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Pink, Glitzer und Einhörner: Gefährliche „Pinkifizierung“

Wie uns „Hello Kitty“ mehr als ein halbes Jahrhundert zurück in die Vergangenheit wirft

Gesellschaft - Pink, Glitzer und Einhörner: Gefährliche „Pinkifizierung“ © Bild: shutterstock

Heute ist Welt-Mädchentag. Aus diesem Anlass werden zahlreiche Gebäude, Wahrzeichen und Brücken pink beleuchtet. So will man auf die fehlende Gleichberechtigung von Mädchen und jungen Frauen aufmerksam machen. Pink ist dafür aber die denkbar schlechteste Farbe. Denn sie steht für alles, was Mädchen an der Gleichberechtigung hindert.

Früher gab es Kinder. Auf vergilbten Fotos der 70er, 80er und teilweise 90er, ist oft gar nicht zu erkennen, ob es sich dabei um Mädchen oder Jungen handelt. Sie trugen die gleiche bunte Kleidung, spielten mit den gleichen bunten Legosteinen und hatten nicht selten den gleichen Haarschnitt. Die Helden ihrer Kindheit hießen Pippi Langstrumpf oder Wicki. Ein starkes, wildes Mädchen und ein Bub, der lange Haare und einen Rock trägt.

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Heutzutage gibt es keine Kinder mehr. Stattdessen gibt es Mädchen und Buben. Genauso wie es alles, von Überraschungseiern bis Lego, in einer Mädchen- und einer Bubenvariante gibt. Rosa für die Prinzessinnen, blau für die Piraten. Dieses „zweigeschlechtliche“ Farbschema ist an sich nicht neu. Neu ist nur, dass Spielsachen, die früher „unisex“ waren, für Mädchen neu aufgelegt werden. Meist in pink. Meist mit viel Glitzer. Meist mit Prinzessinnen-, Feen- oder Einhorn-Motiv. Und weil nicht mehr nur Kunststoffklötze und Schokolade davon betroffen sind, gibt es mittlerweile auch einen eigenen Namen für dieses Phänomen: Pinkifizierung.

Ökonomisch sinnvoll

Wirtschaftlich gesehen macht die geschlechtsspezifische Ausrichtung der Spielzeugwelt durchaus Sinn. Schafft man die Zielgruppe „Kinder“ ab und führt die Kategorien „Buben“ und „Mädchen“ ein, verdoppelt sich die Zielgruppe. Per Farbe und Inhalt wird bestimmt, wer womit zu spielen hat. Das Spielzeug des anderen Geschlechts ist tabu. Pink steigert folglich den Absatz.

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Gesellschaftlich fragwürdig

Das Problem dabei: Mädchen werden so immer mehr zu „typischen“ Mädchen gemacht. Das gleiche gilt natürlich auch für Jungs. Pinkifizierung trifft sie genauso. Spielzeughersteller haben die Zweigeschlechtlichkeit natürlich nicht erfunden, dennoch geben sie ihr einen Platz in unserer Gesellschaft. "Gendermarketing hat in den vergangenen 15 Jahren stark zugenommen. In unserer alltäglichen Lebenswelt sind soziale Normen, die Geschlechterstereotype vermitteln, nach wie vor sehr präsent.“, erklärt die Genderforscherin Petra Lucht. Mit Genderstereotypen ist gemeint, dass Personen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugesprochen werden. Diese Zuschreibungen erwerben wir alle im Laufe unseres Lebens. Durch unsere Selbstdarstellung und Außenwahrnehmung sind sie permanent aktiviert, sodass sie uns nach einiger Zeit als etwas „Natürliches“ erscheinen. Bewusst sind sie uns nicht, jedoch verleiten uns geschlechterspezifische Klischees zu Sätzen wie „Das ist typisch Mann/Frau“.

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Zurück in die Vergangenheit

Pink ist die „Mädchenfarbe“ schlechthin. Psychologisch wirkt sie beruhigend, besänftigend und macht einfühlsam. Alles Attribute, die „typisch“ für das Weibliche sind. Drängt uns die Pinkifizierung folglich wieder zurück in die alten Rollenbilder? Stevie Schmiedel, Gründerin des Vereins Pinkstinks, setzt sich für die Sensibilisierung gegenüber Produkten ein, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Sie sieht in der Pinkifizierung ein Abbild von Angst.

