Periodenschämen von

Kein Blut im Pool

Olympische Schwimmerin bricht Tabu und spricht öffentlich über ihre Periode

Fu Yuanhui © Bild: imago/Insidefoto

Fu Yuanhui schneidet die lustigsten Grimassen. Damit hat die olympische Schwimmerin Herzen auf der ganzen Welt erobert, besonders in ihrer Heimat China, wo man sie liebevoll "Goofy" nennt. Nach einer enttäuschenden Leistung in Rio sagte der Publikumsliebling nun vor laufender Kamera: "Ich habe vergangene Nacht meine Periode bekommen." Warum man sie jetzt als Heldin feiert.

Samstag Nacht in Rio: Fu Yuanhui kauert vor Schmerzen auf dem Boden. Ihr Team hat soeben knapp die Medaille bei der 4 x 100-Meter-Staffel verpasst. Die 20-Jährige steht auf und entschuldigt sich bei ihren Teamkolleginnen.

Fu Yuanhui
© imago/Xinhua
»Ich habe gestern meine Periode bekommen und bin jetzt richtig müde. Aber das ist keine Entschuldigung. Ich bin nicht so gut geschwommen, wie ich es sollte.«

Im chinesischen Facebook schlägt der Satz ein wie eine Bombe. "Sie fühlt sich schuldig, weil sie nur Vierte geworden sind. Aber Fu Yuanhui, wir sind sehr stolz auf dich", schriebt eine Userin auf Weibo, eine andere "Ich bewundere Fu Yuanhui wirklich dafür, dass sie während ihrer Periode geschwommen ist" und "Fu Yuanhui ist großartig!"

Warum wurde das Wasser nicht rot?

Die Schwimmerin wird von Frauen und Männern im sozialen Netzwerk gefragt, wie sie es angestellt hat, dass kein Blut im Pool zu sehen war. Die Antwort: Tampons. Hierzulande eine Selbstverständlichkeit - doch in China benutzen 98 Prozent der Frauen aus kulturellen Gründen keine Tampons. Die Hygieneartikel sind eine teure Importware, viele Mädchen wissen nicht, dass es überhaupt möglich ist, schwimmen zu gehen, wenn sie ihre Periode haben. Dank Yuanhui könnte sich das nun bald ändern.

"Frauen leiden in Stillen"

Fu Yuanhui ist damit die erste Sportlerin in Rio, die über das Tabu Regelblut spricht. Doch in der Vergangenheit machten bereits mehrere Sportlerinnen auf das Problem aufmerksam. Tennis-Legende Martina Navratilova erklärte der BBC 2015: "Es klingt vielleicht wie eine Ausrede, aber für Frauen ist das die Realität. Man will es nicht als Entschuldigung verwenden, aber es kann einige Spielerinnen stark beeinflussen. Ich habe selbst nie darüber gesprochen, aber es war auch für mich ein Thema."

Und auch Eurosport-Moderatorin und ehemalige Weltklasse-Spielerin Annabel Croft sagte in der gleichen Sendung: "Die monatliche Periode der Frau scheint eines dieser Themen zu sein, die gerne unter den Teppich gekehrt werden und ein großes Geheimnis bleiben. Frauen leiden in Stillen." Ruth Holdaway von der Organisation "Woman in Sport" meinte: "Es ist wichtig, dass man im Sport sensibler mit dem weiblichen Zyklus umgeht, gleichzeitig sollte er nicht als Barriere fungieren."

Marathonlauf ohne Tampon

Zum Gesicht der Bewegung gegen das sogenannte "Periodenschämen(auch period shaming, engl.) " wurde 2015 Marathonläuferin Kiran Ghandi. Sie nahm im letzten Jahr ohne Tampon an einem Wettbewerb teil und machte so das Blut zwischen ihren Beinen für alle sichtbar.

London Marathon - Protestaktion
© Kiran Gandhi Kiran Gandhi lief einen Marathon ohne Tampon

Die Aktion wurde damals als "radikaler Akt" bezeichnet. Was es auch ist, wenn man bedenkt, dass wir in einer Welt leben, in der nur 12 Prozent der Mädchen und Frauen Zugang zu sicheren, qualitativ hochwertigen Hygieneartikeln haben. Sie fasste das Problem der Tabuisierung in Worte: "Wir ignorieren die Tatsache, dass es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, der gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert werden muss. Indem es still und leise abzulaufen hat, werden Frauen dazu getrimmt, sich nicht zu beschweren oder über ihre körperlichen Funktionen zu sprechen, denn keiner kann sehen, was passiert. Und wenn man es nicht sehen kann, ist es wahrscheinlich 'kein großes Ding'."

