Die Krisenrhetorik
von Sebastian Kurz

Warum die Kommunikation von Bundeskanzler Sebastian Kurz auch in Corona-Zeiten funktioniert. Ein Gastbeitrag von Thomas W. Albrecht.

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Corona - Die Krisenrhetorik
von Sebastian Kurz © Bild: APA/Fohringer

In Zeiten der Krise kommt der Kommunikation eine besondere Bedeutung zu. Die Menschen sind ob der plötzlich veränderten Umstände verunsichert. Dramatische Nachrichten aus anderen Ländern schlagen ein wie Bomben. Gerade Covid-19 stellt aufgrund der hohen Infektionsraten, also der sehr schnellen Ansteckung, und der langen Inkubationszeiten eine besondere Herausforderung dar. Die Ansteckungsgefahr ist massiv gegeben, obwohl die Krankheit bei den Betroffenen noch gar nicht ausgebrochen ist, oder vielleicht sogar ohne jegliche Symptome wieder verschwindet.

Traditionelle Politiker sind mit dieser Situation massiv überfordert. Sie denken in messbaren Größen, so wie es ihnen ihre naturwissenschaftlichen Berater erklärt haben. Bis es jedoch bei Covid-19 belastbare Messergebnisse, wie Replikationsfaktor oder Durchseuchungsrate, gibt, ist die Krankheit längst massiv ausgebrochen, Spitäler sind überfordert und die Wirtschaft kracht. Ein kurzer Blick beispielsweise in die USA oder in die Türkei bestätigt dies in der Sekunde.

Gerade die mitteleuropäische Bevölkerung braucht klare Ansagen, was zu tun ist, denn das entspricht ihrer Kultur. Während im Norden Europas durch den vorherrschenden Protestantismus die Menschen eigenverantwortlicher aufgewachsen sind, ist das in unseren Breiten der klassischen röm. katholischen Erziehung viel weniger der Fall. Wir hier erwarten klare, wenngleich auch ungeliebte, Verordnungen, während man im Norden noch viel mehr auf Selbstbestimmung setzt.

Die aktuellen Entwicklungen zur Corona-Krise in Österreich

Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Krise erfordert es, auch extreme Szenarien darzustellen. Besonders am Anfang der Krise hat Kurz immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich bei Covid-19 um eine potenziell tödliche Krankheit handelt. Zu dieser Zeit war die Todesrate in unserem Nachbarland Italien am Höhepunkt. An die 1.000 Menschen täglich starben alleine in der Lombardei, und dies über einige Zeit hinweg. Das sind ca. vier Mal so viele wie an einem gewöhnlichen Frühlingstag. Ein Umstand, der nicht zu negieren ist, und selbstverständlich Angst machen kann. Sterben über einen längeren Zeitraum pro Tag viermal soviele Menschen wie in Vergleichszeiträumen, der ORF berichtete am 27. April 2020 in ZiB1, braucht man nicht mehr zu fragen, ob alle diese Todesfälle wirklich auf Covid-19 zurückzuführen sind. Auf diese Szenarien hinzuweisen gehört zur Krisenkommunikation ebenso, wie Möglichkeiten zur Lösung aufzuzeigen. „Man kann den Menschen die nackte Wahrheit zumuten.“, so der O-Ton aller Parteien. Auch wenn die Opposition heute leicht behaupten kann, die Argumentation mit der Angst sei damals wirklich nicht notwendig gewesen.

Sebastian Kurz‘ Rhetorik funktioniert, das muss man anerkennen. Er verwendet die gleichen rhetorischen Strukturen und Muster, die er bereits im Wahlkampf 2019 und davor verwendet hat. Seine Reden sind entsprechend dem 4MAT-System nach Bernice McCarthy aufgebaut. Er beginnt mit dem WARUM, wo er uns erklärt, warum es notwendig ist, ihm zuzuhören. Viele Menschen brauchen einen Grund, ein Warum, um den weiteren Ausführungen zu folgen. Anschließend bringt Kurz den WAS-Teil. Das sind Zahlen, Daten und Fakten. Gerade bei Covid-19, wo, wie bereits oben erläutert, die mögliche naturwissenschaftliche Messqualität sehr eingeschränkt ist, ein relativ schwieriges Unterfangen. Prof. Dr. Niki Popper von der Technischen Universität Wien hat mit seinen Simulationsergebnissen und Modellrechnungen hier gerade am Anfang der Krise sehr geholfen. Im darauffolgenden WIE-Teil erläutert Kurz die notwendigen weiteren Schritte zur Bekämpfung der Krise. Im vierten und letzten Teil wird über die Konsequenzen gesprochen, wenn man die erläuterten Schritte befolgt, oder eben nicht.

