Beirut: Ursache für
Explosionen noch unklar

Am Dienstag haben Explosionen die libanesische Hauptstadt Beirut erschüttert. Die Ursachen der Detonationen bleiben weiterhin unklar. US-Präsident Donald Trump relativierte seine ersten Äußerungen, es habe sich mutmaßlich um einen Anschlag gehandelt, und schloss am Mittwoch einen Unfall nicht aus.

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Durch die zwei gewaltigen Explosionen am Hafen waren laut den libanesischen Behörden mindestens 135 Menschen getötet und mehr als 5000 weitere verletzt worden. Dutzende Menschen wurden noch immer vermisst. Große Teile der Stadt wurden schwer beschädigt. Explodiert waren 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, das jahrelang ohne geeignete Vorsichtsmaßnahmen in einer Lagerhalle untergebracht war. Ammoniumnitrat kann für Düngemittel oder zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Hausarrest für Verantwortliche

Die Regierung kündigte an, die Verantwortlichen für die Explosionen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie forderte das Militär auf, die für die Lagerung des Ammoniumnitrats Verantwortlichen unter Hausarrest zu stellen.

Das Lagerhaus mit dem Material war in heruntergekommenem Zustand und hatte Risse in den Wänden, wie Behördenmitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP sagten. Sicherheitskräfte hatten vergangenes Jahr eine Untersuchung geführt, weil aus dem Gebäude merkwürdige Gerüche gedrungen waren. Die Untersuchung gelangte zu dem Schluss, dass das "gefährliche" Material aus der Halle entfernt werden müsse. Dies geschah aber nicht.

Beirut Explosionen
© APA/AFP/STR

Ex-Schiffsbesitzer weist Mitverantwortung zurück

Der frühere Besitzer eines Frachtschiffes sieht sich unterdessen nicht in der Verantwortung. Sein unter moldauischer Flagge fahrendes Schiff "Rhosus" soll größere Mengen Ammoniumnitrat in den Libanon gebracht haben, das ersten Vermutungen zufolge für die Explosion am Hafen verantwortlich sein könnte. Die Behörden des Landes hätten der Besatzung im November 2013 die Weiterfahrt untersagt und die Ladung beschlagnahmt, da sie als gefährlich eingestuft worden sei, sagte der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin der Zeitung "Iswestija". Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten.

Außerdem hätten die Behörden Bedenken wegen der Transportbedingungen des gefährlichen Stoffes gehabt, sagte er. Weil das Schiff nicht habe weiterfahren dürfen, sei sein Geschäft lahmgelegt gewesen. Er habe Strafe zahlen müssen und sei deshalb bankrottgegangen, behauptete der Geschäftsmann. Er wisse nicht, wer danach für die "Rhosus" verantwortlich gewesen sei. Das Frachtschiff war von Georgien nach Mosambik im Süden Afrika unterwegs. Der russische Kapitän Boris Prokoschew sagte der Zeitung, in Beirut habe zusätzliche Fracht abgeholt werden sollen. Weil die Hafensteuer nicht gezahlt worden sei, sei das Schiff festgesetzt worden. In anderen Berichten war auch die Rede davon, dass der Besatzung Treibstoff und Proviant ausgegangen seien. Alle Besatzungsmitglieder hätten das Land verlassen, sagte Prokoschew.

Beirut Explosionen
© APA/AFP/GABY SALEM/ESN

Trump: Unfall oder Anschlag

Trump sagte bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus, es könne sich um einen "Unfall" oder um einen "Angriff" gehandelt haben. Zum jetzigen Zeitpunkt wisse dies "niemand". Am Vortag hatte der US-Präsident mit der Aussage für Wirbel gesorgt, bei den Explosionen habe es sich mutmaßlich um einen Anschlag mit einer "Art von Bombe" gehandelt. Dies hätten ihm seine Generäle nahegelegt.

Bürger unzufrieden mit Regierung

Im Libanon schürten die Explosionen in großen Teilen der Bevölkerung die Frustration über die Regierung. In den Onlinenetzwerken forderten viele Menschen den Rücktritt des gesamten Kabinetts. "Tretet ab!" erklärte der populäre Fernsehjournalist Marcel Ghanem. "Es sind eure Niedertracht und eure Nachlässigkeit, welche die Menschen getötet haben."

Schon vor den Explosionen hatte es immer wieder Massenproteste gegen die libanesische Regierung gegeben, der viele Menschen Korruption und Inkompetenz vorwerfen. Das Land steckt in der schweren Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, die zuletzt durch die Corona-Pandemie verschlimmert worden war.

Erste Hilfslieferungen eingetroffen

Aus den Golfstaaten, anderen Ländern der Region sowie Europa trafen erste Lieferungen unter anderem von Feldlazaretten und Medikamenten im Libanon ein. Ein rund 50-köpfiges Team des deutschen Technischen Hilfswerks flog in der Nacht zum Donnerstag von Frankfurt am Main zum Noteinsatz in Beirut ab. Italien entsandte eine Spezial-Einheit der Feuerwehr für die Suche nach umweltschädigenden Substanzen, Frankreich drei Flugzeuge mit Rettungskräften, tonnenweise medizinischer Ausstattung und einer mobilen Krankenstation. Präsident Emmanuel Macron will am Donnerstag als erster ausländischer Staatenlenker nach den Explosionen Beirut besuchen.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron strebt unterdessen einen Vertrag für den Wiederaufbau des Libanons an. Bei dem Besuch des 42-Jährigen in Beirut am heutigen Donnerstag soll nach französischer Vorstellung eine Grundlage für eine solche Übereinkunft gelegt werden. Laut Elyseepalast wird Macron seinen libanesischen Amtskollegen Michel Aoun, Regierungschef Hassan Diab und den Parlamentspräsidenten Nabih Berri treffen. Der Vertrag werde für alle Beteiligten anspruchsvoll sein, hieß es in Paris. Ob dabei internationale Partner eingebunden werden, blieb zunächst offen.