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"Erdogan unser" in Österreich

Wie tickt Erdogan und warum ist er unter Austro-Türken so populär?

© Video: News

Er trägt Cowboyhut, Lederjacke und Sheriffstern, lässt mitten in Wien-Favoriten blutige Steaks braten und nimmt dort in seinem Restaurant an einem wuchtigen Holztisch Platz. "Ach, Erdoğan! Wollen wir wirklich über ihn sprechen?", sagt er und seufzt. Hamza A. ist 51, ein Glatzkopf mit klarem Blick, gutem Humor und noch besseren Kontakten. Sie reichen vom Wiener Rathaus bis in seine einstige Heimat, die Türkei. Und dort direkt in den Präsidentenpalast. A. lässt Kaffee servieren, bevor er über sich und Erdoğan zu erzählen beginnen wird.

Derweil drängten sich ein paar Kilometer weiter, am anderen Ende Wiens, die Menschen. Das türkische Konsulat residiert in einer feinen Hietzinger Villa mit leicht orientalischer Anmutung. Drei Wochen lang konnte hier abgestimmt werden. Für ihn, den Meister, den Sultan, den Führer, wie seine Anhänger sagen. Oder gegen den Diktator, wie Gegner hinter vorgehaltener Hand flüstern. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan polarisiert. Er ist ein Mann mit einer Mission, und dieser ist er vergangenen Sonntag gerecht geworden. Eine neue Verfassung musste her und mit ihr der finale Bruch mit jener Türkei, die wir lange kannten.Nach der Mehrheit beim Verfassungsreferendum, wird Erdogan faktisch Alleinherrscher. Ein Präsident, der kaum noch einer Kontrolle unterworfen ist. Ein moderner Sultan mit islamischer Vision vor Europas Haustür.

© Ricardo Herrgott Hoher Andrang im türkischen Konsulat

"Erdoğan der Menschenfänger"

Als Erdoğan selbst 2014 nach Wien kam, brachten Tausende Fans die Albert-Schultz-Eishalle zum Kochen. Ein Meer türkischer Fahnen, Halbmonde und dazwischen der "Meister", der sie nicht enttäuschte: "Ihr seid die Enkel Kara Mustafas, und ich bin stolz auf euch", beschied Erdoğan "seinen Türken". Der Verweis auf den letztlich niedergerungenen Anführer der Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683 war eine blanke Provokation und ließ tief in die Abgründe beider Völker blicken.

Der damalige Organisator des Erdoğan- Auftritts in Wien hat den Cowboyhut inzwischen abgenommen und rührt andächtig in seinem Kaffee. Es war Hamza A., der 2014 im Hintergrund die Fäden zog. Er streift über sein Smartphone, zeigt Fotos von sich mit Erdoğan. Das Verhältnis der beiden scheint von Vertrautheit geprägt und lässt eine Frage aufkommen: Wie kommt ein seit dreißig Jahren in Österreich lebender Türke, der in Wien-Favoriten ein feines Steakhaus führt und über sich sagt, dass er Österreich liebt, in die Nähe des mächtigsten Mannes der Türkei?

A. schmunzelt. Jetzt engagiert er sich seit geraumer Zeit im Wirtschaftsverband der SPÖ, hat gute Kontakte in die heimische Politik. Sein Weg zu Erdoğan führt hingegen weit zurück in die 1980er-Jahre.

© Ricardo Herrgott Hamza A. und seine Erlebnisse mit Erdogan

Die Türkei war damals ein instabiles Land, das Militär hatte gerade zum dritten Mal geputscht, die Gefängnisse waren voll. "Erdoğan ist wie ich in Istanbul aufgewachsen", erzählt A., "er drüben in Kasimpasa, einem rauen Viertel am Hafen. Das war seine Akademie, die Akademie der Straße. Dort hat er gelernt, die Leute zu lesen." Die beiden trafen erstmals in der "Milli Görüs"-Bewegung aufeinander, einem fundamentalistisch-islamischen Sammelbecken. Fromme wie Erdoğan führten in der damals noch streng säkular ausgerichteten Türkei ein Leben im halben Untergrund, die Grenzen der Verfassung ständig austestend. Nicht umsonst sollte Erdoğan später, als er bereits Bürgermeister von Istanbul war, wegen Volksverhetzung zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt werden. A. erkannte aber schon damals, was seine Strahlkraft bis heute ausmacht: "Er ist wie ein Magnet, ein Menschenfänger. Er spürt die Leute, zieht sie an, da er selbst von ganz unten kommt und nicht Teil der alten Elite war. Gerade den Gläubigen, die in der Türkei lange als politisch Aussätzige galten, verleiht er das Wichtigste: Stolz."

