Islam von

Die erste
weibliche Imamin

Islam - Die erste
weibliche Imamin © Bild: Matt Observe

Was passiert, wenn eine Frau ihre eigene Moschee aufmacht? Die erste Imamin über ihren einsamen Kampf gegen die Unterwerfung.

Frau Ateş, Sie haben in den Augen vieler Muslime etwas Unerhörtes getan und in Berlin eine liberale Moschee gegründet. Sie selbst sind dort Vorbeterin und damit der erste weibliche Imam. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Meine Religion war für mich immer etwas sehr Intimes und Privates. Ich komme ursprünglich aus der autonomen Hausbesetzerszene und dem Feminismus. Mit 21 habe ich ein Attentat überlebt. Seither glaube ich erst an Gott. Erzählte ich damals meinem Umfeld davon, hieß es dort: "Seyran, du brauchst 'ne Therapie, du hast ein psychisches Problem, wenn du an ein Gespräch mit Gott glaubst." Daher habe ich meinen Glauben nie gern öffentlich gemacht. Bis ich begriff, dass es Menschen braucht, die nach außen treten und einen Raum für liberale Muslime schaffen.

Wie wird man Imamin?
Dafür gibt es keine genauen Vorschriften. Im Islam kennen wir keine Instanz zwischen den Gläubigen und Gott. Nichtsdestotrotz hat sich nach dem Tod des Propheten ein Machtkampf zwischen vielen Männern ergeben, die für sich in Anspruch nahmen, der Imam, also der politische Führer einer Gemeinschaft zu sein. Daher wird aus der Tradition heraus gesagt, nur Männer könnten Imame sein. Dessen zweite Rolle ist die des Vorbeters. Auch dafür gibt es keine theologischen Vorgaben. Wären wir in diesem Raum alle Muslime und würde der Aufruf zum Gebet erfolgen, könnten wir entscheiden, wer die Rolle des Vorbeters einnimmt.

Klingt logisch. Dennoch werden Sie angefeindet. Woher kommt der Hass?
Orthodoxe haben die Religion für sich gekapert. Die Geschichte des Islam ist voll von Liberalisierungsbestrebungen, die immer von Männern mit Gewalt unterdrückt wurden. Ich tue aber nichts Verbotenes, sondern maße mir nur an, mit der Moschee einen Raum für Verfolgte zu schaffen: für Frauen, für Homosexuelle, für alle, die friedlich zusammenleben wollen.

Doch ist im Islam Platz für ein solches Denken?
Natürlich. Es darf im 21. Jahrhundert keine Versklavung durch die Religion geben, keinen Zwang zum Kopftuch, keinen Drang, Nicht-Muslime als Ungläubige zu beschimpfen.

Doch auch Islamisten finden im Koran selbst für ihr "Kopfabhacken" Rechtfertigung. Wie passt das zusammen?
Ja, diese Lesart ist möglich. Daher verstehe ich nicht, warum Wissenschaftler zum Teil sagen, Salafisten oder Anhänger des IS seien keine Muslime. Ich als gläubiger und spiritueller Mensch ziehe aus dem Koran Botschaften der Barmherzigkeit und der Liebe. Der, der darin aber eine Bestätigung für Krieg sehen will, findet sie. Denn im Namen der Religion wurde gekämpft. Im Christentum genauso wie im Islam. Daraus nun Lehren für die Gegenwart abzuleiten, macht es gerade so gefährlich.

Auch für Sie. Wer aller bedroht Sie?
Viele. Aber ich habe keine Angst vor ihnen. Die Muster sind immer die gleichen. Sobald ich etwa im Fernsehen etwas gegen Herrn Erdoğan sage, kommen türkische Kommentare von bestimmten Leuten, und es folgen Drohungen.

Lesen Sie all diese Kommentare und Drohungen noch?
So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Diesen Hass hält doch keiner aus. Mitarbeiter sammeln es, da ich ja Strafanzeigen machen muss, wenn ich mit dem Tod bedroht werde. Die Polizei liest das. Aber in Wirklichkeit müssten das alle mal lesen, besonders die Politiker. Denn nur wenn man das alles einmal gesammelt sieht, kann man erkennen, wie weit der Hass um sich greift.

Wie oft werden Sie bedroht?
Jeden Tag. Es vergeht keiner, ohne dass nicht irgendwer zum Mord an mir aufruft. Oder es schreiben Leute: "Irgendwann hört dein Personenschutz auf, und dann bist du dran!"

Was heißt das in der Praxis?
Ich lebe unter ständigem Schutz. Spontanes gibt es bei mir längst nicht mehr, alles muss geplant und vorab der Polizei bekannt gegeben werden, damit sie Sicherheitsmaßnahmen trifft. Einkäufe erledigen nur mehr Familienangehörige und Freunde für mich.

