Überraschungszeuge im BAWAG-Prozess: Flöttl-Mitarbeiter sagt vor Gericht aus
- Worsfold: Daten bei 'Computer-Panne' verschwunden
- Winter-Reumann: "Sollte 2006 noch Flöttl treffen"
Als "Überraschungsgast" ist am 26. Verhandlungstag im BAWAG-Prozess ein Zeuge aus New York erschienen. Der langjährige Mitarbeiter des angeklagten Investmentbankers Wolfgang Flöttl, David Worsfold, wurde als Zeuge einvernommen, obwohl er eigentlich erst für den 20. September geladen war. Laut Worsfold gingen die Daten über die Geschäfte Flöttls mit der BAWAG durch einen Hardware-Fehler bei der Flöttl-Firma Ross Capital auf den Bermudas nach dem Jahr 2000 verloren.
Weiters wurden noch der liechtensteinische Treuhänder und Wirtschaftsprüfer Kuno Frick sen. und die inzwischen pensionierte Leiterin des BAWAG-Beteiligungsmanagements, Ingrid Winter-Reumann, befragt. Wegen des Überraschungszeugen dauerte die Verhandlung ungewöhnlich lange von 9.15 bis 17 Uhr.
Worsfold-Befragung
Der Brite David Worsfold wurde mit Hilfe eines Englisch-Dolmetschers in Abwesenheit von Flöttl befragt. 1993 wurde er von Flöttl aufgenommen und war für Ross Capital auf den Bermudas tätig. Er arbeite noch heute als Berater für den in New York lebenden Flöttl, schilderte er heute vor Gericht. Die Unterlagen von Flöttls Firma seien durch einen Computerfehler verloren gegangen, die Firma sei nach den großen Verlusten aufgelöst worden. Wo die Unterlagen heute seien wisse er nicht, möglicherweise seien sie nach New York transferiert worden.
Flöttl selber wurde anschließend mit den Aussagen von Worsfold konfrontiert und erneut nach den Unterlagen gefragte. Er habe keine Unterlagen mehr, auch nicht in New York, versicherte er. Bei den Vertragspartnern seiner Firma - JPMorgan, Morgan Stanley und anderen großen Investmenthäusern und Banken - müssten jedoch alle Unterlagen aufliegen. Er habe die Unterlagen dort bereits angefordert, diese würden in einigen Wochen vorliegen.
Teilweise sehr detaillierte Angaben zu den Geschäften Flöttls gab Worsfold bei seiner Zeugenaussage ab. Die BAWAG war nach seiner Einschätzung im Jahr 1998 der einzige Kunde der Flöttl-Firma Ross Capital auf den Bermudas, sagte Worsfold. Als Flöttl nachher damit konfrontiert wurde bestätigte er dies, er habe aber noch zwei oder drei Kunden in New York gehabt, aus seinem familiären Umfeld.
Yen-Spekulationen
Vor dem großen Verlust im Jahr 1998 sei der Wert der Flöttl-Firma bei rund 200 Mio. Dollar (144 Mio. Euro) gelegen. Nach dem großen Verlust durch die Spekulation auf einen fallenden Yen war der Wert von Ross Capital dann "Null", so der Zeuge. Für die Firma habe damals Insolvenzgefahr bestanden. Mit dem Betriebsmittelkredit der BAWAG seien noch ausständige Verpflichtungen beglichen worden, der Rest wurde in Dollar-Yen-Geschäfte investiert.
Aussagen von Winter-Reumann
Für einige Aufregung sorgte die ehemalige Leiterin der BAWAG-Fachabteilung Beteiligungen, Ingrid Winter-Reumann, mit ihrer Aussage, sie hätte noch 2006 gemeinsam mit dem damaligen BAWAG-Vorstand Peter Nakowitz zu einem Treffen mit dem Investmentbanker Wolfgang Flöttl fahren sollen. "Ich fahre mit, aber sicher nicht alleine, nicht ohne Begleitung der Rechtsabteilung", habe sie darauf geantwortet. Flöttl und Nakowitz dementierten im Anschluss an die Befragung der Zeugin, die gesondert vernommen worden war, diese Aussage: "Das ist frei erfunden", sagte Nakowitz. So ein Treffen sei sicherlich nicht vorgesehen und auch nicht angedacht gewesen, meinte auch Flöttl.
Die Großveranlagungsgrenze sei in der BAWAG immer ein Problem gewesen, meinte Winter-Reumann. Sie habe öfters darüber gesprochen, und anfangs zum Beispiel gemeint, dass die Stiftungen zusammengezählt gehörten. Der damalige Bank-Vorstand Johann Zwettler habe aber widersprochen. Auch im Zusammenhang mit der Aufwertung des BAWAG-Anteils am Casino Jericho, obwohl dieses bereits geschlossen war, habe sie Zwettler angesprochen. "Denk positiv", habe dieser dazu nur gemeint.
Aus Sorge um die Bank habe sie nichts von ihrem Wissen über die großen Verluste nach außen getragen. Sie hätte auch nicht gewusst, wem sie sich anvertrauen könnte. "Es war eine schreckliche Situation, sie wissen, dass das Eigenkapital weg ist, und die ganzen Leute gehen brav in die Bank arbeiten, sie auch. Das geht nicht, dass sie darüber reden, weil dann die Bank vielleicht in die Luft gegangen wäre", meinte Winter-Reumann.
Zeugenaussage Kuno Frick
Der liechtensteinische Treuhänder Kuno Frick sen. blieb bei seiner Zeugenaussage im BAWAG-Prozess diskret. Bei zahlreichen Fragen konnte er sich nicht mehr erinnern. In 30 Jahren sei er in etwa 1.000 Stiftungen tätig gewesen, außerdem lägen die meisten Vorgänge betreffend der BAWAG-Stiftungen bereits rund zehn Jahre zurück, erläuterte der 68-jährige Frick seine mangelnde Erinnerung. Die von der BAWAG 1998 angekauften Stiftungen Bensor, Biamo, Treval und Glen Star seien bereits vorher vom Treuhandbüro gegründet worden, erklärte Frick. Am Jahresende müsse die Stiftung eine Vermögensaufstellung machen, die sei meist gleich mit dem Bankauszug. Bei den vier BAWAG-Stiftungen sei die Bewertung der Vermögensbestände vom Auftraggeber in Wien erfolgt.
Nach außen hin werde die Stiftung durch den Stiftungsrat vertreten, dieser handle jedoch nur als Treuhänder für den Auftraggeber. "Auftraggeber war die BAWAG-Gruppe, die BAWAG, eine Tochter oder die Mutter ÖGB, so genau weiß ich das nicht", meinte Frick. Für die Stiftungen der BAWAG lautete das Codewort "Paris", das zur Identifikation verwendet wurde. Zum Abschluss überraschte der Treuhänder noch das Gericht: "Ich möchte den Steuerzahlern ein Geschenk machen und auf alle Entschädigungen verzichten". Als Zeuge stünde Frick nämlich die Abgeltung der Anreisekosten zu.
(apa/red)
