Politik von

Donald Trump:
Mister Dangerous

Politik - Donald Trump:
Mister Dangerous © Bild: APA / Andrew Harnik / AP / picturedesk.com

Wütend, ahnungslos und außer Kontrolle. Kein anderer US-Präsident blickte nach so kurzer Amtszeit schon so tief in den Abgrund wie Donald Trump. Seine Demontage hat bereits begonnen. Ihr Ende bleibt unabsehbar. Die Gefahr für die Welt wird größer. Trumps langjähriger Biograf erklärt, warum.

Es muss anstrengen, Donald Trump zu sein. Du wachst in der Früh im Weißen Haus auf. Der ganze verdammte Tag ist erneut voll mit Terminen. Um halb elf bekommst du das tägliche Sicherheitsbriefing. Wieder ein Haufen Seiten, von denen dich kaum eine interessiert. Nordkorea, Irak, Syrien und das ganze Zeugs. Vielleicht hören sie endlich auf dich und machen die Berichte kürzer, mit mehr Fotos, Grafiken, und den Rest zusammengeschrumpft auf ein paar Punkte zum Überfliegen. Danach, um halb zwölf, ein runder Tisch. Es geht um Energie und Indianer. Indianer? What the f***?

Es reicht!

Um zwei Uhr endlich Zeit zum Durchschnaufen. Die Baseballspieler von den Chicago Cubs schauen zu einem "Meet and Greet" im Weißen Haus vorbei. Du klopfst den Kerlen auf die Schulter, zeigst ihnen das Oval Office. Das gibt ein paar nette Fotos. Das zieht in den Abendnachrichten. Um drei triffst du Leute, denen illegale Einwanderer Schlimmes angetan haben. Manche von ihnen werden weinen und dich preisen. Du wirst hämisch grinsen. Und Fox News wird es lieben. Am Abend kommt das Präsidentenpaar aus Südkorea. Das sind die Guten, also nicht verwechseln. Du und Melania werdet mit ihnen zu Abend essen. Und gleich morgen um neun musst du Erdoğan anrufen. Ihr braucht eine Strategie, wie ihr Merkel, Macron und die anderen in Hamburg beim G20-Gipfel bremst. Vielleicht hilft ja Putin?

Aber noch ist Donnerstag und noch ist es früh. Dreiviertel neun. Dir bleibt ein wenig Zeit. Also mal den Fernseher anschalten. MSNBC, diese Pappnasen. "Morning Joe" läuft. Quasi das Frühstücksfernsehen für die Politikblase von Washington. Sie reden über dich. Machen sich lustig. Joe Scarborough, der Moderator, war doch mal ein Freund von dir. Du hast gar überlegt, ihn in dein Team zu holen. Aber was sagt der Typ da? Nun tut auch sie noch mit: Mika Brzezinski, seine Co-Moderatorin und Verlobte. Unfähig seist du, ein notorischer Lügner, meint sie. In jeder Firma hätten sie so einen wie dich als Chef schon längst rausgeschmissen. Und wie peinlich du bist. Lässt doch tatsächlich ein Fake- Cover des "Time Magazine" mit einem Bild von dir in deinen Golfklubs aufhängen.

Es reicht! Du greifst zu deinem iPhone. Machst voller Zorn die Twitter-App auf. Und schreibst: "Ich hab gehört, der quotenschwache @morning_joe redet schlecht über mich (schau ihn mir eh nicht mehr an). Wie ist es dann möglich, dass die verrückte Mika mit dem niedrigen IQ, gemeinsam mit Psycho Joe, rund um Silvester drei Nächte in Folge nach Mar-a-Lago kamen und darauf bestanden, mich zu treffen? Sie blutete heftig von einem Gesichtslifting. Ich sagte Nein!"

Im Psychogramm

Das schreibt der mächtigste Mann der Welt, der Befehlshaber der größten Streitkraft der Erde, der Anführer des Westens, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Zwei Moderatoren im Frühstücksfernsehen reichten, um ihn in Rage zu versetzen.

"Trumps emotionale Instabilität macht ihn unfähig für das Amt", warnte der Verband der US-Psychologen schon im Februar in einem Appell. Ähnlich sieht dies die Psychologin Bärbel Wardetzki: "Trumps übersteigerter Narzissmus gleitet ins Bösartige ab. Ihm fehlt jegliche Empathie. Auf Widerspruch reagiert er mit Aggression. Daraus speist sich sein Hass auf Medien und die Lust an der Zerstörung der bestehenden Gesellschaftsordnung."

© Video: News

Trumps Biograf

Ein halbes Jahr lang ist Donald J. Trump nun im Amt und mit jedem Monat, der vergeht, verblasst die Erinnerung an die Zeit davor. Die Zäsur ist tief, der Tabubruch groß, der anfängliche Schauder zum Furor geworden. Kann einer wie er, der unter dem Verdacht steht, erst mit Hilfe von Putins Russland ins Amt gewählt worden zu sein, überhaupt regieren? Oder wird er bald mit Schimpf und Schande aus dem Weißen Haus gejagt?