Weil es zu gefährlich wäre?
Ja, zu gefährlich und zu umständlich für die Personenschützer. Ich werde auf der Straße erkannt. Größere Menschenmengen sind tabu.

Gibt es Zeiten, in denen Sie Ihr Engagement bereuen?
Die hat es gegeben. Es war ja keine dezidierte Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Ich habe mich in der Vergangenheit immer wieder aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aber man hat mich trotzdem angegriffen, denn meine Bücher und meine Positionen sind ja da.

Wie geht es Ihnen damit, wenn sich gerade Rechte auf Ihre Seite stellen und versuchen, Sie zu instrumentalisieren, während sich Linke häufig distanzieren?
Es ist in der Tat eine intellektuelle Herausforderung, zu begreifen, warum gerade Feministinnen unter der Burka die Freiheit entdeckt haben. Es sind merkwürdige Koalitionen. Da solidarisieren sich teils Linke und Feministinnen mit Fundamentalisten. Und wir liberale Muslime sind plötzlich vermeintlich in einem Boot mit einer europäischen Rechten. Die greifen punktuell Argumente raus, die gar nicht falsch anmuten. Wenn sie etwa sagen, wir wollen, dass alle Deutsch lernen, dass Europa Europa bleibt, dass keine Parallelgesellschaften existieren, keine Zwangsheiraten. Das sind Themen, die sie von uns nehmen und deretwegen sie auch Zulauf haben von Menschen, die Angst haben. Was die Rechten daraus machen, ist aber nicht das, wofür wir einstehen. Denn sie wollen, dass es am Ende gar keinen Islam und keine Fremden mehr in Europa gibt.

Nun entstammen Sie selbst dem linken Milieu. Warum tut sich dieses mit Islamkritik so schwer?
Da ist sehr viel Selbsthass, eigene Verzwickung und die Angst, als Rechte zu gelten, was zu einer Überhöhung der Minderheiten führt. Für die Linken ist es viel bequemer, die Islamisten und die Burka zu unterstützen, als ein paar Zusammenhänge zu verstehen. Sie selbst haben ja mit diesen Leuten nichts zu tun, sie leben in ihrer Freiheitsschaukel, und es tangiert sie nicht -oder erst zuletzt, wenn der politische Islam gewonnen hat und alle anderen Freiheiten verloren sind.

Sind wir, wie der französische Autor Michel Houellebecq einst schrieb, in einer Phase der Unterwerfung?
Absolut. Dabei waren wir schon viel weiter. Ich war Mitglied der deutschen Islamkonferenz und wir hatten dort unsere Kämpfe mit den Verbänden, die vom Ausland finanziert werden. Es war damals schon erschreckend, wie viel Geld aus der Türkei, Katar und Saudi-Arabien hierher gelangte. Man muss nicht wirklich hochgebildet sein, um zu erkennen, welche Folgen das hat, wenn aus diesen Ländern versucht wird, hier eine ganz konservative und auch radikalisierte Form des Islam zu etablieren. Wenn etwa Herr Erdoğan die Türken hier auffordert, fünf Kinder zu kriegen, dann ist doch klar, welche Linie verfolgt wird. Das wissend, können wir die Flüchtlingsproblematik nicht nur als Drama von Menschen sehen, die vor Krieg flüchten. Wir müssen schauen, wer ist wirklich Opfer und wer Täter. Wer wird finanziert, um hierher zu gelangen, und mit welcher Mission. Schon tauchen Forderungen nach einer Kopftuchpflicht für Muslimas auf, manche träumen gar bereits von der Scharia.

Wie viel Zeit bleibt noch?
Uns bleiben noch zehn Jahre. Denken Sie an den Satz Erdoğans: Kriegt fünf Kinder! Wie viele Generationen braucht es, bis sehr viel mehr Islamisten in Europa leben als Christen und Atheisten? Und ich rede von Islamisten, nicht von Muslimen. Wir müssen endlich aufwachen und das offen ansprechen. Und wir dürfen nicht auf jene hereinfallen, die mit der Islamophobie-Keule hausieren gehen. Das sind von der Türkei bezahlte Wissenschaftler, die in unseren Ländern von der Politik noch hofiert wurden.

Was geschieht, wenn nichts geschieht?
Wir würden viele unserer Freiheiten einbüßen und in einer anderen Gesellschaft aufwachen, die Europas Werte ins Absurdum führt. Aber ich bin dennoch optimistisch: Die Freiheit ist stärker, und die Guten sind in der Überzahl.

Das Interview ist ursprünglich in der Printausgabe von News (Nr. 15/2017) erschienen.