Kriminalität von

So einfach funktioniert
der hinterlistige "Enkeltrick"

Experte: "Eine Immunität gibt es nicht"

Kriminalität - So einfach funktioniert
der hinterlistige "Enkeltrick" © Bild: istock/Highwaystarz-Photography

Schon die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" warnte in den 1970er Jahren vor dem sogenannten Enkel- oder Neffentrick. Mit Hilfe von Social Engeering hat die Betrugsmasche eine neue Dimension erreicht. Was dahinter steckt und wie man sich davor schützen kann.

Seit Jahrzehnten gibt es den Enkeltrick, und seit Jahrzehnten ermittelt auch die österreichische Polizei gegen die organisierte Kriminalität am Telefon. Aktuell werde laut Landespolizeidirektion Wien vor allem ein Anstieg an Betrugsdelikten, die durch den "Kautionstrick" oder den "Polizistentrick" entstehen, verzeichnet. Mit diesen dreisten Betrugsmaschen - die vom Prinzip her alle dem "Enkeltrick" ähnlich sind - ergaunern Betrüger jährlich Millionen von Euro.

Die Grundprinzipien von Social Engineering

Primär geht es dabei immer um die Beeinflussung einer Person. Dabei versucht der Täter das Vertrauen des Opfers zu gewinnen. "Social Engineering ist die Kunst, jemanden dazu zu bringen, freiwillig Dinge zu tun, die er oder sie nicht tun sollte. Der Enkeltrick ist Social Engineering", sagt der professionelle Social Engineer und Penetrationstester Chris Hadnagy im Interview mit "Spiegel". Die gewieften Trickbetrüger greifen auf psychologische Prinzipien zurück. Zudem nutzen sie auch menschliche Schwächen wie Eitelkeit und Stolz aus.

»So lange man Empathie hat, ist man anfällig für derlei Angriffe«

Eine Immunität gegen Social Engineering gebe es praktisch nicht. So lange man Empathie habe, sei man anfällig für derlei Angriffe, meint Hadnagy. Sein Fazit: "Ich will gar nicht unverwundbar sein, denn dann wäre ich weniger menschlich." Gleichzeitig ist diese Erkenntnis eine Erklärung dafür, dass der Enkeltrick und die abgewandelten Formen heute immer noch funktionieren.

Wie funktioniert der Enkeltrick?

Eine der bekanntesten Maschen ist der Enkeltrick, bei dem Trickbetrüger über einen Telefonanruf meist ältere Menschen davon überzeugen, dass sie ein Verwandter seien und dringend Geld benötigen. Das Gespräch könnte so ablaufen: "Hallo, rate mal wer hier ist!" "???" "Kennst Du mich denn nicht mehr?" "Ah, der Thomas?" "Ja, genau!" Der liebe Enkel gibt sich richtig enttäuscht, weil Oma ihn nicht gleich erkannt hat.

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Und dann geht es weiter. Falscher Enkel: "Ich bin gerade mit einem Freund hier und will eine Wohnung kaufen. Dafür brauche ich ganz schnell Geld, um die Anzahlung machen zu können. Sonst ist die Wohnung weg. Und die hätte ich gerne. Wie viel Geld hättest du denn?" Beim Enkeltrick wird immer ein lebensnaher Sachverhalt geschildert und auf die Dringlichkeit der Angelegenheit verwiesen. Zum Schluss kommt jemand vorbei und holt das Geld ab.

Wie funktioniert der Kautionstrick?

Am Telefon wird dem ausgewählten Opfer von einem vermeintlichen Polizisten vorgemacht, ein Familienangehöriger sei in einen Unfall mit Verletzten verwickelt. Weil die Versicherung nicht einspringe, sei nun eine hohe Kaution fällig, ansonsten drohe dem Angehörigen Haft. Wieder kommt jemand vorbei und mimt den Polizisten in zivil - inklusive gefälschtem Ausweis -, um das Geld einzusacken.

Wie funktioniert der Polizistentrick?

