1. Weltkrieg von

Mein Onkel, der Attentäter

NEWS traf den Nachfahren und Namensvetter des Sarajevo-Attentäters zum Interview

Gavrilo Princip, der Großneffe des Attentäters von Sarajevo, mit einem Bild seines Onkels. © Bild: News/Herrgott Ricardo

Gavrilo Princip löste mit dem Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg aus. NEWS traf seinen Nachfahren und Namensvetter, der als Letzter der Familie noch heute in Sarajevo lebt.

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Den grauhaarigen Mann mit dem kantigen Gesicht nennen sie hier alle nur "Bato“, den kleinen Bruder. Er ist es, der als einziger Englisch spricht, ja auch Französisch könne er und ein paar Brocken Deutsch. Doch zum Treffen mit uns, "diesen Österreichern, die eigens hierher gefahren sind, um über Dinge zu sprechen, die doch schon 100 Jahre her sind“, bringt er drei groß gewachsene Freunde mit. Allesamt Geschäftspartner, alle natürlich Serben, denn hier in Istoèno Novo Sarajevo bleibt man unter sich. "Die Moslems und Kroaten leben im Stadtzentrum, wir haben uns hierher zurückgezogen, Schulen, Restaurants und Geschäfte eröffnet“, sagt Bato. Ja, selbst eine eigene Polizeitruppe habe man aufgestellt. Doch das alles sei ja nicht das eigentliche Thema unseres Zusammentreffens, oder?

Nein, ist es nicht - und trotzdem zeigt die Zerrissenheit der jungen Republik Bosnien Herzegowina, dass das, was hier vor genau 100 Jahren geschehen ist, die Menschen noch heute beschäftigt. Und sie noch immer trennt.

Das Attenat von Sarajevo.

Am Sonntagnachmittag des 28. Juni 1914 erschoss der erst 19-jährige Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand. Die Schüsse aus einer Browning Kaliber 7.65 gelten seitdem als Ouvertüre zum Großen Krieg, den man im deutschsprachigen Raum den Ersten Weltkrieg nennt. Rund 15 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben und auf der Karte Europas wurden Grenzen gezogen, die vorher undenkbar waren.

Gavrilo Princip entkam aufgrund seines Alters der Todesstrafe. Er landete in einem Kerker in Theresienstadt, in dem er vier Jahre später an Tuberkulose starb. Das Ende des Großen Krieges erlebte er nicht mehr mit. Auch nicht, dass die ihm so verhassten Habsburger, die Bosnien erst 1908 annektiert hatten, ihre Herrschaft verloren und die Donaumonarchie in eine Reihe kleiner Nationalstaaten zerfiel. Der Traum, der Princip und seine Mitverschwörer von der Organisation "Mlada Bosna“ (Junges Bosnien) antrieb, nämlich ein südslawischer Staat unter Federführung Serbiens, blieb jedoch unerfüllt.

Und genau das erklärt, warum Gavrilo Princip hier in Istoèno Novo Sarajevo, einem Teil der Republika Srpska in Bosnien, bis heute als Held verehrt wird. Auch von Bato, der mit bürgerlichem Namen ebenfalls Gavrilo Princip heißt. Der 61-Jährige ist nicht nur Namensvetter des Attentäters, sondern auch sein leibhaftiger Großneffe.

Der belesene Attentäter.

"Mein Großvater Jovo hatte zwei Brüder“, erzählt der starke Raucher Bato und zündet sich eine Zigarette an, "Nikola, genannt Niko, und eben Gavrilo. Alle drei wurden in Obljaj, einem kleinen Dorf geboren, das heute ganz nahe der kroatischen Grenze liegt. Damals hießen dort die meisten Bewohner Princip, sie lebten alle in einfachen Verhältnissen, kamen aber ganz gut über die Runden.“

