatsächlich funktionieren könnten, wie man eine Torte richtig anschneidet und ob es nun zuerst die Henne oder das Ei gab. Apropos Henne: Martin Moder mag Tiere. Große wie kleine. Mit einer Ausnahme, nämlich Spinnen. Umso mehr liebt er dafür Giraffen, "weil die so lustige Hälse haben", so Moder im Gespräch mit Preger. Was er dagegen so gar nicht mag, ist, sein Gesicht einzucremen, wie er Mari Lang gegenüber gesteht.

Martin Moder ...

... trägt meist Laufschuhe, weil er immer das Gefühl hat, spontan irgendwohin laufen zu müssen.

... hört gerne Podcasts, wenn er das Klo putzt, und hat währenddessen eine gute Zeit.

... lässt sich inspirieren von Leuten, die längst tot sind. Z.B. von Marc Aurel, dessen Werke er gerne liest.

... hört gerne Rocksongs, wie die von Papa Roach, Queen und Tenacious D, ebenso wie heimische Interpreten wie Bilderbuch, Skero und Wiener Blond.

Der "Anti-Held" abseits der Öffentlichkeit

Was ihm persönlich wiederum ganz besonders wichtig ist: regelmäßiges Training. Jeden zweiten Tag ist ein Besuch in der Kraftkammer angesagt. Wie belastend es für ihn ist, wenn er über einen längeren Zeitraum hinweg nicht trainieren kann, wurde ihm erstmals während eines Lockdowns bewusst. "Ich war jetzt so lang so schlecht drauf und plötzlich strahlt die Sonne wieder und alles ist schön", erinnert er sich im Gespräch mit Mari Lang an den Zeitpunkt, als die Studios wieder öffneten. Dass Moders stählerner Körper von vielen als ästhetisch ansprechend empfunden wird, sei ein angenehmer Nebeneffekt, bei weitem aber kein ausreichender Motivator, derart hart zu trainieren. "Das geht nur, wenn einem das irrsinnig taugt."

Muskeln hin oder her - als Held sieht sich Moder, der, bevor er seine Liebe zur Wissenschaft entdeckte, Polizist werden wollte, jedenfalls nicht. Im Film seien Helden oft jene, "die etwas Tragisches erleben und sich dann entscheiden, selbst das Gute in der Welt zu sein, das sie nicht erfahren durften. Ich habe eigentlich nichts Tragisches erlebt und mache lediglich, was mich interessiert. Insofern bin ich vielleicht das Gegenteil von einem Helden. Ein Anti-Held sozusagen. Auch cool, irgendwie", sinniert er in einem auf "helden-von-heute.at" erschienenen Beitrag. Und wie sieht es mit persönlichen Vorbildern aus? "Ich glaub, niemand ist so perfekt, dass man die Person als Ideal definieren sollte", gibt Moder gegenüber Mari Lang zu bedenken. Folglich habe er keine einzelne Person als Vorbild, sondern mehrere.

»Ich bin das Gegenteil von einem Helden. Ein Anti-Held sozusagen. Auch cool, irgendwie«

Martin Moders Motto: Reinstolpern statt Planen

Allen voran die Eltern, die ihm einen ethischen Kompass mit auf den Weg gaben. Seine Schwester, heute Physikerin, prägte den jungen Martin in wissenschaftlichen Belangen. Und dann wäre da noch Julia, Martins Lebensgefährtin. "Meine Freundin, die als Ärztin während dem Peak der Corona-Pandemie auf der Station gearbeitet hat, ist sicher ein Vorbild, was Taffness betrifft." Apropos Freundin: Wie sieht es denn eigentlich mit der Familienplanung aus? Diese Frage werde zwar "beziehungsintern thematisiert", derzeit aber eher als "abstraktes Zukunftsprojekt", wie der Science Buster der "Frauenfragen"-Moderatorin verrät. "Irgendwie sind wir beide noch ein bisschen zu busy."

Was seine berufliche Zukunft betrifft, so tendiert "der Molekularbiologe deines Vertrauens", wie sich Moder auf Facebook nennt, jedenfalls dazu, sich keine großen Gedanken zu machen, "sondern in eine Sache nach der anderen reinzustolpern". So war es auch bei seinem ersten Buch. Damals meinte der Verlag: "Schreib doch mal eine Einleitung und dann schick's uns", erinnert sich Moder im Gespräch mit Preger. Dass man es tatsächlich ernst damit meinte, wurde dem damaligen Neo-Autor erst so richtig bewusst, als er bereits 60, 70 Prozent des Buchs geschrieben hatte. Mal sehen also, in welches Projekt der promovierte Molekularbiologe mit der besonderen Gabe, Dinge so erklären zu können, dass sie jeder versteht, als nächstes reinstolpert.

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