Michael Heltau von

"Ich mag keine Verkleidungen"

Michael Heltau - "Ich mag keine Verkleidungen" © Bild: News Michael Mazohl

Vor 17 Jahren spielte der legendenumwobene Michael Heltau seine letzte Rolle am Burgtheater. Jetzt ist er mit einem neuen Chanson-Programm zurück, und das Publikum strömt. Anmerkungen eines jungen Weisen

Unter dem deutschen Theaterdespoten Claus Peymann, mit dem er heftig stritt, spielte er noch viel an der "Burg". Dann begann der vom Publikum vergötterte Michael Heltau, sich von der Bühne zurückzuziehen - der Tod des Jahrhundertregisseurs Giorgio Strehler festigte den Entschluss.

Aber mit seinen Chanson- Abenden blieb er präsent. Und als er ein neues, Juliette Gréco verschriebenes Programm ankündigte, war der Andrang enorm. Nach bald zwei Jahrzehnten Abwesenheit vom Publikum geliebt zu werden - wie geht das?

Herr Heltau, sind Sie glücklich?
Ich bin mehr, ich bin dankbar.

Wofür?
Dass das alles so gut gegangen ist. Dass es zwischen meinem Beruf und meinem Leben nie Probleme gegeben hat.

Wie ist Ihnen das gelungen?
Weil ich mich immer fürs Leben entschieden habe, nie für den Beruf. Ich sag gern: Glück muss man möglich machen. Ich kann für einen Dichter leidenschaftlich sein oder dafür, ein Wienerlied zu retten. Aber ich bin kein leidenschaftlicher Schauspieler. Ich wollte ein so guter Arbeiter sein, wie ich nur kann. Ich habe im Leben und im Beruf nichts Wichtiges gemacht, an das ich nicht geglaubt habe und dem ich nicht eine Chance geben wollte. Eine Arbeit gut machen, das Handwerk können - das war es. Darum sind die Mikrofone heute auf der Bühne ein Horror. Dass man es einmal ausprobiert, dass man einmal Video integriert, wo es einen Sinn hat - gern! Aber warum war Strehler, mit dem ich so glücklich arbeiten durfte, so herrlich? Es waren die weiten, luft- und lichtdurchfluteten Räume. Da war nichts vollgeräumt.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor 20 Jahren über Ihr Privatleben mit dem Regisseur Loek Huisman gesprochen. Heute werden Sie für ein maßstabsetzendes Familienleben bewundert. Hat sich die Zeit in dieser Hinsicht nicht sehr positiv verändert?
Individuell. Es kommt immer drauf an, was man daraus macht. Die dreckigen Witze gibt es noch immer, aber ich habe nie eine Erfahrung damit gemacht. Ich habe nur insgesamt gemerkt, dass es schwerer ist. Ich habe gewusst: Ich verbiege mich nicht, ich bin, wie ich bin, und ich muss es einfach wettmachen. Ich habe mir nie gedacht, ich muss der Beste sein. Aber ich habe mir fest gedacht: An mir kommt man nicht vorbei. Das war im Leben und im Beruf so. Man kann etwas nicht erzwingen, aber man kann es erlieben.

Wenn Sie sich Ihre Jugend vergegenwärtigen: Leben wir in einer besseren Zeit?
Das kann ich schwer beurteilen. Wenn ich nostalgische Anwandlungen bekomme, mache ich Übungen, um sie zu unterdrücken. Aber eines weiß ich: Wie schiach die Stadt Wien war und wie schön sie heute ist! Die traurigen, grauen Häuser, wie die sich überall verändert haben! Da frage ich mich, wieso kürzlich eine internationale Umfrage ergeben hat, dass wir nicht liebenswert sind. Der Prozentsatz der Menschen, denen es in dieser unfassbar schönen Stadt gut geht, ist sehr hoch. Die Stadt funktioniert. Aber wir haben einen Grant, der alles andere als Charme ist, sondern bloß eine Magenverstimmung. Wobei diejenigen, die ein schlechtes Bild machen, wenige sind, aber mehr wahrgenommen werden. Es ist auch eine Generationensache.