Es ist der ewige Gegensatz der modernen Türkei: ein säkularer Staat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Ein frommes Volk, dessen Verfassung keinen Gott kennt. Da die Weltlichen, dort die Glaubensverfechter. Es ist ein Konflikt, der die Türkei seit ihrer Gründung 1923 prägt und der bis in die heimische Community ausstrahlt. Diese hinkt bei allen relevanten Indikatoren - von Beschäftigung bis Bildung, von Einkommen bis Erwerbstätigkeit - der Mehrheitsbevölkerung hinterher und liegt auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen an letzter Stelle. Was läuft da falsch?

© Ricardo Herrgott Nurten Yilmaz: Community selbst zum Teil schuld

"Sicherlich trifft die Community selbst ein Teil der Schuld", sagt die türkischstämmige SPÖ-Abgeordnete Nurten Yilmaz, "aber etliches ist auch hausgemacht: fehlende Bildungsreform, kein Gesamtplan, weitverbreitete Diskriminierung." Erdoğans heutiger Erfolg gilt Yilmaz daher als Retourkutsche für das Versagen dreier Jahrzehnte. "Er rächt sich quasi stellvertretend für sie. Watscht den Westen ab, verteidigt ihr Türkentum und gibt vor, ihren Schmerz zu kennen, auch wenn er sie am Ende doch nur instrumentalisiert."

"Ein Staat im Staat"

Schmerz, Kränkung, verletzter Stolz, Aufbegehren, Allmacht. Es sind die Stationen von Erdoğans politischer Karriere. Die Parallelen zu Entwicklungen unter "unseren Türken" sind für Kritiker offensichtlich. Einer davon ist Birol Kilic, Obmann der türkischen Kulturgemeinde in Österreich. Er ist ein gebildeter Mann, der Bücher verlegt, eine Zeitung herausgibt und ein massives Versäumnis identifiziert: "Keiner in Österreichs Politik hat sich der Türken ehrlich angenommen. Es war ihnen nicht nur egal, sie haben gar geglaubt, es reicht, obskure Vereine und fundamentalistische Gruppierungen zu fördern, nur um deren Stimmen zu kriegen. So wurde der Sumpf größer und die Bereitschaft zur Integration geringer." Was Kilic anspricht, ist ein Netzwerk von islamischen Vereinen, Hinterhofmoscheen und Gebetskellern, das sich längst in jeder größeren österreichischen Stadt findet. "In Wahrheit sind das die verlängerten Arme türkischer Parteien, besonders der alles dominierenden Regierungspartei", sagt Kilic, "sie verstecken sich hinter dem demokratischen Vereinsrecht und missbrauchen den Glauben durch politisierten Islam. Geschieht nichts, haben wir eine fünfte Kolonne, einen Staat im Staat."

© Ricardo Herrgott Wortkargheit bei Atib

Am prominentesten und wohl auch berüchtigtsten ist die türkisch-islamische Union Atib. Sie beherrscht 65 Vereine, zählt 100.000 Mitglieder und geriet zuletzt unter schweren Spitzelverdacht, da der Vorstand zugleich Religionsattaché der türkischen Botschaft war und eifrig Berichte über heimische Erdoğan-Gegner nach Ankara übersandt haben soll. Bei Atib gibt man sich seither wortkarg und verweist darauf, dass der Vorstand neu aufgestellt wurde.

Unter "Grauen Wölfen"

Aufgeschlossener geht es ein paar hundert Meter weiter, auf dem Favoritner Antonsplatz, hinter verschlossenen Türen zu. Dort, im Keller eines Eckhauses, betreibt eine islamische Abspaltung der ultranationalistischen "Grauen Wölfe" einen Gebetsraum. An der Wand hängt ein Bildnis des Parteigründers, dahinter die österreichische neben der türkischen Flagge. Freitagmittag schlägt die schwere Eisentür alle paar Sekunden auf und wieder zu. Hunderte Männer kommen zum Gebet. Der Raum dafür ist bald zu klein. Tische werden zur Seite gerückt, Platz geschaffen. Die Wölfe selbst geben sich handzahm. "Ich lebe seit 37 Jahren hier in Österreich, was soll ich mit der Türkei?", fragt Obmann Haci Yagci und erklärt, dass sich der Verein neben dem Gebet lieber dem Koran-Unterricht für Kinder widmet. "Je früher sie lernen, was darin steht, desto weniger müssen wir Radikalisierung fürchten."

