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Sollte man einen
Seitensprung beichten?

Untreue - Sollte man einen
Seitensprung beichten? © Bild: iStockphoto.com

Menschen, die ihre Partner betrügen, gelten als die Bösen. Dabei ist das Fremdgehen nur ein Symptom für das, was in der Beziehung falsch läuft, sagen Experten. Wie Sie Ihre Beziehung retten können und warum man einen Seitensprung nicht immer beichten sollte.

Es begann wie so oft mit vielversprechenden Blicken und harmlosen Nachrichten: Die Wienerin Nora*, 34, trifft einen bekannten Schauspieler zum Interview, das ihre Welt auf den Kopf stellen wird. Was klingt wie im Film, ist der Beginn einer verhängnisvollen Affäre - denn Nora ist seit vielen Jahren in einer festen Beziehung.

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In eine Affäre zu rutschen, passiert schnell. Vor allem dann, wenn die Beziehung nicht mehr glücklich macht. Mit ihrem Partner Flo* war die schöne Wienerin, die ein bekanntes Gesicht in der Medienbranche ist, bereits fünf Jahre zusammen. Ein großer Altersunterschied von 18 Jahren trennte die beiden. "Die Luft war raus. Ich machte Versuche, darüber zu reden, stieß aber auf taube Ohren", erzählte Nora im Interview. Ihr Partner ging immer öfter feiern, kam erst frühmorgens betrunken nach Hause. Trotzdem plante Flo eine gemeinsame Zukunft, redete sogar von Kindern. Nora fühlte sich zunehmend eingeengt und gleichzeitig unsichtbar: "Wie hätte das nur funktionieren sollen, wenn wir Kinder gemeinsam gehabt hätten? Ich war nicht mehr glücklich", klagt die junge Frau. Bis ein beruflicher Termin ihr die Anerkennung-brachte, die sie so lange Zeit in ihrer Beziehung vermisste.

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Frauen gehen anders fremd

"Interessanterweise sagt man nie 'Fremdgeherin', sondern wählt immer die männliche Form", sagt Brigitte Sindelar, klinische Psychologin, Vizerektorin für Forschung und Leiterin des Instituts für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Dass nur Männer fremdgehen, stimmt klarerweise nicht. Aber: Frauen geben sich mehr Mühe, sexuelle Untreue zu vertuschen - aus Angst vor sozialer Ächtung, wie die Expertin anmerkt: "Wird ein Seitensprung bekannt, so wird das seitens des sozialen Umfelds automatisch mit gesellschaftlicher Ächtung, mit der Zuordnung von Täterschaft und Opferrolle, beantwortet. Der untreue Partner ist dann so etwas wie ein Nestbeschmutzer."

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Folgt man dem Wiener Psychotherapeuten Christian Beer, sind Frauen in Beziehungen härter als Männer: "Frauen lassen sich lange nichts anmerken und überraschen Männer oft mit Trennungen", so der Therapeut. "Bei Männern kündigt sich das länger an, sie sind generell ungeschickter beim Vertuschen." Was betrügende Menschen, Männer wie Frauen, gemein haben, ist ein Mangel, erklärt Sindelar. "Wenn ein Mensch zu einem Seitensprung verführbar ist, heißt das, dass er oder sie etwas sucht, das er oder sie in der bestehenden Liebesbeziehung nicht finden kann. Und das ist nicht immer Sexualität", so die Psychologin.

Nicht bloß Sex

Nora wollte begehrt werden. Sie wollte Aufmerksamkeit und Aufregung. Ein berühmter Schauspieler, der sie zu Kinopremieren mitnahm und sie anschließend im Taxi verführte, gab ihr das, was sie in ihrer Beziehung vermisste: "Ich brauchte das", erzählt sie. Sonderbar ernüchternd war allerdings ausgerechnet der Moment, als die 34-Jährige nach dem Seitensprung nach Hause kam: "Flo immer noch nicht daheim. Das machte mich unglaublich traurig. Denn ich wusste: Er würde es nicht einmal merken, wenn ich fremdgehe." Auch für Beer hat Fremdgehen nicht unbedingt mit unerfülltem Sexleben daheim zu tun. Zumindest bei Männern. Denen sei die Qualität der ehelichen Beziehung oft sogar wichtiger als regelmäßiger Sex mit der Ehefrau: "Männer sind nicht so perfektionistisch in Beziehungen und können mehr entbehren. Sie könnten sogar auf Sex mit ihrer Frau verzichten, wenn die Beziehung an sich gut ist. Frauen hingegen beziehen mangelndes sexuelles Interesse seitens des Mannes sofort auf sich." Darüber reden können viele Paare aber nicht.

