Tempo 160 - Mäßige Bilanz auf Teststrecke:
Nur 15% erreichten Geschwindigkeitslimit

35% fuhren mit 145 bis 155 km/h über die Autobahn Gorbach sieht dennoch einen "eindrucksvollen Erfolg"

Tempo 160 - Mäßige Bilanz auf Teststrecke:
Nur 15% erreichten Geschwindigkeitslimit

Seit mehr als einem Monat gilt auf einem zwölf Kilometer langen Abschnitt der Tauernautobahn (A10) zwischen Spittal-Ost und Paternion in Kärnten "Tempo 160". Verkehrsminister Hubert Gorbach (B) zog am Dienstag seine persönliche Halbzeitbilanz. Der Test sei bisher ein "eindrucksvoller Erfolg - allen Unkenrufen zum Trotz". 35 Prozent der Autofahrer befuhren die Strecke mit 145 bis 155 km/h, lediglich 15 Prozent erreichten die höchstzulässige Geschwindigkeit von 160 km/h.

Gorbach betonte im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien ausführlich, dass mit Tempo 160 "nicht die Raser gefördert, sondern die Geschwindigkeit flexibilisiert" werden soll. 581.178 Autofahrer haben die Teststrecke in Kärnten im Mai 2006 passiert, Unfälle habe es in dieser Zeit nicht gegeben. Rund 1.000 Überschreitungen der Höchstgeschwindigkeit wurden registriert, 70 Prozent davon gehen jedoch auf das Konto von Lkw, die während der Nacht Tempo 60 nicht beachtet hatten und der Section-Control ins Netz gegangen sind.

"Das wesentlichste Ziel ist ein möglichst störungsfreier Ablauf des Autoverkehrs durch Anpassung der Fahrgeschwindigkeit", so der Verkehrsminister. Den Tempo 160-Test auf der A10 bezeichnete Gorbach als "Meilenstein in der europäischen Verkehrspolitik": "In zehn Jahren werden wir über diesen Versuch ganz anders reden", kritisierte der Politiker die aktuellen Diskussionen als "scheinheilig und oberflächlich".

Wichtigste Begleitmaßnahme auf der Teststrecke ist das Überholverbot für Lkw - zumindest zu jener Tageszeit, in der die allgemeine Höchstgeschwindigkeit auf Autobahn in Österreich um 30 km/h überschritten werden darf. Und dies auch nur dann, wenn optimale Witterungs- und Fahrbahnbedingungen herrschen.

Auf dem Abschnitt zwischen Paternion und Spittal-Ost wurden im Mai täglich rund 21.000 Fahrzeuge (in beiden Fahrtrichtungen) gezählt. In den Sommermonaten - also in der Ferienreisezeit - kann dieser Wert auf mehr als 38.000 Kfz pro Tag ansteigen.

Gorbach ist überzeugt: "Je nachvollziehbarer Tempolimits sind, desto eher werden sie akzeptiert." Der Verkehrsminister verwies dabei auf eine Online-Umfrage auf www.tempo160.at , wo sich 82,9 Prozent von etwa 3.500 Befragten für Tempo 160 bei optimalen Bedingungen aussprachen.

ÖAMTC für weitere Flexibilisierung der Geschwindigkeit
Durchaus positiv bewertete der ÖAMTC die Bilanz. "Die Erfahrungen mit der Teststrecke zeigen, dass die Autofahrer mit der Tempoflexibilisierung vernünftig umgehen", sagte Mario Rohracher vom Club. Weniger erfreut zeigte sich Wolfgang Rauh vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) - er forderte das Ende der Teststrecke.

Geschwindigkeiten bis zu 160 km/h halten die österreichischen Autofahrer bei optimalen Straßen-, Witterungs- und Verkehrsbedingungen auf Autobahnen für vertretbar, hieß es am Dienstag in einer ÖAMTC-Aussendung. "Schneller bei guten Verhältnissen, langsamer bei widrigen Bedingungen - angepasste Geschwindigkeit ist das Zauberwort für mehr Verkehrssicherheit", betonte Rohracher. "Man hält sich an Vorschriften, wenn sie nachvollziehbar sind. Deshalb setzt sich der Club weiter für eine Tempoflexibilisierung ein."

Kritik an Zweispurigkeit
Einziger Schönheitsfehler der Tempo 160-Strecke sei, dass sie nur zweispurig ist. Da jedoch die Verkehrssicherheit gegeben ist, spreche nichts gegen den Versuch. Der zwölf Kilometer lange Abschnitt sei ein "weitgehend gerader, ausgebauter Autobahnabschnitt in gutem bautechnischen Zustand mit einer Verkehrsbeeinflussungsanlage". Rohracher: "Man muss dem Ganzen eine Chance geben. Die Evaluierung wird dann zeigen, ob die Tempoflexibilisierung auf Österreichs Autobahnen auf Dauer praktikabel ist."

Das Ende des Tempo 160-Tests forderte hingegen der VCÖ: Die Verkehrsbeeinflussungsanlagen sollten dort eingesetzt werden, wo viel Verkehr ist und viele schwere Unfälle passieren, teilte die Organisation mit. Darüber hinaus fordert der VCÖ, dass das Verkehrsministerium genau untersuchen lässt, auf welchen Autobahnabschnitten besonders viele schwere Unfälle passieren.

"Auf Abschnitten, wo viel Verkehr ist und viele Unfälle passieren, sind die zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel - wie Section Control und Verkehrsbeeinflussungsanlagen - einzusetzen. Bevor Millionen Euro in neue Raserstrecken investiert werden, sollten zuerst die gefährlichsten Autobahnabschnitte saniert und gesichert werden", so sich Verkehrsexperte Rauh.

SPÖ und Grüne mit Kritik an Gorbach
Kritik an Gorbach und dessen "Tempo 160"-Halbzeitbilanz übten sowohl SPÖ als auch Grüne. Während die Sozialdemokraten der Ansicht sind, dass die Teststrecke "mit zukunftsorientierter Verkehrspolitik nichts zu tun hat", meinten die Grünen: "Viel Geld, viel Risiko, viel Lärm, viel Schadstoffbelastung und null Nutzen."

SPÖ-Verkehrssprecher Kurt Eder ließ an dem Projekt auf dem zwölf Kilometer langen Abschnitt kein gutes Haar: Interessant sei allein die Frage, "wie viel der Umbau dieser unnötigen Versuchsstrecke den Autofahrern gekostet hat". Dieser "Unsinn" koste "horrende Summen" und habe "sowohl für die Bevölkerung als auch für die Umwelt ausschließlich negative Folgen", betonte die Grüne Verkehrssprecherin Gabriela Moser.

"Immer mehr Österreicher - zuletzt 63 Prozent - sprechen sich gegen Tempo 160 aus. Mit Ausnahme von Kärnten und Niederösterreich sind alle Bundesländer gegen einen Tempo-160-Versuch", hieß es in einer Aussendung von Greenpeace. Repräsentative Umfragen kämen zu "völlig anderen Ergebnissen" als heute, Dienstag, von Gorbach präsentiert.
(APA)