Rhetorik von

Warum die Emotionalität
bei Kurz zu kurz kommt

Rhetorik - Warum die Emotionalität
bei Kurz zu kurz kommt © Bild: APA/Jäger

Vor dem heutigen ORF-Sommergespräch von ÖVP-Parteichef Sebastian Kurz haben haben wir uns mit Kommunikationsexperte Thomas W. Albrecht darüber unterhalten, wo die rhetorischen Stärken und Schwächen des jüngsten Alt-Bundeskanzlers liegen, wie er sich heute im ORF-Gespräch verhalten wird und was ihn von seinen Mitbewerbern unterscheidet.

THEMEN:

Warum haben Sie das Buch Sebastian Kurz gewidmet? Sie analysieren darin ja in ähnlichem Ausmaß auch andere Spitzenkandidaten für die Nationalratswahl…
Ich habe es ihm deshalb „gewidmet“, weil er derjenige ist, der am meisten polarisiert und die Menschen am meisten aus der Reserve lockt. Ich denke, er ist auch derjenige Kandidat, dessen Rhetorik es besonders wert ist, analysiert zu werden. Nicht zuletzt wegen der deutlichen Unterschiede zu anderen Spitzenkandidaten und -kandidatinnen.

Was macht Sebastian Kurz rhetorisch besser als seine Kontrahentinnen und Kontrahenten?
Sebastian Kurz sagt zu Beginn seiner Reden, warum es notwendig ist, jetzt das Wort zu ergreifen. Er gibt immer einen Grund für seine Reden an. Das ist der deutlichste Unterschied zu anderen Spitzenkandidaten. Er setzt somit alle weiteren Aussagen in den von ihm gewünschten Kontext. Danach kommt erst der konkrete Inhalt, um den es ihm geht. Wie die nächsten Schritte sein sollten, folgt anschließend. Schließlich kommen die möglichen Konsequenzen, die eintreten werden, wenn seine Schritte befolgt oder auch nicht. Das macht seine Reden so klar verständlich. Egal, ob man mit dem Inhalt einverstanden ist, oder nicht.

Sebastian Kurz
© APA/HERBERT PFARRHOFER

Ist das das natürliche Talent des Sebastian Kurz oder ist es eine angelernte Technik?
Das ist eine gängige Technik in der Rhetorik. Sie nennt sich 4MAT-Technik und kommt ursprünglich aus der Pädagogik. Das ist also nicht etwas, das Sebastian Kurz erfunden hätte. Er wendet es einfach erfolgreich als einer der wenigen an.

Gibt es Fähigkeiten oder Techniken anderer Spitzenkandidaten, von denen Kurz lernen könnte?
Ja, durchaus! Was man bei Sebastian Kurz beobachten kann ist, dass er sehr prozessgesteuert spricht. Er beschreibt der Reihe nach Zahlen, Daten und Fakten. Sehr wenig hingegen verwendet er Sinneswahrnehmungen bzw. Worte, die Sinneswahrnehmungen beschreiben. Worte wie „hören“, „schmecken“, „riechen“, „sehen“ oder „fühlen“ kommen ganz selten bei ihm vor. Ich glaube, dass dies einer der Gründe ist, warum er von manchen so glatt und clean wahrgenommen wird. Er spricht einfach sehr sachlich und nüchtern. Die Emotionalität kommt aufgrund der Wortwahl zu kurz.

Er vermittelt auch den Eindruck, als wäre er angstfrei - ob er das in seinem Innersten wirklich ist oder nicht, lässt sich natürlich von der Ferne nur schwer beurteilen. Angstfreiheit ist auf jeden Fall etwas, das Menschen skeptisch werden lässt.

Sebastian Kurz wurde mit dem Achsen-Sager auch Nazi-Rhetorik vorgeworfen. Ein Malheur oder bewusst gesetzt worden?
Ich glaube eher, dass es ein Malheur war. Wenn er sich in Fahrt redet, kann das sehr schnell verwechselt werden oder in diese Schiene rutschen. Er kann sich selbst einbremsen, wenn ich das so formulieren darf. In jener Rede, die er am Tag seiner Abwahl abends in der Politischen Akademie der ÖVP gehalten hat, hat er sich meiner Ansicht nach ebenfalls stark eingebremst. Ihm ist dies also sehr bewusst und er weiß, dass er rhetorisch diese Fähigkeiten hat. Er setzt sie bewusst nicht ein.

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Wenn man sich Reden von Kurz anhört, gewinnt man schon den Eindruck, dass er sich penibel darauf vorbereitet. Auf der anderen Seite wirkt er bei spontanen Situationen wie beim Besuch im Altersheim eher hölzern bis überfordert. Inwiefern lassen sich in der Rhetorik solche Situationen berücksichtigen? Wo hakt es hier?
Die Reden, die Sebastian Kurz hält, sind von seinen Redenschreibern sehr gut vorbereitet. Sie beherrschen Ihr Handwerk. Sie schneiden die Reden genau auf die Person Sebastian Kurz zu. Sebastian Kurz ist nun offenbar jemand, der sehr viel Wert auf das Gehörte legt. Wenn er mit jemandem spricht ist es wichtig für ihn, dass etwas Akustisches zurückkommt, eine Antwort zu hören.