»Viele fühlen sich in diesen „neuen“ Rollen noch nicht sicher, die Marktwirtschaft nutzt diese Angst aus«

„Die traditionellen Rollenbilder brechen auf, verändern sich. Heute arbeiten weitaus mehr Frauen als noch vor fünfzig Jahren. Männer hingegen helfen im Haushalt und bei der Kindererziehung. Viele Männer und Frauen fühlen sich in diesen ‚neuen’ Rollen noch nicht sicher, die Marktwirtschaft nutzt diese Angst aus.“ Wer Angst hat, sucht automatisch Vertrautes und wendet sich demzufolge eher konservativen Strömungen zu. Man sehnt sich nach der Welt, wie sie einmal war. Will die guten Zeiten zurück und alte Ordnungen wieder herstellen. Rechtspopulistische Bewegungen fördern diese rückwärtsgewandten gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie stehen für ein traditionelles Familien- und Gesellschaftssystem mit einem rückständigen bis sexistischen und misogynen Frauenbild. Überspitzt formuliert wirft uns „Hello Kitty“ also gut ein halbes Jahrhundert zurück in die Vergangenheit.

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Jungs werden Abenteurer, Mädchen Prinzessin

In der strikten Trennung zwischen Mädchen- und Bubenwelt versteckt sich häufig, dass Mädchen weniger zugetraut wird. Das Gefährliche an Geschlechtersterotypen ist, dass sie früh greifen. Einer US-Studie zufolge trauen Mädchen im Alter von sechs Jahren ihresgleichen intellektuell weniger zu als Buben. Fünfjährige schätzen sich hingegen noch gleich schlau ein. Doch was hat das mit Pinkifizierung zu tun? Ein Beispiel, das den Zusammenhang gekonnt illustriert ist eine Studie, die Aufdrucke von Textilien für Kinder untersucht. Das Ergebnis: Auch Sprüche auf Kinder-Kleidung transportieren geschlechtsspezifische Klischees. So finden sich auf Mädchen-Kleidung Begriffe wie „klein“, „süß“ und „happy“, „Liebe“, „Prinzessin“ und „Mädchen“. Bei den T-Shirts der Jungs dominierten Worte wie „cool“, „wild“, „stark“, „Leben“, „König“ und „Rebell“. “Geschlechterstereotype werden uns eben übergestreift wie eine zweite Haut“, erklärt Petra Lucht.

Die Heldin Daisy

Dieses Phänomen hat auch die achtjährige Daisy Edoms aus England erkannt. Bei einem Vergleich der Aufschriften von Mädchen- und Bubenshirts stellt sie fest, dass Mädchen immer nur hübsch und süß zu sein haben, Jungs hingegen stark und abenteuerlustig sein dürfen. Das findet sie unfair. Und falsch. „Warum gibt es überhaupt Unterschiede in der Kleidung?!“, fragt sie ihre Mutter. Es ist mehr eine rhetorische Frage. Denn kurz darauf nimmt sie das grüne „Buben-T-Shirt“, wo in großen Lettern „Held“ geschrieben steht.

Einhorn-Bratwurst

Die Pinkifizierung setzt sich fort und macht auch vor Frauen nicht Halt. Nicht nur, dass diese auch im Erwachsenenalter nicht selten „Mädchen“ oder „Mädls“ genannt werden, sie müssen sich nach wie vor der ihnen zugewiesenen Geschlechterrolle unterordnen. Das beste Beispiel dafür liefert dieser Tage ein deutscher Fleischbetrieb. Dieser hat die „Ladies Bratwurst“ auf den Markt gebracht. In, natürlich, pink. Wahlweise auch mit Einhorn-Motiv. Für die männlichen Kollegen, die übrigens niemand „Buben“ nennen würde, gibt es die „Kerle-Bratwurst“ mit Bier-Geschmack.

Was wohl Wicki und Pippi dazu sagen würden.