© Heinz Stephan Tesarek Bei den "Grauen Wölfen" am Wiener Antonsplatz

Kritisch begegnet all dem der einst von den Grünen geschasste Ex-Bundesrat Efgani Dönmez: "Wenn bereits Kinder indoktriniert werden, dürfen wir uns später nicht über die Erwachsenen wundern." Schon früh kritisierte er Verwerfungen in der muslimischen Community. Erst sie verhalfen Erdoğan hierzulande zu immer größerer Popularität. "In den meisten dieser Vereine wird versucht, über Religion und Ethnie Macht und Einfluss auf die Leute zu gewinnen", sagt Dönmez. "Wir dürfen aber nicht den Fehler begehen, die Religion zu bekämpfen, sondern deren Missbrauch durch die Vereine. Diese nutzen unsere Freiheit, um diese scheibchenweise zu demontieren und durch ihr fundamentalistisches Weltbild zu ersetzen."

© Ricardo Herrgott Ex-Bundesrat Efgani Dönmez (links) mit News-Redakteur Christoph Lehermayr (rechts) im Gespräch

Glaube, Religion, Macht und Unterwerfung. Es sind die nächsten Begriffspaare, die Erdoğan zu nutzen weiß. Er verdankt ihnen seinen Aufstieg, seine Position des Machthabers, der die Türkei seit 14 Jahren prägt. Schrittweise verschob er die Parameter des einst säkularen Staates, entledigte sich seiner Kritiker. Massenverhaftungen, Entlassungen, Verfolgung und Verurteilung: seit dem Putschversuch im Juli 2016 gehen die Zahlen in die Zehntausenden. Dazu ein Spitzelnetzwerk, das sich in der Türkei gegen Kritiker richtet und bis nach Österreich reicht.

Hamza A. ist all das bekannt. Noch vor Jahren war er es, der Erdoğan huldigte, ihn nach Wien brachte und selbst mit dem Autokennzeichen "W-AKP1" durch die Stadt fuhr. "Erdoğan ist Licht und Schatten zugleich", sagt der Wiener heute, "er steht ständig unter Druck, vertraut keinem, schläft nicht mehr als drei Stunden, fürchtet überall den Verrat und ist wachsam wie ein Wolf.“ A. war ihm ebenso verfallen wie viele seiner Landsleute. "Als meine Tochter heiratete, kam Erdoğan zur Feier, er war unser Gast." Erneut greift A. zum Handy, zeigt Bilder der Zeremonie. Er, der stolze Vater, und gleich daneben der türkische Präsident mit Ehefrau. "'Mein Österreicher', so nannte er mich damals."

Bis der Bruch kam...

Doch irgendwann begann etwas im Verhältnis der beiden zu zerbrechen. Der Grund ist ein Geheimnis, welches sie fortan trennen wie verbinden sollte. "Erdoğan sieht überall nur noch Feinde. Sein Instinkt, der ihn einst stark machte, hat ihn verlassen. Er hat kein Korrektiv mehr, keinen, der ihm noch die Wahrheit sagen würde, nur noch Speichellecker." Aus A. spricht weniger die Bitterkeit als der Schmerz darüber, welchen Weg der Machthaber eingeschlagen hat. "Er hat sich im Drang nach Geltung verlaufen."

© Ricardo Herrgott Hamza A.: "Wer stimmt denn noch für Erdogan?"

Hinten in seinem Steakhaus brutzelt es. Ein Filetstück nach dem anderen landet auf dem Grill. Es ist früher Abend, erste Gäste treffen im Lokal ein. Das Referendum am Sonntag? Hamza A. fasst sich an die Stirn und setzt seinen Cowboyhut auf. "Wer stimmt denn noch für Erdoğan? Nur Leute, die keine Bildung haben. Die sind so wie die Lämmer, die hier bei mir als Steak auf dem Tisch landen." Der Sheriff schüttelt befremdet den Kopf und geht.

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