Viel ist über diese Fragen geschrieben worden. So viel, dass sich der Nebel des Undurchsichtigen über all das legte, was Trump umgibt. Dabei bedarf es Antworten.

Einer, der sie zu geben vermag, sitzt am vergangenen Freitag, einen Tag nach Trumps Twitter-Rage, in seinem New Yorker Appartement. Trump hat gerade erneut Tweets abgesetzt, in denen er Medien wieder einmal als Fake News geißelt und sich als Wrestler auf den Sender CNN stürzt. David Cay Johnston hat die Tweets nach dem Aufstehen gesehen. Er ist 68, Pulitzer-Preis-Träger und kennt Trump seit drei Jahrzehnten, denn er ist sein Biograf. Einer, der ihn beobachtete und sezierte, seine Deals analysierte und ihn studierte. In seinem Enthüllungsbuch kleidet Johnston die unschönen Eigenschaften Trumps in Worte und zeichnet das Porträt eines Mannes, der nach Applaus und Anerkennung giert und voll der Wut auch bereit ist, bis ans Äußerste zu gehen, um seine Geltungssucht zu stillen.

Mr. Johnston, lesen Sie noch alles, was Trump so twittert, und überrascht es Sie?
Ich muss es leider lesen, da ich an einem weiteren Buch über ihn arbeite. Aber ganz ehrlich: Jeder seiner Tweets gilt mir nur als Bestätigung seiner Psyche. Entscheidend wird nicht das Twittern sein, sondern das sich daraus ableitende Handeln.

Da tappt Trump durch die Weltpolitik. Worin sehen Sie die größte Gefahr?
In seinem notorischen Hang zum Lügen. Donald Trump lügt mit derselben Ungezwungenheit wie wir atmen. Er widerspricht sich ständig, was ihn angreifbar macht und uns feindlich gesinnten Staaten wie Russland oder dem Iran ausliefert. Donald weiß nicht, was er tut. Er hat keine Ahnung, was es heißt, Präsident zu sein, keinen Tau, was überhaupt in der Verfassung steht. Er spricht von der US-Präsidentschaft so, als sei es eine Diktatorenrolle und der Kongress sein Untergebener. Donald hat keine Kenntnis von der Welt, er weiß weder um den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, noch begreift er die sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Wie zeigt sich das?
Seine erste Auslandsreise nach Saudi-Arabien war das beste Beispiel. Einst schimpfte er gegen die Saudis. Nun ließ er sich dort umschmeicheln und huldigen, suhlte sich in seinem Narzissmus und lobte sogleich die dortigen Machthaber, ohne zu wissen, dass deren radikaler Islam-Export ein Quell des Terrors auf der ganzen Welt ist. Die Saudis sahen, dass sie Trump unter ihrer Kontrolle haben, und fühlten sich so erst bestärkt darin, auf den Rivalen Katar loszugehen. Und wie reagiert Trump? In seinem winzigen Universum, das sich ausschließlich um ihn selbst dreht, sieht er sich bestätigt und klatscht Beifall. Er wusste nicht einmal, dass Katar unser Verbündeter ist und wir dort die größte Militärbasis im Nahen Osten unterhalten. Er schüttet so in einer Region Öl ins Feuer, die ohnedies lichterloh brennt. Donald torkelt wie ein Betrunkener durch eine Bar. Nur dass seine Bar das Oval Office ist.

Aber warum klärt ihn denn sein Stab von Beratern und Experten nicht auf?
Smarte Führer umgeben sich mit Menschen, die ihnen nicht sagen, was sie hören wollen, sondern was sie hören müssen. Donald umgibt sich mit Speichelleckern. Das ist auch der Grund, warum so viel geleakt wird. Seine Umgebung hat begriffen, dass der einzige Weg, wie sie Trumps Aufmerksamkeit bekommt, darin besteht, Dinge, die falsch laufen, den Medien zu stecken, sodass er sie zumindest von dort erfährt. Donalds Leben ist davon geprägt, absolute Loyalität einzufordern und jeden zu entfernen, der sie ihm nicht gibt. Sein Kabinett ist ein einziger Klub von Trump-Apologeten, in dem niemand auch nur einen Moment an Widerspruch dächte.

Die Saudi-Achse

Ein Ahnungsloser im Amt -das ist Johnstons bittere erste Botschaft. Seit Trumps Trip zu den Saudis wird das Säbelrasseln am Golf lauter. Aus dem Streit mit dem Iran um die regionale Vorherrschaft droht durch Trumps einseitige Festlegung ein offener Konflikt zu werden. Trump zertrümmert erfolgreich ein Trümmerfeld.

Und so wird der Ruf lauter, ihn zu impeachen, also vorzeitig des Amtes zu entheben.

Mr. Johnston, werden wir Trumps Absetzung erleben?
Das Impeachment ist ein politischer, kein juristischer Akt. Die Republikaner, die in beiden Häusern des Kongresses eine Mehrheit haben, werden sich erst gegen Trump stellen, wenn sie genügend Grund dazu sehen. Noch glaubt die Mehrheit von ihnen, dass Trump über Wasser gehen kann und jede Kritik an ihm eine reine Hetzjagd liberaler Medien sei.

