75 Jahre "Anschluss" von

Der Weg zum Ende Österreichs

Am 12. März 1938 überschritten deutsche Truppen ohne Gegenwehr die Grenze

Passanten in Wien begrüßen einen Wehrmachtssoldaten © Bild: Bettmann/CORBIS

Als Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am Abend des 11. März 1938 seinen Rücktritt erklärt, ist das Ende des unabhängigen Österreich bereits besiegelt: Ein letzter Versuch, durch Zugeständnisse an die Nazis Zeit zu gewinnen, ist gescheitert, die Volksbefragung, die das Ruder im letzten Moment herumreißen sollte, unter dem Druck aus Berlin abgesagt und Stunden vor der Rede hatte Adolf Hitler den Einmarsch-Plan der Wehrmacht unterzeichnet. Am Morgen des 12. März überschreiten deutsche Truppen ohne Gegenwehr die österreichische Grenze - der "Anschluss" ist vollzogen.

Begonnen hatte der Weg zum "Anschluss" schon mit dem Ende der Habsburger-Monarchie 1918: Der kleinen "Republik Deutsch-Österreich" scheint die Vereinigung mit dem deutschen Nachbarn als logische Folge aus der Wirtschafts-Misere nach dem Wegfall der wichtigen Industriegebiete in Tschechien. Auch wenn dieser Schritt durch das Veto der Westmächte verhindert wird, schwebt der "Anschluss" als Fernziel im Raum - erst mit der Errichtung der NS-Diktatur 1933 verschwindet das Thema von der Agenda der Großparteien.

Terrorwelle und Dollfuß-Attentat

Dafür setzt die Agitation der österreichischen Nazis nun mit voller Wucht ein: Anfang Juni 1933 überziehen sie Österreich mit einer Terrorwelle, am 19. Juni erfolgt das Verbot der NSDAP. Im Juli 1934 dringen illegale Nationalsozialisten ins Kanzleramt ein und erschießen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Zwar führt der erfolglose "Juli-Putsch" zu einem Strategiewechsel der Nazis - statt einer revolutionären Machtübernahme setzten sie nun auf die Unterwanderung der österreichischen Regierung - doch die Gewalt geht weiter: Laut den vom "Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands" erhobenen Zahlen fordert der NS-Terror von 1933 bis zum "Anschluss" 219 Menschenleben, 624 werden verletzt.

Doch statt angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung den Schulterschluss mit den oppositionellen Sozialdemokraten zu suchen, setzt der neue Kanzler Kurt Schuschnigg den autoritären Kurs seines Vorgängers Dollfuß fort. Dieser hatte schon im März 1933 das Parlament ausgeschaltet und eine von christlich-sozialer Partei und den faschistischen Heimwehren gestützte Diktatur errichtet.

Vergebliche Hoffnung auf Mussolini

Dollfuß und Schuschnigg hofften, sich mit ihrem autoritären Kurs die Unterstützung des italienischen Diktators Benito Mussolini zu sichern. Doch der "Duce" wendet sich selbst Hitler zu und unterschreibt im Oktober 1936 den deutsch-italienischen Freundschaftspakt ("Achse Berlin-Rom"). Angesichts dieser Entwicklung ist auch Schuschnigg gezwungen, sich mit Hitler zu arrangieren.

1937 erfolgt die Öffnung der "Vaterländischen Front" für die immer noch illegalen Nationalsozialisten. Am 5. November eröffnet Hitler seiner Heeresspitze, dass er spätestens 1943/45, im günstigsten Fall schon für 1938 plane, Österreich und die "Tschechei" "niederzuwerfen" ("Hoßbach-Niederschrift"). Hitler führt unter anderem wirtschaftliche Gründe an (dem "Tausendjährigen Reich" gehen nach vier Jahren Aufrüstung Devisen und Rohstoffe aus), die Vertreibung einer Million Österreicher hat er bereits einkalkuliert.

Schuschnigg zu Hitler zitiert

Anfang 1938 geht es dann Schlag auf Schlag: Am 12. Februar zitiert der "Führer" Schuschnigg auf seinen "Berghof" bei Berchtesgaden am bayerischen Obersalzberg, inszeniert seinen Auftritt als Einschüchterungskampagne und diktiert ihm seine Bedingungen: Der Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart soll Innen-und Sicherheitsminister, 3.000 inhaftierte Nationalsozialisten freigelassen werden.

Schuschnigg hofft, durch das neue Abkommen mit Hitler Zeit zu gewinnen, tatsächlich ziehen ihm die Nationalsozialisten in der Regierung jedoch den Boden unter den Füßen weg. In einer dramatischen Rede vor dem Bundesrat versucht Schuschnigg am 24. Februar das Ruder noch einmal herumzureißen ("Bis in den Tod rot-weiß-rot!") und lässt Anfang März eine Volksbefragung "für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich" vorbereiten.