© News Michael Mazohl

Meinen Sie damit, dass die jungen Leute freundlicher sind? Die hängen doch angeblich nur am iPhone.
Das sehe ich ganz anders. Ich fahre oft an einer Schule vorbei, und die Kinder sind lustig. Ja, und wirklich stehen zwei und drei über einem Handy. Na und? Wir sind halt zu dritt einem Fußball nachgelaufen. Nur die Spielzeuge haben sich geändert. Meine waren nicht so teuer.

Sie sind arm aufgewachsen?
Sehr. Arm, aber wohlbehütet, in Ingolstadt in Bayern. Meine Mutter war knapp über 18, mein Vater 20, zwei bildschöne junge Leute. Auf den Fotos von der Hochzeitsreise bin ich drauf, denn ich war ein uneheliches Kind. Vater und Mutter haben gearbeitet, auch meine Großeltern waren voll berufstätig. Also bin ich bei meinen Urgroßeltern aufgewachsen, beide über 80. Sie haben mich voll wahrgenommen, immer auf Augenhöhe.

Dann kamen Sie als Flüchtling nach Österreich?
Ich kam mit sechs Jahren nach Seewalchen in die Schule und später ins Internat mit Gymnasium, weil mein Vater beim Autobahnbau der Hitler-Zeit dabei war. 1945 wurden wir als "Deitsche" ausgewiesen. Und dann kam ich, der Ausgewiesene, ans Reinhardt-Seminar und durfte österreichischer Staatsbürger werden. Und da soll ich heute nicht glücklich sein, dass es Europa gibt?

Und die Parallelgesellschaften, die sich etablieren?
Zuallererst würde ich den Verstand ausschalten und sagen, was die Merkel, die ich sehr verehre, gesagt hat: Wir schaffen das. Aber mittlerweile muss ich etwas begreifen: Man muss den Leuten große Anforderungen stellen, solche, die ich mir selber immer wieder in meinem Leben gestellt habe. Ich habe in drei Monaten Französisch so gelernt, dass ich in Paris eine Hauptrolle spielen konnte. Wobei ich nicht verlange, dass jemand so Deutsch lernt, dass er im Burgtheater auftreten kann. Aber wenn man in ein Land kommt, weil es anderswo so miserabel ist, dass man dort nicht mehr leben kann, und weil man will, dass es einem hier besser geht, so muss man sich anstrengen und das auch seinen Kindern vermitteln. Und nicht faul sein und mit den Kindern nur in der Muttersprache reden. Man muss mit allem, was man ist, dazugehören wollen.

Wie geht man denn mit Wahlergebnissen um, die einen nicht freuen?
Ich habe solche Wahlergebnisse schon ein paar Mal erlebt, und ich bin dieses Mal sehr froh, dass wir den Bundespräsidenten Van der Bellen haben. Deshalb bin ich ruhiger, weil ich glaube, dass alle -auch Herr Strache und Herr Kurz - besonnen und realistisch genug sind, dass man das Land nicht mit etwas Rückwärtsgewandtem, Überstandenem in Verbindung bringt. Dass es solche Leute in ganz Europa gibt, wissen wir. Aber es wäre schön, wenn wir zu denen nur minimal dazugehören könnten. Wenn die keine Macht hätten. Zündeln werden sie immer. Dass es einen 17-Jährigen gibt, der die Hand zum Hitlergruß hebt - was hat der alles nicht verstanden! Wir haben früher selbst gelacht, wenn ein Mitschüler Frösche aufgeblasen hat. Als Kind ist man eben grausam. Man ist alles Mögliche - aber kein Nazi.