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Und tatsächlich: Mangelnde Kommunikation ist das Hauptproblem in vielen Beziehungen. Aus ihr wird emotionale Distanz, der Druck wird immer größer. Sexuelle Untreue fungiert dann als Ventil: Durch den Seitensprung können Beer zufolge verborgene Wünsche und Bedürfnisse aufgedeckt werden, die in der Beziehung nicht kommuniziert oder sogar tabuisiert wurden. Ähnlich sieht das Brigitte Sindelar: "Mit dem Seitensprung-Partner darf man vielleicht Wünsche ausleben, die man in der Partnerschaft nicht ausleben darf oder zumindest glaubt, nicht ausleben zu dürfen. Noch immer - so zeigt mir die psychotherapeutische Praxis - tragen Männer, aber auch Frauen, das alte, tradierte Bild von 'Madonna und Hure' in sich, ohne dass es ihnen bewusst ist."

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Aber auch dieses Ausleben will von Nähe und Vertrauen gespeist werden: "Man will nicht mit völlig Fremden ins Bett. Sondern mit Menschen, zu denen man bereits Vertrauen gefasst hat. Oft sind das die Freundinnen der Freundin, Sekretärinnen, Arbeitskollegen", weiß Beer.

Dass das Fehlen sexueller Reize in der Beziehung nicht der Hauptauslöser für einen Seitensprung sein muss, präzisiert auch Therapeutin Sindelar. Fast immer fehlt mehr als nur das bloß Sexuelle, und das kann auch der Seitensprung nicht nachliefern. "Erfüllende Sexualität zu zweit braucht auch Vertrauen und Vertrautheit, und die sind im One-Night-Stand nicht zu erreichen." Sexualität im One-Night-Stand, das sei ein bisschen wie Masturbation zu zweit.

Flucht in die Affäre

Und noch eine weitere erstaunliche Erkenntnis: "So paradox es sich anhören mag: Ein Seitensprung kann auch ein Fluchtversuch sein. Aus Angst vor Nähe innerhalb der Partnerschaft", sagt Sindelar. Daran kann der Therapeut vielerlei ablesen: "Auch, wenn die sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen beziehungslos im Sinne von gefühlsarm ist, dann ist eben genau diese Gefühlsarmut die Qualität dieser Beziehung."

Die Risikofaktoren

Die Motive für das Fremdgehen sind also vielfältig. Sindelar zufolge gibt es aber eindeutige Risikosituationen. "Eine davon ist der Zeitpunkt, zu dem sich zwei Menschen für eine feste Bindung entschieden haben und kurz davor stehen, diese Entscheidung auch umzusetzen: Diese sogenannten 'kalten Füße' können sowohl bei Männern als auch bei Frauen gleichermaßen auftreten. Dann erscheint der Gedanke, dass dieser Partner oder diese Partnerin der einzige Liebespartner sein wird, den man noch haben wird, bedrohlich." Dann melden sich das Gefühl der Einengung und die Angst, etwas zu versäumen.

Fremdgehen ist also ein Symptom, das viele Ursachen haben kann. Und es gibt auch mehrere Formen und Zwischenstufen. Zum Beispiel gibt es so etwas wie "treue" Fremdgeher, die im Extremfall sogar mehrere Familien haben, und andere, die jede Möglichkeit zum One-Night-Stand nutzen: "Letzterer ist der mit den fragileren Beziehungsstrukturen", erklärt Sindelar. "Dem geht es nicht um die Beziehung an sich, sondern eigentlich um eigene narzisstische Befriedigung. Vielleicht auch um einen Ausweg aus einer Depression oder einfach um Selbstwertstärkung." Dagegen gehen Menschen, die langfristige Zweit-oder sogar Drittbeziehungen haben, mit den jeweiligen Partnern auch emotionale Beziehungen ein. Sie suchen dann entweder den genauen Gegenentwurf zu dem Menschen, mit dem sie zusammenleben, oder die Zweitbeziehung unterscheidet sich kaum von der Hauptbeziehung. In jedem Fall, so Sindelar, gibt es immer eine Beziehung ersten Ranges und tiefgehende Motive, warum man den Partner betrügt.