Vorbereitung auf Einmarsch

Unterstützt wird Schuschnigg von der illegalen Arbeiterbewegung, die am 7. März erstmals seit Jahren eine halboffizielle Vertrauensmännerkonferenz in Floridsdorf abhalten kann. Der Versuch eines rot-schwarzen Schulterschlusses gegen die nationalsozialistische Bedrohung kommt freilich zu spät: Am 9. März kündigt Schuschnigg im Radio die Volksbefragung an, schon tags darauf lässt Hitler - von Spitzeln in der Regierung über die Pläne informiert - den Einmarsch in Österreich vorbereiten.

Am 11. März stellen Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau Schuschnigg ein Ultimatum, die Volksbefragung zu verschieben. Als die Frist verstreicht unterzeichnet Hitler die "Weisung Nummer I betreffend Unternehmen Otto": "Ich beabsichtige, wenn andere Mittel nicht zum Ziel führen, mit bewaffneten Kräften in Österreich einzurücken."

Miklas weigert sich

Um 14.30 Uhr teilt Schuschnigg Bundespräsident Wilhelm Miklas mit, dass er nachgeben und die Volksbefragung absagen wird. Doch schon eine halbe Stunde später folgt das zweite Ultimatum aus Berlin: Schuschnigg soll zurücktreten und dem Nationalsozialisten Seyß-Inquart als Bundeskanzler Platz machen. Der soll dann, so das Kalkül der NS-Führung, ein vorbereitetes Telegramm mit der Bitte um den Einmarsch deutscher Truppen nach Berlin schicken. Doch Bundespräsident Wilhelm Miklas weigert sich, den Nationalsozialisten zum Regierungschef zu ernennen und lässt um 19.30 Uhr auch ein weiteres Ultimatum verstreichen.

Um 19.47 Uhr tritt Schuschnigg im Bundeskanzleramt vor das Mikrofon und verkündet die Kapitulation. "Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen. Wir haben, weil wir um keinen Preis, auch in diesen ernsten Stunden nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind, unserer Wehrmacht den Auftrag gegeben, für den Fall, dass der Einmarsch durchgeführt wird, ohne Widerstand sich zurückzuziehen", verkündet der Kanzler und schließt mit: "Gott schütze Österreich."

Kein militärischer Widerstand

Erst gegen Mitternacht gibt auch Miklas seinen Widerstand auf und betraut Seyß-Inquart mit der Fortführung der Amtsgeschäfte. Der Einmarsch ist aber nicht mehr zu stoppen. Als erstes landet ein Vorauskommando der SS am Asperner Flughafen und beginnt mit der Verhaftung politischer Gegner. Am 12. März überschreiten um 5.30 Uhr die deutschen Truppen bei Passau und Schärding die Grenze. Militärischen Widerstand gibt es nicht, das Bundesheer zieht sich wie befohlen zurück. Noch am 12. März erreichen die Panzerspitzen St. Pölten, in der Nacht auf den 13. März Wien.

Hitler verkündet indessen in Linz den "Anschluss": "Es erscheint jetzt ein wichtiges Gesetz. Artikel 1 lautet: Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches! Das ist eine große Stunde. Ich bin so glücklich." Am 15. März dann die berühmt-berüchtigte Rede am Heldenplatz, bei der Hitler vor 250.000 jubelnden Zusehern vom Balkon der Neuen Hofburg aus den "Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich" verkündet. In einer von der NS-Propaganda vorbereiteten Volksabstimmung am 10. April stimmen schließlich 99,75 Prozent der Österreicher für den Anschluss.

Terror begann unmittelbar

Unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch beginnt der Terror gegen Juden und Andersdenkende. Schätzungen gehen davon aus, dass bereits in den ersten sechs Wochen bis zu 76.000 Personen verhaftet wurden. Besonders arg wütet der Mob gegen die jüdische Bevölkerung, bald setzt auch die systematische Verfolgung ein: 130.000 werden bis 1945 vertrieben, 65.000 ermordet.

Am 1. April werden 151 hochrangige Beamte, Politiker und Funktionäre mit dem ersten "Österreichertransport" in das Konzentrationslager Dachau verschickt. Wenig später beginnen die Arbeiten für die Errichtung des Konzentrationslagers Mauthausen in Oberösterreich. Am 16. Mai rückt die SS in dem Lager ein, am 8. August 1938 kommen die ersten Häftlinge an. Bis zum Kriegsende 1945 werden dort rund 100.000 Menschen ermordet.

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