"Dumme Menschen spielen keinen guten Fußball"

In der Liga der Unsterblichen drängten sich die Größen der Literaturgeschichte um Startplätze. Albert Camus, Vladimir Nabokov und Gerhard Roth waren Torleute, Peter Handke bekennt sich zur Fußballversessenheit und gönnt der Versehrtenmannschaft von Luxemburg den EM-Titel. Selbst Elfriede Jelinek äußert sich vorsichtig beeindruckbar.

von "Dumme Menschen spielen keinen guten Fußball" © Bild: Getty Images

Auf den ersten Blick scheint das Stadtderby entschieden bis zum Abpfiff am Ende aller Literatur. Denn wie hoch auf den Flügeln eines Gottes sollte es einen noch tragen, nach diesem Gedicht? "Er spielte Fußball wie kein zweiter/ er stak voll Witz und Phantasie./ Er spielte lässig, leicht und heiter,/ er spielte stets, er kämpfte nie." Das schrieb der 31-jährige Friedrich Torberg, selbst ein fähiger Wasserballer, aus dem Exil, als der Mittelstürmer Matthias Sindelar am 23. Jänner 1939 in seiner Wiener Wohnung unter ungeklärten Umständen an Kohlenmonoxidvergiftung gestorben war. Sindelar, selbst kein Jude, war das Gesicht der "Judenmannschaft" Austria Wien. Mit ihm starb seine jüdische Freundin, der Selbstmord wurde nie erwiesen. "Er war gewohnt, zu kombinieren", schloss Torberg alternative Deutungen dennoch aus, "und kombinierte manchen Tag./ Sein Überblick ließ ihn erspüren,/ daß seine Chance im Gashahn lag./ Das Tor, durch das er dann geschritten,/ lag stumm und dunkel ganz und gar./ Er war ein Kind aus Favoriten/ und hieß Matthias Sindelar."

Ein großer, der vielleicht größte Fußballer der österreichischen Sportgeschichte und ein Gedicht, das in die Ewigkeit abgehoben hat. Von welcher Seite sollte man sich als Austrianer da noch bedrängt fühlen?

Rapid: Canetti und Jelinek

Aber die Gegenseite ist keineswegs zu unterschätzen. Nur, dass das Konkurrenzuniversum Rapid seine literarischen Unsterblichkeitsbeglaubungen weniger von Fanals von Skeptikerseite bezog. In Brüllweite vom Weststadion wohnte 1927 der Nobelpreisträger Elias Canetti. Noch traumatisiert vom Justizpalastbrand, vernahm er da erstmals bewusst den "Aufschrei der Masse", den Vorausklang des Nazi-Reichs, und in seinem Kopf formte sich sein Werk "Masse und Macht".

Für Fußball interessierte er sich nicht, er vermied absichtsvoll jede Berührung mit Sportberichten. "Ich war nicht Partei, da ich die Parteien nicht kannte", schrieb er in seinen Lebenserinnerungen "Die Fackel im Ohr". "Es waren zwei Massen, das war alles, was ich wußte, von gleicher Erregbarkeit, und beide sprachen dieselbe Sprache. Damals bekam ich ein Gefühl für das, was ich später als Doppel-Masse begriff und zu schildern versuchte. Kein Laut vom Rapid-Platz entging mir. Ich gewöhnte mich nie daran, jeder einzelne Laut der Masse wirkte auf mich ein. In Manuskripten jener Zeit, die ich bewahrt habe, glaube ich noch heute jede Stelle eines solchen Lautes zu erkennen, als wäre er durch eine geheime Notenschrift bezeichnet."

© Martin Vukovits/FLO/picturedesk.com Elfriede Jelinek. Das Gebrüll, das vom nahen Rapid-Stadion in ihr Elternhaus drang, verwandelte sich in die Sprechchöre des "Sportstücks"

Wundersame Parallelität der Ereignisse: Wenn über dem Elternhaus der Nobelpreiskollegin Elfriede Jelinek das Gebrüll vom nahen Rapid-Stadion zusammenschlägt, begreift man die wutvolle Wucht der Sprechchöre ihres "Sportstücks", dem dann noch als Nachtrag ein "Sportchor" folgte.

"Die deutsche Mannschaft hat uns als ihre Zuschauer geboren", tobte der Sturm durch Einar Schleefs theaterhistorische Uraufführungsinszenierung anno 1989 an Peymanns Burgtheater. "Es ist unsere biologische Wehrpflicht, ihr zuzuschauen." Und: "Der Drang ist, das Leben zu steigern, den Puls zu senken, die Triebe zu vermehren, sie wieder abzuschneiden und dafür die Individuen zu mobilisieren! Man nennt das die totale Mobilmachung. Wo kein Trieb mehr ist, da herrscht Bewegungsdrang."