Jovo war es dann auch, der aufbrach, um sein Glück zu finden. Er baute in Hadžiæi, unweit von Sarajevo, ein Sägewerk auf und exportierte Holz bis nach Italien. Das brachte genügend Geld, um bald die beiden jüngeren Brüder nachzuholen. "Damals kam Gavrilo wohl zum ersten Mal nach Sarajevo“, sagt Bato. "Er ging zur Schule, war sehr strebsam und belesen, aber auch verschlossen.“ Trotzdem fand der junge Mann bald Aufnahme als Mitglied der nationalen Schüler- und Studentenbewegung Mlada Bosna. Dass er es aber war, der Franz Ferdinand erschoss, war reiner Zufall. Schon am Vormittag des 28. Juni wurde auf den Konvoi des Thronfolgers ein Anschlag verübt. Dabei detonierte eine Bombe knapp hinter dem Wagen, in dem Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie saßen. Warum der Habsburger später noch einmal im offenen Wagen durch die Stadt fuhr und so zum Opfer wurde, nährt bis heute zahlreiche Spekulationen.

Bato und seine Freunde, darunter der Historiker Zeljko Przulj, haben dafür ihre eigene Erklärung: Sie sind überzeugt davon, dass man den künftigen Herrscher über die Donaumonarchie bewusst opfern wollte. "Weil er nicht standesgemäß geheiratet hatte, weil er durch seine Verbindungen zum Militär anderen zu mächtig wurde“.

Ein serbischer Held.

War der junge Gavrilo also nur ein Instrument viel mächtigerer Verschwörer? "Das mag schon sein“, sagt sein gleichnamiger Nachfahre, "aber er hatte ehrenvolle Absichten“. Schließlich sei es doch immer so gewesen, dass in Bosnien Fremde die Entscheidungen treffen. Zuerst die Türken, dann die Habsburger, heute Angela Merkel, die über ganz Europa herrscht. "Gavrilos Schüsse sollten schon damals ein Befreiungsschlag sein. Er war eben ein Kämpfer für die Freiheit.“

Das sah man auch im serbisch dominierten Königreich Jugoslawien so, das nach dem Ersten Weltkrieg als Vorgängermodell des späteren Jugoslawien entstehen sollte. Mit Hilfe eines früheren Wärters aus Theresienstadt machte man Gavrilo Princips Gebeine ausfindig und bettete sie nach Sarajevo um. An ebendieser Stelle wurde gleichzeitig eine kleine Kapelle zu Ehren der Mitglieder der "Mlada Bosna“ eingeweiht. "Dort trafen sich die Mitglieder meiner Familie jedes Jahr am 28. Juni, dem Tag des Attentats“, erzählt Bato. Wir feierten zuerst eine orthodoxe Messe und legten dann Blumen am Grab nieder.“

Bis 1992 der Bosnien-Krieg ausbrach. Von da an wurde für die Familie Princip vieles anders. "Im sozialistischen Jugoslawien unter Tito hatten wir noch das eine oder andere Privileg, öffneten sich Türen, die anderen verschlossen blieben. Wir waren schließlich die Familie eines Helden der Nation, die ehrenvoll behandelt wurde. Als das Volk dann jedoch damit begann, aufeinander zu schießen, verließen viele Princips das Land“, erinnert sich Bato. Heute leben drei Cousins mit ihren Kindern in den USA, zwei in Kanada und drei in Australien. Selbst in Wien wohnen nahe Verwandte. Bato selbst, der nie heiratete und keine Kinder hat, blieb schließlich nur seine Mutter Dragica, die mit ihren 92 Jahren rund zwei Autostunden östlich von Sarajevo lebt. "Sie ist noch sehr rüstig und hell im Kopf“, sagt er zufrieden. Jeden Freitag macht er sich auf den Weg zu ihr. Mit Lebensmitteln, mit Blumen und mit vielen Erinnerungen, die Mutter und Sohn verbinden.

Die Opfer der Familie.

Denn so wechselvoll wie die Geschichte Bosniens ist, so wechselvoll ist auch die Geschichte der Princips. Gleich nach dem Anschlag auf Franz Ferdinand wurden Jovo und Nikola, die Brüder des Attentäters, verhaftet. Die Familie musste die folgenden vier Jahre des Krieges große Entbehrungen hinnehmen. Die Männer blieben lange Zeit inhaftiert, Frauen und Kinder wurden von den Behörden umquartiert.

