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Integration auf Sparflamme

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Die türkis-blaue Regierung kürzt die Gelder für Flüchtlinge. Davon betroffen sind vor allem Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration. Kritiker mahnen, dass Asylberechtigte so arbeitslos bleiben werden. Das könnte sich auch für den Steuerzahler rächen.

Eman wartet geduldig, bis ihre Schützlinge Platz genommen haben. Wo gerade noch gedrängelt und gekreischt wurde, kehrt nun Ruhe ein. Die Kinder breiten ihre Hefte und Federpennale großzügig vor sich aus und rücken ihre kleinen Stühlchen zurecht. Eman nimmt bei Luka Platz. Sie fordert ihn auf, laut vorzulesen. „Anker, Onkel, Enkel“, kommt es dem Buben aus Afghanistan ein wenig holprig über die Lippen. Eman will ihn ermutigen. Sie streicht ihm liebevoll über den Rücken.

Die 31-Jährige ist selbst erst vor zweieinhalb Jahren von Syrien nach Österreich gekommen. Seit September vergangenen Jahres macht die zierliche Frau mit dem sanften Lächeln das sogenannte Integrationsjahr beim Verein Ute Bock. Sie arbeitet im Bildungszentrum der Flüchtlingsorganisation in der Nachmittagsbetreuung. Täglich von 14 bis 17 Uhr macht sie mit bis zu 20 Flüchtlingskindern im Volksschulalter die Hausübungen, spielt mit ihnen, bereitet ihnen Jause zu. In Syrien hat sie bereits als Lehrerin gearbeitet.

Einstieg in Arbeitsmarkt

Beim Integrationsjahr sollen Flüchtlinge den österreichischen Arbeitsmarkt kennenlernen und erste Erfahrungen sammeln. Teilnehmen können nur jene, deren Asylbescheid positiv entschieden wurde. Also Menschen, die mit Sicherheit in Österreich bleiben werden. Das AMS evaluiert die beruflichen Fähigkeiten, bietet ­Bewerbungstrainings und vermittelt die Flüchtlinge an Zivildiensteinrichtungen, also Organisationen wie den Verein Ute Bock, die nicht gewinnorientiert arbeiten. 120 Euro bekommt der Verein vom AMS dafür – pro Person und pro Monat. Derzeit absolvieren 226 Personen das Arbeitstraining im Zuge des Integrationsjahres.

Dabei geht es weder um Wohltätigkeit, noch soll es bloße Beschäftigungstherapie sein. Ziel ist, diese Menschen aus der Mindestsicherung zu holen und am Arbeitsmarkt unterzubringen. Für Katja Teichert, Geschäftsführerin des Flüchtlingsprojekts Ute Bock, eine sinnvolle Sache: „Wir haben etwas davon, weil wir im Bildungszentrum Personal benötigt haben. Und die Flüchtlinge können ihr Deutsch verbessern und Arbeitserfahrung in Österreich sammeln.“

Eine gute Sache also, meint sie. Doch die Regierung sieht das offensichtlich anders. Nur acht Monate nach der Einführung hat sie die Mittel für das Integrationsjahr von 100 auf 50 Millionen Euro halbiert. 2019 soll es komplett eingestellt werden. Für Teichert eine fatale Entscheidung: „Was ich jetzt investiere, spare ich später. Die jetzigen Kürzungen werden später also wieder bei der Mindestsicherung anfallen. Und die ganze erste Generation wird arbeitslos bleiben.“

© Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved. „Die jetzigen Kürzungen werden später wieder bei der Mindestsicherung anfallen“ Katja Teichert Geschäftsführerin des Flüchtlingsprojekts Ute Bock

Problem Sprache

Ohne derlei Maßnahmen würden Flüchtlinge nur schwer am Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Zum einen wegen der Sprachbarriere. Das AMS fördert Deutschkurse nur bis Grad A2. Das bedeutet, dass man sich in kurzen, einfachen Sätzen ausdrücken kann. Für den Berufsalltag sei das jedoch zu wenig. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein Mindestniveau von B2 notwendig ist“, weiß man beim Verein Ute Bock. Das sagt auch Betreuerin Eman. „Es ist schwierig, einen Job zu finden, wenn man noch nicht so gut Deutsch kann.“ Deshalb schickt der Verein seine 16 Integrationsjahr-Teilnehmer zweimal pro Woche ins Konversationstraining. Bei der Arbeit können sie ihr Wissen dann gleich in die Praxis umsetzen. „Sprache lernt man am besten am Arbeitsplatz“, bestätigt Integrationsexpertin Judith Kohlenberger vom In­stitut für Sozialpolitik an der WU Wien.