Interessant ist zu beobachten, dass Kurz stark auf Kooperation mit der Bevölkerung setzt. Dieser Aspekt war im Wahlkampf nicht so deutlich spürbar. Jetzt hingegen braucht er genau diese Kooperation, damit die gesetzten Maßnahmen Früchte tragen können. Innerhalb der Regierung setzt Kurz auf das Zusammenarbeitsmodell der Beteiligung. Jeder involvierte Minister hat seine klar definierten Aufgaben und trägt dafür die volle Verantwortung. Das gibt den Grünen die Möglichkeit, sich zu behaupten und ihre Rolle zu festigen. Sicherlich ein beispielgebendes koalitionsförderndes Element.

Diese Form der Kommunikation und der Zusammenarbeit schafft Klarheit und gibt einen Rahmen vor. Wir müssen uns immer bewusst sein, dass Menschen den Ideen anderer immer nur dann folgen, wenn sie ihnen vertrauen. In den wenigsten Fällen ist die breite Bevölkerung in der Lage, die Sinnhaftigkeit der gesetzten Maßnahme wirklich zu überprüfen. Sie folgen den Aufforderungen ausschließlich deshalb mehr oder weniger freiwillig, da die gewählte Form der Kommunikation wirkt. Wir können in anderen Ländern, wie den USA oder der Türkei gut beobachten was passiert, wenn Kommunikation in Krisenzeiten schief geht, nämlich fatal.

Ob alle Maßnahmen angemessen waren, das werden wir vielleicht, wenn überhaupt, erst in der Zukunft eruieren können. Tatsache ist, dass schnelles Handeln, ohne praktisch belastbarem Zahlenmaterial, erforderlich war und kommunikativ gut umgesetzt wurde. Ein Blick in die anderen Länder der EU, auch nach Schweden, reicht, um dies bestätigt zu wissen. In Schweden sind die aufgrund von Covid-19 erfassten Todeszahlen pro 100.000 Einwohner deutlich höher als in Österreich, wenngleich die Bilder von offenen Cafès und Restaurants darüber hinwegzutäuschen versuchen.

Bleibt nur die Frage zu stellen, ob nicht eine extrem hohe Todesrate unter der Bevölkerung Österreichs die Wirtschaft nicht zumindest genauso oder sogar mehr belastet hätte, wie der aktuelle Lock-Down. Es ist und bleibt eine Gradwanderung im dichten Nebel, wo jeder Schritt fatale Folgen haben könnte. Interessant zu beobachten, dass Kritiker immer erst dann ihre Stimme erheben, wenn sie den vorherigen Schritt überlebt und sich davon schon erholt haben. Wie eingangs erwähnt, belastbares Zahlenmaterial gibt es aufgrund der Natur der Sache wenig. Das macht Navigieren schwierig, nachträgliches Besserwissen hingegen ganz ganz einfach.

© Goldegg Verlag

Zur Person: Thomas W. Albrecht ist international renommierter Speaker, Coach und Mentor. Nach dem Diplomstudium für Elektrotechnik und mehr als zehnjähriger Erfahrung als Führungskraft eines Großkonzerns sowie in Start Ups wandte er sich als selbstständiger Unternehmer den Themen Kultur- und Wertewandel in Unternehmen und Gesellschaft zu. Er absolvierte regelmäßig Ausbildungen in den USA und in Europa, ist international zertifizierter Trainer gemäß dem American Board of NLP. In seinem neuen Buch "Die Rhetorik des Sebastian Kurz. Was steckt dahinter?" beschreibt er die Wirkkraft von Sprache, Körperbewegung und Emotion.