Als die Donaumonarchie 1918 zerfiel, das Königreich Jugoslawien entstand und der Name Gavrilo Princip zum Synonym des serbischen Helden avancierte, nannte Jovo, der Patriarch, einen Sohn voller Stolz nach dem tapferen Bruder. Ein Verhängnis, wie sich 20 Jahre später herausstellen sollte. Im Zweiten Weltkrieg versuchte Gavrilo Princip der Zweite vor deutschen und kroatischen Truppen nach Serbien zu fliehen. Mitglieder der kroatisch-nationalen Ustascha, bis 1945 ein treuer Verbündeter des Deutschen Reiches, zerrten ihn aus einem Zug und töteten ihn. Sein Grab wurde nie gefunden.

Ähnlich erging es dem Großonkel Nikola. Der Arzt wurde 1941 als Mitglied der Princip-Familie denunziert und von der Ustascha ermordet. Zuvor pflegte er noch Verwundete und kümmerte sich aufopfernd um Kriegsversehrte, erzählt man sich. Und schließlich starb noch ein zweiter Sohn von Großvater Jovo. Slobodan Princip, genannt Selgo, fiel "als Held des Zweiten Weltkriegs“ im Kampf gegen kroatische Truppen.

Im sozialistischen Jugoslawien wurde nach 1945 wieder ein regelrechter Princip-Kult aufgebaut, der 1992 mit Beginn des Bosnien Krieges erneut jäh endete. "Dieser letzte Krieg hätte in fünf Minuten beendet werden können“, sind Bato und seine Freunde überzeugt. Doch auch hier, so sagen sie, gab es internationale Interessen, die Region zu destabilisieren. Kroatien und Slowenien, das ist die geschlossene Meinung am Tisch, wurden viel zu schnell anerkannt. Da musste die Entscheidungsschlacht zwischen den Nationalitäten in Bosnien fallen. Ergebnis hat der Krieg, der 1995 endete, für die verbliebenen Serben in der Republika Srpska jedenfalls keines gebracht. "Wir sind heute wieder fremdverwaltet“, sagt Bato. Wie 1914.

Doch revolutionäre oder gar aufständische Ideen sind seine Sache nicht. "Ich habe im Bosnien-Krieg nur 15 Tage selbst gekämpft, bevor ich mich zurückgezogen habe“, sagt just der Nachfahre des Attentäters von 1914. Und auf die Frage, was denn das Ziel für die heillos zerstrittene Republik Bosnien sei, meint er überraschend: "Der Beitritt zur EU. Auch wenn der Weg noch lang und steinig ist.“

Der letzte Princip in Bosnien.

Vielleicht ist es dieser Funke Zuversicht, der Bato nach all den schicksalshaften Jahren für seine Familie in Sarajevo bleiben ließ. "Freunde und Verwandte haben mich eingeladen, bei ihnen im Ausland zu leben. Doch ich bin gerne hier“, sagt er glaubhaft. Ich arbeite zwölf Stunden am Tag, habe noch nie Ferien gemacht. Das ist mein Leben, hier in Sarajevo mit meinen Freunden.“

Und jetzt kommt erstmals Leben in die Runde am Tisch. Bato verteilt Zigaretten an die schulterklopfenden Begleiter, es wird Schnaps bestellt. "Wissen Sie“, sagt er und deutet auf sein Gegenüber, "mit diesem Kerl bin ich seit 40 Jahren befreundet.“ Halb solange arbeitet Gavrilo Princip der nunmehr Dritte für die Brüder Majmunovic, die in Istoèno Novo Sarajevo ein Hotel und eine Tankstelle betreiben und eine florierende Baufirma gegründet haben. Der letzte Auftrag kam sogar aus Österreich. Fernweh kenne er, der in Cambridge studiert und in Frankreich unterrichtet hat, nicht.

"Ich mag Europa“, sagt er achselzuckend zum Abschied, "doch ich gehöre hierher. Auch wenn ich jetzt der letzte Princip in Sarajevo bin.“

Kommentare

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Muss viel gähnen. Ganze Geschichte schon vorige Jar in der Standart gelesen. Hette News einfah abschreiben kennen, nix Reise notwendik.

mueckenstrunz melden

nichtgenügend - setzen klasse wiederholen :)))

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