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Nora jedenfalls analysiert klar, wie es zur monatelangen Affäre kam: "Man will das Problem in der eigenen Beziehung verdrängen, deshalb flüchtet man sich in einen Seitensprung. Wenn man betrügt, fehlt einem in der Beziehung etwas. Heute würde ich viel mehr auf meine eigenen Bedürfnisse achten und mich fragen, was mir selbst fehlt, was ich selbst suche. Mit dem Partner hat es vielleicht nur sekundär zu tun." Herauszufinden, ob die Beziehung überhaupt noch von beiden gewollt wird: Dabei hilft oft nur eine gemeinsame Therapie. Denn sich das Entscheidende einzugestehen, ist hart, weiß Brigitte Sindelar: "'Ich möchte eigentlich aus dieser Beziehung raus' ist schwer auszusprechen."

Beichten oder lieber schweigen?

Ehrlichkeit ist in Partnerschaften also ein hohes Gut. Schonungslose Offenheit aber kann auch ihre Nachteile haben. Einen Seitensprung in jedem Fall beichten? Auf keinen Fall, beschwört Psychotherapeut Beer. Seine Anweisung ist klar und stressminimierend: Wer nicht aus der Beziehung raus will, sollte lieber schweigen und sich auf Ursachenforschung begeben, anstatt den Partner mit der Beichte zu belasten. "Wenn jemand traumatisierende Erfahrungen mit Untreue gemacht hat, kann das eine Verletzung auslösen, die den Partner in die Krise stürzen können. Der Betrogene kann einen Betrug nicht objektiv sehen, wie es zum Beispiel ein Therapeut täte. Der Partner empfindet einen Betrug immer als Verletzung seines Selbstwerts. Viele denken dann: Ich bin unattraktiv, unzulänglich, ich bin nicht genug. Nur um schlechtes Gewissen abzuladen, sollte man also einen Seitensprung auf keinen Fall beichten."

»'Ich möchte eigentlich aus dieser Beziehung raus' ist schwer auszusprechen«

Ähnlich sieht das Brigitte Sindelar. "Bevor man einen Seitensprung beichtet, sollte man sich fragen: Was ist mein Motiv, den Seitensprung zu beichten?" Wer, was häufig vorkommt, durch die Beichte die Verantwortung für den Seitensprung dem anderen aufladen will, sollte es sich besser zwei Mal überlegen, warnt die Therapeutin. "Es ist zwar ein verständliches Motiv, das aber eher mit dem eigenen seelischen Wohlbefinden zu tun hat, mit der Befreiung von der Last des schlechten Gewissens, als mit dem Wunsch, die Beziehung zum Partner zu halten oder zu verbessern." Einzige Ausnahme: "Wenn Fremdgehen der ehrliche Auslöser ist, die eigene Beziehung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen, mit dem Ziel, ich möchte mit meinem Partner oder meiner Partnerin gemeinsam herausfinden, was mit uns los ist: Dann könnte Beichten durchaus konstruktiv sein." Dafür sei aber eine therapeutische Begleitung empfehlenswert.

Social Media als Beziehungskiller

Dass Ehrlichkeit nicht immer am längsten währt, musste Karl*, 37, am eigenen Leib erfahren. Nach zehn Jahren Beziehung mit einer Frau, die er als die zukünftige Mutter seiner Kinder sah und als die Liebe seines Lebens auf Händen trug, schlitterte er in eine Affäre und konnte sich lange Zeit nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. Karl ist ein Lebemann, er flirtete gerne, meistens aber nur zum Spaß. Die rote Linie hätte er aber niemals übertreten, die Loyalität zu seiner damaligen Freundin war ihm wichtiger. Bis er die Bekannte seiner Freundin kennenlernt. Die beiden näherten sich über Facebook an, verstanden sich gut. In einer durchzechten Nacht passierte dann der Ausrutscher.

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Social Media spielen in Untreue-und Scheidungsszenarien eine immer prominentere Rolle, weiß Familienrechtsexperte Clemens Gärner von der Rechtsanwaltskanzlei Gärner-Perl: "Nach unserer Schätzung ist Ehebruch in etwa 80 Prozent unserer Fälle das Thema. Für etwas, das so häufig vorkommt, herrscht ein erstaunliches Unwissen darüber, ab wann das eigene Verhalten ein rechtliches Nachspiel haben kann. Es muss zum Beispiel nicht zwangsläufig zu Sex kommen -auch der intensive Kontakt zu einer anderen Person als dem eigenen Ehepartner gilt als schwere Eheverfehlung, sofern er als ehestörend wahrgenommen wird", erklärt Gärner. Dieser intensive außerehelicher Kontakt wird oft über Facebook oder Whatsapp gepflegt. Lange verheimlichen kann man das meistens nicht: "Die meisten Affären kommen durch Sorglosigkeit ans Licht. Handys werden unversperrt gelassen oder der Ehepartner kennt den Zugangscode. Dazu kommt, dass Screenshots oder Fotoaufnahmen mit dem Handy, selbst Videoaufzeichnungen, nicht nur ein praktisches, sondern auch beliebtes Mittel geworden sind, um bei Gericht seinen Standpunkt zu beweisen", schildert Gärner.