Das Werk wird allgemein als profunde Abneigungsbekundung gegen den Sport interpretiert, aber so einfach macht es uns die Nobelpreisträgerin, die das geliebte und traumatische Einfamilienhaus in Hütteldorf bis heute bewohnt, keineswegs. Europameistertipp für den bevorstehenden Bewerb will sie zwar keinen abgeben, auch mag sie die Überlebenschancen des deutsch-österreichischen Feingefühls anno Rangnick nicht einschätzen.

»Es ist ein wunderschönes Spiel, schnell, elegant und intelligent. Fast wie beim Schachspiel«

Elfriede Jelinek, erprobte und gerühmte Sportskeptikerin

Aber das Folgende auf News-Nachfrage ist auch nicht nichts: "Also ich versteh wirklich nichts davon, schaue höchstens mal Endspiele", leitet sie in obligat alter Rechtschreibung die erstaunliche Zuneigungsbekundung ein. "Aber es ist ein wunderschönes Spiel, schnell, elegant und intelligent. Dumme Menschen können keinen guten Fußball spielen. Man muß strategisch denken können, fast wie beim Schachspiel. Immer möglichst viele Züge voraus. Und dann steht dort, wo jemand stehen müßte, niemand! Wie im Leben."

Handke und die Seele des Fußballs

Sich mit Peter Handke, dem nächsten Nobelpreis-Unsterblichen, in die Weiten des Fußballs zu verlieren, zieht Konvolute weltliterarischen Formats nach sich. Zwar hat sein von ambitionierten Dilettanten gern zitierter Psychothriller "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" mit dem Fußballsport kaum etwas zu tun (weshalb auch Einlassungen der renommierten Torleute Uli Stein und Sepp Maier, sie hätten sich vor Elfmetern nie gefürchtet, ins Leere zielen). Aber das? "Der Fußball hat eine Seele", schrieb Handke 1965 im Essay "Die Welt im Fußball". "Sie ist schlaff und leblos, wenn keine Luft in ihr ist. Wird Luft in sie gepumpt, so bläht die Seele des Fußballs sich auf; sie ist zwar dem Anschein nach tot, aber schon bereit, sich zu bewegen und bewegt zu werden."

»Die acht Meter zwischen den Birnbäumen im Garten meines Großvaters waren mein erstes Feld«

Peter Handke, später Linksaußen bei der gymnasialen Knabenmannschaft

Auf News-Befragen drang der bei Paris Wohnhafte später tief in die Details vor, die autobiografischen wie die allgemein fachbezogenen. "Es ist das riesige Feld", skizzierte er die Aura des Fußballsports. "Wenn man selber auf dem Platz steht, sind diese 90 Meter gewaltig, eine richtige Landschaft, nicht die nervende Enge wie bei Handball, Beachvolleyball oder Tennis. Ich war jedenfalls mein Leben lang ein bescheuerter Fußballnarr. Wenn beim Fußball ein Spielzug glückt, geht es beinahe musikalisch zu. Andererseits kommt es aber auch vor, dass ein ganzes Spiel lang nichts dergleichen passiert. Dann ist man besonders angeödet, noch mehr als bei anderen Sportarten, bei denen ja viel mehr Tore fallen. Aber auch dieses Risiko steht dafür. Die acht Meter zwischen den Birnbäumen im Obstgarten meines Großvaters", kommt er dann zum Persönlichen, "waren mein erstes Feld. In der Schule war ich dann Linksaußen. Technisch war ich gut und im Laufen halbwegs. Aber ich habe Zweikämpfe gescheut, und beim Kopfball war ich schlecht, weil ich das nicht mochte, wie es auf den Kopf gedröhnt hat. Heute wäre ich ein guter Kopfballspieler." Wie das? "Weil ich keine Angst mehr um meinen Kopf habe."