»Der Dominoeffekt dieses Stigmas ist enorm. «

Lucy Russell, eine englische Frauenrechtlerin für Plan UK, deren Bewegung #JustATampon Frauen dazu ermutigt, Selfies mit Tampons zu posten, meint dazu: "Was praktisch nie zur Sprache kommt, ist das der schlechte Zugang zu menstrualer Gesundheit eine ungemeine Diskriminierung von Frauen und Mädchen darstellt. In Afrika verpasst eines von zehn Mädchen die Schule, weil sie schlecht aufgeklärt sind und nicht passend ausgerüstet sind. Der Dominoeffekt dieses Stigmas ist enorm. Es geht nicht um ein kleines, privates Thema."

Tampons nur über 18

Nun hat der Dominoeffekt dank Yuanhui auch China erreicht. Ende des Monats wird dort der erste nationale Tamponhersteller einen Onlineshop lancieren: Danbishuang. Die Hygieneartikel sollen auch in ausgesuchten Shops zu kaufen sein. Allerdings nur für Frauen über 18. Die Tamponbox wird eine Warnschrift wie Zigaretten haben, die Teenagern rät, das Produkt nicht zu benutzen. Der Kampf ist noch lange nicht gewonnen.

Schockierende Fakten aus aller Welt

  • NEPAL: Vor zwei Jahren zerstörten Frauen im Westen Nepals Kuhställe, in denen sie nach alter Tradition während ihrer Menstruation ausharren müssen. Jedes Jahr sterben Frauen in dem Himalaya-Land an Schlangenbissen, Unterkühlung oder starken Blutungen während ihrer Zeit in den Ställen. Die uralte Sitte "chaupadi" verbietet es Frauen im äußersten Westen Nepals, sich im Haus aufzuhalten oder in Tempel zu gehen, während sie ihre Tage haben.
  • EUROPA: Bis heute hält sich bei einigen der jahrhundertealte Aberglaube von der Schädlichkeit des Menstruationsbluts oder der Körperflüssigkeiten menstruierender Frauen. Demzufolge sollten menstruierende Frauen beispielsweise keine Sahne schlagen, da diese sonst schlecht würde, kein Obst und Gemüse einkochen, nicht beim Schlachten helfen, nur mit Haushaltshandschuhen putzen, sich keine Wasser- oder Dauerwelle machen lassen et cetera.
  • NORWEGEN: Hier hat vor wenigen Jahren eine Gewerkschaft aufgedeckt, dass ein Unternehmen seine Mitarbeiterinnen zwang, während ihrer Periode rote Armbändchen zu tragen. Das norwegische Unternehmen begründet die Bändchen-Pflicht übrigens damit, dass diese Mitarbeiterinnen häufiger zur Toilette gehen dürfen als ihre kennzeichnungsfreien Kollegen.
  • GHANA: Auf dem Land dürfen Frauen während der Periode keine Zeit mit ihren Männern verbringen, nicht kochen, sich nicht im Haushalt betätigen oder zur Schule zu gehen. Der Mann darf nicht mir der Frau zusammensitzen und essen.
  • INDIEN: Frauen ist es verboten, während ihrer Menstruation, die heiligen Kühe zu berühren.
  • KENIA: Frauen aus dem Massai-Stamm dürfen während der Periode in keinen Kuhstall, um Kühe zu melken. Außerdem dürfen sie keine Milchprodukte konsumieren.
  • SÜDOSTASIEN: In vielen Gebieten dürfen Frauen während ihrer Periode nicht den gleichen Trinkbrunnen wie andere Dorfbewohnern benutzen.
  • VENEZUELA: In den ländlichen Gebieten werden Frauen während der Periode von ihren Partnern und Familien getrennt und gezwungen in separaten Hütten oder Kuhställen zu schlafen.
  • JUDENTUM: Hier wird die Menstruation selbst immer noch mit dem Tod in Verbindung gebracht, ihr Ausbleiben mit Empfängnis und Leben. Im jüdischen Glauben gilt eine menstruierende Frau als unrein und kann diese Unreinheit auch übertragen kann. Hat eine Frau Blutfluss und ist solches Blut an ihrem Körper, wird sie sieben Tage lang nicht berührt. Sex mit der "Nidda" steht auf einer Stufe mit Inzest und Ehebruch.
  • ISLAM: Der Umgang mit der Menstruation ist in islamischen Ländern oft problematisch. Menstruierenden Frauen ist es mancherorts verboten zu beten, eine Moschee zu betreten, den Koran zu berühren sowie am Ramadan mit zu fasten.

Kommentare

Lynxx

Im Islam gilt nicht die ganze menstruierende Frau als unrein, sondern nur die Stelle, wo das Blut austritt. Als der Prophet Muhammad seine Frau Aischa bat, ihm eine Matte durchs Fenster in die Moschee zu reichen, und sie einwendete, sie menstruiere, antwortete er: „Die Menstruation ist doch nicht in deiner Hand.“ Nach manchen Gelehrten ist Betreten der Moschee erlaubt, wenn sie Tampon verwendet.

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