Nun sind Sie 17 Jahre lang nicht mehr als Schauspieler auf der Bühne des Burgtheaters gestanden. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass das große Haus bei Ihrer Rückkehr viermal übergeht, obwohl die meisten Besucher Sie nie auf der Bühne gesehen haben?
Ja, woran liegt es, dass mich die Leute noch wollen? Vielleicht hat es mit den solistischen Sachen zu tun, auf der Bühne und im Fernsehen. Die sind mir sehr wichtig. Ich weiß nicht, ob ich der Schauspieler war, den ich mir vorstelle. Ich mag keine Verkleidungen und habe mich in meinem ganzen Theaterleben nie geschminkt. Kritiker haben mich gewarnt, dass ich immer mich selber spiele. Aber auf äußere Mittel zu verzichten, ist viel schwerer, als man glaubt. Soloabende sind eine klare Rechnung: Menschen kaufen ihre Karten, weil ich es bin, der auftritt. Sie haben mit mir gute Erfahrungen gemacht, und das vergessen sie nicht. Da denke auch ich mir in aller Bescheidenheit: Es muss etwas Gutes dran sein. Und noch etwas hilft vielleicht: Ich möchte nichts machen, was ein Mensch, der ins Theater kommt, nicht versteht. Ich gebe keine Nachhilfestunden. Ich behandle die Menschen auf Herzens-und Geisteshöhe.

Haben Sie deshalb so intensiv mit dem Radikalreformer Peymann gestritten?
Ja, es hat mich verletzt, wie er über Schauspieler geredet hat, und er würde das heute wohl anders machen. Aber ich konnte mich in der ganzen Zeit nicht beklagen: Ich wurde gehört, ich wurde besetzt, ich hatte Angebote. Es hat immer Sympathie zwischen uns geherrscht. Ich sollte sogar einmal in einer Peymann-Inszenierung spielen, den Tyrannen Gessler im "Wilhelm Tell". Ich habe abgelehnt, weil es Peymann als Perfidie ausgelegt worden wäre

...weil der Revolutionär Tell das alte System in der Gestalt Gesslers wegschießt?
Ja. Es wäre nicht gut für das Unternehmen gewesen, also ist es nicht zustande gekommen. Das war immer mein Lebensprinzip: Man kann mir sehr leicht etwas ausreden, aber fast unmöglich etwas einreden. Ich war immer ein großer Absager, auch, weil ich der Meinung bin, dass Schauspieler ein Jugendberuf ist.

Wie ist das zu verstehen?
Die Schauspielschulen liefern, liefern, liefern, und was die Rollen betrifft, wird die Luft im Alter so dünn! Es gibt nur wenige Plätze für alte Schauspieler, und bei Frauen gar keine mehr. Und wenn es sie gibt, sind es keine guten Rollen.

Aber die großen Shakespeare-Rollen? "Lear" oder Prospero im "Sturm"?
Da bin ich mehr beim angelsächsischen Theater, wo alte Leute auf der Bühne von viel jüngeren gespielt werden, von Leuten, die in voller Kraft sind. Das ist Schauspiel.

Wir haben gerade vom Ensemble gesprochen. Peymanns Nachfolger am Berliner Ensemble hat kürzlich sämtliche Schauspieler gekündigt, und der designierte Burgtheater-Direktor Martin Kušej spricht davon, dass er "die Suppe" wegschütten will.
Ich habe so viele Empörungen im Theaterleben mitbekommen, dass mich bald nichts mehr erschrecken kann. Ich glaube auch nicht, dass er die Suppe wirklich wegschütten will. Aber ich finde das eine überflüssige Klimaverschlechterung für das jeweilige Haus. Es mischt sich ja immer, wenn eine neue Direktion kommt, und dann freut sich der kleinere Teil, und der andere hat Angst. Aber ein Direktor, der solche Statements abgibt, bevor er noch in diesem Büro sitzt, schafft sich persönliche Feinde, noch dazu, wenn er ein Regisseur und auf Schauspieler angewiesen ist.