Handkes Tor der Träume

Ja, ein triumphales Match habe es gegeben, das heute noch im Herzen sitzt. "Auf dem Sportplatz im Internat war das. Ich habe aus 30 Metern einfach drauflosgeschossen, und der Ball war drin. Es war märchenhaft. Der Ball war ganz hoch und ganz langsam und hat sich in einem unglaublichen Bogen ins Tor gesenkt. Man hat das später Panenka-Tor genannt, nach dem Mittelfeldspieler bei Rapid, der solche Wunder vollbracht hat. In meiner Kindheit war die große Zeit der Nationalmannschaften England und Brasilien und natürlich Österreich! Ich war zwölf Jahre alt, als wir bei der WM in der Schweiz Dritter wurden. Aber mein Team war das zweite Wunderteam der Sechzigerjahre, eine langsam spielende Mannschaft, geprägt vom Stürmer Erich Hof, der für mich der überhaupt unvergessliche Spieler ist und mich ästhetisch, seelisch unheimlich beeindruckt hat. Er hat ganz langsam gespielt und plötzlich losgelegt; er hat plump gewirkt, und plötzlich war er die reine Anmut. Fußball ist eine Sucht", schloss Handke seinen Bekenntnisstrom. "Er geht mir auf die Nerven und zugleich bin ich gern hier in der Bar am Bahnhof und schaue mir mit den windschiefen Gestalten die Spiele an. Es ist wie eine Heimat, wir ärgern uns, trinken und schreien in verschiedenen Sprachen und Akzenten. Das Glück gibt es beim Fußball."

© News/Matt Observe Peter Handke. Sein Mörder Bloch war zwar früher eher zufällig Fußballer. Dennoch ist "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" Sportweltliteratur

Siegertipp Luxemburg oder Monaco

Sagte uns Handke 2016. Und heute? Hat der Bahnhofswirt seit Jahren geschlossen. Gibt es wenigstens den damals als Lieblingsverein namhaft gemachten spanischen Provinzclub Numancia noch, in der durch Handke literarisch beglaubigten Stadt Soria? "Keine Ahnung. Ich hab ja 'El Pais' am Montag immer nur gelesen, weil ich wissen wollte, wie Numancia gespielt hat. Aber heute lese ich keine Zeitungen mehr", referiert er wohl auch auf das Unratsbombardement, das über seinem Nobelpreis niederging. "Nur noch die Lokalzeitung 'Aujourd’hui en France'. Wegen dem Horoskop, das ich heute erst nachsehen muss."

So ist auch Numancia ganz aus der Wahrnehmung verschwunden. "Weil wir ein Haus in der Picardie haben, bin ich für den Hauptstadtclub Beauvais. Wo ich bin, bin ich Lokalpatriot." Nationalmannschaften, sei es die österreichische oder die französische, könnten mit der Magie der Provinzclubs nicht mithalten, fährt er im Räsonieren fort. Und wenn schon Weltliga, dann der Mannschaftsfußball, "mit den in aller Welt zusammengekauften Söldnern. Wenn die Lokalmannschaft versagt, werde ich wütend. Wenn die Nationalmannschaft versagt, schon weniger." Prognosen? "Jetzt lass mich schon in Ruh! Ich dachte, du bist der Prophet! Ich bin ja vorläufig noch völlig unbeteiligt. Wenn die anfangen zu spielen, ändert sich das schon noch", schwenkt er auf eine versöhnlichere Perspektive zur Europameisterschaft ein. Überraschend, wenn nicht sensationell, folgt dann die Prognose für den Titel. "Luxemburg oder Monaco beim Behindertenfußball. Da kann ich mitspielen."

Gerhard Roth vs. Wolfgang Bauer

Zu den literarischen Stadtderbys zurückkehrend, trägt es den Informierten gleich nach Graz. Welch ein Unrecht, dass Gerhard Roth nicht mehr erleben konnte, wie Sturm Graz heuer die stinkreichen Salzburger entthront hat! Und wie hätte sein olympischer Lokalrivale Wolfgang Bauer († 2005) gejubelt, als feststand, dass der GAK heuer in die Bundesliga zurückkehrt!

Als Roth im Februar 2022 starb, legte Sturm beim nächsten Heimspiel eine Trauerminute ein. Und wäre ihm der Aufstieg in die literarische Weltliga verwehrt geblieben, wer weiß, hätte er es im Sport weit gebracht. Der ehemalige Jugendtorwart von Sturm Graz hatte auf News-Anfrage auch stets einen Weltentwurf zur Hand: "Der Fußball hat große Ähnlichkeit mit dem Leben", ließ er uns wissen. "Die bessere Mannschaft kann verlieren; es kann zu Fehlentscheidungen des Schiedsrichters mit schweren Benachteiligungen, auch Bevorzugungen kommen; und wir haben keinen Einfluss darauf." Im Tor, fügte er hinzu, stünden die wahren Individualisten, Sonderlinge eventuell, während die anderen bloß an den unsichtbaren Schnüren komplizierter Systeme liefen: "Ungeahndet ergreift der Tormann den Ball mit der Hand und inszeniert artistische Stürze, die keiner Sanktion unterliegen."