In einer Situation wie im Altersheim, wo die Damen und Herren dann nichts sagten, warum auch immer, tut sich Kurz schwer. Der Kanal des Hörens ist sein bevorzugter Sinneskanal.

Gibt es Ihrer Ansicht nach Spitzenkandidaten im Wahlkampf, die ihre Rhetorik missbräuchlich verwenden?
Missbrauch setzt natürlich voraus, dass es jemand mit Absicht tut. Das lässt sich schwer beurteilen. Zum Beispiel verwendet Herbert Kickl immer wieder die Form des „Gedankenlesens“ und konstruiert daraus Vorwürfe. Das ist ein rhetorisches Muster, das sich sehr nahe Richtung Missbrauch bewegt. Denn eine Form zu wählen, die lautet „Ich weiß, was du denkst und was du denkst ist schlecht. Deshalb verurteile ich dich.“, ist natürlich schon sehr hart an der Grenze. Weil Kickl ja auch niemals sagt, ob er den „gelesenen“ Gedanken wirklich kennt, oder ob er das jetzt gerade nur mal vermutet. Wenn er es absichtlich macht, so wäre das schon ein Fall missbräuchlicher Verwendung .

Sebastian Kurz wurde ja auch oft vorgeworfen, neben dem Koalitionspartner FPÖ zum Schweigekanzler 2.0 nach Wolfgang Schüssel geworden zu sein. Wie ist Schweigen in Bezug auf Rhetorik zu bewerten?
Sebastian Kurz setzt Schweigen ganz bewusst ein. Das ist ein ganz wichtiges stilistisches Mittel in jeder Rede. Es gibt den Zuhörerinnen und Zuhörern die Möglichkeit, das Gesagte ankommen zu lassen.

Im Fall einer erwarteten Reaktion zum Koalitionspartner dürften das aber viele Menschen falsch verstehen, weil sie sich denken könnten, Kurz sagt lieber nichts, bevor das nach hinten losgeht.
Schweigen ist für viele Menschen oft beklemmend. Das ist in Verhandlungstechniken ein bewährtes Mittel und diejenige Person, die als erste den Mund aufmacht, ist tendenziell der Verlierer. Es ist daher aus meiner Sicht für die meisten Menschen einfach schlecht auszuhalten, wenn Kurz jetzt nichts sagt.

Wie könnte man dem entgegenwirken?
Ich würde auf jeden Fall empfehlen zumindest zu informieren, warum man noch nichts sagen kann und warum man noch Zeit für eine Antwort benötigt. Ich würde in einem kurzen Statement bekannt geben, dass ich mich noch beraten müsste oder dass noch die eine und die andere Frage zu klären wäre, bevor ein endgültiges Statement abgeben werden kann. Es ist ja prinzipiell legitim zu sagen, dass man noch keine finale Antwort hat.

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Hat sich Kurz in der Schredder-Affäre richtig verhalten? Seine damaligen Aussagen passen nicht so ganz zu der Offenheit und Klarheit, die Sie ihm in Ihrem Buch attestieren.
Man muss immer bedenken, dass Sebastian Kurz jemand ist, der hinsichtlich Arbeitsorganisation auf Beteiligung setzt. Er gibt die Richtung vor, sagt was zu tun ist und jeder hat klare Aufgaben und Verantwortungen. Und er hat auch die Verantwortung grundsätzlich bei der Person belassen, die diese Schredder-Geschichte durchgeführt hat.

Es ist geschickt, nicht zu stark auf Fehler zu reflektieren, weil dann der Fokus wieder wegrückt. Wir haben ja gesehen, dass das Thema nach einiger Zeit auch wieder relativ uninteressant war. Es ist eine gute Taktik. Eine Führungskraft soll sich bei Dingen, die sie nicht will, oder Ereignissen, mit denen sie nicht einverstanden ist, nach außen Richtung Öffentlichkeit eher zurückzuhalten. Damit fällt die damit verbundene negative Emotion nicht auf die Führungskraft zurück. Es ist eine klassische Technik bei schlechten Nachrichten so zu agieren.