Zum anderen gilt es, die Arbeitsabläufe hierzulande kennenzulernen. Da geht es oft um ganz banale Dinge. „Sie müssen etwa lernen, dass man nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Chef läuft. Oder dass es bei uns normal ist, links und rechts seiner eigentlichen Aufgaben auch noch Arbeiten zu erledigen“, sagt Geschäftsführerin ­Teichert. Ohne Erfahrung also kein Job. Das zeigt sich besonders am Beispiel von Abdullah. Der 39-jährige Iraker nimmt ebenfalls am Integrationsjahr teil. Er betreut den Webshop des Ute-Bock-Vereins. Im Irak hat er bereits 15 Jahre als IT-Techniker gearbeitet, doch das ist den Arbeit­gebern hierzulande zu wenig. „Alle Firmen wollen Erfahrung aus Österreich und nicht aus dem Irak. Und sie haben Recht. Die ­Arbeitsweise hier ist ganz anders.“

Kritik an den Einsparungen kommt aber nicht nur vom Ute-Bock-Verein. Auch Caritas Socialis, die Volkshilfe Wien und die Caritas schlagen Alarm. Sie bieten ebenfalls das Arbeitstraining an. „Dieses Programm unterstützt die Integration. Die Teilnehmer können nachher besser Deutsch und kennen die Abläufe in einem Pflegeheim. Es gibt sogar welche, die gleich im Anschluss einen Job antreten werden“, sagt Sabina Dirnberger von Caritas Socialis, die unter anderem Hospize betreibt. Auch Eveline Ronge von der Volkshilfe spricht von einem „wirklich sinnvollen Programm“, dessen Einstellung zu bedauern sei. Und bei der Caritas, die 60 Flüchtlinge im Integrationsjahr beschäftigt, ist man sich sicher, dass „die Einsparungen mittelfristig Probleme schaffen werden“, so Minoo Amir-Mokri-Belza, Leiterin des Teams Integration.

© Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved. Im Bildungszentrum des Vereins Ute Bock arbeiten selbst viele Flüchtlinge in der Nachmittagsbetreuung

Mit Aufwand verbunden

Der Aufwand für die Organisationen ist dabei alles andere als gering. So brauche es vor allem in der Anfangsphase viel Unterstützung seitens der Mitarbeiter. Und es gibt noch ganz andere Schwierigkeiten. „Was immer Thema ist, ist das Mann-­Frau-Problem. In Ländern wie Syrien und dem Irak gibt es ganz andere Regeln des Zusammenlebens“, erzählt Teichert. Besonders bei ihr eingeprägt habe sich ein Erlebnis mit einer Sonderschulpädagogin aus Syrien. „Sie ­arbeitet bei uns im Bildungszentrum und brachte es nicht zustande, den Zivil­dienern dort Anweisungen zu geben. Das wegzukriegen, ist sehr schwer.“ Auch typisch für die Arbeit mit Zuwanderern sei dieses Beispiel: „Wir hatten einen Flüchtling, der ehrenamtlich bei uns gearbeitet hat. Einmal konnte er nicht kommen und hat einfach seinen Bruder geschickt. Sie sind nicht gewohnt, dass die Arbeit bei uns von einer bestimmten Person gemacht werden muss.“

Gerade deswegen würde das Arbeits­training Sinn machen, um Flüchtlinge auf ein späteres Dienstverhältnis vorzubereiten. Stattdessen wird jedoch der Sparstift angesetzt. Und das nicht nur beim Integrationsjahr. Auch der Beschäftigungsbonus wird gekippt, die 80 Millionen Euro dafür gestrichen. Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen, werden künftig nicht mehr die Hälfte der Lohnnebenkosten ­bezahlt bekommen. „Die Regierung rechtfertigt das damit, dass mittlerweile weniger Flüchtlinge ins Land kommen. Aber trotzdem sind noch rund 33.000 Asylberechtigte beim AMS, die bei uns bleiben werden. Mit der Politik von Schwarz-Blau verbleiben diese Menschen in der Mindestsicherung, anstatt selbst für ihr Leben zu arbeiten und zu sorgen“, sagt Daniela Holzinger von der Liste Pilz.