Auch im Tor: Camus und Nabokov

Folgerichtig waren auch die Kollegen Albert Camus (Club: Racing Universitaire d’ Alger, Nobelpreis 1957) und Vladimir Nabokov (Russischer Fußballklub Berlin) Torleute. Der Schöpfer des epochalen Skandalromans "Lolita" erblickte in der Aufgabe mehr das Kontemplative: "Ich war weniger Hüter eines Fußballtors als Hüter eines Geheimnisses. Während ich mich mit verschränkten Armen an den linken Torpfosten lehnte, genoss ich den Luxus, meine Augen zu schließen, und so lauschte ich dem Pochen meines Herzens, fühlte den blinden Nieselregen auf meinem Gesicht." Camus hingegen, als prägende Gestalt des Existenzialismus ein Vordenker der Weltskepsis, blieb auch im Sportlichen radikal: "Alles, was ich über Moral und Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball."

Die Faszination der Ball- auf die Wortkünstler ist jedenfalls umfassend. Der Spanier Javier Marías, Ödön von Horváth und Joachim Ringelnatz, Friedrich Dürrenmatt und der Brite Nick Hornby, dessen Roman "Fever Pitch" die Snobs auf den Fußballplatz trieb, worüber sich die proletarische Klientel nicht amüsiert zeigte: Die Fußball-Literatur füllt Anthologien.

Dass es die Jungen auch im Sport am Respekt vor den Altvorderen mangeln lassen, bleibt Faktum. Aber gleich so wie der frühere Stürmer der Jugendmannschaft von Sturm Graz? "Fußball bewegt die Massen, weil er das schönste Spiel ist, das es gibt", rühmt Thomas Glavinic. "Einem wirklich schönen Spiel zuzusehen, ist ein ästhetisches Vergnügen, es passieren Wunder und Märchen, und das Unerwartbare ist ständig da. Aber", fährt er den olympischen Vorgängern in die Parade, "sehr viele Intellektuelle erfreuen sich daran, in den Fußball mehr hineinzulesen, als drinnen ist. Davon halte ich gar nichts. Wenn der Satz echt ist, hat Camus von Moral nicht viel gewusst."

Der Traum vom Aufstieg

Nachgewiesen und umfassend bekannt ist die soziale Komponente des Fußballsports. Der Traum der Unterprivilegierten, dem Elend in Ruhm und Reichtum zu entrinnen, füllt Bände, ebenso wie sein oft grausames Ende infolge früher Überforderung durch das Glück. In welcher Weltgegend er bevorzugt ansässig ist, versteht sich von selbst: Den bis dato einzigen Fußballkrieg führten nach einem entgleisten Weltmeisterschaftsqualifikationsspiel anno 1969 Honduras und El Salvador.

In lakonischer, grausamer Kürze beschreibt Eduardo Galeano das Schicksal seines Landsmanns, des uruguayischen Teamkapitäns Abdón Porte.

Nach 200 Begegnungen im Trikot des Klubs Nacional Montevideo, so schildert Galeano, begann der gute Stern des Gefeierten unterzugehen. "Die Zuschauer pfiffen ihn aus: In der Verteidigung liefen ihm selbst die Schildkröten davon; im Sturm wollte ihm kein einziger Treffer gelingen. Ende des Sommers 1918 beging Abdón Porte im Stadion von Nacional Selbstmord. Um Mitternacht schoss er sich mitten auf dem Platz, wo er einst so geliebt und gefeiert worden war, eine Kugel durch den Kopf. Alle Lichter waren ausgeschaltet. Niemand hörte den Schuss."

Oder zum Ende doch lieber die ans Herz greifende Himmelfahrt des armen, fußballseligen Buben, den ein Engel aus dem Lebensjammer ins ewige Flutlicht geleitet? Lesen Sie auf Seite 71 selbst.

Der kleine Hansi spielt da auf den himmlischen Fußballfeldern mit dem großen Sindelar eine Partie, wie die Seligen der Literatur sie noch nicht gesehen haben.

Legende vom Fußballplatz

Ödön von Horváth

Hansi, kaum sieben Jahre alt, in der Schule gequält, lebt den Traum vom Fußball und holt sich im nassen Gras den Tod. Ein Engel führt ihn auf die ewige Ehrentribüne.

Unermeßliche Seligkeit erfüllte des armen kleinen Buben Herz. Das Spiel hatte begonnen, um nimmermehr beendet zu werden und die Zweiundzwanzig spielten wie er noch nie spielen sah. Manchmal kam es zwar vor, daß der eine oder andere dem Balle einfach nachflog (es waren ja auch lauter Engel) doch da pfiff der Schiedsrichter (ein Erzengel) sogleich ab: wegen unfairer Kampfesweise.

Das Wetter war herrlich. Etwas Sonne und kein Wind. Ein richtiges Fußballwetter.

Seit dieser Zeit hat niemand mehr den armen kleinen Buben auf einem irdischen Fußballplatze gesehen.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2024 erschienen.

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