Im Altersheim von

Therapie gegen die Einsamkeit

Eine Ergotherapeutin spricht über ihre Erfahrungen im Umgang mit alten Menschen

Therapie im Altersheim © Bild: Nina Strasser

Brigitte Stern-Grilc, 55, ist seit 30 Jahren in der Geriatrie tätig. Die Ergotherapeutin leitet seit 2006 das therapeutische Team auf der Remobilisationsstation im Haus Wieden, einer von zwei Schwerpunktstationen zur Remobilisation von alten Menschen in einem der Wiener Häuser zum Leben.

Wie alt ist ihr Hauptklientel und was sind die typischen Leiden?
Zu uns kommen Patienten mit einem Altersdurchschnitt von 85 Jahren, also auch viele hochaltrige Menschen. Besonders häufig kommen sie mit Frakturen unterschiedlicher Art wie Oberschenkel- und Unterarm-Frakturen nach Stürzen. Manche kommen auch, weil sie eine gewisse körperliche Schwäche merken, und sich hier stabilisieren und ihre Mobilität wieder steigern wollen.

Therapie im Altersheim
© Nina Strasser Brigitte Stern-Grilc

Wann ist bei einem hochaltrigen Menschen eine Therapie - Ergo- und Physiotherapie noch angebracht?
Fast immer. Wir führen am Beginn der Therapie mit den Patienten ein Gespräch in dem Ziele erarbeitet werden. Rund 95 Prozent der hochaltrige Menschen äußern dabei den Wunsch, wieder auf die Beine zu kommen oder streben danach, so selbstständig wie möglich leben zu können. In 30 Jahren habe ich nur sehr wenige erlebt, die gesagt haben, nein, ich bin müde und möchte meine Ruhe haben und gepflegt werden. Das ist auch legitim und muss respektiert werden. Die Ziele, die Ressourcen der Patienten und die Motivation spielen bei der Remobilisation eine große Rolle, genauso wie das Zusammenspiel aller Berufsgruppen - Medizin, Pflege, Therapie, Psychologie. Auch die Angehörigen können im Remobilisationsprozess viel bewirken.

Gibt es für Therapien genügend Plätze?
Meiner Meinung nach sind möglichst aktive Senioren langfristig gesehen die volkswirtschaftlich deutlich billigere Variante als solche, die stationär gepflegt werden müssen. Dafür ist es natürlich wichtig, nach einem Unfall so schnell wie möglich mit der Rehabilitation zu beginnen, ob das nun durch mobile Dienste geschieht oder in einer Einrichtung wie bei uns. Das ist leider nicht immer möglich, da es noch keine flächendeckende Versorgung gibt. Aber ich merke im Raum Wien eine positive Entwicklung durch den Ausbau der mobilen Dienste und der stationären Angebote.

Therapie im Altersheim
© Nina Strasser
Therapie im Altersheim
© Nina Strasser

Welche Herausforderungen kommen in der Altenpflege auf uns zu?
Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und auch die Gesellschaftsstruktur verändert sich. Zum Beispiel gibt es immer mehr Singlehaushalte. Was werden diese Menschen für Bedürfnisse haben? Oder jene, die jetzt schon einen Teil ihres Lebens in virtuellen Welten verbringen? Wird es in der Zukunft für alte Menschen computergesteuerte Umwelten geben? Das breite Angebot, das es bereits gibt, muss jedenfalls erhalten und weiter ausgebaut werden.

Was belastet die alten Menschen von heute am meisten?
Einsamkeit ist ein großes Thema. Hochaltrigkeit ist einer von vielen Lebensumbrüchen die ein Mensch erlebt. Fähigkeiten gehen verloren, geistig wie körperlich. Der Partner stirbt, Freunde und mitunter auch die eigenen Kinder. Deshalb brauchen diese Menschen Aufgaben. Sie haben Ressourcen die sie nützen können und auch wollen. Ihnen alles abzunehmen ist nicht gut. Denn welche Motivation bleibt ihnen dann? Hier heißt es innovative Wege zu gehen, sich vielleicht auch Konzepte abzuschauen, die sich in anderen Ländern bewährt haben. In Mannheim gibt es ein inovatives Projekt, in dem Leute zu Hause betreut werden aber auch eng mit diversen Institutionen zusammengearbeitet wird wie etwa mit einer Musik-Akademie. So entstand etwa die Band FAltenrock. Die alten Menschen texten und die jungen Leute vertonen es. Und jeder singt mit. Das finde ich toll.

Therapie im Altersheim
© Nina Strasser

Was würden Sie sich wünschen?
Dass das Alter in der Gesellschaft wieder positiver besetzt wird. Dass sich die alten Menschen betätigen, auch wenn es vielleicht nicht perfekt ist oder lange braucht. Wichtig wäre die Möglichkeit, bedeutungsvollen Betätigungen im Alter auch auszuüben und auch Neues zu entdecken. Angebote im Grätzel zum Beispiel, wo jung und alt zusammen treffen können. Barrierefreiheit erleichtert das natürlich. Schön fände ich eine Art Jobbörse im Seniorenwohnhaus, etwa falls ein Chor Mitglieder sucht. Warum nicht auch, wenn ein Maler ein Aktmodell braucht? Ich wünsche mir für alte Menschen schlicht ein Stück Normalität.

Die preisgekrönten News-Reportage "Alt soll man nicht werden ... und deppert auch nicht" von Nina Strasser können Sie hier lesen.

© Video: news/Gamper/Strasser/Hammerschmied