Auch Karl wurde diese Sorglosigkeit zum Verhängnis: Das schlechte Gewissen nagte so sehr an ihm, dass er seinen Fehltritt in einem Brief an eine Freundin beichtete. Abschicken wollte er den Brief allerdings noch nicht. Per Zufall fand seine Freundin den Briefentwurf und beendete die Beziehung noch in derselben Nacht.

Die Beziehung zu den Eltern

Das war vor zwei Jahren. Unzählige Mails und Nachrichten hat Karl seiner großen Liebe seither geschrieben. "Ich habe sie angebettelt, mir zu verzeihen." Die Appelle blieben unerwidert, aber die Hoffnung will er nicht aufgeben. Seit damals hat er viel Zeit damit verbracht, über sich und die Beziehung nachzudenken. "Wir sind so jung zusammengekommen, haben nie gestritten. Wir waren das perfekte Paar. Ich war stolz auf diese Beziehung, aber wir haben viel zu wenig darüber geredet, wer wir eigentlich sind."

»Narzissmus ist manchmal leider stärker als Liebe«

Letztlich kam er zu dem Schluss, dass das Problem der Beziehung in beider Kindheit gelegen sei. "Wir haben beide nie die Anerkennung von unseren Eltern erhalten, die wir brauchten. Als wir uns kennenlernten, haben wir in dem anderen die Heilung dieser Wunden aus der Kindheit gesehen. Dadurch war es eine sehr narzisstische Beziehung. Das war unser Problem. Ich habe sie gebraucht, sie mich. Narzissmus ist manchmal leider stärker als Liebe", übt er Einsicht.

Die Beziehung zu den Eltern prägt die späteren Paarbeziehungen immens, bestätigt Psychologin Brigitte Sindelar: "Die Beziehungsstruktur, die wir lernen, entwickelt sich in den ersten drei bis fünf Lebensjahren und prägt unsere Bindungs- und Beziehungsfähigkeit." Unerfüllte Wünsche an die Eltern nehmen wir in jede Beziehung mit: "Die Erfüllung dieser Wünsche suchen wir dann später beim Liebespartner. Das Fatale daran ist, dass wir diese Erfüllung bei Menschen suchen, mit denen wir nochmals die Enttäuschung er leben wie mit dem Vater oder der Mutter, weil sie diese Wünsche genauso wenig erfüllen können, wie es die Eltern konnten."

Schuldgefühle, Eifersucht

Bloggerin Leonie-Rachel, 29, kennt Betrug von beiden Seiten, als Betrogene und als Fremdgeherin. Auch sie suchte durch eine Affäre einen Ausweg aus einer Beziehung und ließ sich danach sogar auf eine längere Beziehung mit ihrer Affäre ein. Doch die neue Partnerschaft litt rasch darunter, durch Betrug entstanden zu sein: "Er hatte von Anfang an Vertrauensprobleme und war misstrauisch. Er fürchtete sich davor, dass ich auch ihn betrügen würde." Im Endeffekt war die Eifersucht dann auch der Beziehungskiller. "Er meinte: Wer einmal fremdgeht, geht immer fremd. Ich glaube, das stimmt so nicht."

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Die Reue kam zwar spät, doch Leonie-Rachel hat viel aus der Situation lernen können, sagt sie: "Ich wollte aus einer unglücklichen Beziehung raus, und anstatt Schluss zu machen, habe ich diesen Weg gewählt. Das finde ich feig. Heute würde ich nicht mehr fremdgehen, sondern sofort ehrlich sagen, was Sache ist. Ein Betrug kann so viel in einem Menschen kaputtmachen", weiß die Bloggerin, die auch beruflich viel über Liebe und Beziehungen schreibt. "Das schlimmste ist, dass ich nicht nur jemanden verletzt habe. Sondern dass auch die darauffolgende Beziehung unter diesem Betrug so sehr gelitten hat, dass sie letztlich daran zerbrach."

Auch wenn ein Seitensprung unentdeckt bleibt: Die Tatsache, dass man in erster Linie unehrlich zu sich selbst ist und die eigenen Bedürfnisse verleugnet, kommt früher oder später immer ans Licht. Die Frage ist nur, ob man die richtige Strategie dagegen findet.