Bei der Polizei-Variante wird von den Betrügern häufig der Vorwand genannt, dass in der Nachbarschaft eingebrochen worden sei und die Polizei weitere Raubüberfälle verhindern will. Unter hohem Zeitdruck werden die meist betagten Angerufenen bedrängt, ihre Wertsachen bei einem Treffen einem Abholer - einem Polizisten in zivil - zu übergeben.

»Wir verzeichnen wöchentlich solche Fälle in ganz Österreich«

Dass diese Formen des Betrugs häufig vorkommen, bestätigt Claus Kahn, Leiter der Abteilung Betrug, Fälschung und Wirtschaftskriminalität" im Bundeskriminalamt: "Wir verzeichnen wöchentlich solche Fälle in ganz Österreich." Laut Kriminalstatistik 2018 war der Enkeltrick ein häufig auftretendes Tatmuster. Trickbetrug wurde 2.928-mal angezeigt, ein deutlicher Anstieg gegenüber 2017 (1.861 Delikte).

Wie schütze ich mich vor dem Enkeltrick?

1. Aufklärung in der Familie
Die Polizei appelliert, vor allem ältere Personen im Familien- und Bekanntenkreis vor diesen Delikten zu warnen, da ausschließlich betagte Personen als Opfer ausgewählt werden.

2. Daten im Netz - Vorsicht!
Täter belegen meist ihre Glaubwürdigkeit. Das setzt voraus, dass der Täter in seiner individuellen Vorbereitung persönliche Details herausfindet. Die findet er zum Beispiel über Google, Facebook, WhatsApp, Instagram, Amazon, Ebay und andere Datenkraken. Hier gibt es Daten, die die Nutzer selbst abgegeben haben. Zur Vorsicht rät auch Experte Claus Kahn: "Jeder muss selbst beurteilen, was er im Internet preisgibt. Fakt ist, dass diese Informationen Handelsware im Cyberspace sind."

3. Prüfen Sie sich selbst
Die genannten Methoden eignen sich dazu, Menschen zu ihrem persönlichen Nachteil zu manipulieren. Prüfen Sie daher immer selbst: Kommen während des Gesprächs Zweifel auf? Je mehr Ihr "Bauchgefühl" angesprochen wird, desto wahrscheinlicher ist der Versuch eines Trickbetrugs.

4. Kritisch bleiben
Die Alarmglocken sollten läuten, wenn der Täter für das Opfer eine besondere Bedeutung hat. Z.B. wenn er als Autorität auftritt (z.B. Polizist, Arzt, Banker), wenn er sympathisch wirkt, wenn das Opfer ihm etwas schuldet, wenn er unter Zeitdruck ein lukratives Angebot macht, wenn er mit einer persönlichen Empfehlung auftritt.

5. Telefongespräch abbrechen
Zur Prävention wird geraten, Telefonate, bei denen Geldleistungen gefordert werden, sofort abzubrechen. Weder sollen sich Betroffene auf Diskussionen einlassen noch auf Forderungen eingehen. Bleibt ein ungutes Gefühl, dann schnell die scheinbar betroffenen Verwandten kontaktieren, um die Echtheit eines vermeintlichen Vorfalls nachzuprüfen.

6. Niemanden reinlassen!
Lassen Sie niemanden in Ihr Haus oder Ihre Wohnung, den Sie nicht kennen. Grundsätzlich gilt laut Claus Kahn: "Vonseiten der Polizei wird niemals Geld per Telefon gefordert. Die Polizei kommt auch niemals zur Haustüre, um Wertgegenstände in Verwahrung zu nehmen."

© beigestellt

Claus Peter Kahn, Abteilungsleiter Betrug, Fälschung und Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt

So unterstützen Sie die Polizei

Betroffene können helfen, weitere Betrugsversuche zu verhindern. Das rät die Polizei:

1. Wahrnehmung schärfen
Versuchen Sie, sich das Aussehen der Täter für eine spätere Personenbeschreibung genau einzuprägen.

2. Notizen machen
Notieren Sie sich - sofern möglich - Autokennzeichen und Marke, Type sowie Farbe eines vermutlichen Täterfahrzeuges.

3. Keine Scham vor Anzeige
Egal ob der Betrug nur versucht wurde oder Sie tatsächlich darauf eingegangen sind. Erstatten Sie umgehend Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle (Notruf 059133).

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