Kontrapunkt von

Eine Social-Media-Regierung

Gerfried Sperl © Bild: News

Selbst wenn sich Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache nicht in direkte Internet-Konfrontationen begeben, werden sie in Zukunft noch stärker von den "Usern" verglichen und beurteilt.

Die im Unterschied zum Jahr 2000 diesmal von allen Wiener Tageszeitungen mit positiven Aufmacher- Titeln begleitete schwarz-blaue (Pardon: türkis-blaue) Koalition wird die erste österreichische Regierung sein, die dominant via Social Media (Facebook, Twitter etc.) regieren wird.

Was heißt das? Es wird zwar (eher sparsam) Pressekonferenzen geben, aber das Gros des Publikums wird man über Internet mit Botschaften versorgen. Was bis jetzt bekannt wurde, sind in ihrer Mehrheit Ankündigungen und Willenserklärungen. Über Social Media wird man sie als Fakten verkaufen -und die Leute werden es glauben.

Selbst wenn sich Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache nicht in direkte Internet-Konfrontationen begeben, werden sie in Zukunft noch stärker von den "Usern" verglichen und beurteilt. In einem "Standard"-Kommentar schrieb kürzlich die Soziologin Laura Wiesböck, dass "Politiker als visuell inszenierte Personen über Social-Media-Kanäle konsumiert werden". Die Politik verkomme mehr als je zuvor zum "Publikumsspektakel". Nebensächlichkeiten verwandelten sich in Hauptthemen - wie der Wahlkampf-Streit, inwieweit ein gemeinsamer Urlaub mit Christian Kern den ORF-Moderator Tarek Leitner beeinflusst habe.

Der britische "Economist" stellt in einer Titelstory über Bedrohungen der Demokratie durch Social Media fest, dass sich das Publikum nur dann für Inhalte interessiert, wenn eigene Meinungen bestärkt werden. Das verbreite sich dann wie ein Grippevirus. Zwar hat eine US-Studie ergeben, dass nur 37 Prozent des Publikums den Social Media vertrauen, aber nach wie vor 50 Prozent den Inhalten der Tageszeitungen. Nichts Neues: Boulevardmedien haben immer schon davon profitiert, dass sie als Teil der Unterhaltungskultur gesehen werden.

Nach wie vor explodiert die Zahl der Visits, wenn es um Verschwörungstheorien und Fake News geht. Der große Erfolg der AfD bei den jüngsten Bundestagswahlen war zum Teil auf die massiv verbreitete Lüge zurückzuführen, Flüchtlinge aus Syrien erhielten vom Staat mehr Geld als einheimische Arbeitslose.

Ressentiments hat Strache schon im Wahlkampf besser bedient als Kurz und Kern. Seine Auftritte werden hart an der Grenze zu Fake News liegen. Ein Beispiel: Obwohl Strache wissen müsste, dass es in der vierten Volksschulklasse sehr wohl Noten gibt, tat er ihr Fehlen in den ersten drei Klassen als eine Idee der Linken ab - die wolle ja, dass man ohne Leistung von der Volksschule gleich in die Mindestsicherung wechseln könne.

Dagegen wird Kurz wenig ausrichten können. Er formuliert zu schwammig, während Strache stets konkret ist: "Das künftige Regierungsprogramm wird zu 50 Prozent die Handschrift der FPÖ tragen." Wenn er das auf Social Media serialisiert, wird aus Türkis-Blau am Ende nur noch Blau.

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