Ist das Austauschen ganzer Ensembles gesund?
Nein, weil die Identität weg ist. Ich habe den Beruf in zwei Städten kennengelernt, in Wien an der Josefstadt und am Berliner Schillertheater. Die Schauspieler kamen aus dem ganzen Sprachraum, und die Ensembles waren in einer guten Ruhe, um lebendig zu arbeiten. Diese Zeiten haben sich leider geändert, auch weil es damals kaum Film und Fernsehen gab. In Wien gibt es noch zwei Theater, die einen Schimmer dieser Zeit haben, nämlich die Burg und die Josefstadt. Und zumindest über das Haus, in dem wir gerade sitzen, kann ich aus der Ferne sagen: Die Namen der Schauspieler haben sich geändert, die Potenzen nicht. Hier gibt es erstklassige Leute. Wenn ich heute mit Ofczarek, Meyerhoff, Maertens oder Fabian Krüger auf der Bühne stünde, müsste ich schon sehr aufpassen. Und ein Direktor, der einen der jetzt Genannten nicht an seinem Haus wollte, wäre nicht ungeschickt, sondern beschränkt. Er würde Harakiri betreiben.

»Man kann etwas nicht erzwingen, aber man kann es erlieben«

Insgesamt hat sich im Theater viel geändert: Alles wird ironisiert, es ist auch obsolet, sich einer Gestalt psychologisch zu nähern. Was ist da passiert?
Viel, und nichts Gutes. Jungen Schauspielern entgeht wahnsinnig viel. Ich habe einmal einen "Faust" gesehen, in dem es drei Gretchen gab. Stellen Sie sich vor, so eine junge Schauspielerin wird später einmal gefragt: "Was haben Sie denn gespielt?" Und sie antwortet: "Ein Gretchen." Nicht "das Gretchen", das zum Besten gehören würde. Die Stellung des Schauspielers ist leider sehr hinterfragt worden. In Wien verhindert das Publikum noch Schlimmeres, zumindest an einigen Häusern.

Denken Sie eigentlich manchmal daran, dass Ihre Lebensmitte schon ein Stück überschritten ist? Und ängstigt Sie das nicht?
Nur wenn ich gefragt werde, denke ich daran. Wenn ich nicht gefragt werde, habe ich meine Tageseinteilung, die sich nicht geändert hat. Und dass das einmal aufhört, finde ich gut.

Warum?
Weil es genug ist und weil man Platz machen muss. Was ich im Beruf gemacht habe, muss auch im wirklichen Leben sein. Ich mache schon ungebührlich lange, was ich mache, und ich weiß nie, ob es noch gut ist. Die Verantwortung wird ja geradezu hinderlich groß. Aber ich muss mich freuen, sonst geht der Auftritt daneben. Was das Verschwinden betrifft: Wie oft habe ich das in meinem Leben gemacht, und man hat mich gewarnt, dass ich vergessen werde! Aber Wegsein ist doch auch die einzige Chance, wieder entdeckt zu werden! In unserer Zeit muss man ununterbrochen präsent sein. Wir leben in der Zeit der Verschleißmedien. Ich habe das Fernsehen schon seinerzeit eine fleischverarbeitende Industrie genannt und immer rechtzeitig Nein gesagt, auch zur Werbung. Wissen Sie, dass ich die "Schwarzwaldklinik" machen sollte, die erfolgreichste Serie im deutschen Fernsehen? Der Produzent hat mich nach langem Hin und Her aufgefordert, mit einem Satz zu sagen, warum ich nicht will. Meine Antwort war: "Ich kann nicht zehn Folgen lang Menschen den Puls messen und das richtige Gesicht dazu machen." Er hat es verstanden, und wir blieben Freunde.

Die Serie hat dann Klausjürgen Wussow übernommen und sich künstlerisch zerstört. Wie ging das?
Wissen Sie, das Gefährlichste in unserem Beruf ist, auf uns selbst hereinzufallen. Das Wunder unseres Überlebens ist Distanz zu uns selbst.

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