Und schließlich wird der sogenannte ­Integrationstopf mit 2019 gestrichen. Hier werden ebenfalls 80 Millionen Euro gespart. Betroffen davon sind die Sprachförderung und die Sozialarbeit an den Schulen. Allein in Wien sollen laut Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky bald 350 Pädagogen und Sozialarbeiter auf der Straße stehen. „Die Zahl der Förderlehrer wird österreichweit halbiert, dabei wären sie gerade in Ballungsräumen wie in Wien wichtig“, erklärt Integrationsexpertin Kohlenberger. Das Bildungsministerium argumentiert, es sei stets klar gewesen, dass zusätzliche Mittel wie der Integrationstopf befristet seien. Kohlenberger hingegen glaubt, dass die Einsparungen zu früh passieren. „Es gibt Geflüchtete, die immer noch auf den Bescheid warten. Viele, für die man den Topf geschaffen hat, kommen gar nicht mehr dazu, ihn zu nutzen.“ Inte­gration brauche Zeit, Investitionen in Bildung und Qualifizierung. Man müsse vermitteln, dass es eine „indirekte Investition in Sicherheit“ sei.

© Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved. „Ich kann nicht garantieren, dass alle Flüchtlinge arbeiten wollen. Aber ich kenne viele“ Abdullah stammt aus dem Irak und betreut beim Ute-Bock-Verein den Webshop

Zukunft ungewiss

Wie diese Einsparungen künftig kompensiert werden sollen, weiß niemand. Das AMS äußert sich gegenüber News diesbezüglich nicht. In der Vergangenheit zeigte sich AMS-Chef Johannes Kopf empört, er bezeichnete den „Kahlschlag“ bei den Mitteln für das Integrationsjahr als falsch. Auch der Integrationsfonds (ÖIF), offizielle Organisation des Integrationsministeriums, hat keine zusätzlichen Mittel erhalten. Im Gegenteil: „Durch das Auslaufen von Sondermitteln stehen dem ÖIF 2018 geringere Mittel zur Verfügung als in den Jahren zuvor“, heißt es.

Die Regierung rechtfertigt die Kürzungen stets damit, dass das Budget lediglich umgeschichtet wurde. Das Integrationsministerium versichert, dass die „Leistungen aus dem Integrationsgesetz trotz Kürzungen bedarfsorientiert fortgeführt werden“ und die Nachfrage nach dem Integrationsjahr aufgrund sinkender Flüchtlingszahlen zurückgehen werde. Das für das AMS zuständige Sozialministerium wollte gegenüber News nicht Stellung beziehen.

Beim Verein Ute Bock blickt man ungewiss in die Zukunft. Eman, Abdullah und die anderen Teilnehmer werden ihr Arbeitstraining zwar noch beenden können. Und auch für die zweite Jahreshälfte nimmt man noch Interessierte auf. Doch dann ist Schluss. Geschäftsführerin Teichert wirft der Regierung vor, sich mit solch einem Vor­gehen bewusst Wählerstimmen zu sichern. „So kann man ja behaupten, dass die Leute gar nicht arbeiten gehen wollen.“ Das Vorurteil vom arbeitsscheuen Flüchtling, der in Österreich lediglich das Sozialsystem ausnutzen wolle, kann sie nämlich nicht bestätigen. „Ich werde überrannt von Leuten, die bei uns arbeiten wollen. Auch ehrenamtlich, denn sie brauchen was zu tun.“ Können sie das nicht, sei die Gefahr groß, dass sie depressiv werden oder abrutschen.

Abdullah sieht es so: „In jeder Gesellschaft gibt es gute und schlechte Menschen. Ich kann nicht garantieren, dass alle Flüchtlinge arbeiten wollen. Aber ich kenne viele.“ Er selbst will bis Jahresende einen Job in der IT finden und zeigt sich optimistisch, dass es auch klappen wird: „Ich bin wie ein Zug. Ich werde nicht halten, bis ich mein Ziel erreicht habe.“

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Printausgabe von News (Nr 20/2018) erschienen.