Stadtplanung von

Problemzone Heumarkt
und der Turm des Anstoßes

© Video: Dossier

Seit fünf Jahren diskutiert Wien über einen geplanten Wohnturm am Heumarkt. Es geht um viel Geld und einen guten Ruf. Diese Woche fällt die Entscheidung. News hat gemeinsam mit der Rechercheplattform Dossier ein Video erstellt, das die Problemzone veranschaulicht.

Dresden und Wien haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Auf den zweiten schon. Bei beiden Städten spielt der viel zitierte Canaletto-Blick eine wichtige Rolle. Also jene Perspektiven, die auf Gemälden von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, zurückgehen: Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke; in Wien der Blick vom oberen Schloss Belvedere auf die Innenstadt. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide Städte hatten beziehungsweise haben Ärger mit der Unesco. Dem Dresdner Elbtal wurde sein Status als Weltkulturerbe bereits entzogen. Wien droht ein ähnliches Schicksal.

© Dossier Zu hoch: Maximal 43 Meter dürften es eigentlich nur sein

Stein des Anstoßes ist ein Wohnturm am Heumarkt zwischen dem in die Jahre gekommenen InterContinental Hotel und dem Eislaufverein. 66 Meter hoch. Unten ein paar Büros, oben jede Menge und bis zu 19.000 Euro pro Quadratmeter teure Luxuswohnungen. Und genau dieses Vorhaben des Investors Michael Tojner mit seinem Unternehmen Wertinvest erhitzt seit fünf Jahren die Gemüter. Diese Woche entscheidet sich, wohin die Reise geht.

Seltsame Entscheidungen

Doch wo fängt die Schutzzone der Unesco an, welche Sichtachsen werden beeinträchtigt und was hat es mit dem Canaletto-Blick auf sich? Ein Video, das News gemeinsam mit der Rechercheplattform Dossier erstellt hat, gibt Antworten auf diese Fragen.

»Es geht um Vertragsbruch«

"Es geht bei diesem Projekt nicht nur um ein paar Meter mehr. Es geht um Vertragsbruch, um eine heikle, innenpolitische Entscheidung und um die Frage, wie die Verantwortlichen mit dem eigenen Wort und ihren Richtlinien umgehen", sagt Dossier-Chefredakteur Florian Skrabal. "Die Diskussion um die Höhe von Häusern gibt es, seit die Wiener Innenstadt Weltkulturerbe ist. Jetzt lässt man es drauf ankommen. Das alles mutet schon sehr seltsam an." Bevor die Bagger für das rund 310 Millionen Euro teure Projekt auffahren können, braucht es allerdings eine entsprechende Flächenwidmung.

© Dossier Mehr als nur ein paar Meter zuviel. Es geht unter anderem auch um möglichen Vertragsbruch.

Die entscheidende Sitzung im Wiener Gemeinderat findet am Donnerstag statt. Im Vorfeld waren immer mehr Daumen dafür nach unten gegangen: In einer Urabstimmung haben die Wiener Grünen das umstrittene Bauprojekt zur Neugestaltung des Heumarkt-Areals abgelehnt. Die Parteispitze der Grünen wiederum steht seit jeher hinter dem Vorhaben. Gibt es eine Mehrheit, wird ab 2020 gebaut. Die Eröffnung des neugestalteten Areals ist mit Herbst 2023 datiert.

Ein Ruf steht auf dem Spiel

Keine Frage, der Wiener Eislaufverein und das 1964 eröffnete InterContinental sind mittlerweile in die Jahre gekommen. Doch bei diesem Projekt geht es um viel mehr als nur optische Kosmetik und ein weiteres Hochhaus in Wien. Es geht eben auch um den Status Weltkulturerbe, der mit der Realisierung des Bauprojekts auf dem Spiel steht. Seit 2001 steht das historische Zentrum von Wien unter Schutz der Unesco. Folglich müssen von der Stadt Wien und der Republik Österreich als Vertragspartner gewisse – wohlgemerkt gemeinsam vorab aufgestellte – Spielregeln rund um Schutzzonen sowie Höhen und Sichtachsen innerhalb eines historischen Ensembles eingehalten werden.

© Dossier Der umstrittene Turm verstößt gegen die Spielregeln rund um die Schutzzonen

Im konkreten Fall heißt das: Der (ursprünglich 73 Meter geplante) Wohnturm am Heumarkt, der sich innerhalb der Schutzzone befindet, darf auf Empfehlung der obersten Hüter von Kulturdenkmälern nur 43 Meter statt der geplanten 66 Meter hoch sein. Oder anders ausgedrückt: Er muss sich an bereits bestehenden Gebäuden wie dem rund 40 Meter hohen InterContinental orientieren. Noch vor der Abstimmung im Gemeinderat hat jedenfalls Unesco Österreich seine Drohung erneuert, dem Weltererbe-Komitee die Aufnahme der Wiener Innenstadt auf die "Rote Liste" des derzeit gefährdeten Welterbes zu empfehlen. 55 Stätten stehen derzeit auf dieser Liste. Manche jahrzehntelang, wie etwa seit 1982 die Altstadt und die Stadtmauern von Jerusalem. Eine tatsächliche Aberkennung des prestigeträchtigen Status Weltkulturerbe ist nämlich eher die Ausnahme: 2007 wurde ein Naturschutzgebiet im Oman von der Liste gestrichen; 2009 das Dresdner Elbtal.

Deutsche Medien schrieben seinerzeit von einem "kulturellen Super-Gau". Die Stadtverantwortlichen von Dresden übten sich in Gelassenheit: Weder die Touristen würden ausbleiben, noch die Wirtschaft leiden. Auf ein ähnliches Wording hat man sich in Wien geeinigt. Wiens Tourismuschef Norbert Kettner zeigt sich präventiv entspannt, die politischen Köpfe ebenso.

Projektentwickler Wertinvest kann die Diskussion egal sein rund um den Weltkulturerbe-Status. Dennoch versucht man auch hier nach fünf Jahren Planungszeit den Ball flach zu halten. "Wir haben die Kritik von Anfang an ernst genommen und alle Vorgaben der Stadt erfüllt", sagt Geschäftsführerin Daniela Enzi. 80 Seiten umfasst das ausverhandelte Regelwerk. "In Wien wird gerne viel diskutiert und kritisiert", sagt Enzi. "Aber dann auch schnell akzeptiert."