Ist es von Bürgerinnen und Bürgern nicht zu viel verlangt, in der Politik die Verpackung vom Inhalt, also die Rhetorik vom Gesagten, zu trennen?
Ich glaube, dass jene Menschen, die hinter die Kulisse schauen wollen, sich diese Fähigkeit aneignen sollten. Menschen, die lieber reine Konsumenten bleiben wollen, benötigen diese Fähigkeit nicht. Sie nehmen die Verpackung unbewusst auf und meinen, bloß reine Fakten gehört zu haben. Wenn man verstehen will, wie Reden und Ansprachen funktionieren, dann sollte man Verpackung und Inhalt unbedingt trennen. Man macht sich damit auch selbst weniger beeinflussbar.

Wenn Sie die Sommergespräche bis jetzt rekapitulieren: Welcher Spitzenkandidat hat sich Ihrer Ansicht nach am besten präsentiert?
Bis jetzt war das aus meiner Sicht Pamela Rendi-Wagner. Bei ihr habe ich die bislang vergleichsweise größte rhetorische Weiterentwicklung festgestellt.

Was hat sie besser gemacht als bis zu diesem Zeitpunkt?
Wo ich begonnen habe sie zu beobachten, war sie sehr auf sich bezogen, sehr auf sich konzentriert und letztlich auch sehr nervös. Sie hat im Sommergespräch viel klarer sagen können, was sie möchte. Ich bin gleichzeitig auch der Meinung, dass es noch viel Potenzial gibt, ihre Stimmlage und ihre Glaubwürdigkeit zu stärken.

Schon gewusst? Das verrät die Körpersprache über Sebastian Kurz!

Kommt das Beste im Fall der Sommergespräche heute zum Schluss? Oder besser gesagt der Beste? Wird Kurz das toppen können?
Das glaube ich schon. Was Sebastian Kurz meiner Einschätzung nach machen wird ist Folgendes: Er wird auf viele Fragen von Moderator Tobias Pötzelsberger mit einer kurzen Spontanrede antworten. Er wird Fragen somit nicht direkt beantworten, wie es praktisch alle anderen gemacht haben, sondern wieder nach dem eingangs unseres Gesprächs erwähnten 4MAT-System vorgehen. Wir werden bemerken, dass er in einem anderen Stil auf die Fragen antwortet, als die bisherigen Spitzenkandidaten dies gemacht haben.

Im Wahlkampf sind logischerweise viele Faktoren für einen Erfolg entscheidend. Wie stark würden Sie dabei die Rhetorik eines Spitzenkandidaten einschätzen? Spielt das überhaupt noch eine Rolle?
Entscheidend ist aus meiner Sicht immer, welchen Eindruck die Spitzenkandidaten hinterlassen. In der Wahlkabine entscheidet letztendlich immer das Gefühl. Von jeder Rede, von jedem Auftritt, von jedem Sommergespräch nehmen die Menschen ein Gefühl mit. Das Gefühl sagt ihnen, welche Person sie mehr mögen und eher bevorzugen. Würde man die Menschen fragen, an welchen konkreten Inhalt eines Sommergesprächs sie sich erinnern könnten, würden die meisten wenige bis keine konkreten inhaltlichen Erinnerungen haben. Ihr Gefühl dazu aber können sie immer abrufen.

Wenn man die heutigen Reden mit damals vergleicht, so waren Politiker früher viel emotionaler. Es wurde mehr erzählt, viel mehr mit Geschichten gearbeitet. Das ist heute ganz verloren gegangen. Es wird auf kühle Fakten reduziert, weil Politiker der Meinung sind, dass nur Fakten zählen. Das tut es aber meiner Ansicht nach eben nicht. Was letztendlich zählt, ist der Eindruck, den jemand macht. Fakten sind nur ein kleiner Teil davon, Gefühle, Emotionen und Eindrücke der weitaus größere.

© Goldegg Verlag

Zur Person: Thomas W. Albrecht ist international renommierter Speaker, Coach und Mentor. Nach dem Diplomstudium für Elektrotechnik und mehr als zehnjähriger Erfahrung als Führungskraft eines Großkonzerns sowie in Start Ups wandte er sich als selbstständiger Unternehmer den Themen Kultur- und Wertewandel in Unternehmen und Gesellschaft zu. Er absolvierte regelmäßig Ausbildungen in den USA und in Europa, ist international zertifizierter Trainer gemäß dem American Board of NLP sowie international zertifizierter Hypnose-Trainer gemäß dem American Board of Hypnotherapy.

Buchempfehlung zum Thema:

Thomas W. Albrecht: Die Rhetorik des Sebastian Kurz. Was steckt dahinter?*
Goldegg Verlag (18. August 2019), 304 Seiten, ISBN-10: 3990601431, ISBN-13: 978-3990601433.

In seinem Buch "Die Rhetorik des Sebastian Kurz | Was steckt dahinter?" beschreibt Thomas W. Albrecht eindrucksvoll die Wirkkraft von Sprache, Körperbewegung und Emotion. Menschen sollen einander verstehen, Botschaften ankommen und Beziehungen gestärkt werden. -.Transforming Corporate Culture | Making the World a Better Place.

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