Dabei laufen bereits Ermittlungen gegen sein Umfeld wegen der Beziehungen zu Russland. Trump selbst steht unter dem Verdacht der Behinderung der Justiz. Wie eng kann es für ihn werden?
Der eingesetzte Sonderermittler Robert Mueller ist eine absolut integere Figur. Er stand bis 2013 an der Spitze des FBI und war dessen zweitlängstdienender Direktor. So besitzt er Kenntnis von Trumps Finanzströmen und weiß, wo juristische Handlungsmöglichkeiten bestehen. Mueller ist ein mutiger Mann, unbestechlich und unparteiisch. Er wird sich den Geldwäschevorwürfen und der Russland-Connection Trumps widmen und sich auch die bizarren Moskau-Verbindungen seines Schwiegersohns und Beraters Jared Kushner anschauen. Aber all das wird dauern.

Trump trifft Putin

Es ist gerade Trumps ominöses Verhältnis zu Russland, das Washington seit der Wahl beschäftigt. Moskaus anfängliche Freude ist jedoch abgekühlt, das Verhältnis gespannt, die Erwartung in Trump gedämpft. Am Freitag kommt es beim G20-Gipfel in Hamburg zum ersten Aufeinandertreffen Trumps mit Putin.

Wie wird Trump dabei auf Wladimir Putin reagieren?
Putin ist ein berechnender und kühl kalkulierender Staatsmann, der mit Trump wie auf einer Violine spielen wird. Trump glaubt ja von sich, unglaublich smart zu sein, was er nicht ist. Zudem hat er um sich den Mythos des großartigen Verhandlers errichtet, was auch nicht stimmt. Er ist verdammt einfach zu manipulieren. Du musst nur wissen, wohin du willst. Dann beginnst du, ihn zu umschmeicheln, und es läuft in deine Richtung.

Trumps Beliebtheitswerte sind verheerend. Noch nie war ein Präsident schon nach so kurzer Zeit bei einer Mehrheit der Amerikaner so unten durch. Wie prägt das sein Handeln?
Gar nicht. Die meisten Politiker, die ihre Beliebtheitswerte fallen sehen, überlegen sich eine Strategie dagegen. Trump tut nichts dergleichen. Er kümmert sich einzig um seine Basis, da er sich allein nach deren Zuspruch sehnt. Es ist ihm auch egal, was die Führer anderer Staaten über ihn denken, und er weiß im eigentlichen Sinne nicht einmal, wer sie überhaupt sind. So lässt er sich etwa von China erklären, worum es in Nordkorea geht, und glaubt, sein Schwiegersohn Jared Kushner kann den Nahostkonflikt lösen. Trump wird so zur brennenden Lunte am Ölfass der Weltpolitik. Das ist schädlich für Amerika und gefährlich für die Welt. Wir befremden unsere engsten Verbündeten und verlieren rund um den Globus unsere Glaubwürdigkeit.

Soll man Trump umschmeicheln, wie Großbritanniens Premierministerin May es tat, oder ihn lieber wie Angela Merkel ignorieren und zunehmend isolieren?
Ich glaube, Merkel nimmt den smarteren Weg. Sie hat nun beim G20-Gipfel die Chance, zur neuen Anführerin der freien Welt zu werden. Sie ist kompetent, geschickt und hat Trump durchschaut. Gelingt es Merkel in Hamburg, ihm klar zu sagen, wo eine Kooperation noch Sinn macht und wo sie wegen seiner Haltung scheitert, wird sie Erfolg haben.

Müssen wir uns dennoch darauf einstellen, dass Trump bis 2020 Präsident bleibt?
Solange die Mehrheit der Republikaner an ihm festhält, ist Trump sicher. Drei Dinge können aber passieren. Erstens ist sein Gesundheitszustand verheerend: Er trainiert nicht, glaubt auch nicht an dessen Sinn. Er sagt: Dein Leben ist wie eine Batterie, irgendwann ist sie leer. Es kann also geschehen, dass wir eines Morgens aufwachen und hören, dass Trump einen Schlaganfall oder eine Herzattacke erlitt - wenngleich seine Eltern weit über 90 Jahre alt wurden. Eine zweite Möglichkeit sind die Kongresswahlen 2018. Gelingt es den Demokraten, das Repräsentantenhaus zu erobern, kann zwar ein Impeachment eingeleitet werden. Aber ohne Mehrheit im Senat kann auch das zu keiner Amtsenthebung führen.

Und die dritte Variante?
Es ist die schon angesprochene Mueller-Kommission. Es gibt viele Dinge, die ich über Trump weiß, welche ihm enorm schaden können. Ich darf aus rechtlichen Gründen nicht darüber sprechen. Mueller aber vermag all das zu Tage zu fördern. Daher glaube ich, dass dies die wahrscheinlichste Variante bleibt und sie zu einem vorzeitigen Ende der Präsidentschaft Trumps führen kann.